23. April 2004 : Regen und Dunkelheit seit Stunden! Wir fahren im Auto durch die Nacht. Die Dämmerung vertreibt den Regen und ab Brenner fluten Sonnenstrahlen durch die Fenster; Vorfreude vertreibt die Müdigkeit.
![]() |
Gerhild Jüttner an den Platten
von "Corno di Bo"
Foto: Olaf Schröder |
Wir verlassen die Autobahn, unser Bus windet sich um die Kurven einer Bergstraße und endlich - nach 1000 km – empfängt uns der Panoramablick auf den Gardasee. Zehn Minuten später biegen wir auf den Zeltplatz ein: Wieder in ARCO!! - Einige von uns zum dritten Mal .Vogelgezwitscher begrüßt uns in milder Frühlingsluft und die Kalkfelsen leuchten in der Vormittagssonne. Über den Kiefern erhebt sich stolz der Colodri, Hausberg von Arco –welch ein Kontrast zum trüben Braunschweig.
Bald stehen zwei Zelte und kurz danach streben wir den leichten Klettersteig hinauf, auf die Rückseite des Colodri zur Felsgruppe „Muro dell Asino“. Hände suchen Risse und Löcher, Fußsohlen spüren den Fels durch die Kletterschuhe. Am Nachmittag tauchen bekannte Gesichter zwischen den Pinien und Eichenbäumen auf: Auto Nr 2 ist angekommen und vervollständigt unsere Gruppe von 10 Personen mit einem Altersdurchschnitt von 38,1 Jahren. Vier von uns nehmen Quartier in einer Hütte - nein, nicht die Ältesten! - und sechs Tage lang sind Veranda und Wohnküche zentraler Stützpunkt für unsere gruppendynamischen Prozesse. Hier diskutieren wir abends den Klettertag, planen den kommenden Tag und vernichten so manche Flasche Wein und Bier. Das Inventar wird durch Campingtisch und -stühle und eine Bank ergänzt, die wir aus dem Bus gezaubert haben. So bietet die Hütte Platz für das morgendliche Buffet mit Unmengen Nutella, Marmelade, Quark, Käse und Wurst. Auch Eier soll es gegeben haben - hört man später. Dennoch, unser Durchschnittsgewicht liegt bei nur 65,6 kg und der BMI bei 21,8.-
Der zweite Vormittag brachte uns an die ca. 100 m langen Reibungsplatten von
Baone mit Schwierigkeiten bis 5c* (Anm. siehe Ende des Berichtes). Etliche
Kletterpassagen erschienen uns perfekt poliert. Mit „gut Antreten“ ging
es auf den sonnengewärmten Felsen (Hakenabstände zwischen 4 und 6
m) nach oben, die Hände oft „nur“ für die Balance. Am
Nachmittag dann in Masone, ein Klettergarten in Gehweite des Zeltplatzes. Sonntagsbetrieb:
Kletterer turnen bunt in den Felsen über der Olivenplantage. Kommentare:
kurz und knackig, überhängend und speckig, schönes Ambiente.
Diskussion am Abend: Gar nicht unbescheiden wollten (fast) alle am nächsten
Tag lange Routen klettern. Also zu den Sonnenplatten: Gaby+Ronald, Alex(andra)+Thomas
kletterten die Via Rita (450m, 4b), Anita+Klaus, Gerhild+Sabine die Via Claudia/Superclaudia
(500m, 5b) und unsere beiden „Extremisten“, Olaf+Daniel die Via
Luno (500m, 6a/A0). Die „Rita“ ist nicht in Rufweite, aber „Luno“ und „Claudia“ verlaufen
teilweise parallel und wir konnten uns an den Standplätzen austauschen
oder fotografieren. Interessant war Olafs Raupentechnik an den schwierigsten
Passagen: Expresse einhängen, hochziehen, aufstellen, um den nächsten,
sehr dicht gesetzten, Haken zu erreichen. Ähnlich mußten sich auch
meine Nachsteigerinnen, mit Hilfe der zurückgelassenen Bandschlingen, über
die marmorierten Schlüsselstellen emporgemogelt haben.
