Sie erinnern sich an meine Geschichte „Hinauf auf den Großvenediger – aber nicht zurück“? Dann lesen Sie unser Mitteilungsblatt sehr aufmerksam! Jawohl, es war jene Wanderung über den Alpenhauptkamm, die bei furchtbarem Regenwetter begann, am eigentlichen Gipfeltag bestes Wetter mit Sonnenschein hatte und schließlich mit aufziehenden Gewitterwolken wieder endete. Im Heft 2/2003 war die Geschichte abgedruckt. Schon damals bekannte ich mich ja dazu, einen Berg möglichst nicht auf dem gleichen Weg hinauf und wieder hinab kennen zu lernen. Und so suchte und suche ich mir für meine Touren viel lieber solche Ziele aus, die sich für eine Überschreitung eignen.
Unser diesjähriges Ziel sollte die Wildspitze werden, die mit ihren 3770m der zweithöchste Berg Österreichs ist und zwischen dem Pitztal und dem Venter Tal liegt. Von der Braunschweiger Hütte aus kann ihr Gipfel bei gutem Wetter wunderbar gesehen werden, und erst recht der größte Teil der Aufstiegsroute über das Gletschereis. Doch davon später!
Wie vor zwei Jahren hatten wir uns in den Monaten zuvor gründlich für die gemeinsame Bergtour vorbereitet und verbrachten die Sommerferien auf einem italienischen Campingplatz an der Adria. Von hier aus wollten wir die Tour zu zweit angehen bzw. anfahren. Das Sommerwetter 2003 war stets auf unserer Seite, wenn wir von dieser ungewöhnlichen Hitze einmal absehen – aber zu meckern gibt es eben wirklich immer etwas, nicht wahr?
Für unsere Tour suchten wir den 3. und 4. August aus. Zunächst mussten wir nach der Anreise über Verona, Meran und das Timmelsjoch wieder für die organisatorischen Vorbereitungen der Bergüberschreitung sorgen, d.h. das Auto blieb in Vent direkt am dortigen Lift mit einem Parkschein für zwei Tage stehen. Anschließend fuhren wir beladen mit unseren Rucksäcken im Autobus zuerst hinunter nach Sölden bis zur dortigen BP-Tankstelle und kurze Zeit später mit dem Gletscherbus wieder hinauf ins Rettenbachtal. Am großen Parkplatz direkt an der Talstation des Liftes am Rettenbachferner stiegen wir aus und schulterten das Gepäck.
Obwohl wir uns auf einer Höhe von fast 2700m befanden, war der Nachmittag so warm, dass wir mit kurzer Hose und T-Shirt unsere Bergtour bei Sonnenschein mit Schäfchenwolken und bester Fernsicht begannen. Im Zickzack ging es durch graues Geröll zügig aufwärts, doch schon bald kamen wir unterhalb des Pitztaler Jöchels in übel weiche Altschneefelder, durchsetzt von unzähligen Rinnsalen, die den Aufstieg nicht gerade einfach machten. Die Altschneefelder schrumpften in diesem Sommer besonders deutlich.
Aber schließlich war es geschafft: unser erster Blick auf die Wildspitze kam auf dem Pitztaler Jöchl plötzlich frei, und gleichzeitig konnten wir unter uns unser Tagesziel erkennen: in der warmen Nachmittagssonne lag die Braunschweiger Hütte nur gut 200 Höhenmeter unter uns.
Nach der Ankunft genossen wir zunächst einmal ein herrlich kaltes Weizenbier auf der Terrasse vor dem Haus. Plötzlich kam vom Nachbartisch hektisches Geschrei zu uns herüber. Während ich mich umdrehte, um zu sehen worum es ging, segelte eine Bergdohle dicht an meinem Kopf vorbei – mit einer Zigarettenschachtel im Schnabel! An der Hausecke angekommen ließ der Vogel allerdings seine Beute fallen. Doch kaum hatte die Dame vom Nachbartisch die „geklaute“ Packung zurück geholt, da erschien der schwarze „Randalierer“ erneut. Diesmal interessierte er sich für den Hüftgurt meines Rücksackes, den ich neben mir auf den Boden gestellt hatte. Mit dem Schnabel zupfte er munter an der Polsterung herum. Als sein Treiben aber allzu heftig wurde, musste ich befürchten, er könne doch Schaden anrichten, und so beugte ich mich zu ihm herunter, um ihn mit der Hand wegzudrängen. Zwei, dreimal wurde ich nun heftig angekrächzt – offensichtlich sollte ich ihn bei seiner „Arbeit“ in Ruhe lassen! Vor meiner Hand hatte die Dohle jedoch keine Angst, sie ließ es sogar zu, dass ich sie am Genick kraulen konnte! Eine solche Zutraulichkeit hatte ich noch nie beobachtet! Zum Schluss reichte mir die Dickfelligkeit des Bergvogels, und ich nahm den Rucksack auf und brachte ihn in die Hütte. Dorthin kam der Vogel nicht. Allerdings setzte er sich nun auf eine Fensterbank und beobachtete für mehrere Minuten das Treiben in der Gaststube! Was für ein Begrüßungsprogramm auf der Braunschweiger Hütte!
Am nächsten Morgen waren wir die beiden einzigen Tourengänger, die wirklich früh aufbrachen. Die Kulisse war toll: der Mittelbergferner war bei wolkenlosem und windstillem Wetter wunderbar einzusehen. Unsere Route hinauf bis zum Mittelbergjoch lag noch im Schatten vor uns. Beim Blick auf das Thermometer musste ich allerdings ungläubig mit dem Kopf schütteln: morgens um fünf Uhr hatten wir auf 2759m Höhe sage und schreibe 14°C! Also los, bevor die Eisbrücken über die Gletscherspalten bei diesen Temperaturen unbegehbar werden.
