Wie im Vorjahr, bin ich auch im Sommer 2005 mit Manfred Graul im Alpenraum
unterwegs.
Allerdings sind wir zunächst in verschiedenen "Basislagern" anzutreffen:
Manfred bezieht
Quartier bei langjährigen Freunden in Garmisch, während ich mit Frau
und Rauhaarteckel einige
Regentage in Weilheim, unweit des Ammersees, verbringe. Einige Landstriche
im
Oberbayerischen waren sogar vom Hochwasser heimgesucht.
Am späten Vormittag klettere ich in Garmisch aus der Regiobahn. Manfred
erwartet mich schon.
Mit dem Auto fahren wir wenig später in Richtung Südtirol. Es regnet
erneut.
Kurz nach 14.00 Uhr biegen wir von der alten Brennerstraße in das Pustertal
ein. Die Bewölkung
lockert mehr und mehr auf. Es regnet nicht mehr. Schon wenige Kilometer hinter
Brunneck zeigen
sich die ersten Gipfel der Pragser Dolomiten. Das Altpragser Tal ist bald erreicht.
Wir fahren
weiter zum Alpengasthof Brückele (1491 m) und halten schließlich
am Parkplatz auf der
Plätzwiese. Die ersten Sonnenstrahlen zeigen sich.
Von nun an geht es zu Fuß weiter. In nur wenigen Minuten sind wir an
der Plätzwiesenhütte
(1993 m) und eine halbe Stunde später an der Dürrenstein-Hütte
(2040 m). Wir übernachten hier.
Von der Hütte aus ist die Aussicht auf die Cristallo-Gruppe faszinierend.
Im Norden erhebt sich
der Dürrenstein (2839 m), im Westen die Hohe Gaisl (3139 m).
Ein junger Mann aus Celle gesellt sich abends zu uns. Manfred berichtet von
Gipfelbesteigungen
vergangener Tage. Wir hören gebannt zu.
Plätzwiese - Plätzwiesenhütte - Dürrenstein-Hütte
Tourenlänge: 2,5 km ; Wanderzeit: ½ h ; Höhenunterschied:
50 m Anstieg
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Unweit der Dürrenstein-Hütte:
Blick auf das Cristallo-Massiv
Foto: Horst-Dieter Meißner |
Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Gleich nach dem Frühstück
wandern wir frohgelaunt
los. Eine anspruchsvolle Höhenwanderung liegt vor uns.
Auf dem Dolomitenhöhenweg 3 geht es zunächst bergwärts und dann
abwärts an den
Strudelköpfen (2308 m) vorbei. Latschenkiefern und Lärchen säumen
den schmalen Pfad.
Dazwischen eine Blumenvielfalt. Die Alpenrosen stehen in voller Blüte.
Vor uns erheben sich die Drei
Zinnen. Weiter unten liegt der Dürrensee (1406 m). Doch schon kurz vor
dem See wird es ernst.
In Serpentinen müssen wir zum Monte Piano (2301 m) auf dem Pioniersteig
steil ansteigen. Die
Sonne brennt. Wir machen viele, viele kleine Pausen und quälen uns in über
vier Stunden bis
zum Gipfel. Oben angekommen, ist der Akku gänzlich leer.
Noch am Monte Piana (2324 m) vorbei und zur Bosi Hütte sind es jetzt nur
noch ein paar
Minuten auf dem Hochplateau. Falsch gedacht. Ein Wirrwarr an Schützengräben
aus dem
1. Weltkrieg lässt den Weiterweg nicht gleich erkennen, so dass wir erst
gegen 18.00 Uhr an der
Hütte sind.
Eine heiße Dusche weckt neue Lebensgeister. Erst jetzt können wir
in aller Ruhe das wiederum
herrliche Panorama genießen: Von den Drei Zinnen über die Cadini-
und Marmarole-Gruppe
bis hin zum Sorapis-Massiv und Monte Cristallo reicht unser Blick. Unten liegt
der Misurinasee.
Beim Abendbrot sitzen sämtliche Gäste an einem Tisch - vier Hannoveraner,
unser Bergfreund
aus Celle und wir aus Braunschweig. Alle nehmen Halbpension. In lustiger Runde
gibt es einiges
zu erzählen. Wir lachen viel.
Dürrenstein Hütte - Hotel Drei Zinnen Blick - Pioniersteig - Monte
Piano - Monte Piana - Bosi Hütte
Tourenlänge: 13 km ; Wanderzeit: 7 ¾ h ; Höhenunterschiede:
1150 m An- und 900 m Abstieg
Zunächst wandern wir auf dem Hüttenfahrweg entlang und sind schon
bald am Misurinasee. Der
Sorapiss-Block erhebt sich majestätisch dahinter. Um keine Kräfte
für die morgige hochalpine
Klettertour zu vergeuden, nehmen wir um 12.00 Uhr den Dolomitibus, der uns
zum Passo Tre
Croci (1809 m) bringt.
