Die Wanderfahrt, die wir, d. h. Lisel und Jürgen Koziol, Helmut Meineke, Frobald Wüstner, Ute und Acki Schröder in Karina Hartzsch’s Heimat unternahmen, hatte schon einige Besonderheiten. Soweit östlich war noch keine Wanderung unserer Hochtourengruppe, denn die Region um Oppeln zählt zu Oberschlesien.
Am 19. Oktober trafen wir gegen 15.00 Uhr auf dem Bauernhof von Karinas Eltern in Blazejowice (Nieder Blasien) ein. Karina, Ralf und Tim waren einen Tag vorher angereist und begrüßten uns zusammen mit Karinas Eltern Maria und Georg Strzoda. Sie baten uns gleich, an der liebevoll gedeckten Kaffeetafel Platz zu nehmen.
Danach staunten wir über das großzügige Bettenangebot auf dem Hof. 3 Doppel- und 2 Einzelzimmer standen uns zur Verfügung.
Ralf hatte die Wanderungen gut vorbereitet und zeigte uns viele Sehenswürdigkeiten der Gegend, häufig mit geschichtlicher Vergangenheit. Am Anreisetag fuhren wir noch ins benachbarte Oberglogau. Das ehemalige Schloss der Reichsgrafen von Oppersdorf beherrscht das Stadtbild. Hier vollendete Beethoven als Gast des Schlossherrn seine V. Sinfonie. Heute ist das Schloss weitgehend verfallen. Der nächste Tag führte uns in die nähere Umgebung durch das Tal der Hotzenplotz und auch über die Friedhöfe von Nieder Blasien und Oberglogau. Auf den Grabsteinen dominieren noch heute deutsche Namen.
Von einem verregneten Vormittag abgesehen (Tim freute sich über Kartenmitspieler) hatten wir herrliches Wetter. Wir genossen in den Mischwäldern den goldenen Herbst. So auch am nächsten Tag. Unser Ziel war der Annaberg. Der Weg dahin führte uns über die Oder, die wir auf einer Fähre querten. Allerdings mussten wir uns mittels Holzknüppeln selbst am Seil über den Strom ziehen. Der Annaberg selbst ist ein berühmter Pilgerort der katholischen Gläubigen. 1983 hielt Papst Johannes Paul II vor tausenden Katholiken hier eine Messe. 39 Kapellen säumen breite Alleen die zum Gipfel führen, auf welchem eine prächtige Kirche thront. Nach dem 1. Weltkrieg tobten hier Kämpfe zwischen Polen und Schlesien um die Staatszugehörigkeit. Heute künden die Reste eines deutschen Denkmals mit einem großen Amphitheater und ein erhaltenes polnisches Denkmal von diesen Kämpfen. In Moschen besuchten wir ein prächtiges, neugotisches Schloss (heute Sanatorium) und einen großen Park, auch die Grablegung der Besitzer mit einer Gräfin von der Schulenburg.
Die nächste Tour führte uns in die Ausläufer des Altvatergebirges in den Bereich des Goldbaches. An seinen felsigen Hängen wanderten wir durch das herbstliche Laub, durch einen sauberen, schmucken Urlaubsort, der auch in unseren Mittelgebirgen stehen könnte. An diesem Tag waren wir bereits zum Kaffeetrinken zurück. Auf den Tisch standen drei ofenwarme Blechkuchen (gedeckter Apfel, Käse!! und Streusel), die es in keinem Café besser gibt.
Der letzte Tag beinhaltete die Königsetappe auf die Bischofskoppe, die höchste Erhebung des Altvatergebirges auf schlesischer Seite. Bei Sonnenschein führte der Weg teilweise an Grenzsteinen (P/C) vorbei über Schneereste auf den Gipfel. Hier steht aus der K.u.K.-Zeit eine Warte, die noch heute die Beschriftung „Kaiser-Franz-Josef-Warte“ trägt. Einst war es die Grenze zwischen Deutschland und Österreich, heute zwischen Polen und Tschechien, aber immer zwischen Schlesien und Böhmen. Von der 18 m hohen Warte hatten wir einen weiten Blick auf Schlesien, auf die Berge des Adlergebirges im Westen und gen Osten zur Mährischen Pforte. Was hat dieser Turm in den letzten hundert Jahren wohl alles gesehen?
Erstaunt waren wir auch über ein Kriegerdenkmal der Gefallenen des 1.Weltkrieges. Auf zwei neuen Tafeln waren auch die Namen der Gefallenen des 2. Weltkrieges aufgeführt. Ein Zeichen der Annäherung und Toleranz, die sich, wie Georg sagte, seit einigen Jahren bemerkbar macht.
So hat jede Gegend, in welcher wir unsere Wanderungen durchführen, ihre Besonderheiten. Hier in Schlesien waren es die geschichtlichen Zeugen der Vergangenheit.
Aber auch die Herzlichkeit, mit welcher wir bei Karinas Eltern aufgenommen wurden, die Braten, die auf dem Bauernhof gewachsen waren und von Maria und Karina zubereitet wurden und uns hervorragend schmeckten, überboten das übliche Maß. Wir fühlten uns nach dieser kurzen Zeit schon fast so, als gehörten wir zur Familie.
An diese schönen Tage werden wir uns gerne erinnern.
Acki Schröder