Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2008/3
Skigruppe

Skigruppenmitglieder schnuppern Berliner Luft

Bekanntlich hat Berlin viele Gesichter: Historisches, Kultur, Natur usw., usw. Auf einer Skigruppenfahrt nach Norwegen hat Manfred aus Berlin die Idee, den Mitgliedern der Skigruppe die schöne Natur in und um Berlin zu zeigen. Das geht am besten bei einer Radfahrt. Die Kultur soll dabei im Hintergrund bleiben. Manfred sucht Helfer, die besser als er die „Ansprüche“ und das „Leistungsvermögen“ der Skigruppenmitglieder kennen. Hermann und Ingrid begleiten ihn eine Woche lang bei der Touren- und Hotelauswahl. Anschließend übernimmt es Hermann, auf einem Skigruppenabend die Berlinfahrt vorzustellen. Die Fahrt findet sofort großes Interesse.

Am 19. Mai 2008 treffen 29 Skigruppenmitglieder im Hotel Grunewald ein. Die Fahrräder werden im hinteren Teil des Tagungsraumes hinter einem Vorhang untergebracht, denn heute werden sie beim Besuch des Reichstages nicht gebraucht.

Um 13 Uhr treffen wir uns vor dem Hotel. Wir begrüßen Manfred, der die Fahrkarten für die S-Bahn Fahrt zum neuen Hauptbahnhof mitgebracht hat. Den Reichstag betreten wir durch einen Seiteneingang und werden nach der Sicherheitskontrolle von Dr. Jäger vom Besuchsdienst des Reichstages begrüßt. Während des Rundganges durch den Reichstag geht Dr. Jäger besonders auf die Geschichte des Hauses ein. Dabei zeigt er uns u.a. die Graffiti der sowjetischen Soldaten, die sich mit ihrem Namenszug oder einer Botschaft als Ausdruck des Sieges verewigten. Im Plenarsaal erläutert uns Dr. Jäger die Arbeit des Parlamentes.

Im Bundestag auf der Zuschauertribüne
Im Bundestag auf der Zuschauertribüne
Foto: Enke

Besondere Aufmerksamkeit finden bei uns die Aufgaben des Stenografischen Dienstes des Deutschen Bundestages. Nach 1 3/4 Stunden ist die sehr interessante Führung von Dr. Jäger zu Ende. Bei einem kurzen Besuch der Kuppel des Reichstages haben wir einen sehr schönen Blick über Berlin.

Nach so viel geistiger Nahrung wird der Ruf nach Kaffee trinken laut. Unter Führung von Manfred bummeln wir durch das Regierungsviertel zur Straße Unter den Linden und werden im Innenhof des ZDF-Restaurants fündig. Danach führt uns Manfred Unter den Linden weiter zur Neuen Wache, Staatsoper usw. ins Nikolai-Viertel. Das Nikolai-Viertel ist nach der Zerstörung im Kriege weitgehend wieder aufgebaut. Ein Bummel durch dieses Viertel ist recht interessant. So kommen wir an dem ältesten Restaurant Berlins – Zum Nussbaum – vorbei. Schließlich erreichen wir „Julchen Hoppe“, um in diesem alten Berliner Gasthaus zu Abend zu essen.

Danach führt uns Manfred zu den in der Nähe liegenden “Hackesche Höfe“. Um acht Höfe entstand Anfang des 20. Jahrhunderts die typische Berliner Mischung aus Wohnungen, Gewerbe und Kultur. Diese Mischung ist auch heute noch vorhanden. Für uns ist es sehr interessant, diese Höfe mit ihren 6 und mehr Stockwerken je Haus in der einsetzenden Dämmerung kennen zu lernen. Einige Mitglieder der Gruppe lassen den Tag bei einem Bier in den Hackeschen Höfen ausklingen, der Rest der Gruppe fährt ins Hotel.

