Was tut man nicht alles für eine grandiose Aussicht von Gletschern und
Bergen über das Meer der wilden Alpenzacken.....
Volle Begeisterung hatte mich letztes Jahr auf der Pyramide Vincent erfaßt,
meinem ersten Alpen-4000er. Bei schönstem Wetter erwanderten wir den Gipfel
wie die Friseure: ohne Ausrüstung. Um das Schicksal nicht noch einmal
so frech herauszufordern, entschied ich mich für einen Eisausbildungskurs
auf dem Taschachferner im Juli 2004. Als Abschlußtour ging es auf die
sehr winterliche Wildspitze.
Nun, 2 Monate später als neues Mitglied in der Hochtourengruppe, wollte
ich die Wildspitze noch einmal in Ruhe besuchen.
Die Anreise und der Wetterbericht versprachen Traumwetter, und am Freitagnachmittag
fanden sich in der Braunschweiger Hütte noch drei weitere Wildspitz-Aspiranten
zusammen: Günter Wefers, Thorsten Schubert und Harald Schnatz.
Die Nacht im komfortablen Bett hätte erholsam sein können, aber mein Körper wollte sich lieber auf die Hüttenhöhe anpassen statt zu schlafen. Die Hüttenbewohner lagen noch in tiefem Schlummer, als wir unsere Ausrüstung anlegten und noch schnell ein Schnittchen vereinnahmten. Wanderstart 5:30 Uhr: Die freudige Erwartung und die klare kalte Luft blies die Müdigkeit im nu davon. Noch war sternklare Nacht und der Himmel funkelte in einer Sternenpracht, die man in urbanen Gebieten vergeblich sucht. Wir folgten flotten Schrittes dem Schein unserer Stirnlampen hinab zum Gletscher. Der in den Tagen zuvor gefallene Neuschnee – noch fest gefroren von der Nacht – knirschte unter den Sohlen und weckte Erinnerungen an einen Winter, wie man ihn sich wünscht. Bläulich schimmerten noch die Berge und Schneefelder, bis gegen 6:15 Uhr der neue Tag langsam seine Hand über die Berge tastend ausstreckte. Noch sollte es einige Zeit dauern, bis sich die Schatten langsam wieder in die Berge verkrochen, um einem Kaiserwetter Platz zu machen.
![]() |
Einhellig kamen wir schnell zur Erkenntnis: wir sind zu warm angezogen, denn unsere forsche Gangart ließ die innere Heizung auf vollen Touren bollern. Die schnellste Route überquert den Mittelbergferner auf einem fähnchenmarkierten Weg. Noch unverbrauchte Motivation ließ uns schnell den folgenden Felsabsatz erreichen, der mit seinem rotbraunen, gletscherrund geschliffenen Felsterrassenband schon am Tag zuvor ein Farbtupf in der weißen Umgebung war.
An der noch in Sommerruhe erstarrten Skitalstation wurden unsere Kräfte für den folgenden Gletscheranstieg aufgefrischt. Jetzt tauchten die ersten Sonnenstrahlen die Spitze des rechten Fernerkogels und die Bergstation der Pitz-Panoramabahn auf dem Hinteren Brunnenkogel in pastelloranges Licht. Mit 300 mm Brennweite konservierte ich den Augenblick auf einem Dia. Eine Seitenmoräne bot etwas Aufstiegshilfe, um nicht gleich mit Steigeisen losstapfen zu müssen. Das Mittelbergjoch bot ein Aussichtsfenster auf den Taschachferner und damit auf unseren weiteren Weg.
