Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2004/1
Hochtourengruppe

Auf Schneeschuhen rund ums Grödnertal

Während sich die Pistenläufer mit dem Skipass Dolomiti Superski am Grödnerjoch und Sellajoch tummelten, kämpften wir uns einsam von der Seiser Alm zum Schlern hinauf. Wir waren schon früh aufgebrochen, um die erste Seilbahn am Frommer zum Spitzbühl zu nehmen. Mitte März zeigte sich der Himmel seit Tagen sonnig und wolkenlos. Unten machten sich die Skifahrer gerade auf die Beine, als Tochter Sabine und ich durch die menschenleere winterliche Natur marschierten. Rechts begleitete uns die berühmte Silhouette des Schlern und links erhoben sich Plattkofel und Langkofel über die weiten Flächen der Seiser Alm.

Einfach ging es zum tiefsten Punkt hinunter, an der geschlossenen Saltner Hütte vorbei. Dann zogen wir auf einer schmalen, getretenen Spur bergan. Manchmal konnte man die Trasse des Touristensteigs noch erkennen. Die Spur war gut angelegt. Wir waren unseren Vorgängern dafür dankbar. Dank Spikes fanden wir auch an glatten Stellen sicheren Halt. Das Lawinenrisiko war gering, aber je höher wir kamen, umso öfter brachen wir ein. Als sich der Serpentinenpfad abflachte und sich die Spuren in verschiedene Richtungen aufteilten, mußten wir unsere Schneeschuhe anschnallen. Ein bisschen orientierungslos steuerten wir in die vermeintlich optimale Richtung. Hier oben lag der Schnee schon höher und das Steigen strengte mehr an. Eine Spur war schon lange nicht mehr zu sehen. Doch dann tauchten die Schlernhäuser vor uns auf. Welch ein Panorama erwartete uns! Im Westen der Fernblick zum Ortlergebiet und südlich von uns die imposante Rosengartengruppe. Im geöffneten Winterraum konnten wir uns aus dem Rucksack stärken. Doch wir mußten bald an den Rückweg denken, denn nach 7 Stunden hatten wir uns am Auto mit Gerda, die in der Zwischenzeit auf der Seiser Alm gewandert war, verabredet. Und der Abstieg war auch nicht ganz einfach. Wiederum trafen wir keinen Menschen.

Tour von der Seiser Alm zum Schlern
Auf der Tour von der Seiser Alm zum Schlern
Foto: W. Rasp

Oberhalb von St. Christina kann man mit der Seilbahn oder auf einer Serpentinenstraße den Monte Pana erreichen. Von hier fährt ein Linienbus nach Saltria auf der Seiser Alm. Diesen Zugang nutzten wir gerne, um das östliche Gebiet der Seiser Alm und das Langkofelgebiet zu erwandern. Auf halber Strecke verließen wir den Bus und stiegen auf schönem, geräumtem Winterweg zur Zallinger Hütte hinauf, die das ganze Jahr bewirtschaftet ist. Nach weiteren 300 Höhenmetern erreichten wir die Plattkofelhütte (geschlossen). Ein paar hundert Höhenmeter stiegen wir noch in Richtung Plattkofel, aber wir erkannten, dass dieser Gipfel im Winter eher für Skitourengeher geeignet ist. So wendeten wir uns nach Westen, um auf dem schmalen Kamm, der die Seiser Alm nach Süden begrenzt, zum Seiser Alm Haus zugelangen. In dem tieferen Schnee ging es auch mit Schneeschuhen nur langsam voran und von uns wurde deutlich mehr Kondition als bei einer Sommerwanderung verlangt. Vom Seiser Alm Haus kamen wir schnell auf einem geräumten Weg über das Gasthaus Tirler nach Saltria.

Ein hübsches Ziel bildete unsere Tour vom Monte Pana zur Langkofelhütte. Oberhalb der Baumgrenze waren wieder Schneeschuhe erforderlich. Doch die Steilheit des Geländes und nur wenige Skispuren erforderten Mut und Kraft. Der Serpentinenweg durch die Schutthänge war meistens nicht zu erkennen, bzw. nicht begehbar. Doch die grandiose, senkrechte Felskulisse um uns und der strahlend blaue Himmel belohnten unsere Anstrengungen. Trotz Harscheisen waren dem sicheren Halt Grenzen gesetzt. Wir merkten es an einer kleinen Steilstufe beim Abstieg, als uns die Schneeschuhe unter den Füßen wegrutschten.

Während sich Sabine von Wolkenstein aus an den Abfahrten der Sella Ronda mit allen Varianten vergnügte und bis auf die Marmolada hinauf liftete, wanderten Gerda und ich zu den nördlich des Grödnertals liegenden Hütten. Von Wolkenstein gingen wir mit Spikes auf zunächst vereistem Weg zur geschlossenen Regensburger Hütte. An den schneefreien Südhängen wanderten wir hoch bis in die Schneezone, aber hier fanden wir festgetretene, gut begehbare Wege vor. Am Rande der Skiabfahrten gelangten wir hinüber zum bewirtschafteten Col Raiser. Wir verschmähten die Seilbahn und liefen wieder zu Fuß hinunter nach St. Christina.

Als Ausgangspunkt für die Brogles-Hütte (nur im Sommer geöffnet) unter den Nordabstürzen der Geislerspitzen wählte ich die Mittelstation der Secedabahn von St. Ulrich aus. Die Markierung an den Bäumen und Spuren im Schnee erleichterten die Orientierung. Ich unternahm diese Tour alleine und traf auch wieder keinen Menschen unterwegs. Meine Blicke wurden immer wieder von den markanten Spitzen der Fermedatürme, des Sass Rigais und der Furchetta gefesselt, die ich früher schon im Sommer bestiegen hatte. Nordöstlich der Brogles-Hütte kann man als lohnendes Ziel die Schlüterhütte besuchen. Wir wählten für die Anfahrt das Villnösstal bis zur Zanser Alm. Auf bequemem, geräumtem Weg erreichten wir die Gampenalm. Ab hier stiegen die alpinen Anforderungen: Ein Trampelpfad durch tiefen Schnee und das Queren einen rutschigen Hangs mußten bewältigt werden. Von der geschlossenen Hütte gingen wir noch etwas höher. Über das Gadertal hinweg eröffnete sich mit der Fanesgruppe ein neues Panorama. Peitlerkofel, Puezgruppe und Geislerspitzen ergänzten den famosen Rundblick. Von St. Magdalena genossen wir später das Bilderbuchmotiv mit den Geislerspitzen, was man in fast jedem Bergkalender findet.

Inzwischen stand das Datum bereits auf Ende März. Und während wir noch in tiefster Winterlandschaft marschierten, war an anderen Orten Südtirols schon der Frühling ausgebrochen. Davon wollten wir auch etwas mit nach Hause nehmen. So fuhren wir über Bozen zum Montiggler See und wanderten, umgeben von blühenden Veilchen und Märzenbechern, durch das Frühlingstal hinunter zum Kalterer See. Mit diesem hübschen Kontrastprogramm beendeten wir unsere Winterwanderungen im Grödnertal und wir warten nun auf den nächsten Urlaub, der uns in die schöne winterliche Dolomitenwelt bringen wird.

Winfried Rasp

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.1. Februar 2004