Am nächsten Tag steht Potsdam auf dem Programm. Bei strahlendem Sonnenschein starten wir mit unseren Rädern in Richtung Potsdam. Wir fahren den gut angelegten „Mauerweg“ an der Havel entlang. Eine kleine Pause legen wir am Fähranleger zur „Pfaueninsel“ ein. Schließlich erreichen wir die berühmte „Glienicker Brücke“ (Gefangenenaustausch während des kalten Krieges) und radeln bis Potsdam Bahnhof, wo wir die Räder parken. Mit einem historischen Bus (Kaiser Tour) beginnt nun eine 2 1/2 stündige Stadtrundfahrt mit Erklärungen durch einen sehr engagierten Führer. Wir steigen drei Mal aus:

Neues Palais (Führung zum Schloss ), Schloss Sanssouci (Führung durch den Park und Besuch des Grabes von Friedrich dem Großen) und Schloss Cecilienhof (Führung zum Schloss – Potsdamer Abkommen).

Vor dem Grab von Friedrich dem Großen
Vor dem Grab von Friedrich dem Großen
Foto: Enke

Danach fahren wir mit unseren Rädern am Templiner See nach Caputh und nach einer Pause zurück nach Potsdam. Manfred lotst uns durch Potsdam zum Gasthaus Meierei. Unterwegs kommen wir am Marmorpalais vorbei (Geburtsort der Herzogin Victoria Louise – Tochter des letzten Deutschen Kaisers. Sie lebte nach dem Kriege bis zu ihrem Tode in Braunschweig). Einige Gruppenmitglieder nutzen die Gelegenheit zu einem kurzen Besuch des Palais.

Nach dem Abendessen in der Meierei fahren wir am Wasser lang, überqueren die Glienicker Brücke und radeln auf der anderen Seite auf dem Mauerweg weiter. Diese Fahrstrecke ist besonders schön, da über der Havel die untergehende Sonne leuchtet. Zum Schluss genießen wir noch den Blick über den Großen Wannsee mit dem von der Abendsonne angestrahlten Strandbad Wannsee. 50 km Fahrstrecke liegen hinter uns, als wir mit der einsetzenden Dämmerung unser Hotel erreichen.

Heute ist die große Stadtfahrt mit 29 Radlern ins Regierungsviertel geplant. Als wir zu den Rädern kommen, stellt sich heraus, dass Manfred seinen Freund Wigolf zur Verstärkung mitgebracht hat. Bei strahlendem Sonnenschein geht es zum Olympiastadion. Die Mehrzahl der Radler ist sehr an einem kurzen Blick in das Olympiastadion interessiert.

Vor dem Olympiastadion
Vor dem Olympiastadion
Foto: Enke

Das Stadion, das u.a. ein Dach über den Zuschauerrängen erhalten hat, sieht imposant aus. Schnell werden ein paar Fotos gemacht und dann fahren wir zur Spree. Unter Führung von Manfred und Wigolf geht es immer auf dem Uferweg an der Spree weiter. Wir kommen an Kleingartenkolonien, der Rückseite des Schlosses Charlottenburg mit Park, an einem Kraftwerk, einer Schleuse usw. vorbei. Auf der Spree wird der Schiffsverkehr lebhafter, und plötzlich sind wir am neuen Hauptbahnhof gegenüber dem Regierungsviertel angekommen. Von der Spreebrücke haben wir einen schönen Blick auf das Regierungsviertel und fahren danach an der Spree weiter bis zur Museumsinsel.

Wir 29 Radler verlassen nun den ruhigen und im Grünen liegenden Uferweg an der Spree. Jetzt kommen wir in das Verkehrsgewühl von Berlin Mitte. Zahlreiche Straßen mit Ampeln, Baustellen und ein starkes Verkehrsaufkommen liegen vor uns. 29 Radfahrer haben es da häufig schwer, in einem Rutsch auf die andere Straßenseite zu kommen. Manfred und Wigolf stört das „Gewühl“ anscheinend wenig. Nach Kräften bemühen wir uns, hinter unsern beiden Berlinern zu bleiben. Letztlich klappt das Lotsen gut.

Wir besuchen den Gendarmenmarkt mit dem Französischen Dom, dem Deutschen Dom und dem Konzerthaus. Danach fahren wir zu den Landesvertretungen der deutschen Bundesländer und zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas (kurze Pause). Weiter geht es zum Pariser Platz mit Brandenburger Tor, Hotel Adlon usw. Für Margrit und mich ist es ein besonderes Gefühl, mit dem Fahrrad durch das Brandenburger Tor zu fahren. Wie oft haben wir vom Podest vor der Mauer auf das Brandenburger Tor geschaut und konnten nicht durch. Wir haben nicht geglaubt, dass das Tor zu unseren Zeiten einmal frei sein würde.

