Unsere diesjährige Hochgebirgstour in den Südtiroler Dolomiten stand lange Zeit in Frage. Zum einen musste sich Manfred Graul vor einigen Monaten einer Hüftoperation unterziehen. Er fehlte leider. Jürgen Pfeiffer wurde zweimal operiert. Insgesamt musste ich sogar - mit Aufenthalt von über acht Wochen - viermal das Krankenhaus aufsuchen. Und so konnten wir zwangsläufig erst Mitte August loslegen. Da sich Jürgen Köhler wiederum zu uns gesellt hat, waren wir schließlich doch zu dritt.
Übernachtet haben wir diesmal im Hotel Bergkristall in Pflersch-Ladurns. Gleich nach dem Frühstück sitzen wir jedoch wieder im Auto. Die alte Brennerstraße liegt bald hinter uns. Weiter geht es durch das Grödner Tal. Der Langkofel (3181 m) heißt uns willkommen. Schön wieder in den Dolomiten zu sein.
Gleich hinter Wolkenstein biegen wir ab in Richtung Sellajoch. Der Wagen wird am Sellajoch-Haus (2171 m) geparkt. Um 11.06 Uhr ist es dann endlich soweit. Wir starten unsere Höhenwanderung durch die Südtiroler Dolomiten.
Zunächst liegt ein leichter Anstieg zum Rodellasattel (2318 m) vor uns. Zur Friedrich-August-Hütte (2298 m) - unserem heutigen Ziel - schlendern wir wenig später fast eben dahin. Die Grohmannspitze (3111 m) erhebt sich direkt vor uns. Hinter uns der Col Rodella (2484 m).
Der Himmel ist wolkenverhangen. Es tröpfelt leicht. Als es aufhört zu regnen, zieht es uns am frühen Nachmittag hoch zum Col Rodella. Oben im gleichnamigen Rifugio gönnt man sich frischen Apfelstrudel. Ich bevorzuge Spaghetti.
Abends in der Hütte - wir haben Zimmer mit Fernsehen - ist nur wenig Betrieb.
Sellajoch-Haus - Rodellajoch - Friedrich-August-Hütte
Tourenlänge: 2 km ; Wanderzeit: ¾ h ; Höhenunterschiede:150 m Anstieg
Auf dem Friedrich-August-Weg werden wir bis kurz vor dem Mahlknechtjoch (2187 m) sein. Bis dahin geht es jedoch in stetem Auf und Ab unter einer imposanten Bergkulisse entlang. An der Plattkofel-Hütte (2300 m) sind wir in eineinhalb Stunden. Kurz darauf haben wir am Fassajoch (2297 m) einen herrlichen Blick über die Seiser Alm. Rückblickend zeigen sich in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Marmolada (3343 m). Daneben erhebt sich der Große Vernel (3210 m). Vor uns die Rosszähne. Was für ein Panorama.
Irgendwann sind wir „Auf der Schneid“. Im Seiser-Alm-Haus (2145 m) stärken wir uns mit Speck und Spiegeleiern für den Anstieg über etwa dreihundert Höhenmeter zur Tierser-Alpl-Hütte (2438 m), die wir in etwas über 45 Minuten erreichen. Wir haben es langsam angehen lassen.
Heute zeigt sich das Wetter übrigens von seiner besten Seite. Die Sonne strahlt. Der Mondwechsel hat sicher für den Witterungsumschwung gesorgt.
Friedrich-August-Hütte - Plattkofel-Hütte - Seiser-Alm-Haus - Tierser-Alpl-Hütte
Tourenlänge: 10 km ; Wanderzeit: 3 ¾ h ; Höhenunterschiede: 350 m An- und 200 m Abstieg
Gleich früh am Morgen arbeiten wir uns durch Felsgewirr zum Molignonpass (2604 m) hoch. Bei bestem Wanderwetter haben wir oben einen wunderschönen Blick auf die Langkofelgruppe und den Sellablock. Danach können wir es ein wenig gemächlicher angehen lassen. Serpentinen bringen uns einige hundert Höhenmeter hinunter in den Grasleitenkessel. Doch dann gilt es eine ähnliche Strecke wieder aufzusteigen.
Am späten Vormittag stehen wir auf dem Grasleitenpass (2601 m). Das Rifugio Principe schmiegt sich gleich hinter der Passhöhe an die Felswand. Wir lassen uns vor der kleinen Hütte nieder. Der „Rote“ schmeckt, obwohl uns ein eisiger Wind ins Gesicht weht.
Nach längerer Rast machen wir uns auf den Weiterweg zur Vaiolet-Hütte (2246 m). Es geht stetig bergab, sodass wir schon nach einer guten halben Stunde am Ziel sind. Vor und in der Hütte herrscht rege Betriebsamkeit.
