Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2005/3
Klettergruppe

Eine Besteigung des Fudschijama

"The Fuji? You want to climb Mount Fuji?" Mein Gegenüber und Betreuer in Japan Shigeru Saito sah mich ungläubig an. Morgen? Ja, am morgigen Sonnabend. Die anderen zumeist jüngeren Mitarbeiter des japanischen Luft- und Raumfahrtzentrums NAL am Tisch grinsten. Der will auf den Fuji? Meint der das ernst? Soll lieber Besichtigung und Einkäufe in Tokio machen. Ich meinte es ernst, war mit meinem Vorhaben aber erst ziemlich spät herausgerückt. Wer will sich schon tagelang Widerworte anhören. Zudem verhieß der Wetterbericht für Morgen ein Zwischenhoch.

Wie komme ich von Kochijoji im Großraum Tokio zum Berg? - das war die Hauptfrage. Hierbei half mir die Rezeption meines Hotels, obwohl dieser Wunsch auch für die jungen Damen hinter dem Tresen offensichtlich ungewöhnlich war. Aber nach einer halben Stunde hatte ich Fahrplan-Daten. Abends beim Dinner mit meinen Gastgebern versorgte mich Shigeru mit weiteren Unterlagen über den Fujisan - wie er auf Japanisch heißt - aus dem www. Mit dem "früh zu Bett gehen" wurde allerdings nichts. Die Herren Kollegen wollten den geladenen Gast zu einigen forschungspolitischen Fragen der Art - wie macht ihr das in Deutschland? - befragen. Es wurde 11.30 Uhr bevor ich ins Bett kam.

Nächster Morgen 4.30 Uhr Aufstehen; 5.30 Uhr Vorortzug nach Shinjuku - dem Tokioter Westbahnhof; mit dem Highway-Bus nach Kawaguchico am Fuß des Fujisan; von hier ein erster und an diesem Tage letzter Blick auf den aus dieser Perspektive recht steilen und spitzen Berg; Weiterfahrt mit dem Nationalpark-Bus zum Endpunkt der Straße, nahe der"Station 5" in 2300 m Höhe am Süd-Ost Abhang des z.Z. ruhigen Vulkans.

Die Besteigung des Fujisan, die schon seit Jahrhunderten gepflegt wird, ist eine klassische Bergtour, die vom Ausgangspunkt Fuji-Yoshida über 9 Stationen - das sind Baracken-artige Berghütten - auf den Gipfel in 3776 m Höhe geht. Der Weg wird gesäumt von einer Reihe kleiner Tempelanlagen und Schreinen. Heutzutage beginnt die Besteigung am Endpunkt der Nationalpark-Straße unweit der Station 5. Dieser Endpunkt ist zeitgemäß als riesiger Parkplatz mit Tages-Gaststätten, Souvenirläden, Pferdekutschen- und Eselverleih ausgebaut. Um einen Fehlstart zu vermeiden - inzwischen ist es 10.30 Uhr geworden - konsultiere ich eine Souvenir-Verkäuferin, die mir eine einfache und klare Skizze des Aufstiegs in die Hand drückt. Hurra, auf Englisch!

Der Fudschijama
Der Fudschijama
Foto: Horst Körner

Mein Aufstieg startet flott. Ein richtiger Weg führt durch Laub- und Nadelwald vergleichbar dem Anstieg auf den Brocken, wenn man das Ilsetal verlässt. Ab 2600 m ändert sich die Szenerie. Ich habe die Baumgrenze erreicht und vor mir breiten sich dunkelbraune und schwarze Lava-Schotterfelder aus. Geradewegs nach oben zieht, eingerahmt von den Lava-Feldern, ein graugrüner Rücken, auf dem sich die Hütten nach oben stapeln - die weiteren Stationen oder Unter-Stationen. Zunächst geht's aber noch in Serpentinen über Schotter-Gelände, wobei die aufsteigenden Trassen durch massive Mauern gestützt werden - welch ein Aufwand. Der Weg gleicht eher einer Aufmarsch-Straße für eine Heeres-Kompanie denn einem Bergsteig. Und auch der Zivilisationsmüll ist hier mehr als reichlich vorhanden. Dann ändert sich plötzlich das Gelände: felsiges Terrain, es beginnt Kletterei des Schwierigkeitsgrads I bis I+, öfter mit Klettersteig-Sicherungen. Die erste Hütte auf dem Felsrücken in 2750m Höhe: ich steige ihr entgegen und laufe über die gesamte talseitig gelegene Terrasse. Das wiederholt sich in der Folge mehr als ein Dutzend mal und zwar immer abwechselnd - Terrasse von links nach rechts, nächste Hütte Terrasse von rechts nach links und jeweils eine bombige Aussicht ins Land.

Die meisten Hütten sind noch geschlossen, verriegelt, vernagelt; in einigen werden Reparaturarbeiten für die anstehende Saison durchgeführt; nur zwei Hütten sind schon geöffnet. Wir haben den 23. Juni, die Saison hat noch nicht begonnen.

Auch der Ansturm der Fujisan-Bezwinger hält sich noch in Grenzen. Außer einer Japaner-Gruppe von 20 Leuten, die ich später nicht wieder sah, waren nur einzelne unterwegs. Weiter oben überholte ich eine Vierer-Gruppe junger englischer Frauen, die Witze reißend und feixend unterwegs waren.