![]() |
Sabine Bischoff in den Sonnenplatten,
"Via Claudia"
Foto: Klaus Steube |
Am späten Nachmittag konnten wir auf dem steinigen Pfad oberhalb der Sonnenplatten müde aber zufrieden niedersinken. Sofort der befreiende Griff zu den Füßen. Die stundenlange Umklammerung durch die Folterwerkzeuge namens Kletterschuhe hatte ein Ende. Letzte Schmerzenschreie (oder waren es aufkommende Lustgefühle) leiteten zu anderen Bedürfnissen über: Essen und Getränke wurden aus den Tiefen des Rucksackes ausgegraben und ihrer Bestimmung zugeführt. Gemütlicher Abstieg zum Wandfuß und durch Glückshormone beschwingt, schlenderten wir durch den Kiefernwald zum Auto. Dort steckte eine Notiz „.. mit zittriger Hand schreiben wir diese Zeilen…“ Die Ritageher, etwas früher als wir „am Ende“ (!?), waren bereits nach Arco zurückgefahren.
Sichtlich gezeichnet krochen einige am Morgen aus den Schlafsäcken um
einen „ganz ruhigen Tag“ anzugehen. Nach einem gemütlichen
Frühstück (mit Gemeinschaftseiern, wie man später hörte)
setzten wir unsere Autos zu dem Klettergarten von Crosano in Bewegung. Kurze
Routen am steilen Fels (4b bis 6a) trainierten unsere Finger und Unterarme;
immer wieder driftete der Blick nach Westen zu den Gardaseebergen. Ein Bummel
durch die Sportgeschäfte von Arco, Eis und Cappuccino rundeten den Nachmittag
ab. Die HTG-Kasse bescherte uns einen Grillabend, gewürzt mit dem Feuer
von Olivenbäumen. Großzügig ließen wir auch andere Camper
daran teilhaben: Duft- und Rauchschwaden schwebten durch die Bäume [Anm.:
der Grill gehört übrigens den Montagskletterern der Güldenstraße].
Kräftiger Wind soll am Gardasee gegen Mittag aufkommen. Also besuchten
wir die „Windecke“ (Corni di Bo) bereits am Vormittag, um dort
an den schönen, abgespeckten Reibungsplatten u.a. neue Schuhe zu testen
und Fotos zu schießen. Die 150 m lange Wand erhebt sich über einem
Autotunnel, direkt daneben der See. Tatsächlich, der Wind startete erst,
als wir alle wieder am Wandfuß waren und dem See unsere Aufwartung gemacht
hatten. Gegen 14.00 h zurück am Zeltplatz, kam Unruhe auf: die einen zog
es in den Ort, andere liebäugelten mit dem Schlafsack und der dritten
Gruppe juckte es in den Fingern: Der Colodri lockte! Olaf und ich hatten bereits
in Braunschweig eine Tour durch diese imponierende Wand über dem Campingplatz
ins Auge gefaßt und als Dritte am Seil durfte, konnte und mußte
(?) Anita mit. Am Vormittag war bereits Ronald die ihm bekannte Route zusammen
mit Sabine geklettert.
Begleitet von Thomas als Fotoreporter stiegen wir zum Einstieg, seilten uns in die Halbseile und Olaf startete. Die leichteste Route des Colodri, „Aspettando Martino“, wartet mit sieben Seillängen (nicht schwerer als 5c für große Leute, d. h. größer als unser Durchschnitt von 1,73m) in abwechslungsreicher Kletterei auf. Technik war gefordert, es ging durch Kamine, kleine Überhänge, luftige Verschneidungen und einen ausgesetzten Quergang. Anita kämpfte sich tapfer durch die Senkrechte, während Olaf von oben ermunterte. Am anderen Ende des Seils hatte ich Muße zum Fotografieren, Schauen und Staunen. Z. B darüber, wie mancher Strauch und Baum in kleinen Nischen oder auf schmalen Felsbändern klebte – und vermutlich schon Hunderte von Kletterhänden und -füßen überstanden hatte. Die Route endete am Klettersteig; Abstieg bei einsetzender Dämmerung, das Ganze hatte länger gedauert als erwartet. Bald wich die Angespanntheit dem Glücksgefühl und nach einer halben Stunde klimperten wir ausgelassen zu den Zelten. - Der Colodri hatte für einen Augenblick nur uns gehört.
