Im „zarten“ Alter von siebzig Jahren wollte ich noch einmal hoch hinauf: Einige Berggipfel rund um das Grödner Tal sollten es sein. Manfred Graul - nur unwesentlich jünger - war zunächst wiederum dabei. Mein Nachbar, Jürgen Pfeiffer, und Jürgen Köhler aus Wenden begleiteten uns. Beide bergerfahren und seit neustem auch AV-Mitglieder. Ausgangspunkt unserer Hochgebirgswanderung war St. Ulrich im Grödnertal.
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Auf dem Raschötz-Höhenweg zur Broglesalm. Im Hintergrund die Geißlergruppe mit Sass Rigais.
Foto: Horst-Dieter Meißner |
Mit dem Sessellift schweben wir von St. Ulrich (1236 m) um die 800 Höhenmeter nach oben. Rechts hinter uns in naher Ferne ist der Langkofel (3181 m) wolkenverhangen nur schemenhaft zu erkennen. Es ist später Vormittag.
Von der Bergstation (2107 m) aus halten wir uns links. Zur Raschötzhütte (2170 m) ist es nicht weit. Unser Nachtquartier - so dachten wir - haben wir in knapp einer halben Stunde erreicht. Doch welche Enttäuschung. Die Hütte ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Vermutlich schon seit Jahren. Auf dem Raschötz-Höhenweg müssen wir daher schon heute weiter.
In wenigen Minuten sind wir an der kleinen Wallfahrtskirche Heiligenkreuz. Kurz darauf stehen wir auf der Außerraschötz (2282 m). Ein Blumenmeer umgibt uns. Wir haben einen wunderschönen Blick auf die Südtiroler Berge. Zur Flitzerscharte müssen wir allerdings wieder absteigen, um dann zur Broglesscharte (2121 m) weiterzu-wandern.
An der Scharte steigen wir zur Broglesalm (2045 m) weiter ab. Vor und in der Hütte herrscht Hochbetrieb. Irgendwann sitzen auch wir in der Menge. Fermeda (2873 m), die Nadeln, Sass Rigais und Furchetta, beide nahezu gleich hoch, erheben sich vor uns.
Auch noch am späten Nachmittag sitzen wir vor der Almhütte. Die Wiesen leuchten gelb. Der Löwenzahn blüht. Erst als die Rindviecher im Stall sind, zieht es auch uns in die Gaststube. Doch schon zeitig suchen wir unsere Schlafstellen auf. Der morgige Tag wird es in sich haben. Mit dem Sass Rigais (3025 m) wollen wir den ersten Dreitausender schaffen.
St.Ulrich (Sessellift) - Raschötz-Bergstation - Raschötzhütte - Außerraschötz - Flitzerscharte - Broglesscharte - Brogleshütte
Tourenlänge: 8,5 km ; Wanderzeit: 3¼ h ; Höhenunterschiede: 450 m An- und 400 m Abstieg (ohne Sessellift)
Zunächst sind wir auf dem Adolf-Munkel-Weg, der uns weiter und weiter talwärts bringt. Nach etwa einer halben Stunde schwenken wir dann nach rechts hoch. Die Plackerei beginnt. Die Mittagsscharte (2760 m) liegt vor uns. Serpentine reiht sich an Serpentine. Alpenrosen zieren den steilen Pfad. In der Scharte haben wir über tausend Höhenmeter geschafft. Allerdings sind auch wir geschafft. Allein Jürgen Pfeiffer strotzt noch vor Kraft. Ihn zieht es weiter hoch. Der Rest der Mannschaft quält sich talwärts und später auf dem Weg 13 zur Regensburger Hütte (2057 m).
In die Mittagsschlucht muss Jürgen zunächst wieder absteigen. Der eigentliche Einstieg in den Klettersteig ist seilgesichert. Nach zwei Stunden steht er am Gipfelkreuz auf dem Sass Rigais und kann die herrliche Landschaft genießen.
