Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2004/4

Auf Felswegen und Klettersteigen durch die Brenta
- Faszination einer einzigartigen Gebirgslandschaft

Ein langgehegter Traum sollte in diesem Sommer in Erfüllung gehen: die Durchquerung der Brenta-Gruppe. Zuvor mache ich mit Frau und Rauhaarteckel noch Urlaub am Gardasee. Das Hotel Saturno in Limone ist idyllisch am Hang gelegen. Auf der anderen Seeseite liegt Malcesine. Der Monte Baldo - Ziel meiner vorjährigen Fernwanderung auf dem E5 - thront darüber.

Dienstag, 20. Juli 2004

In der Vedretta dei Camosci
In der Vedretta dei Camosci

Gegen 10.00 Uhr treffe ich bei prächtigem Wetter in San Lorenzo in Banale (792 m) ein. Ich bin über Riva und PonteArche angereist und parke meinen Golf Trendline im Ortsteil Senaso. Verabredet bin ich mit Manfred Graul, der seit vielen Jahren AV-Mitglied ist und mittlerweile unzählige Bergkilometer hinter sich gebracht hat. Wir werden gemeinsam unterwegs sein.

Als Manfred „auftaucht“, sitze ich schon eineinhalb Stunden vor der kleinen Kapelle San Matteo im Schatten eines Walnussbaumes. (Kleine Verspätung. - Aber mein Begleiter hatte ja auch von Garmisch den weitaus längeren Anreiseweg.)

Die Sonne steht schon ziemlich hoch, als wir unsere Höhenwanderung durch die Brenta-Gruppe beginnen. Bald schwenken wir jedoch in das Val d’Ambiez ein. Das Tal ist eng und liegt überwiegend im Schatten der Bergwände. Angenehm, zumal es zunächst noch gemächlich nach oben geht. Doch nach etwa einer guten halben Stunde sitzen wir - allein um Zeit gutzumachen - im Servizio Taxi, das uns zum Rifugio Cacciatore auf 1822 m bringt. Die Fahrt mit dem Geländewagen ist zwar nicht gerade preisgünstig, dafür jedoch um so abenteuerlicher: Es geht in rasantem Tempo an Steilwänden vorbei. Auf der anderen Seite gähnender Abgrund. Millimeterarbeit. Ein „Höllenritt“.

Das Tal hat sich allmählich geöffnet. Die Wolken hängen mittlerweile jedoch tief. Der Weiterweg wird zunehmend steiler. Die Alpenrosen zeigen die ersten zaghaften Blüten. Troll- und Sumpfdotterblumen, Enzian und Aurikel lassen die Almwiesen gelb, blau und lila leuchten.

Um 15.00 Uhr erreichen wir unser heutiges Ziel: das Rifugio Agostini (2410 m). Erschöpft lassen wir uns nieder.

Beim Vino rosso plaudern wir abends über vergangene Bergerlebnisse. Neue Kräfte sind freigesetzt. Ein reinigendes Gewitter hat die Wolkendecke vertrieben. Eine bizarre Gebirgskulisse liegt vor uns in der Abendsonne.

San Lorenzo - Val d’Ambiez - Rif. Cacciatore - Sent. Daliago - Rif. Agostini

Tourenlänge: 10,5 km ; Wanderzeit: 2 h (Geländewagen: 1/2h) ; Höhenunterschiede: 1650 m Anstieg

Mittwoch, 21. Juli 2004

Weg Nr. 318 zur Bocca di Brenta
Weg Nr. 318 zur Bocca di Brenta

Zunächst wird erst einmal ausgiebig gefrühstückt. Dann wandern wir ohne Hast los. Zum Rifugio dei Brentei ist es anscheinend nicht allzuweit. Wir können und sollten uns unterwegs Zeit lassen. Denn zum einen gilt der Weg Nr. 304 über die Bocca d’Ambiez auf Eis und Schnee als schwierig zu begehen, zum anderen sind wir ohnehin in das Lager der Genießer übergewechselt. (Leider falsch gedacht. Wie sich im Nachhinein herausstellen sollte, wird sich die heutige Tageswanderung als eine der beschwerlichsten erweisen.)

Die Sonne lässt die Bergwelt erstrahlen. Wolkenloser Himmel. Auf dem Weg Nr. 358, dem Sentiero Livio Brentini, steigen wir zunächst bergwärts über ein riesiges Schneefeld auf die Bocca d’Ambiez (2784 m). Die letzten rund hundert Höhenmeter werden an Drahtseilen zurückgelegt. Der Abstieg in die Vedretta dei Camosci ist ebenfalls drahtseilgesichert.
Erneut liegt ein kilometerweites Schneefeld vor uns. Der Weiterweg wird zur Rutschpartie. (Leichtsinnigerweise lassen wir unsere Steigeisen im Rucksack.) Die Cima Tosa (3159 m) erhebt sich rechts.

