Einmal im Leben nach Rom, aber nicht per Flieger, Auto, Bus, oder per Bahn, sondern allein zu Fuß! Diese Wanderung war für mich ein großer Traum in spiritueller Hinsicht - aber auch, um Land und Leute quasi von der „Straße“ aus kennen lernen zu können.
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Kleinen Plausch auf dem Weg von Zams zur Braunschweigerhütte. Krahberg (2208 m), im Hintergrund das Zammer Loch
Foto: Heinrich F. Biller |
Acht erlebnisreiche Wochen in einen kurzen Bericht zusammenzufassen, ist „schier unmöglich“ für jemanden, der in dieser Zeit jeden Tag Neues, Schönes und Abenteuerliches erlebt hat. Durch einige Auszüge aus meinem Tagebuch möchte ich Ihnen daher diesen mittel bis schwierigen Fernwanderweg näher bringen.
Der Weg wurde von mir in drei Abschnitte eingeteilt.
Der 1. Abschnitt war die Alpenüberquerung.
Die Route führte von Oberstdorf nach Meran, über die Kemptner Hütte, Memminger Hütte, Zams, Braunschweiger Hütte, Vent, Similaun Hütte, Katharinenburg, Meran. Es ist die Panoramaroute der Bergführer aus Oberstdorf.
Der 2. Abschnitt war der Dolomiten Höhenweg ( E 5).
Von Meran 2000 (Meraner Hütte) über Bozen, Truderer Horn, Gfrill Alm, Cembra (deutsch/italienische Sprachgrenze), Monte Gronlait, M. Fravort, La Fontanella, Levico Therme, Lusern, Carbonara, Verona.
Der 3. Abschnitt umfaßt den Franziskaner Wanderweg.
Von Florenz (Santa Croce) zum Passo del Consuma, Kloster La Verna, Gubbio, Assisi, Monte Subasio, Stroncone, Farfa bis Rom.
Sie begann am 15.August 2008, um 10.00 Uhr morgens in Oberstdorf und ging zunächst zur Kemptner Hütte.
Aus meinem Tagebuch
„15.08.2009 ...Ein fürchterliches Gewitter hat meinen Abmarsch vom Hotel hinausgezögert. Es regnete, was nur so vom Himmel fallen konnte. Habe mich entschlossen, trotzdem los zugehe mit der Überlegung, sollte es in Spielmannsau noch so stark regnen, übernachte ich dort und die Kemptner- Hütte muss halt auf mich warten. Der Regen ließ nach. Der Aufstieg war abwechslungsreich. Die Sonne schien zwischendurch, dann regnete es wieder und es kam auch noch Nebel auf, als ich über die Lawinenreste ging. Auf der Kemptner Hütte kam ich, trotz meines Umhanges, von innen und außen total durchnässt an ....“.
Für einen periodischen Wanderer, der eher in Tageswanderungen geübt ist, einen derartigen Aufstieg allein zu gehen, war schon eine schöne Leistung.
Die folgenden Tage waren sonnig und ich genoss das herrliche Panorama der Lechtaler, Inntaler und Ötztaler Alpen sowie die Gletscherregion der Wildspitze.
Aber ....Aus meinem Tagebuch,
„ ... 19.08.2008 ... Braunschweiger Hütte nach Vent. ...Nach dem für mich heute doch etwas schwierigeren Aufstieg zum Rettenbach Jöchl wurde ich beim Abstieg zum „Obersöldner Ski Zirkus mit Schnee und Eis überrascht. ...Möchte nur nachtragen, dass mich der Anblick vom Rettenbach Jöchl zum Ski Zirkus entsetzt hat. Was da geschieht, ist nicht mehr normal. Es werden unter dem Gletscher Felsen gesprengt, ein Stadion und eine Gastronomie für 2.000 Skifahrer und Touristen gebaut. ...“
Dieser Anblick hat mich kritisch gegenüber dem alpinen Sport werden lassen. Wie mir ein Bergwanderer auf der Braunschweiger Hütte erzählte, will man das Gletschergebiete vom Ötztal mit dem des Pitztales touristisch verbinden und ausweiten. Ökologische Gesichtspunkte werden kaum berücksichtigt. Was bedeutet dies für unsere Braunschweiger Hütte ?? Es sind aus meiner Sicht alle Bergfreunde aufgefordert, gegen diesen Raubbau anzugehen.
Der 2. Abschnitt.
Das Teilstück des „Europäische Fernwanderweg 5“ (E 5), von Meran nach Verona. Die Wegführung ist anfangs noch recht gut. Nach der deutsch-italienischen Sprachgrenze, zwischen der Gfrill Alm und Cembra, wird die Markierung schwieriger. Dieser Abschnitt in Südtirol scheint mir noch verwaist für Wanderer zu sein.
Auf meinen Tagesetappen, von Südtirol bis Rom, habe ich tagsüber fast keinen Menschen getroffen.
Der Dolomiten Höhenweg mit seinem Panorama ist wunderschön – durchaus auch paradiesisch. Auf der einen Seite das Etschtal, auf der anderen die Felsen der Dolomiten.