Noch vor dem Pass biegt der Höhenweg 3 links in den Wald ein. Der Pfad
leitet uns - mitunter
über Holztreppen, dann wieder helfen Seilsicherungen - in Richtung Sorapiss
Hütte (1928 m).
Nach etwa zwei Stunden haben wir die Hütte erreicht. Das Sorapissmassiv
erhebt sich vor uns.
In der Ferne zeigen sich die Gipfel der Cadini. Wir sitzen bis zum frühen
Abend in der Sonne
Bosi Hütte -Misurinasee (Dolomitibus) - Passo Tre Croci - Sorapiss Hütte
Tourenlänge: 11 km ; Wanderzeit: 3 ¼ h ; Höhenunterschiede:
200 m An- und 500 m Abstieg
Drei Klettersteige umspannen den Sorapissfelsblock. Da sind zum einen der Sentiero
Minazio
und die Ferrata Vandelli. Beide waren bereits vor einigen Jahren eine Herausforderung
für mich.
Heute soll sich mit dem Berti-Steig der Kreis schließen.
Der Höhenweg 3 bringt uns früh morgens am Lago del Sorapiss vorbei
in den Felskessel der
Sorapiss (3205 m). Mittendrin thront mahnend der Dito di Dio (2723 m), der
Finger Gottes.
Erstmals begleitet uns Mark aus Celle.
Anfangs führt der Steig über Schotter, dann durch eine Gebirgsmulde.
Kurz darauf geht die Kletterei
los. Zunächst arbeiten wir uns am nackten Fels ohne Sicherung nach oben.
Schließlich müssen wir
auf einem langen Felsband entlang. Gähnende Tiefe. Endlich führt
die Via ferrata jedoch steil aufwärts.
Ohne Drahtseile und Leitern ginge hier nichts. Der höchste Punkt liegt
bei 2620 m.
Am Biwak Slataper hat die Zitterpartie ein Ende. Nachdem wir tief durchgeatmet
haben, können
wir die Sicht auf die zahlreichen Dolomitengipfel genießen.
An der Forcella Grande (2250 m) vereinen sich die Steige. Die Dolomitenhöhenwege
3, 4 und
5 treffen hier ebenfalls zusammen. Wir steigen in südlicher Richtung ab
und sind am späten
Nachmittag im Rifugio San Marco (1820 m). Die ersten Regentropfen fallen. Als
der Donner
grollt, sind wir längst in der Hütte.
Von der Aussichtsplattform nahe der Hütte sind der Monte Pelmo (3168 m)
und Antelao (3263m)
zum Greifen nahe.
Sorapiss Hütte - Berti Steig - Biv. Slataper - Forcella
Grande - Rifugio San Marco
Tourenlänge: 11 km ; Wanderzeit: 9 h ; Höhenunterschiede: 750 m An-
und 850 m Abstieg
Das Rifugio San Marco verlassen wir früh. Es geht abwärts ins Boitetal
- zunächst auf einem
Bergpfad, der wenig später in einen Karrenweg ausläuft. Wir kommen
am Rifugio Scoter vorbei.
Nach etwa einer dreiviertel Stunde sitzen wir allerdings schon neben unserem
Hüttenwirt, der
uns in seinem Jeep bis San Vito di Cadore und dann sogar bis Serdes (1011 m)
mitnimmt. Von
nun an müssen wir wieder bergauf und stehen nach dreieinhalb Stunden bei
bestem
Wanderwetter vor dem Rifugio Venezia (1946 m). Der Monte Pelmo (3168 m) thront
darüber.
Links dahinter der Pelmetto (2990 m).
Mark hat sich inzwischen von uns verabschiedet. Er bevorzugt eine schnellere
Gangart.
Im Rifugio Venezia gibt es für uns keine Übernachtungsmöglichkeiten
mehr. Wir machen daher
nur eine kurze Rast und stärken uns mit einem Teller Minestrone.
Gleich hinter dem Rifugio treffen wir auf den Dolomitenhöhenweg 1, der
von nun an unser Weg
sein wird. Der südlichste Punkt unserer Höhenwanderung ist erreicht.
Ganz in der Nähe erheben
sich die Gipfel der Civetta. Wir streben jetzt nach Norden zur Forcella Staulanza
(1766 m).
Im Rifugio Passo Staulanza finden wir Unterkunft.
Rifugio San Marco - Rifugio Scoter (Jeep) - San Vito di Cadore (Jeep) - Serdes
-
Rifugio Venezia - Forcella Staulanza - Rifugio Passo Staulanza
Tourenlänge: 15 km ; Wanderzeit: 6 ¾ h ; Höhenunterschiede:
1000 m An- und 800 m Abstieg
Wir müssen erneut umdenken. Im Rifugio Passo Giau sind ebenfalls schon
- wie ein Anruf
ergeben hat - sämtliche Betten belegt. Unser Ziel für heute ist daher
das Rifugio Palmieri
(2042 m) am Lago di Federa.