Das „Fieber“ griff um sich und am nächsten Morgen starteten
nochmals vier „Colodristen“ in eine neue Route (6a/A1), deren Beschreibung
Olaf aus dem Internet gegraben hatte. Unsere langen Kerls, Olaf und Daniel,
mussten die Schlüsselstelle „technisch“ überwinden und
ließen für die „etwas“ kürzeren Nachsteiger (Gerhild
und Ronald) Expressen und Schlingen im Haken hängen. Trotzdem: tolle Leistung!
Nicht ganz ausgelastet (??) setzten alle noch eine Genußroute am Colodri
Süd dran, um dann den Klettertag am Muro dell Asino ausklingen zu lassen:
Ronald begrüßte uns am Abend mit geschwollenem Fuß, als Erinnerung
an eine Seillänge, „die nichts für kleine Leute ist“.
Wir anderen waren an diesem Tag nochmals zu den Sonnenplatten gefahren und
fanden leichtere Wege: Gino Gianna 180m, 4c; Via 46° Parallelo 200m, 4a
und Via Man-Ilia 250m, 4c. In der Man-Ilia kann man sogar Keile legen und ein
paar Schlingen extra gebrauchen. Die vorletzte Seillänge verläuft
fast ohne Haken– zumindest habe ich keine gefunden. Die Zeit reichte
noch zum Holzsammeln und Einkaufen. Später stellten wir fest, dass 1.
auch Rundkornreis herzhaft zubereitet werden kann und 2. Olaf den Geruch von
Lagerfeuer nicht mag.
In der Nacht setzte Regen ein, der bis in den Nachmittag anhielt. Ruhetag,
Auto packen. Der Samstag begrüßte uns wieder mit Sonnenschein und
verabschiedete die ersten drei Heimfahrer. Wir anderen fuhren zum „Fingerhakeln“ nach
Nago. Die kurzen Routen (4c bis 6a) erstrecken sich mehrere hundert Meter entlang
eines Berghanges. Gerippter Fels, Griff- und Trittkombination vordenken und
hoch. An den Umlenkhaken belohnt der Rundblick bis zum Gardasee. Hin- und wieder
klapperte es im Wald. Das waren dann die Mountainbikefahrer die auf einer Piste
neben den Felsen zu Tale holperten. Am letzten Klettertag (Sonntag) fuhren
wir den Gardasee entlang in die Berge von Marciaga bei Riva. Zugang entlang
eines Golfplatzes, dann Stachelgestrüpp und plötzlich tauchen die
Felsen mit den phantasievollen Routennamen vor uns auf. Schattig ist es hier,
aber oberhalb der Bäume wärmt die Sonne den Rücken, und der
Blick auf den - na wen wohl? Richtig, den Gardasee - das Herz. Die Rückfahrt
bescherte uns Zwischenstopps in den schönen Orten
Benaco und Malcesine und mit einem gemütlichen Abendessen ging eine gelungene
Tourenwoche mit mehr als 14.000 Klettermetern zu Ende.
Montag: abbauen, Auto beladen, Seil und Wein kaufen, ein paar Tränen verdrücken
sind die Höhepunkte der Heimfahrt. Gegen 1.00 h nachts fällt der
Schreiberling todmüde in sein Bett, nicht ohne vorher beschlossen zu haben,
eine mind. zweijährige Arco-Pause einzulegen – allein schon deshalb,
weil die Felsen nicht rauher werden und der Stoff zum Schreiben (s. Heft 3/2001
und Heft 3/2002) allmählich ausgeht.
*Anmerkung : die im Text vorkommenden Zahlen (4a, 5b, 6a usw.). sind die im
Kletterführer angegebenen französischen Schwierigkeitsbewertungen. –
Klaus Steube