Aus meinem Tagebuch
„ ...25.08.2008 ... Gfrill Alm nach Cembra. ...Der Weg durch die Wälder und Wiesen nach Largo Santo war sehr angenehm. Die Wegweiser sind ab hier anders. Bin jetzt im“Italienischen“. Im Alpini Bergsteigerheim kurze Rast und dann kam der „Knaller“. Am Wegesrand steht ein Gedenkstein mit den Initialen von Albrecht Dürer. Wie mir ein Südtiroler erzälte, ist A.D. diesen Weg, den ich hinunter ging, aufwärts gegangen. Der Weg ist noch im Originalzustand. Es entsteht eine Spannung in mir bei dem Bewusstsein, wieviele Menschen, Tiere mit Wagen und Ladung diesen schwierigen Weg hinauf und hinunter sind. Unglaublich ...“.
Der 3. Abschnitt.
„Auf den Spuren von Franziskus“, der Franziskus Wanderweg, von Florenz nach Rom. Diesen Abschnitt habe ich für mich in einen sportlichen und einen spirituellen Teil aufgeteilt.
Der sportliche Teil führte über die Berge der östlichen Toscana und Umbrien. Die Berge sind nicht ganz so hoch wie in den vorherigen Etappen, dafür die Anstiege und Abstiege sehr steil und unwegsam.
Teilweise musste ich die Wege und Pfade wie ein „Pfadfinder“ suchen. Es blieb mir nicht erspart, unter Stacheldrahtzäune hindurch zu schlüpfen, Bäche oder Flüsse zu durchwaten, wie z. B. den „jungen“ Tiber bei Sansepolcro.
Der spirituelle Teil führte mich an Stätten, an denen einst Franziskus gelebt hat. Anders als der Jakobsweg, den ich vor über zwei Jahren gegangen bin, führt dieser nicht auf ein Ziel hin, sondern bringt einem den franziskanischen Geist näher. Dieser Weg ist mit einem gelben „Tau“ Zeichen markiert.
Aus meinem Tagebuch
„ ...04.09.2009 ...Pieve Santo Stefano nach Sansepolcro. Der Weg aus P.S.Stefano war unproblematisch. Hab mir an der Kirche noch einen Stempel (für meinen Pilger- und Wanderausweis) abgeholt. Es ist schon eigenartig, wenn man als „Pilger“ vor der Pfarrtür steht. Ich hab immer das Gefühl, man wird wie ein „Penner“ angesehen. Die Haushälterin nahm mir meinen Ausweis ab und schloss sofort die Haustür mit einem Gesichtsausdruck: „ Hoffentlich will der nicht mehr“. Es ist wohl wie bei uns, dass man Menschen, die auf Wanderschaft sind, sich manchmal ob ihres Rucksackes großen Vorbehalten gegenüber sehen. Es ging erst über zwei Berge, war wohl an die 8 Std. unterwegs. Höhenunterschied: Anstieg 485 m, Abstieg 596 m, 24 km.
Am Tiberstausee vorbei und der „Stern brannte wieder mörderisch“. Das Wasser in der Trinkflasche ist warm. Bei den Trinkpausen rede ich mir zu, an die Reserven zu denken, also nicht zu viel trinken. Ja, man weiß nicht, wann der nächste Brunnen oder das nächste Haus kommt.
Nach dem Stausee musste ich nochmal über einen Berg und dann ging es hinunter in die Tiberebene. Wohl fünfmal Wasser nachgefüllt. Tierisch geschwitzt. Die einfachen Menschen waren sehr hilfsbereit. Sollen nachmittags 45 ° gewesen sein. Hab für mich beschlossen, ab morgen den spirituellen Weg zu gehen. Möchte ausprobieren, welcher Weg mir mehr gibt und gefällt. ....
So wie im „richtigen“ Leben, muss jeder immer wieder selbst über seinen weiteren Weg entscheiden.
Rom, die „Ewige Stadt“.
Mein Traum war erfüllt und mein Ziel erreicht.
Nach wochenlanger Stille, Ruhe und Einsamkeit, jetzt die laute, lärmende und hektische Großstadt. Welch ein Gegensatz.
Aus meinem Tagebuch
„ ...Sonntag, 05.10.2008, 12.00 Uhr, Angelusgebet des Papstes ...Auf dem Petersplatz ging das „Warten auf den Papst“ los. Um 12.00 Uhr war es dann soweit. Der Platz war in der Absperrung des Petersplatz voll von Menschen. Es ist schon schön, will nicht sagen erhebend, wenn man dieses Schauspiel sieht und erlebt. Den Papst kann man kaum erkennen, soweit ist er weg. Es sind vier riesige Video-Wände aufgestellt, damit man ihn in voller Größe am Fenster seines Arbeitszimmer (?) besser sehen kann. Er begrüßte in deutscher Sprache die ökomenische Gemeinde aus Seeligenstadt und er schließt den Pilger, der den weiten Weg über die Alpen nach Rom gegangen ist in sein Gebet ein .......
Das Finale des Fernwanderweges, meiner Anstrengung, Entbehrung und vieler freudiger Erlebnisse und Begegnungen war mit den Worten des Papstes erreicht.
In diesem Sinne denke ich, dass ich Ihnen mit diesen Zeilen einen kleinen Einblick über die Schönheit, aber auch über die Probleme dieser Fernwanderung geben konnte.
Heinrich F. Biller