Eine kühle Brise weht uns am Morgen entgegen. Der 1er führt uns am
Rifugio Citta di Fiume
(1799 m) vorbei, ansteigend weiter zur Forcella Col Duro (2293 m). Zurückblickend
werfen wir
einen letzten Blick auf den Monte Pelmo. An der Forcella Ambriola (2277 m)
geht es peu a peu
abwärts zur Palmieri Hütte.
Vor der Hütte herrscht rege Betriebsamkeit. Erst am späten Nachmittag
kehrt Ruhe ein. Wir
lassen uns von der Sonne verwöhnen.
Im Lago di Federa spiegelt sich die Croda da Lago (2709 m) wider. Der Becco
di Mezzodi
(2602 m), der Mittagsgipfel, erhebt sich vor uns. Imposant.
Forcella Straulanza - Rifugio Citta di Fiume - Forcella Col Duro - Forcella
Ambriola -
Rifugio Palmieri
Tourenlänge: 9,5 km ; Wanderzeit: 4 ¼ h ; Höhenunterschiede:
500 m An- und 200 m Abstieg
Das Gebimmel der Kuhglocken weckt uns früh morgens.
Die Sonne strahlt zunächst. Dann zieht
Dunst aus dem Tal auf. Wir müssen zurück zur Forcella Ambriola. Erst
kurz danach sind wir
wieder auf dem Höhenweg 1.
Der Höhenweg führt linkerhand am Monte Formin (2653 m) vorbei in
die Forcella Giau (2373 m)
und dann leicht abwärts zum Rifugio Passo Giau (2236 m). Die Sonne hat
wieder die Oberhand.
Vom Passo Giau steigen wir nicht auf den Nuvolausattel (2575 m) steil nach
oben, sondern
wählen die direkte Route zu den Cinque Torri, den Fünf Türmen.
Wir rasten in der gleichnamigen
Hütte (2137 m).
Bis zur Staatsstraße nimmt uns später eine junge Frau in ihrem Kleinbus
mit. Mille grazie. Hinauf
zum Rifugio Dibona (2083 m) müssen wir allerdings noch einmal ansteigen.
Kaum sind wir jedoch
in der Hütte, entlädt sich ein Gewitter. Der Regen prasselt. Sintflutartige
Regenfälle die halbe
Nacht.
Rifugio Palmieri - Forcella Ambriola - Forcella Giau - Passo Giau -
Rifugio Cinque Torre (Kleinbus) - Staatsstraße - Rifugio Dibona
Tourenlänge: 13,5 km ; Wanderzeit: 6 h ; Höhenunterschiede: 750 m
An- und 250 m Abstieg
Das Wetter hat sich verschlechtert. Dunkle Wolken
am Himmel. Es weht ein kalter Wind. Aber
nicht die Wetterlage hindert uns in unserem Tatendrang. Es sind vielmehr die
blasenübersäten
Füße von Manfred, die uns zwingen, unsere Höhenwanderung abzubrechen.
Glück im Unglück. Ein netter Mensch aus Niederösterreich chauffiert
uns bis zum Busbahnhof
nach Cortina d'Ampezzo. Leider verpassen wir den Dolomitibus, so dass wir ein
Taxi von hier
nach Schluderbach (1549 m) nehmen müssen.
Manfred beißt die Zähne zusammen, und so schaffen wir den letzten
Anstieg durch das Seeland
Tal zur Dürrenstein-Hütte sogar in etwas über zwei Stunden. Über
500 Höhenmeter waren zu
überwinden.
Rifugio Dibona (Pkw) - Cortina d'Ampezzo (Taxi) -Schluderbach
- Dürrenstein-Hütte
Tourenlänge: 6,5 km ; Wanderzeit: 2 ¼ h ; Höhenunterschied:
550 m Anstieg
Blauer Himmel. Als wir losgehen, liegt jedoch noch
die Kühle des Vortages
in der Luft. Manfred
in "Badelatschen" - der wunden Füße wegen. Nach einer
halben Stunde ist er jedoch erlöst. Wir
sind am Auto. Unsere Rucksäcke werden verstaut, und ab geht es in Richtung
Heimat.
Unsere Höhenwanderung hat zwar ein vorzeitiges Ende gefunden. Schließlich
waren auf dem
Dolomitenhöhen-Weg 1 noch zwei weitere Übernachtungen in der Fanes
und Seekofel Hütte vorgesehen.
Dennoch haben wir unvergleichliche Stunden in einer einzigartigen Gebirgslandschaft
erlebt. Die Erinnerung wird ewig bleiben.
Horst-Dieter Meißner