Sektion Braunschweig
mehrspaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2008/3
Hochtourengruppe

2 Tage Erlkönig sind genug

Weitwanderung über die Kämme des Erzgebirges

Im September 2006 waren Lisel und ich zusammen mit Ute und Acki Schröder in 8 Tagen von Hrensko zur Schneekoppe gewandert. Im Heft 2/2007 habe ich darüber berichtet. In der zweiten Aprilhälfte dieses Jahres wollten wir - verstärkt durch Helmut Meineke - von Hrensko nach Westen durch das ganze Erzgebirge wandern.

Unser Plan sah so aus:

Eisenbahnfahrt von Braunschweig bzw. Haldensleben nach Schöna - Fähre hinüber nach Hrensko - Wandern, solange die Füße tragen - Eisenbahnfahrt zurück nach Hause - immer in der Hoffnung, dass uns die Herren Schell und Mehdorn nicht in die Suppe spucken. Denn bei Beginn unserer Planungen war der Lokführer-Streik noch nicht beigelegt.

Jetzt ist Logistik gefragt.

Kernpunkt wird das Sachsen-Anhalt-Ticket der Bahn, das auch in Thüringen und Sachsen gültig ist und wochentags ab 9-00 Uhr für fast alle Regionalzüge gilt. Der Preis beträgt 27,00 € für 5 Personen.

Dieses Supersparmodell müssen wir jetzt optimal in die Fahrpläne integrieren und möglichst günstige Zugänge der Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt finden. Außerdem wollen wir am Nachmittag so rechtzeitig in Hrensko sein, dass wir den ca. 2-stündigen Fußmarsch zu unserem geplanten ersten Nachtquartier noch schaffen können.

Nach einigem Hin und Her und Zurück und doch wieder …. steht endlich das ganze Modell. Lisel und ich kaufen hier in Braunschweig alle Fahrkarten -

und morgen geht es los.

15.4.2008

Um 7.20 Uhr beginnt unsere Wanderung bei leichtem Regen mit den ersten Schritten von der Haustür bis zur Bushaltestelle. Ab hier gilt unsere erste Fahrkarte im Verbundtarif Region Braunschweig, Zone 4, für 5,95 € pro Person.

Am Bahnhof treffen wir Helmut, der mit dem Bus von Thiede gekommen ist. Um 8.17 Uhr fahren wir mit dem Zug der Deutschen Bahn nach Magdeburg. Am Bahnhof Helmstedt, 8.44 Uhr, endet unsere Fahrberechtigung mit dem Großraumticket. Jetzt gilt unsere Fahrkarte Nr. 2 zum normalen Bahntarif für 4,90 € pro Person bis nach Ovelgünne - etwa auf halber Strecke zwischen Helmstedt und Magdeburg. In Ovelgünne hält der Zug um 9.02 Uhr. Ab sofort gilt also unser Sachsen-Anhalt-Ticket. Deshalb haben sich Ute und Acki von einem Freund von Hundisburg hierher bringen lassen. Unsere Truppe ist damit komplett. Wir fahren ab jetzt bis zum Bahnhof Schöna für 5,40 € pro Person.

Die Umsteigepause in Magdeburg von 9.26 Uhr bis 10.12 Uhr geht im heftigen Landregen unter - an unserer nächsten Umsteigestation Leipzig haben wir exakt 1 Stunde Aufenthalt, aber der Bahnhof ist groß - die Museumseisenbahn interessant - der Regen noch stärker - aber die Zeit vergeht doch sehr schnell - um 12.58 Uhr geht es weiter - um 14.39 Uhr sind wir bereits in Dresden am Hauptbahnhof. Schon um 15.00 Uhr fährt die nächste S-Bahn nach Schöna - der Regen lässt langsam nach - ab Schmilka-Hirschmühle haben wir den ganzen langen Zug für uns allein - und sind pünktlich um 15.59 Uhr in Schöna.

Auch die Fähre nach Hrensko fährt nur für uns allein - in der Info tauschen wir schnell ein paar Kronen ein - suchen die Markierung des E 3 - unseres geplanten Wanderweges - letzte Regentropfen fallen noch zaghaft in die Pfützen - ca 1 km geht es direkt an der Fortsetzung der B 172 Richtung Decin - dann verschwindet der Wanderweg nach links in einer finsteren Schlucht - windet sich zwischen steilen Felswänden und einem rauschenden Bach - über glitschige Steine, glatte Wurzeln, vom Regen vollgesogene Moospolster - immer wieder den Berg hinauf.

