Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2005/3
Hochtourengruppe

Frühjahrskletterfahrt zum Iseo-See in der Lombardei

Morgennebel schwebt über dem Luganer See. Wir steuern unser Fahrzeug weiter durch eine endlose Reihe von Ortschaften. Endlich, nach 2 Stunden quälendem "Stadtverkehr", erblicke wir den Iseosee, unser Ziel. Im Ort Pisogne bietet uns der Campingplatz "Eden" einen geeigneten Stützpunkt für unsere diesjährige Frühjahrsfahrt: eine Woche klettern liegt vor uns!

Der Platz direkt am Ufer schenkte uns Sonne von 8.00 bis 20.00 Uhr. Einige Klettergärten waren nur wenige Autominuten entfernt. Noch am Nachmittag kletterten wir im T-Shirt an den ersten Felsen (Monticolo bei Boario) und stellten auch gleich fest, dass die Angaben in unserem italienischen Kletterbuch "nicht ganz" mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Die Routen waren 6080m lang (Schwierigkeit franz. 4a bis 5a) und gut mit Bohrhaken ausgestattet; der Fels granitähnlich, verlangte Reibungskletterei, bot aber auch Risse und Kanten.

Die warme Morgensonne tags darauf motivierte uns, in die Berge zu fahren: der Klettergarten Lantana beim Ort Castione lag auf ca. 1000m Höhe. Er empfing uns mit fantastisch rauhem Kalkfels und fingerfreundlichen Löchern und Rissen. An der ersten Wand klapperten wir alles ab, was zwischen Schwierigkeit 4c und 5c war. In einer Jahreszeit, bei der für den Harz noch Anorak oder Fleece notwendig sind, kletterten wir auch hier im T-shirt.

Längere Routen versprach der Kletterführer für das Gebiet von Rogno unweit des Zeltplatzes:

Der Iseo-See
Der Iseo-See
Foto:Ronald Scheffer

Felsklötze und Grate, die ähnlich wie im Okertal aus dem Wald herausragten, nur etwas größer. Bald standen wir am Fuß der "Cheopspyramide" und zählten anhand der Hakenreihen sechs Routen, im Kletterführer waren nur vier aufgelistet. Hhm! Der rote Granit, mit Kieselsteinen gespickt, erweckte keinen sehr festen Eindruck. Während das Trio Ronald-Gerhild-Peter sich an einem leicht aussehenden Grat versuchte, vertrauten Jens und ich auf zwei Italiener, die eine gekletterte Route als sehr schön anpriesen. Laut Topo waren es drei Seillängen und, wie bei Mehrseillängenrouten üblich, waren die Hakenabstände im größeren Abstand. Entsprechend vorsichtig schob ich mich nach oben. Das Gestein war in der Tat etwas "weich". Die zweite Seillänge übernahm dann Jens und erwischte damit auch die schwierigere. Die Schlüsselstelle, etwa 3-4m über dem letzten Haken, erforderte volle Konzentration aber auch Vertrauen auf die Reibungstritte und kleinen Felsschuppen. Überraschung am Standplatz: die letzte Seillänge war ein nur 5m langer Quergang, der zum steilen Abstiegspfad führte. Wir beschlossen, der Dreierseilschaft, die noch am Grat war, zu folgen. Diese Route war länger, aber auch deutlich leichter (3b/4a). Beim Ausstieg trafen wir auf Peter, während Gerhild und Ronald bereits wieder unten in eine weitere Route gestartet waren. Also auch wir wieder bergab und in die Nachbarroute eingestiegen. Die neue Kletterei war sofort anspruchsvoller, und kurz vor dem Stand kamen die schwierigsten Meter. Seil und Schwerkraft zogen ganz schön...(wo war eigentlich der letzte Haken?). Im Abstand von wenigen Metern legte ich zwei Zwischensicherungen und kurze Zeit danach - immer noch nicht am Bohrhaken angelangt - ertönte ein "klank" : die Keile waren wieder draußen! Mit weichen Knien und feuchten Händen erreichte ich den Standplatz und war froh, dass nun Jens wieder übernahm. Die zweite Seillänge entpuppte sich als genauso schwierig. Auch hier, kurz vor dem Stand die Schlüsselstelle, für die Jens dreimal ansetzte. Aber letztendlich schwang er sich souverän über die glatte Kante: Jens war gut in Form, ein verlässlicher Seilpartner. - Alle vereint, machten wir uns auf die Suche nach etwas Leichterem. Jens und Ronald wollten eine Route mit 5 Seillängen klettern, Gerhild und ich eine mit 4 Seillängen (beide im Buch mit 4a beschrieben, allerdings ohne Topo). Wir folgten einem Pfad bis zu einem Pfeiler, den wir kurzerhand als den richtigen definierten. Die erste Seillänge war einfach, nur ein Haken, aber nach 30m ein Ring. Zuversichtlich kletterten wir weiter. Eine Steilstufe offenbarte sich als recht heikel, abweisend und u. E. ganz und gar nicht als 4a. Die dritte Seillänge , gänzlich ohne Haken, überraschte uns an ihrem Ende mit einem 5m hohen Felskopf - der könnte auch irgendwo im Elbsandsteingebirge stehen. Die drei einsehbaren Seiten des Kopfes fielen senkrecht nach unten ab, und das ganze Gebilde war nur durch einen kühnen Sprung zu erreichen. Nach Ermittlung unserer "Kühnheit" erklärten wir die Tour als beendet und seilten einen Überhang in eine kleine Schlucht ab. Durch Dickicht ging es auf einem Pfad nach unten. Am Pfeilerfuß trafen wir auf Peter. Er war nicht mitgeklettert, sondern fungierte als Verbindungsmann zwischen den beiden Seilschaften. Später erfuhren wir, dass es Ronald und Jens ähnlich ergangen war: unklarer Verlauf, kaum Haken und teilweise schwerer als erwartet (vergleichbar mit alpinen Routen). Mit der Erkenntnis, dass unser Kletterbuch einige weitere Defizite beinhaltet, beendeten wir diesen Klettertag und strebten dem nächsten (kulinarischen) Höhepunkt entgegen.