Ausgeruht und gestärkt formierte sich nun unsere Gruppe als Seilschaft. Wir folgten einem vorhandenen Pfad und noch schienen alle Seilschaften zu schlafen, zu sehen war noch lange keine. Ich hatte Glück, daß meine Seilschaftskameraden Verständnis hatten, ab und zu für ein Foto anzuhalten und dabei die in den neuen Tag erwachende Gletscherlandschaft mit teils bizarren Eisbrüchen und der Aussicht auf die dunklen Bergspitzen in Kontrast dazu - in uns aufzunehmen. Für mich ist das Ziel einer Hochtour nicht das schnelle Erreichen des Gipfels und zurück, sondern der Weg mit dem Genießen von Natur und Aussicht ist mein Ziel und ein Gipfel das Tüpfelchen auf dem „I“.....Und diesem Tüpfelchen näherten wir uns jetzt: der Wildspitze. Majestätisch thronte diese Zacke mit ihrem Gipfelgrat und wir Winzlinge erdreisteten uns, ihr aufs Dach zusteigen.
Der Nordwind hatte die typische und ausgeprägt überhängende Schneewächte an der Aufstiegsflanke des Normalweges geschaffen, und bevor ich die Gipfelzacke anging, gönnte ich mir ein halbes Stündchen Pause und schätzte ein, daß Pickel und Steigeisen bei der steilen Neigung des schneeverharrschten Auf- bzw. Abstiegs nützlich sein könnten. Meine Kameraden hatten so viel Gipfelauftrieb, daß sie sich ohne diese Ausrüstung - noch bevor sich das Viertelstündchen rundete - auf den Weg machten. Sie kamen später zur gleichen Erkenntnis und waren froh, daß ich als Nachzügler ihre Steigeisen und Pickel nachbrachte. Leider mußte ich diese Dinge kurz unterhalb des Gipfels deponieren, weil die letzten Meter einige kraxlige Felspassagen hatte, die Konzentration und den Einsatz beider Hände erforderten. Mit Steigeisen ist auf glatten Felsen auch nicht so gut Kirschen essen und glücklich, es geschafft zu haben, gabs ein „Berg Heil“ für alle am Gipfelkreuz auf 3778 m. Die Gefährten waren nun schon wieder auf dem Rückweg seilgesichert durch die Felspassage zum Ausrüstungsdepot abgestiegen. Mit Steigeisen und Pickel gönnte ich mir den im Juli verwehrten Gratweg zum Ostgipfel. Die Sonne gleißte auf der Firnfläche der steilen Schneeflanke. Eine Rutschpartie hier dürfte dem freien Fall recht nahe kommen. Viel angenehmer war es da, die Gedanken auf die Aussicht ringsum zu lenken: eine Weitsicht, wie sie sicherlich nur an wenigen Tagen im Jahr zu haben ist – von der Wildspitze mitten im Meer aus Schnee und Felsspitzen.
Die Sonne meinte es richtig gut und der fehlende Wind ließ uns ihre Wärme spüren. Jeder hat auf seine Weise die Wildspitze genossen, und der Rückweg gestaltete sich ebenso problemlos wie der Hinweg. Mangels einer guten Gletscherbrille hatte ich mir zwar ein kleines Augenproblem eingefangen....doch das wird zur nächsten Tour besser sein – da bin ich mir sicher. Der Seilschaftserste rief ab und zu „Spalte“, wenn der Weg gerade mal wieder an einer solchen vorbei ging, und teilweise gähnte dann ein finsteres Loch aus der gleißend weißen Fläche, das erahnen ließ, daß der Gletscher seine Gefahren erst bei näherer Betrachtung zeigt. Und was eben noch ein gemütlicher Spazierweg war, könnte in der schmelzenden Sonne des Tages ein gefräßiges Spaltenloch werden.
Den Rückweg erstapften wir uns querfeldein auf einer neuen Spur auf dem Mittelbergferner, nun schon die Braunschweiger Hütte als Ziel vor Augen. Zum letzten Anstieg zur Hütte mußte ich die letzten Kraftreserven auspacken, denn so eine 12 Stunden-Tour schlaucht doch einiges aus einem nicht angepaßten, unausgeschlafenen Körper heraus. Es war eine grandiose Tour und es entstanden schöne Dias, wovon ihr Anfang nächsten Jahres eine kleine Auswahl zu einem Gruppenabend sehen werdet.
Thomas Göldner