Der Gipfel hatte sich in Wolken gehüllt, der Nebel kam herunter, es fing an zu regnen. "Sie wissen, dass der Nationalpark um 5 Uhr geschlossen wird?" bemerkte ein mir Entgegenkommender. Ich wusste es nicht, aber nachdem ich nun schon bis etwa 3000 m aufgestiegen war, wollte ich trotz der Wettersuppe über mir weiter. Den Shinkansen am nächsten Tage von Tokio nach Utsonomia um 12 Uhr würde ich schon irgendwie erreichen. Weiter oben waren alle Hütten noch vernagelt. Es regnet stärker, von Zeit zu Zeit stürmt es heftig. Mein letzter 3$-Apfel schmeckt hervorragend - Äpfel sind eine Rarität und teuer in Japan. Der Felsrücken endet, es geht wieder in die Schlacken-Halden. An jeder Krümmung des Weges gibt es mindestens ein Hinweisschild zum Gipfel - aber keine Höhenangaben. Irrtum, ein herabkommender Japaner klärt mich auf: "Sehen Sie, hier steht 3250" und er erläutert mir die japanischen Ziffern. Schneefelder begleiten mich nun schon seit einiger Zeit. Die Sicht wird schlechter, der Regen ist mit Schnee durchsetzt. Wieder durchschreite ich ein Portal zu einem Schrein: 500 oder auch 1000 Glöckchen hängen an Bändern verschlungen in einer Nische und bimmeln im Wind. Kein Mensch. Eine seltsame Stimmung.

Der Fudschijama
Der Fudschijama
Foto: Horst Körner

Dann, nach nahezu 5 Stunden stetigen Aufstiegs lehnt sich der Hang zurück, ich steige durch ein weiteres Portal, rechts und links steinerne Löwen, die Treppe endet auf einem kleinen Platz, vor mir eine Stele, ein kleiner Tempel, verschlossene Holzgebäude, Schneewehen, kein Mensch. Es geht nicht mehr höher, hinter den Buden geht es hinab in den Krater, aber zu sehen ist heute nichts. Ich bin wirklich oben. In solchen Augenblicken bin ich auch nicht ganz frei von Rührung. Gemeinsam mit den Engländerinnen, die jetzt auch ankommen sind, gibt es einen Freudentanz.

Dann, nichts wie zurück. Vom Gürtel bis zu den Füssen bin ich völlig durchnässt. Jetzt immer in Bewegung bleiben bei Kälte, Sturm und Regen. Der Felsrücken scheint mir jetzt doch eher Schwierigkeitsgrad II zu sein. Vorsicht, nur kein Unfall. Um 7 Uhr bin ich wieder am Endpunkt der NationalparkStraße und inzwischen wieder weitgehend abgetrocknet. Doch was finde ich vor? Die ganze riesige Ausflugsstation für Auto- und Busbummler ist verwaist, kein Mensch, alles geschlossen, beleuchtet in der beginnenden Dämmerung nur die Getränkeautomaten und der Schrein. Keine Chance, weg zu kommen oder auch nur ein Quartier zu finden. Ich muss zurück zur Station 5, die ich beim Abstieg hatte seitab liegen lassen. Nach weiteren 30 Minuten lande ich dort und werde, englisch radebrechend aber sehr freundlich, vom Hüttenwirt aufgenommen. Der Gastraum der Station hat als zentrales Möbelstück einen aus einem 200-Liter-Ölfass gefertigten Kohlenofen, der in einer mit Lehm ausgestampften flachen Grube steht. Abendessen findet an einem etwa 40 cm hohen Tisch statt, um den her-Auf dem Gipfel Foto: Horst Körner um die wenigen Gäste und ich im Schneidersitz Platz nehmen. Die Unterhaltung mit den anderen geschieht mit Händen und Füßen und einigen überall in der Welt verstandenen Schlagworten. Ich fühlte mich rundum wohl.

Der richtig teure Teil des Unternehmens kam am nächsten Morgen. Ich musste, um meinen Anschluss-Termin einzuhalten, nach Parköffnung um 7 Uhr ein Taxi nach Kawaguchico nehmen und das schlug mit 130 $ zu Buche. Aber man gibt ja für viele andere nutzlose Dinge auch Geld aus.

Schlussbemerkung:

Die Besteigung des Fudschijama wird im Regelfall in zwei Tagen gemacht: am ersten Tag Aufstieg zu einer Station, die mindestens 3000 m hoch liegt, vorzugsweise Station 8 in 3450 m Höhe, am nächsten Morgen, noch in der Nacht Aufbruch, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu erleben. Die Saison beginnt je nach Schneelage um den 1.Juli herum und geht bis Ende August, d.h. dann sind alle Stationen geöffnet. Es ist dann aber auch sehr viel Betrieb, so dass bei gutem Wetter eine endlose Schlange bis auf den Gipfel führt. Für den Aufstieg muss man je nach Kondition 4 bis 6 Stunden rechnen, in einer Stunde kann man bei guten Verhältnissen den Krater umrunden. Fahrtkosten ab Tokio/Shinjuku mit dem Highway-Bus nach Kawaguchico rund 50 $, Busfahrt in den Nationalpark rund 40 $, alles hin und zurück. Übernachtung , Abendessen und Frühstück in einer Station 60 - 70 $.

Mein Gastgeber und Begleiter auf meiner Japan-Tour Shigeru Saito konnte es sich in der Folgewoche nicht verkneifen, bei jedem neuen Firmenbesuch darauf hinzuweisen, dass ich den Mount Fuji bestiegen hätte, gestern, vorgestern, letzten Sonnabend. Aber nicht nur deswegen bin ich gut gelaunt aus Japan zurückgekommen.

Prof. Dr.-Ing. Horst Körner

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 24. August 2005