Im Oktober in die Alpen fahren, na, ob das so eine gute Idee ist...
Egal, Hauptsache Berge, und wenn gar nichts geht, können wir immer noch
nach Arco fahren... schließlich ist man als Lehrer an die Ferientermine
gebunden, da muß sich das Wetter eben mal nach uns richten.
12 Stunden später stehen wir im Schneetreiben im Dunkeln vor der Tür
der Geraer Hütte in den Zillertalern. Na super. Zum Glück ist der
Winterraum gemütlich, mit Ofen und Feuerholz wie vor 100 Jahren. Wo ist
denn hier der goldene Oktober? Und wo die Fußstein-Nordkante, das 500m
Genußkletterteil, die Badile-Kante der Zillertaler?
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Aufstieg zum Hochfeiler
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Im Nebel verschollen. Am nächsten Morgen stapfen wir durch Wolken und
Neuschnee auf den Falschen Kaserer 3250m über der Wildlahnerscharte, und
für 10 Minuten sehen wir gegenüber sogar den verschneiten Olperer.
Unten auf dem Hintertuxer Gletscher beginnt gerade die Skisaison. Daher also
das Surren, in der Scharte steht ein Skilift. Das hatten wir uns anders vorgestellt.
Am nächsten Morgen steigen wir ab. Und was jetzt? Gleich nach Arco oder
noch mal was anderes probieren?
Auf dem Brenner fragen wir Besucher und Bedienung einer Bar nach dem Wetter
aus. Ohne Erfolg, keiner weiß was. Also gut, verhalten wir uns antizyklisch,
wir steigen auf jeden Fall auf.
Im hinteren Pfitschertal schleppen wir die komplette Winterausrüstung
4 Stunden zur Hochfeilerhütte, wirklich alles haben wir dabei, Daunenjacken,
Handschuhe, Socken, alles doppelt, Kocher, Töpfe.
Töpfe? Brauchen wir doch nicht, ist doch sicher wieder so ein top Winterraum.
6 Matratzen und eine Bierzeltgarnitur ist alles, was wir finden. Kein Ofen,
kein Klo, kein garnichts, und vor allem kein Topf. Na, dann gibt’s heute
eben nur kalt, ist ja auch nur minus 5 Grad draußen. Am frühen Morgen
das unglaubliche: Klarer Himmel, die Täler unter 2000m in dicke Watte
gepackt. Schnell steigen wir am frisch verschneiten Grat zum Hochfeiler auf,
immer in der Sonne, der Gipfelgrat wird noch mal steil, der Gipfel 3510m und
dann der Ausblick: Im Norden die Zillertaler, im Osten die Gipfel des Arntal,
Großglockner, Schobergruppe, sogar der Triglav, die gesamten Dolomiten
im Süden, dann Brenta, Adamello, Ortleralpen bis zu den Ötztalern
und die Gipfel der Stubaier im Westen.
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Aufstieg zum Hochfeiler
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Und die Täler unter einer dichten Wolkendecke. Wenn Gott mal die Alpen
anschauen will, dann setzt er sich auf den Hochfeiler. Da kann der Everest
kaum besser sein.
Drüben in den Ötztalern zeigt sich die Firnpyramide der Wildspitze
mit ihrem Doppelgipfel von der Schauseite. Das wäre doch noch was. Aber
nee, bei dem tiefen Schnee geht das sicher nicht mehr. Wir steigen 1800 Höhenmeter
bis zum Auto ab und fahren zu einem Freund in Brixen.
Zwei Tage später sind wir dann doch in der nebligen Abenddämmerung
zur Breslauer Hütte 2840m am Normalweg der Wildspitze unterwegs. Zu unserer Überraschung
sitzen schon vier Tschechen im großzügigen Winterraum und es kommen
sogar noch zwei mehr, aus Regensburg. So viele sind ja hier manchmal im Sommer
nicht. Die Tschechen sind schon zweimal am Normalweg der Wildspitze wieder
umgekehrt, einmal auf 3500m, wegen Sturm. Der steht heute nicht zu befürchten,
dafür schneit es viel zu viel, bis runter auf 1800 Meter. Morgens kucken
wir aus dem Fenster wieder in die dicke Suppe. Und jetzt?
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Wildspitze
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Ach, laß uns mal losgehen, morgen ist der Urlaub eh vorbei. Um 10 stehen
wir endlich vor der Tür, die beiden Regensburger, wir zwei und Petr von
den Tschechen. Petr, geh Du mal als erster, Du kennst den Weg ja schon. Der
rennt los wie ein Verrückter, wir hecheln hinterher, schließlich
bleiben die Regensburger zurück und kehren um. Auf dem Mitterkarferner
oder was davon noch übrig ist, holen uns die anderen Tschechen ein, sie
wollen doch mit, letzte Chance. Kurz wird die Nebeldecke dünn und wir
sehen die Scharte am Ende einer 45 Grad steilen Rinne über uns. Also los.
Oben ist wieder alles dicht. Zu sechst am Seil stapfen wir nach der Scharte
durch den knietiefen Neuschnee den Gletscher rauf, am Gletscherbruch vorbei
auf das Plateau unter dem Gipfel. Jedenfalls soll der hier im Nebel irgendwo
sein...
Also: solange es bergauf geht, sind wir nicht oben, und es geht bergauf, zum
Schluß über heikel verschneiten Fels. Ach, da ist er ja, der Gipfel,
sogar mit Kreuz, 3770m über normal null.
Und dann reißt es auf einmal auf, der Wolkenvorhang schwingt zur Seite
und das ganze Panorama der Ötztaler Berge ist zu sehen, Similaun, Bellavista,
die Weißkugel, gegenüber der Brochkogel, Geigenkamm, Kaunergrat,
all die bekannten Dinger. Eiskristalle glitzern in der kalten Luft und Wolkenfetzen
fliegen die Grate hoch an uns vorbei. Der Nordgipfel der Wildspitze ist inzwischen
niedriger als der Felsgipfel, deshalb gehen wir nicht mehr rüber, sondern
genießen die winterlichen Berge und die Einsamkeit in der eisigen Luft
hier oben. Einsamkeit auf einem der meistbesuchten Gipfel der Alpen. Man muß eben
zur richtigen Zeit hier sein, zum Beispiel im Oktober.
Axel Hake