Währenddessen erfrischen wir uns vor der Hütte mit kühlen Getränken. Kurz nach 14.00 Uhr treibt es uns jedoch nach innen. Der Himmel hat sich urplötzlich verdunkelt. Es donnert und blitzt. Der Regen prasselt. Jürgen sitzt irgendwo am Berg. Hoffentlich geschützt.
Doch am frühen Nachmittag ist auch unser Gipfelstürmer am Ziel. Wir atmen erleichtert auf.
Brogleshütte - Adolf-Munkel-Weg - Mittagsscharte - Mittagsschlucht - Klettersteig - Sass Rigais - Klettersteig - Mittagsscharte - Weg 13 - Regensburger Hütte
Tourenlänge: 9 km ; Wanderzeit: 7½ h ; Höhenunterschiede: 1500 m An- und 1000 m Abstieg
Auf dem Hüttenweg steigen wir bei bestem Wanderwetter zunächst abwärts. Dann müssen wir jedoch steil hinauf zur Pizzascharte (2491m). Der Steig windet sich durch Zirbenbestände und Latschenkiefern, später über Geröll. In der Scharte sind wir nach etwa zwei Stunden.
Weiter wandern wir wenig unterhalb des Kammes an der Montischella (2615 m) entlang hoch zum Col de la Pieres (2789 m). Seilsicherungen helfen stellenweise auf die riesige Hochfläche. Der Rundblick ist wiederum gigantisch.
Der Abstieg führt uns durch die Forcella Forces de Sielles (2512 m) über die Puez Alpe. Auf dem Dolomiten-höhenweg 2 erreichen wir die Puezhütte (2475 m) gegen 16.00 Uhr.
Die Hüttenwirtin weist uns zu allererst darauf hin, dass bei Selbstbedienung gleich zu bezahlen wäre. Ein netter Empfang. Vermutlich fallen dafür die Portionen etwas kleiner aus. Gottlob ist die Hütte an diesem Tag nur spärlich besucht.
Am Abend tobt sich wiederum ein Gewitter aus. Es schüttet wie aus Eimern.
Regensburger Hütte - Pizzascharte - Col de la Pieres - Forcella Forces de Sielles - Dolomitenhöhenweg 2 - Puezhütte
Tourenlänge: 9 km ; Wanderzeit: 6½ h ; Höhenunterschiede: 850 m An- und 400 m Abstieg
Das Blöken der Schafe weckt uns früh morgens. Erneut herrlichster Sonnenschein.
Der Puezkofel (2755 m) erhebt sich gleich hinter der Schutzhütte. Wir folgen dem Dolomitenhöhenweg 2 über die Cardenazza Hochfläche und später über die Crespeina. Eine öde Landschaft. Es geht nahezu eben dahin.
Zuerst aber werfen wir rechts einen Blick in das Langental. Dann windet sich auf der anderen Seite der Steig von La Villa, zu deutsch Stern, aus dem Abteital nach oben. Am Ciampaijoch (2388 m) kommt der Pfad von Kolfuschg hoch. Der Sass Songher (2663 m) zeigt sich dahinter. Am Crespeinasee vorbei gelangen wir aufwärts zum gleichnamigen Joch (2528 m). Oben an der Christusstatue haben wir einen prächtigen Blick auf den Langkofelstock.
Weiter geht es durch ein ausgedehntes Kar, das Val Chedul, erst abwärts, dann nach oben ins Cirjoch (2469 m). Zwischen Felsen hindurch gelangen wir hinab zum Grödnrjoch (2137 m). Der Sellablock thront gigantisch vor uns.
Am Joch rasten wir zur Mittagszeit und stärken uns mit einem Teller Minestrone im Rifugio Frara. Eine Oldtimer Rallye kommt vorbei. Ein Auto schöner als das andere. Hochglanzpoliert.
Leider muss Manfred hier aussteigen. Eine schwere Bronchitis zwingt ihn zur Aufgabe. Er fährt um 12.10 Uhr mit dem Dolomiti-Bus nach St. Ulrich zurück und von da aus mit seinem Golf GTI in Richtung Heimat. Er muss ärztlich versorgt werden.