Tierser-Alpl-Hütte - Molignonpass - Grasleitenpass - Rifugio Principe - Vaiolet-Hütte
Tourenlänge: 6,5 km ; Wanderzeit: 3½ h ; Höhenunterschiede: 450 m An- und 600 m Abstieg
Heute starten wir die große Rosengartenrunde. An der Porte Negre nehmen wir den Weg 541 in Richtung Cigoladepass (2550 m). Zunächst liegt ein kurzer Abstieg vor uns. Dann müssen wir wieder ansteigen. Die Rosengartenspitze (2981 m) ragt rechts empor. Nach etwa einer Stunde zweigt der Steig zum Tschager Joch ab. Wir bleiben auf dem 541er, der jetzt leicht abschüssig ist. Doch schließlich geht es hoch zur Passhöhe. Der Anstieg erfordert volle Konzentration und Kraft. Der Steig ist mehr als schwierig zu begehen und endet plötzlich. Regen hat das Erdreich weggespült.
Schließlich haben wir es doch geschafft und stehen wenig später in einem Felsdurchbruch. Was für ein Rundblick. An der Rotwand-Hütte (2275 m), die wir nach leichtem Abstieg erreichen, machen wir eine wohlverdiente Pause. In aller Ruhe löffeln wir unsere Minestrone.
Wir brechen um 12.33 Uhr wieder auf. Schon bald kommen wir am nahezu drei Meter hohen Bronze-Adler vorbei. Auf dem Hirzelweg sind es zur Rosengartenhütte (2339 m) lediglich wenige Kilometer, die allerdings zu einem besseren Spaziergang werden. Lediglich kurz vor unserem heutigen Ziel ist noch ein leichter Anstieg zu meistern.
Vaiolet-Hütte - Cigoladepass - Rotwand-Hütte - Hirzelweg - Rosengarten-Hütte
Tourenlänge: 11 km ; Wanderzeit: 5¾ h ; Höhenunterschiede: 400 m An- und 300 m Abstieg
Unmittelbar hinter der Schutzhütte gilt es ein Steilstück zu bewältigen. Doch schon bald können wir es ruhiger angehen lassen. Rechts zweigt wenig später der Steig zum Tschager Joch ab. Wir halten uns weiter auf dem Santnerpassweg, der uns unter dem Baumannkamm in nördlicher Richtung voranbringt.
Dann liegt der Einstieg zum Klettersteig vor uns. Eisenstifte und Seile helfen. Eine Eisenleiter hilft uns ebenfalls weiter nach oben. Nach kurzem Abstieg müssen wir durch eine Schlucht. Dann wiederum Seile und Stifte, die uns letztlich hoch zum Santnerpass (2734 m) bringen. Die gleichnamige kleine Hütte duckt sich unter der Laurins-Wand (2813 m). Gegenüber die Rosengartenspitze.
Nach kurzer Rast beginnt der Abstieg. Es geht zunächst an der Gartl-Hütte vorbei. Links ragen die Vaiolettürme in den Himmel. Doch dann erfordert der Weg wiederum unsere ganze Aufmerksamkeit. Drahtseile unterstützen uns jedoch auch hier. Wenig oberhalb der Vaiolet-Hütte endet zwar die Rosengartenumrundung, uns zieht es hingegen weiter.
Zunächst liegt erneut ein Anstieg zum Grasleitenpass vor uns. Noch vor der Passhöhe betätigt sich allerdings Jürgen Pfeiffer als Sherpa. Er übernimmt auch noch meinen Rucksack, den ich - Gott sei Dank - erst oben am Antermoiapass auf 2726 Meter zurückerhalte. Man nennt das wohl Marscherleichterung.
Der Antermoiasee glitzert weiter unten in der Abendsonne. Das Rifugio Antermoia (2496 m) haben wir nach acht Stunden endlich erreicht. Noch vor der Hütte begrüßen uns Gabi und Elke aus Neuruppin, die wir zwei Tage zuvor in der Vaiolet-Hütte kennen gelernt haben.
Beim Abendessen wird unser Ost-West-Dialog fortgesetzt. Es wird viel gelacht. Um halb neun ziehe ich mich - wie eigentlich jeden Abend - in meine Schlafstelle zurück. Die beiden Jürgen kommen irgendwann nach. Nun liegen wir alle drei in unseren Dreietagenbetten in schwindelnder Höhe. In der ersten Nachthälfte kann ich daher kein Auge zumachen. Zum einen, weil die Gefahr in die Tiefe zu stürzen, sehr groß ist, zum anderen machen die vielfältigen Schnarchtiraden ein Einschlafen unmöglich. Die Luft ist stickig. Zwölf Personen in einem Raum.
Rosengarten-Hütte - Santnersteig - Santnerpass-Hütte - Gartl-Hütte - Vaiolet-Hütte -Grasleitenpass - Passo Antermoia - Rifugio Antermoia
Tourenlänge: 9 km ; Wanderzeit: 8 h ; Höhenunterschiede: 850 m An- und 750 m Abstieg
Die Sonne meint es auch heute wieder gut mit uns. Noch ein letzter Blick in Richtung Kesselkogel (3009 m), der hinter dem Antermoiasee steil nach oben ragt. Dann beginnt der Abstieg durch das Val di Dona.