Irgendwann wird das Gelände flacher - der Wald weicht freier Fläche - Häuser - unser Zielort Labska Stran - einmal längs durch den ganzen Ort - eine große Wiese - hinein in den nächsten Wald - plötzlich eine große Felsterrasse - 200 m hoch über der Elbe - und darauf unser Nachtquartier Hotel Belveder.

Kurz nach 18.00 Uhr - ein langer Tag - gutes Böhmisches Abendessen - Pilsener Urquell - noch etwas klönen - und dann: „Uaaah“ -

Gute Nacht.

16.4.2008

Noch viele Wolken, aber trocken.

Gut ausgeruht können wir jetzt die ganze Anlage innerhalb eines von 1701 bis 1711 angelegten Freiluft- und Musiktheater-Platzes auf uns wirken lassen. Direkt unter uns die Elbe - am Ufer gerade noch Platz für die Eisenbahnlinie Dresden – Decin – Prag - dann ragen schon die Berge im Westen auf - genau so steil wie auf unserer Seite - und irgendwo dahinter verbirgt sich noch der Snecznik (Hoher Schneeberg) - eines unserer Ziele für morgen.

Heute führt uns unsere Wanderung einige Stunden durch große Nadelwälder - über Tundren - zu einigen felsigen Aussichtspunkten hoch über der Elbe - lange und steil hinunter nach Decin.

Dort erleben wir erst einmal eine große Enttäuschung. Wir wollen in der Info erfahren, in welchem der nächsten Orte wir übernachten können. Aber die Dame spricht - entgegen allen unseren bisherigen Erfahrungen - kein Wort deutsch. Auch englisch versteht sie keinen einzigen Brocken.

Wir nehmen deshalb den Faden des E 3 wieder auf und verlassen Decin gen Westen. Eigentlich müssten dort Quartiere zu finden sein, auch wenn unsere Karte dafür keine Anhaltspunkte bietet. Im ersten - zweiten - dritten Ort immer Fehlanzeige. Die Zeit läuft uns weg - aber vernünftig pennen wollen wir schon. Also zur nächsten Bushaltestelle - zurück nach Decin - Quartier mitten in der Stadt - morgen werden die Karten neu gemischt.

17.4.2008

Heute läuft wieder alles rund.

Die Sonne schiebt einige Wolken über den Himmel - der Bus bringt uns zurück nach Dolni - am gestrigen Wendepunkt beginnt wieder der Fußmarsch - ….. - vom Turm auf dem Snezcnik schauen wir weit ins Böhmische Becken, über das Elbsandsteingebirge hinaus nach Sachsen, …….

In Ostrov ist es noch zu früh zur Quartiersuche - den Berg wieder hinauf - hinein ins Felslabyrinth der Tisaer Wände - von einem hohen Aussichtspunkt ein wunderbarer Blick hinunter nach Tisa - dort unten ist die Kirche - und neben der Kirche ist meistens auch ein Wirtshaus!

Der E 3 führt uns genau zur Kirche. Gleich daneben ein Laden mit Kletterausrüstung und allem erforderlichen Zubehör - und - durch eine Verbindungstür zugänglich - eine kleine gemütliche Gaststätte. Im Obergeschoß befinden sich zwei Doppelzimmer und für Helmut eine Ferienwohnung für 7 Personen. Da haben wir heute wohl das große Los gezogen.

Dieses Schmuckstück hat sich ein junges Paar aus der Gegend um Tisa in den letzten 2 Jahren aufgebaut, nachdem sie vorher 12 Jahre in der Gegend von Landau/Pfalz das erforderliche Geld verdient und angespart hatten. Beide sprechen natürlich perfekt deutsch.

- Und wenn man unter den Tisaer Wänden geboren wurde - die Sächsische Schweiz vor der Haustür hatte - 12 Jahre in der Pfalz mit seinen Klettergebieten gelebt hat - jetzt wieder in Tisa zu Hause ist - ist es eigentlich zwangsläufig, dass die ganze Familie einschließlich der beiden Söhne exzellente Kletterer sind.

18.4.2008

Im Refugio-Tisa - so heißt unsere gemütliche Herberge - haben wir gut gegessen und geschlafen. Die Sonne brennt immer mehr Löcher in die Hochnebeldecke - es wird ein herrlicher Tag.