Zu Beginn unserer Sellaüberquerung steigen wir drei Verbliebenen weiter durch das Val Setus auf losem Geröll zum Rifugio F. Carazza al Pisciadu (2585 m) auf. Hohe Felswände umgeben uns. Die letzten hundert Höhenmeter hängen wir am Seil. Wir kommen nur zögerlich voran. Starker Gegenverkehr. Vor uns dann die Hütte, der See und dahinter die Cima del Pisciadu (2986 m).
Bis sich der Himmel bezieht, sitzen wir auch heute in der Sonne vor der Schutzhütte. Um 20.00 Uhr stellt sich allerdings prompt Regen ein.
Puezhütte - Dolomitenhöhenweg 2 - Ciampaijoch - Crespeinajoch - Cirjoch - Grödner Joch - Val Setus - Pisciaduhütte
Tourenlänge: 14,5 km ; Wanderzeit: 5¾ h ;Höhenunterschiede: 650 m An- und 500 m Abstieg
Morgens die gleiche Wetterlage. Wolkenloser Himmel.
Der Bergsee liegt ruhig da. Wir sind weiterhin auf dem Höhenweg 2, der uns durch das Val de Tita höher und höher bringt. Am Zwischenkofel (2908 m) haben wir einen herrlichen Blick in das Mittagstal. Das Val de Mesdi liegt unter uns. Eine Viertelstunde später stehen wir vor der Boehütte, die uns Unterkunft gewährt. Ich übernach-te nicht das erste Mal hier.
Süppchen und Radler setzen neue Kräfte frei, und so machen wir uns noch zur Mittagszeit auf den Weg hoch zum Piz Boe (3152 m). Ein wahrlich unschwieriges Unterfangen. Ein Dreitausender mit Hütte auf dem Gipfel, die kalte Getränke für uns bereithält. Wir nehmen übrigens den Ludwig Weg, benannt nach dem Hüttenwirt Ludovico Vaia.
Das Panorama ist von hier oben einzigartig. Bergriesen soweit das Auge reicht. Zurück zur Boehütte wählen wir später den direkten Abstieg und sind in einer halben Stunde wieder unten.
Ludovico kredenzt uns nach unserer Rückkehr ein Gläschen Grappa. Das Abendessen nehmen wir in einem gemütlichen Nebenraum ein. Die Wirtsleute sind mehr als aufmerksam. Wenn nur das Plumsklo nicht wäre.
Pisciaduhütte - Dolomitenhöhenweg 2 - Val de Tita - Zwischenkofelscharte - Zwischenkofel - Boehütte - Piz Boe - Boehütte
Tourenlänge: 6,5 km ; Wanderzeit: 4¼ h ; Höhenunterschiede: 650 m An- und 350 m Abstieg
Ein eisiger Wind bläst uns früh ins Gesicht. Im Tal eine leichte Wolkendecke. Das Rifugio Boe erstrahlt hingegen im schönsten Sonnenlicht.
Auf dem Höhenweg 2 müssen wir zurück zur Zwischenkofelscharte (2830 m). Dann geht es zunächst nahezu eben dahin. Später steigen wir durch das Lastiestal ab. Zur Staatsstraße und danach zum Sellapass (2242 m) müssen wir allerdings wieder etwas ansteigen. Kurz zuvor passiert es jedoch. Ich rutsche aus und verdrehe mir das rechte Knie. Höllische Schmerzen. Bänderdehnung. Humpelnd schleppe ich mich weiter.
Heute ist Sonntag. Die Pässe sind für Fahrzeuge gesperrt. Aberhunderte von Radfahrern sind unterwegs. Am Pass und auch am Sella Joch (2174 m) wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen.
Vom Joch aus lassen wir uns nicht mit der Gondelbahn in die Langkofelscharte (2681 m) nach oben befördern, um dann zur Langkofelhütte (2252 m), unserem heutigen Ziel, wieder abzusteigen, wir nehmen vielmehr den Weg, der um den Langkofel ( 3181 m) herumführt.