Bevor der weitere Abstieg unterhalb des Crozzon di Brenta (3135 m) erfolgt, muss noch ein längerer Felsvorsprung umgangen werden. Wir sind längst auf dem Sentiero Martinazzi.
Ein letzter Anstieg zieht sich in die Länge. Jeder Schritt schmerzt. Nach sechs Stunden Plackerei ist es geschafft. Wir stehen vor der Brentei-Hütte (2182 m ).

Später sitzen wir vor der Hütte in der Sonne. Das Bier schmeckt.

Rif. Agostini - Sent. Brentini - Bocca d’Ambiez - Vedr. dei Camosci - Sent. Martinazzi - Rif. dei Brentei

Tourenlänge: 6 km ; Wanderzeit: 6 h ; Höhenunterschiede: 500 m An- und 700 m Abstieg

Der Tuckett-Pass
Der Tuckett-Pass

Donnerstag, 22. Juli 2004

Auf dem schmalen Steig Nr.318 gelangen wir über die Bocca di Brenta (2552 m) in knapp zwei Stunden über Altschnee zur Pedrotti-Hütte (2491 m).Vor Einstieg in die Scharte haben wir diesmal allerdings unsere Steigeisen angelegt.
Hinter der Hütte erheben sich die Felszacken des Croz del Rifugio (2613 m), gegenüber die schroffen Wände der Cima Brenta bassa (2765 m) sowie der Cima Brenta alta (2960 m). Die Tosa-Hütte liegt nicht weit entfernt.

Als wir auf dem Orsi-Weg absteigen, zieht Morgendunst nach oben. Der Gegenanstieg führt uns unter steilen Felswänden in das Massodikar. Weiter ansteigend umgehen wir weitere Bergriesen, die mittlerweile in Wolken gehüllt sind. An der Sega alta ist noch eine Steilwand zu überwinden. Das Felsband ist jedoch hinreichend gesichert. Doch plötzlich donnern wenig vor uns Gesteinsbrocken zu Tal. Instinktiv suchen wir Schutz unter einem Felsvorsprung.

Die Cima Brenta (3151 m) erhebt sich linkerseits. Ein weiteres Geröllfeld liegt vor uns. Kurz darauf sind wir am Einstieg zum Tuckett-Pass (2649 m). Die Steigeisen werden angelegt. Der Abstieg führt ebenfalls über ein Gletschergebiet. Der Schnee ist sulzig. Bis zum Rifugio Tuckett (2271 m) sind es von hier nur noch 45 Minuten. Die Sonne hat inzwischen wieder die Oberhand.

Bis zum frühen Abend sitzen wir in der wärmenden Sonne. Die Hütte ist gut besucht. Wir nehmen auch diesmal Halbpension. Als Dessert entscheiden wir uns für ein Gläschen Grappa.

Rif. dei Brentei - Bocca di Brenta - Pedrotti-Hütte - Orsi-Weg - Tuckett-Pass - Tuckett-Hütte

Tourenlänge: 14 km ; Wanderzeit: 63/4 h ; Höhenunterschiede: 650 m An- und 600 m Abstieg

Freitag, 23. Juli 2004

Gebirgskulisse hinter dem Refugio Cacciatore
Gebirgskulisse hinter dem Refugio Cacciatore

Mit dem Sentiero delle Bocchette wollen wir heute „den“ Felsweg in der Brenta schaffen.

Von der Tuckett-Hütte wandern wir zunächst nach Osten., bis uns die Tafel „Sentiero SOSAT“ zur ersten Leiter weist. Ein nicht ganz leichter Klettersteig liegt vor uns. Seile und Klammern helfen. Dann geht es sogar senkrecht über weitere Leitern erst abwärts und dann wieder nach oben. Höchste Vorsicht ist geboten.

Einige Stunden sind wir unterwegs, als wir das Rifugio Alimonta (2580 m) erreichen. Der Ausblick von hier ist wieder einmal nicht zu beschreiben. Weit hinten recken sich die schneebedeckten Gipfel der Presanella- und Adamello-Gruppe. Im Vordergrund die Brentaberge.