Jens und Klaus planen den Aufstieg auf die Pyramide
Jens und Klaus planen den Aufstieg auf die Pyramide
Foto:Ronald Scheffer

Der Besuch der Kletterfelsen von Castro und Predore - zwei Dörfer direkt am See - brachte uns dann vollen Klettergartengenuß: korrekte Routenbeschreibung, Orientierungstafeln und sogar einen Picknickplatz; das Klettern an festem, griffigem Kalk und der Ausblick auf den Iseosee begeisterten uns. Eine Ameiseninvasion in unseren Rucksäcken konnten wir daher auch mit einem gelassenen Lächeln quittieren. Während die 5b Routen des Granits mir - noch beim Schreiben - Schauer über den Rücken jagten, waren hier im Kalk sogar die 5c's entspannender. Die dicht gesetzten Haken trugen das ihre dazu bei.

Ein anderes Klettergebiet lag auf 1800m Höhe. Der Besuch dort artete, anstelle einer zünftigen Kletterei, in eine spannende Autofahrt aus: Nach einer knappen Stunde Fahrt

erblickten wir im letzten Ort ein durchaus lesbares Schild >chiuso< (geschlossen), welches eventuell den Zustand der Passstraße angab. Allerdings vertrauten wir mehrheitlich der Aussage eines sehr kompetent wirkenden Gemüsehändlers, aus dessen Wortschwall wir das entsprechende >aperto< (offen) entnahmen. So fuhren wir beherzt im zweiten Gang bergauf und wanden uns auf einspuriger Fahrbahn Kurve um Kurve der Passhöhe entgegen. Ein letztes Schild >chiuso< (s.o.) lachte uns neben einer offenen Schranke entgegen, und die Bedenken eines einzelnen Beifahrers wurden demokratisch überstimmt. Im Schritttempo näherten wir uns der Passhöhe. Die Straße war übersät mit Steinen und Altschnee, dazwischen eine schmale Fahrspur; auf der Passhöhe dann einige Autos und Wanderer. Diese lösten eine gewisse Beruhigung aus, und wir steuerten den 200m tiefer gelegenen Klettergarten an. Zugang über eine "sehr feuchte Wiese", dahinter feste, hellgraue Granitplatten mit Schuppen (ähnlich der Warzenwand im Harz) inmitten einer tollen Bergkulisse. Leider setzte Regen ein, nachdem wir nur 2 Seillängen geklettert waren. Auf der Rückfahrt kam schon bald wieder die Sonne heraus, die auch den ganzen Tag am Iseosee geschienen hatte.

Fazit: Sechs Tage klettern an schönen und nicht ganz-so-schönen Felsen in warmer Frühlingssonne, Cappuccino in Straßencafés und ein Zeltplatz, der durchaus ein Geheimtip sein kann. Mal schauen, auf welches Gebiet wir uns im nächsten Frühjahr einigen.

Einige zieht es ja ans Meer nach Kroatien...

Klaus Steube

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 24. August 2005