Im hügeligen Gelände mit Wäldern und großen Freiflächen überschreiten wir die Grenze zwischen Sächsischer Schweiz und Erzgebirge. In Adolfov (Adolfsgrün) empfängt uns ein riesiges Skilanglaufareal - und dann leuchtet schon - noch gut 1 ½ stramme Marschstunden entfernt - die Erhebung des Komari hurka (Mückenburg) über die unendlich scheinenden Wiesenflächen zu uns herüber - also wirklich ein gewaltiges Skilanglauf-Eldorado.

Das Unterkunfthaus steht genau auf dem Gipfel - fast 600 m tiefer die Städte Krupka (Graupen) und Teplice (Teplitz). Von dort kommt auch eine Seilbahn herauf.

19.4.2008

Schlafen wir weiter? - Oder gehen wir doch frühstücken?

Dichter Nebel hüllt alles ein - selbst die Regentropfen sind kaum zu erkennen. Nach Cinovec - dem tschechischen Teil von Zinnwald - sind es nur 2 ½ Stunden. Dank einer unkomplizierten Wegführung finden wir alle benebelten Wegweiser und Markierungen. Unmittelbar neben den aufgelassenen Grenzanlagen flüchten wir in eine kleine Kneipe. Die Wirtin kocht Kartoffeln - zaubert daraus einen wundervollen Kartoffelbrei - brät große Portionen Leber - bringt damit unsere stark durchfeuchteten Lebensgeister zurück - also mutig wieder hinaus in Nebel und Regen.

Ziel ist der Bournak nahe Nove Mesto, ein hervorragender Aussichtsberg mit Übernachtungsmöglichkeit, 3 bis 3 ½ Stunden entfernt. Außer Nebel sehen wir nichts - oder immer nur große und kleine Tannenbäume - irgendwann auch keinen Wegweiser und keine Markierung mehr - Improvisation mit einer Landstraße - und dann ist die Markierung wieder da. Etwas Großes Dunkles im Nebel entpuppt sich tatsächlich als das Gipfelhotel - gerade renoviert und am 1. 4. 2008 mit neuen Pächtern wieder eröffnet.

Gewaltig Schwein gehabt - Wirtin spricht gut deutsch dank deutscher Großmutter - Essen hervorragend - Pilsener Urquell und Becherovka schmecken uns heute besonders gut.

20.4.2008

Erlkönig hat uns fest im Griff.

Der Nebel scheint noch dichter geworden zu sein. Besserung ist nach Wetterbericht nicht in Sicht. Der Weiterweg nach Cesky Jiretin (Deutschgeorgenthal) ist kompliziert und schlecht markiert - also bei starkem Nebel zu riskant.

Deshalb bleiben nur zwei Varianten -

Entweder einen Tag hier ausharren und auf Besserung hoffen -

Oder zurück nach Cinovec und dann weiter planen.

Wir entscheiden uns nach kurzer Diskussion zur Variante 2 und gehen zurück. Der Verhauer von gestern erweist sich auch heute als saumäßig markiert.

Während der Mittagspause in Zinnwald werfen Ute, Acki und Helmut das Handtuch. Sie nehmen den nächsten Bus nach Dresden und werden kurz vor Mitternacht zu Hause sein.

Lisel und ich geben noch nicht auf. Wir tapsen wieder in den Regen und Nebel hinaus - der Nebel lichtet sich allmählich - der Regen hört auf - nach 1 ½ Stunden sind wir in Altenberg - machen Quartier - und planen für morgen den Weiterweg -

im Erzgebirge oder -
auch nach Hause.

21.4.2008

Die Sonne lacht in Altenberg.

Aber der Wetterbericht für die nächsten Tage verspricht viele Wolken, Nebel und Regen besonders in Sachsen und im Erzgebirge. Also geben auch wir auf.

Um 9.39 Uhr fährt der Bus nach Dresden Hbf - und das Sachsen-Ticket ist bei so weiter Strecke auch für zwei Personen noch ein Schnäppchen - um 16.42 Uhr sind wir in Braunschweig.

Aber so sang- und klanglos werden wir sicher das Erzgebirge nicht ad acta legen. In ein oder zwei Jahren kommen wir sicherlich zurück. Und dann werden wir versuchen, Erlkönig auszutricksen.

Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. August 2008