Auf dem Klettersteig sind wir nur zögerlich vorangekommen. Manfred ist ausgepowert. Wir machen eine längere Pause.

Am frühen Nachmittag geht es weiter. Vierzig Minuten im Schnee bis zur Bocca degli Armi (2749 m). An der Scharte geht es richtig los: Der Klettersteig führt zunächst senkrecht über mehrere Leitern nach oben. Darauf schlängelt sich der Steig an den Wänden der Felsgiganten entlang. Atemberaubend schön,wenn uns nicht plötzlich und unerwartet ein Gewitter eingeholt hätte. Unter einem überhängenden Felsvorsprung suchen wir Schutz. Der Regen prasselt. Hagelschauer folgen. Kein gutes Gefühl auf einer Via ferrata bei Blitz und Donner zu sein. Und das eineinhalb Stunden in gebückter Haltung.

Gipfelkreuz
Gleich hinter dem Rif. S. Agostine beginnt der aufstieg zur Bocca d'Ambiez

Als das Gewitter vorüber ist, bleibt uns nur der Rückzug vom Bocchette-Weg. Alles Weitere wäre auf dem glitschigen Klettersteig unverantwortlich. Wir übernachten zwangsläufig im Rifugio Alimonta.

Die Sonne meint es am späten Nachmittag wieder gut. Wir genießen die wärmenden Strahlen vor der Hütte.

Rif. Tuckett - Sent. SOSAT - Rif. Alimonta - Bocca degli Armi - Bocchette-Weg - Bocca degli Armi - Rif. Alimonta

Tourenlänge: 10,5 km ; Wanderzeit: 6 h ; Höhenunterschiede: 550 m An- und 300 m Abstieg

Sonnabend, 24. Juli 2004

Die gestrigen heftigen Niederschläge halten uns von einem abermaligen Einstieg in den Bocchette-Weg ab. Zu gefährlich, zumal die heutige Wetterlage auch nicht die beste ist. Das Barometer ist gefallen. Und so steigen wir kurzentschlossen zur Brentei-Hütte ab.
Von hier aus geht es weiter über die Bocca Brenta, wo auch der Bocchette-Weg endet. Allerdings steigen wir diesmal nicht in dem Schneefeld sondern über den gekennzeichneten Klettersteig auf.
Oben angelangt stecken wir im Nebel. Als sich abermals ein Gewitter entlädt, sind wir bereits in der nahen Pedrotti-Hütte. Es regnet in Strömen. Derweil stärken wir uns mit Minestrone und Spaghetti. Die Gasträume sind überfüllt. Alle warten auf Wetterbesserung.

Sentiero delle Bochette
Manfred auf dem Sentiero delle Bochette

Kurz nach 14.00 Uhr brechen wir auf. Der Regen hat nur wenig nachgelassen. Der Sentiero Palmieri führt uns allmählich abwärts. Zum Passo Forcolotta di Noghera (2413 m) geht es in Serpentinen dann wieder nach oben. Über Schotter und danach auf dem Weg Nr. 325b absteigend gelangen wir nach 31/4stündiger, strapaziöser Wanderung völlig durchnässt zum Rifugio Cacciatore.

Vor dem Abendessen nehme ich noch schnell eine heiße Dusche. Ich fühle mich wie neugeboren. Es regnet die ganze Nacht.

Rif. Alimonta - Rif. dei Brentei - Bocca Brenta - Rif. Pedrotti - Sent. Palmieri - Rif. Cacciatore

Tourenlänge: 12 km ; Wanderzeit: 6 h ; Höhenunterschiede: 600 m An- und 1250 m Abstieg

Sonntag, 25. Juli 2004

Die Wandertage in der Gruppo di Brenta haben uns alles gegeben. Leider müssen wir schon heute von dieser wunderschönen Bergwelt Abschied nehmen. In der Erinnerung werden die Eindrücke jedoch ewig haften bleiben.

Durch das Val d’Ambiez streben wir in 23/4 Stunden gemächlich San Lorenzo zu. Das Wetter zeigt sich wieder von seiner besten Seite.

Manfred fährt zurück nach Garmisch. Er wird auch noch ein paar Tage auf der Braunschweiger Hütte verbringen. Im Hotel Saturno am Gardasee sitzt meine Frau schon auf den gepackten Koffern. Es geht gleich nach meiner Ankunft heimwärts.

Rif. Cacciatore - Val d’Ambiez - San Lorenzo

Tourenlänge: 8 km; Wanderzeit: 23/4 h; Höhenunterschiede: 1050 m Abstieg

Wer wars

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.30. Oktober 2004