Doch zurück zu unserer Fahrt. Manfred und Wigolf fahren mit uns vom Brandenburger Tor direkt ins Grüne, den Park Tiergarten. Im Café am neuen See machen wir eine wohlverdiente Pause. Dieses Selbstbedienungsrestaurant erscheint wie eine Oase im Großstadtdschungel. Weiter geht es im Verkehrsgewühl über Großer Stern (Siegessäule), Ernst-Reuter Platz zum Schloss Charlottenburg. Wir sehen das Schloss nun von vorn. Nachdem wir wiederum zahlreiche Straßen und Kreuzungen „gemeistert“ haben, kommen wir am Restaurant Bahnhof Grunewald an. Wir können es nicht ganz glauben, aber Manfred und Wigolf haben das Kunststück fertig gebracht, uns wohlbehalten - ohne Verkehrsunfälle, ohne Pannen und ohne „Personenausfälle“ - hierher zu führen. Eine tolle Leistung!! Nach dem Essen fahren wir durch den Grunewald zu unserm Hotel zurück.

Es soll heute Ribbeck ein Besuch abgestattet werden. Reichlich S-Bahn fahren steht auf dem Programm. Wir radeln zum Bahnhof Wannsee. Die erste Übung im Hochtragen der Fahrräder zum Bahnsteig klappt gut. Wir verteilen uns mit den Fahrrädern auf den Zug. Bald ist die Umsteigestation Schönholz erreicht. Wieder Hochtragen der Räder und in Hennigsdorf heißt es, die Räder vom Bahnsteig nach unten tragen. Die Sonne scheint, als wir in Hennigsdorf in Richtung Ribbeck starten. Besonders auffällig ist, dass wir immer wieder auf bestens unterhaltenen „Fahrradstraßen“ fahren. Die Gegend ist dünn besiedelt. Es begegnen uns kaum Radfahrer.

Nach einer Pause in Pansin geht es durch Wald und Feld über Nauen nach Ribbeck. Hier gibt es eine Überraschung. Direkt an der Kirche sind auf einer Rasenfläche unter Bäumen mehrere Tische zum Kaffee eingedeckt. Nach der langen Radfahrt schmecken uns Kaffee und Kuchen besonders gut. Biggi trägt das Gedicht von Theodor Fontane vor:

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit . . . .

Danach besichtigen wir die Kirche mit dem alten Birnbaum-Rest und auch den draußen vor der Kirche stehenden Birnbaum. Bald heißt es Abschied nehmen und in flotter Fahrt geht es zurück nach Nauen. 60 km liegen hinter uns, als es heißt, die Fahrräder wieder hoch auf den Bahnsteig zu tragen. Die S-Bahn bringt uns schnell nach Charlottenburg. Dank an alle, die beim Tragen der Fahrräder helfen, besonders aber an Willi. In Charlottenburg teilt sich die Gruppe. Die Mehrzahl der Gruppe fährt mit der S-Bahn und der Rest mit dem Fahrrad nach Nikolassee zum Hotel.

Nach dem gemeinsamen Essen lassen wir die ereignisreichen Tage nochmals Revue passieren. Es war für uns ein besonderes Erlebnis, den Reichstag zu besuchen und Berlin aus der Sicht eines Radfahrers kennen zu lernen und das bei schönem Wetter.

Manfred danken wir für die glänzende Durchführung seiner Idee, uns Berlin auf diese besondere Weise näher zu bringen. Weiter danken wir Hermann für die mit viel Arbeit verbundenen Buchungen für Hotel, Reichstag, Kaiser-Tour und Speiserestaurants sowie für die Beratung von Manfred. Wir haben viele Anregungen bekommen, in Berlin bei anderer Gelegenheit historische Bauwerke, Museen, Bühnen, usw. zu besuchen

Karlheinz Enke

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.22. August 2008