Kaum waren wir jedoch nach einem kurzen Abstieg von der Hütte schließlich am Gletscher angekommen, wurde es deutlich kühler. Auf dem Eis tat uns die warme Jacke gut, und der Aufstieg verlief völlig problemlos. Sicherheitshalber hatten wir die Steigeisen angelegt. So manche Gletscherspalte, um die wir einen Bogen machen mussten, war breit genug für einen Mittelklassewagen, und das Eis war spiegelglatt! Doch die Brücken waren fest und gut begehbar! Schließlich kamen wir aus dem Schatten des frühen Morgens heraus und zogen im ständig wärmer werdenden Sonnenschein weiter. Oben auf dem Mittelberg Joch (3166m) angekommen machten wir eine erste Verschnaufpause.
Doch plötzlich - in der Ruhe und Stille des Hochgebirges ertönte laut und deutlich ein hässlicher Ging-Gong – wir schauten uns fragend an – war da ein Notfall? Doch dann wurde uns klar, dass die Bergstation der Pitztaler Tunnelbahn, die etwa 300m unter uns und 2km nördlich von uns entfernt lag, ihre ersten Tagesgäste hinauf befördert hatte und mit diesem „überaus melodiösen“ Präludium eine Lautsprecheransage ankündigte: „Sehr geehrte Damen und Herren, wir möchten Sie herzlich ...!“
Wir schnappen unser Gepäck und steigen nach Süden 100m ab auf den Taschachferner, auf dem wir dann hinüber zum Hinteren Brochkogel wieder aufsteigen wollen. Kaum haben wir die Felskante hinter uns gelassen, herrscht wieder Ruhe – wie schön! Nur wir sind unterwegs – keine andere Gruppe ist zu sehen.
Es ist inzwischen immer wärmer geworden und unsere Stiefel sinken tief ein. Nun ist es höchste Zeit, dass wir uns anseilen, um uns vor der Gefahr brüchiger Stellen auf dem Gletscher zu schützen.
Immer höher geht es nun hinauf, bald zeigt der Höhenmesser an der Uhr 3500m, und dann sehen wir schließlich doch die anderen Seilschaften, die aber von der Breslauer Hütte über das Mitterkarjoch hinaufkamen und das gleiche Ziel anstreben wie wir. Die letzen 100 Meter hinauf zum Gipfel sind recht steil, wir müssen etwas warten und Rücksicht auf eine andere Gruppe nehmen, dann wird es unterhalb des Gipfelkreuzes auch noch felsig – nicht sehr fest ist das Gestein, der Boden ist aufgeweicht, und die Eisen und die Stiefel sind bald mit brauner Erde vollgeschmiert, aber dann sind wir oben: am 4. August stehen wir um 11 Uhr vormittags auf dem Gipfel der Wildspitze, 3770m über dem Meer - und die Anzeige meiner Casio-Uhr (baumelnd am Trageriemen des Rucksacks) zeigt unglaubliche 18°C!
Oben am Gipfelkreuz sind die Sitzplätze knapp. Das ist verständlich bei diesem Berg und bei diesem Wetter! Der Gipfelbereich ist klein, die Schar der Bergsteiger ist groß und die Sicht bei dieser trockenen und warmen Luft toll: selbst die Braunschweiger Hütte im Nordosten ist in der Ferne noch deutlich zu sehen. In der anderen Richtung liegen Hochwilde, Similaun und Ortler...
Schließlich beginnen wir den Abstieg ins Venter Tal hinab. Zwar sind nun die ersten 300 Höhenmeter zum Mitterkar Joch doch wieder „der gleiche Weg wie hinauf“, aber ab hier sind wir wieder mit einer richtigen Bergüberschreitung beschäftigt! So einsam wir beim Aufstieg waren, so „überfüllt“ ist der Weg hinab. Direkt unterhalb des Mitterkar Jochs gibt es sogar einen Stau: die felsige Verschneidung ist steil und völlig schneefrei, und so müssen sich die Gruppen nach und nach über die glatten Felsplatten abseilen. Schließlich sind wir dran, und dank Seil und Achter ist die schwierige Stelle in wenigen Minuten überwunden. Dann geht es über Moränen des Mitterkarferners weiter hinab – wir haben gar nicht das Gefühl auf einem Gletscher zu gehen, so dicht waren die Geröllfelder über die wir hinabziehen.
Ewas später ist die Breslauer Hütte (2840m) erreicht. Längst hatten wir den Eispickel wieder am Rucksack befestigt und den Pullover locker unter den Rucksackdeckel geschnallt. Doch nun fühlen wir uns von den Tagesgästen beobachtet – „Schau mal, was die am Rucksack haben...!“ – und diese Situation ist uns unangenehm. Aber die Hütte liegt nur etwa eine Stunde von der Sesselbahn, auf der man aus Vent „so bequem“ herauf kommen kann, entfernt, und daher ist der Andrang hier oben entsprechend groß.
A propos „bequem“ – auch wir sind mit der Seilbahn nach Vent zum dortigen Parkplatz und unserem Auto hinabgefahren. Aber trotz dieser kleinen „Abkürzung“ war es für uns doch eine richtige Bergüberschreitung!
Ralf Schimmelmann