Der Steig leitet durch Felsgewirr zum Rifugio Emilio Comici (2155 m) und weiter durch Latschenkiefern und Zirben unter der Nordwand entlang. Auf dem Stradalweg erreichen wir schließlich die Langkofelhütte nach einer strapaziösen Wanderung gegen 17.00 Uhr. Der Hüttenwirt muntert uns mit einem Glas Obstler auf. Es war ein langer Tag.
Boehütte - Zwischenkofel - Zwischenkofelscharte - Val Lasties - Sellapass - Sellajoch - Rifugio Comici - Stradalweg - Langkofelhütte
Tourenlänge: 13,5 km ; Wanderzeit: 8½ h ; Höhenunterschiede: 450 m An- und 1100 m Abstieg
Wenig nach acht verabschieden sich meine Mitstreiter für die nächsten Stunden. Durch das Plattkofelkar steigen sie über Geröll hoch. An der Plattkofel-Nordseite führt der Schustersteig steil hinauf. Eine glatte Wand, die in eine Schlucht mündet, liegt vor ihnen. Seilsicherungen helfen. Nichts für bange Gemüter. Nach etwa 3¼ Stunden sind sie jedoch in der Scharte am Gipfelkamm und kurz darauf am Gipfelkreuz des Plattkofels (2955 m). Der Langkofel ist nur wenig entfernt.
Ich starte zur selben Zeit und hinke in etwa drei Stunden über das Hohe Eck (2109 m) zur Plattkofelhütte, die nur wenige Minuten vom Fassaner Joch (2297 m) entfernt liegt. Von hier aus hat man einen imposanten Rundblick über die Seiser Alm.
Noch vor Mittag treffe ich in der Hütte ein, beziehe Quartier und nehme eine heiße Dusche. Wenig später sitze ich in der Sonne, trinke Bier und vervollständige diesen Bericht. Jürgen und Jürgen steigen etwa zu dieser Zeit ab. Steinmännchen unterstützen dabei. Meist müssen sie jedoch den Weiterweg durch Geröll selbst suchen. Markierungen sind selten zu finden. Dennoch erreichen sie die Plattkofelhütte (2256 m) schon nach einer Stunde..
Langkofelhütte - Plattkofelkar - Oskar-Schuster-Steig - Plattkofel - Plattkofelhütte
Tourenlänge: 3 km ; Wanderzeit: 4¼ h ; Höhenunterschiede: 700 m An- und 700 m Abstieg
Gleich nach dem Frühstück verlassen wir die Plattkofelhütte. Das Wetter zeigt sich wiederum von seiner besten Seite. Wolkenlos.
Am Fassaner Joch liegt die Seiser Alm vor uns. Wir streben dem Ausgangspunkt unserer Hochgebirgswanderung, St. Ulrich, zu - meine beiden Jürgen gemütlich schlendernd, ich hinterher humpelnd. Steil führt der Weg ab dem Joch talwärts. Eine Zwischenrast machen wir vor der Malga Saltner auf etwa 1700 m. Buttermilch wird bevor-zugt.
Nach 2¾ Stunden ist meine Leidenszeit vorbei. Nach einem längeren Anstieg fahren wir ab Hotel Sonne mit dem Lift hoch zum Mont Seuc (2005 m). Allein Jürgen Pfeiffer nimmt auch die letzten Höhenmeter per pedes. An der Bergstation trinken wir noch etwas und genießen die letzten Minuten in dieser einzigartigen Landschaft. Mit der Kabinenbahn geht es schließlich hinunter nach St. Ulrich.
Plattkofelhütte - Malga Saltner - Hotel Sonne (Sessellift) - Mont Seuc (Gondelbahn) - St. Ulrich
Tourenlänge: 6 km ; Wanderzeit: 2¾ h ; Höhenunterschiede: 350 m An- und 550 m Abstieg (ohne Gondelbahn)
Dieser Weg war mehr als steinig und wahrlich kein leichter. Immerhin wurden in der einen Woche einige Berg-gipfel erstiegen. Dennoch: Es war eine wunderbare, wenn auch strapaziöse Woche. Bei bestem Wetter hatten wir eine schöne Zeit.
Horst-Dieter Meißner