Für Mitte Juli hatten Bernd Eberle und ich uns zu 2 Wochen Klettern verabredet. Das anhaltend unbeständige Wetter auf Alpennord und -Südseite ließ Planungen für große Kletterunternehmungen als auch Firn- und Eistouren in großen Wänden nicht zu. Bernds Bekannter in Chamonix bestätigte uns blanke Eiswände, außerdem war die obere Sektion der Midi-Seilbahn durch ein herabgefallenes Tragseil lahmgelegt und verhieß Seilbahnchaos in Chamonix und Courmayeur. Dahin mussten wir also nicht fahren.
Wir verständigten uns darauf, die jeweiligen sporadischen Schönwettergebiete aufzusuchen und ständige Ortswechsel mit langen Autofahrten in Kauf zu nehmen. Herausgekommen ist hierbei eine Rundreise, die am 18. Juli in Mittenwald begann und über die Stationen Rifugio Dibona (bei Cortina d Ampezzo), Rifugio Gianetti und Rifugio Allievi (Bergell, Südseite), Gasthaus All Acqua (Nufenenpass, Tessin), Salbithütte (Urner Alpen) führte und am 29. Juli in Mittenwald bzw. Bad Harzburg endete.
Dabei gelangen folgende Unternehmungen:
18. 7. Predigtstuhl oberhalb von Mittenwald, (Eingehtour).
Ampezzaner Dolomiten:
19. 7. Tofana di Rozes, 1. Pfeiler (Pompanin/Alvera), 5-/ 4, 12 SL, 300 mH.
Bergell, Gianetti:
21. 7. Cengalo Südgrat, Vinci (Bernasconi/Riva/Vinci), 5c+, 12 (17) SL,
300 mH,
22. 7. Dente della Vecchia, Polident (1997 eingebohrt), 6a, 7 SL, ca. 280 mH.
Bergell, Allievi (nach Wechsel über den „Sentiero Roma“):
23. 7. Torrone Occidentale, Guronsan (1997 eingebohrt), 6a, 9 SL, ca. 360 mH.
Val Bedretto (Tessin), All Acqua/Piansecco:
25. 7. P. di Cassino Baggio, Dr grüen Nils (Büschlen/ Känel),
6a-, 12 SL, 450 mH,
26. 7. s.o. Messaggeri del tempo (Bassi/Bitzer), 6b, 8 SL, ca. 350 mH.
Urner Alpen, Salbit:
28. 7. Salbitschijen, Westgrat (Favre/Henchoz), 6b A1, 32 (33) SL, ca. 550
mH.
Neben dem Erlebnis Klettern, den Autofahrten zu den verschiedenen Gebieten und Landschaften, den Hüttenzustiegen (im Regen) und -Abstiegen (bei Dauerregen und schwer passierbaren Wildbächen wie von der Allievihütte ins Val di Mello), hatten wir auch besondere Begegnungen mit der Fauna der Bergeller Alpen.
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Tiefblick ins Voralptal - Gratscharte zwischen 1. und 2. Turm am Salbit-Westgrat
Foto: Bernd Eberle |
Unbekannte Tiere arbeiteten ein großes Loch in Bernds Hemd, das er zum Trocknen ausgebreitet am Anseilplatz bei der Vinci-Tour zurückgelassen hatte. Meinen Rucksack fanden wir an mehreren Stellen angefressen nach der Guronsan-Unternehmung am Einstieg vor. Bißspuren deuteten auf ein Murmeltier, das offensichtlich die salzhaltigen Partien verspeiste und erst durch den Regenschauer, der uns beim Abseilen erwischte, davon abgelassen hatte. Die anschließende freundliche Begegnung mit einer Gruppe junger Steinböcke konnte nicht darüber hinwegtrösten, dass das gute Stück nun hinüber war (mit eingezogenem Plastikmüllsack aber weiterbenutzt werden konnte).
Für unsere Unternehmungen hatten Bernd und ich diverse Fachliteratur mitgenommen. Bei Bergell- und Piansecco-Touren benutzten wir den Schweizer „Plaisir“ Süd-Führer von Jürg von Känel (ISBN 3-906087-11-5), für den Salbit-Westgrat kauften wir auf der Hütte die Broschüre „Salbit erleben“, Hans Berger/J. v. Känel (ISBN 3-906087-21-2) in der neben dem aktuell korrigierten Westgrat-Topo auch alle anderen Salbit-Routen enthalten sind.
Ach ja, der Westgrat, ein alter Klassiker. Wir hatten ihn uns für den ersten schönen Tag auf der Alpennordseite vorgenommen. Wegen des hier vorangegangenen Regenwetters trafen wir nur wenige Kletterer auf der ansonsten überlaufenen Salbithütte an. Den Grat wollten außer uns nur noch eine Schweizer (2er-) und eine Französische 3er-Seilschaft machen, die dann allerdings nicht antrat und unverrichteter Dinge von der Hütte abstieg.
Unser Unternehmen lief zunächst mit kleinen Pannen an. Im Zustieg (mit Stirnlampe) verloren wir im Grasgelände kurzzeitig den Weg. Der so genannte Kettenweg, ein Klettersteig um den Fuß des Südgrates herum und hinab zu einer erdige Rinne, wurde wegen nasser Tritte zur Murkserei und am Einstieg, um 7 Uhr endlich angekommen, trafen wir auf eine Schwedische Seilschaft, die von der Biwakschachtel aufgestiegen war, während die Schweizer schon weit oben werkelten. Die Schweden ließen uns in der 7. Seillänge vorbei und haben vom ersten Turm abgeseilt. Wir sind dann den Schweizern mit etwa 3 Seillängen Abstand gefolgt.
Bei der Westgrat-Tour müssen 5 Türme erstiegen und überklettert werden mit jeweils anschließendem Abseilen in die Gratscharten (beim 4. Turm auf ein Band und zur Scharte kletternd hinauf) gefolgt vom Erklimmen des Hauptgipfels mit Besteigen des Salbitzahns (33. Seillänge). Geboten werden 5 Seillängen 6a, 19 Seillängen 5a bis 5c+ und 9 Seillängen 4b/4c. Den längsten Anstieg (8 Seillängen) gibt es am ersten Turm. Das Gelände ist überall sehr steil, wie in Chamonix, (außer im Schrofenbereich von Turm 1) und ab der ersten Scharte auch ausgesetzt. Die Kletterei ist außergewöhnlich abwechslungsreich, kraftraubend und ziemlich spärlich abgesichert.
Dank Bernds überragenden Kletterkönnens und der vielen Schokoriegel die ich unterwegs gegessen habe, sind wir in 12 Stunden Kletterei über den Grat gekommen, glücklich und gemütlich in Schutt, Firn, Schotter und Wiesen auf dem Normalweg abgestiegen und um 21 Uhr an der Hütte angelangt.
Nach Abendessen und großem Bier haben wir uns eine anständige Mütze Schlaf gegönnt und sind am nächsten Tag zufrieden ins Tal abgestiegen und nach Hause gefahren.
Burghard Angerstein