Zunächst geht es in Serpentinen und später auf einem Forstweg abwärts nach Fontanazzo (1395 m) ins Fassatal. Am Rifugio Val di Dona (2099 m) machen wir noch eine kurze Rast. Auch später wollen wir es weiter ruhig angehen lassen und quälen uns daher nicht die etwa sechshundert Höhenmeter hoch in das Skigebiet Ciampac. Vielmehr fahren wir mit dem Linienbus über Canazei nach Alba und schweben um !3.30 Uhr mit der Seilbahn auf 2200 Meter.
Nach diesen „Strapazen“ ist zwangsläufig eine Pause angesagt. Denn trotz allem liegt noch Arbeit vor uns. Und so geht es dann auch schon wenig später am Collac (2712 m) vorbei hoch zur Forcia Neigra (2509 m). Drahtseile sichern den Steig. Unter der Croda Nera (2606 m) leitet uns der Weg schließlich wieder abwärts zum Passo Nicola (2340 m). In der gleichnamigen Hütte machen wir Quartier.
Endlich eine Waschstelle im Freien. Nicht gerade angenehm bei etwa 10 C°. Aber nur die Harten kommen bekanntlich in den Garten.
Rifugio Antermoia - Val di Dona - Fontanazzo - Alba (Bus) - Bergstation Ciampac (Seilbahn) - Forcia Neigra - Sasso Nera - Rifugio Passo Nicolo
Tourenlänge: 13 km ; Wanderzeit: 6 h ; Höhenunterschiede: 350 m An- und 1250 m Abstieg (ohne Bus/Seilbahn)
Zu früher Stunde wollen wir zunächst etwas ruhiger beginnen. Wir lassen uns daher Zeit mit dem Frühstück, denn in Richtung Rifugio Contrin (2016 m) ist der Weg leicht abschüssig. Zudem haben wir schon am Vorabend - vermutlich nicht allein der Schonung meiner durch Arthrose geschädigten Knie wegen - beschlossen, nicht die siebenhundert Höhenmeter zum Passo d´Ombretta (2704 m) hochzusteigen, zumal es zum Fedaiasee noch einmal sechshundert gewesen wären.
Statt dessen wandern wir stets abwärts durch das Val Contrin Alba (1517 m) entgegen. Rechterhand murmelt ein Bach. Der Weg ist breit und führt an der Baita Robinson vorbei. In Alba sind wir gegen 11 Uhr und nehmen den Bus, der uns mit halbstündiger Verspätung zum Fedaiasee bringt. Die Haltestelle ist direkt am Rifugio Castiglioni, der Marmolada Hütte, in der wir auch übernachten. Wir sind hier auf 2054 Meter.
Den gesamten Nachmittag tobt sich ein Gewitter aus. Es blitzt und donnert unaufhörlich. Der Regen prasselt auf das Hüttendach.
Rifugio San Nicolo - Rifugio Contrin - Val di Contrin - Alba - Fedaiasee (Bus) - Rifugio Castiglioni
Tourenlänge: 7,5 km ; Wanderzeit: 2¾ h ; Höhenunterschiede: 850 m Abstieg (ohne Bus)
Vom Fedaiasee bis hin zum Pordoijoch (2239 m) verläuft der Bindelweg an den Hängen des Padonkammes. Für uns heißt das: gleich früh steiler Anstieg in Serpentinen einige hundert Meter hoch. Die herrliche Aussicht auf Marmolada und Vernel entschädigt uns jedoch später für die morgendliche Plackerei. Das gestrige Gewitter hatte nämlich eine gute und eine schlechte Seite. Da ist zunächst die herrliche Fernsicht bei azurblauem Himmel. Allerdings hat es auch bis unter 2500 Meter geschneit. Es wäre daher wider alle Vernunft ohne entsprechende Ausrüstung zum Piz Boe (3152 m) aufzusteigen.
Am Rifugio Vial del Pan (2432 m) gönnen wir uns noch eine kurze Rast. Die ersten Touristen strömen vom nicht so fernen Pordoijoch heran. Später am Joch wimmelt es nur so von Menschen.
Für uns endet somit hier unsere diesjährige Wanderung in den Südtiroler Dolomiten. Wir nehmen erneut den Bus der Trentino Transporti um 14.55 Uhr zum Sellajoch Haus. Dort angekommen werden unsere Rucksäcke in Jürgen Köhlers Auto verstaut, und es geht bei immer noch schönstem Wetter nach Hause.
Rifugio Castiglioni - Bindelweg ( Höhenweg 2) - Pordoijoch - Sellajoch - Sellajoch Haus (Bus)
Tourenlänge: 7 km ; Wanderzeit: 3 h ; Höhenunterschiede: 400 m Anstieg und 200 m Abstieg
Wir haben einmal mehr unvergessliche Wandertage im Hochgebirge erlebt. Die faszinierende Bergwelt der Dolomiten war für über eine Woche unser zu Hause. Es ging vorbei an schneebedeckten Bergriesen, über grüne Wiesen, durch Schluchten und vorbei an steilen Felswänden. Trotz aller Strapazen hatten wir eine gute Zeit.
Horst-Dieter Meißner