Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2009
Hochtourengruppe

Skiwanderung im Góry Sowie (Eulengebirge)

Wie fast jedes Jahr hatten wir auch dieses Jahr wieder eine einwöchige Skiwanderung geplant. Schon vor ein paar Jahren schlug Tina vor, dass wir doch einmal in das Eulengebirge in Schlesien fahren könnten, von wo ihre Eltern stammen.

So habe ich Informationen gesammelt, wo das ist und was es dort für Wege, Berge und Sehenswürdigkeiten gibt. Der höchste Berg (Wielka Sowa / Hohe Eule) ist knapp über 1000 m hoch – nicht schlecht, aber der Kamm des Eulengebirges ist gerade mal 20 km lang – für eine Woche Skitour etwas mager. Es schließen sich aber niedrigere Bergketten, Góry Suche und Góry Kamienne an. Da ließe sich etwas machen, wenn genug Schnee liegt. Allerdings ist Skilanglauf in Polen wenig populär und es werden kaum Loipen gespurt. Aber der Gedanke ist geboren und es lockt der Reiz eines für uns unbekannten und wenig erschlossenen Gebirges.

So schmorte dieses Ziel in unseren Köpfen. Nachdem wir es einige Jahre wegen Schneemangels aufgeschoben haben, schienen dieses Jahr die Bedingungen nicht ideal aber ausreichend zu sein. Auf der Bahnfahrt nach Osten wuchs die Schneedecke vielversprechend bis Legnica (Liegnitz) an, um dann am Rand des Gebirges in Bielawa (Langenbielau) fast wieder zu verschwinden.

Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, wird sich an Langenbielau erinnern – das ist die Stadt des Schlesischen Weberaufstandes. Inzwischen sind jedoch die Webereien geschlossen und an den Weberaufstand erinnert nur eine kleine Gedenktafel. Viel auffälliger sind da der wunderschön weihnachtlich geschmückte Markplatz, brutal in die Landschaft gestellte Hochhäuser, ungepflegte Altbauten und ein hoher spitzer Kirchturm.

Aussicht vom Parkowa Gora zum Eulengebirge
Aussicht vom Parkowa Gora zum Eulengebirge
Foto: Rainer Nitsche

Und auffällig sind auch die vielen netten und hilfsbereiten Menschen. Da war der Mann, der uns bei der Frage nach dem nächsten Hotel bis vor die Tür brachte, ein Kirchenbesucher, der uns zeigte, wo wir den Schlüssel für den Kirchturm bekommen konnten und die Einkäuferinnen, die uns auf dem Marktplatz umringten, als wir einen Bäcker suchten um Brot zu kaufen. Dabei gibt es schon seit Jahren keinen Bäcker mehr.

Wir haben also unser Brot im Lebensmittelladen gekauft, für Tina und Rainer die familienhistorischen Sehenswürdigkeiten besichtigt, unsere Skier geschultert und sind Richtung Gebirge gelaufen.

Da stand aber noch der Parkowa Góra (Herrleinberg, 451 m), am Stadtrand herum. Als Hochtourengruppe können wir doch so einen Gipfel, sogar mit Aussichtsturm, nicht auslassen und nehmen dafür alle Mühen in Kauf, wie z. B. Skier hinauf und wieder hinunter tragen. Wie sich später herausstellte, war das der einzige Berg, von dem aus wir eine sonnige Aussicht genießen konnten.

Von dort aus ging es dann quer über einen festgefrorenen Acker, gegen einen starken und eisigen Wind, endgültig in Richtung Waldrand und Berge. Wir nahmen den steilsten Aufstieg und ab einer Höhe von 600 m hatten wir zunehmend gute Skibedingungen.

Mit geflicktem Stock an der Andrzejowka
Mit geflicktem Stock an der Andrzejowka
Foto: Rainer Nitsche

Für die nächsten beiden Nächte hatten wir uns eine Berghütte (Zygmuntówka / Henkelbaude) auf dem Gebirgskamm ausgesucht. Die Ausstattung war einfach, das Essen gewöhnungsbedürftig, denn die polnische Küche ist sehr deftig, aber die Bewirtung war sehr herzlich. Aus Ungeschick habe ich meinen Skistock zerbrochen, aber mit Hilfe des Wirtes konnte ich ihn flicken und die Tour fortsetzen. Wir unternahmen eine Tagswanderung ohne Gepäck auf dem Kamm der Góry Sowie in südöstliche Richtung, am übernächsten Tag ging es weiter in nordwestliche Richtung auf die Wielka Sowa (Hohe Eule, 1015 m, Nebel, Aussichtsturm geschlossen) und dann weit hinab ins Tal nach Głuszyca.

Die einzige Pension im Ort war ausgebucht. Aber wieder halfen uns hilfsbereite Polen - der Bruder hat eine Ferienwohnung im Nachbardorf, der Opa brachte uns hin. Leider ging die Fahrt eine halbe Tagestour rückwärts. Was soll’s, wir müssen irgendwo schlafen. Nun wollten wir Abendbrot essen, aber es gab in der Nähe keine Gaststätte, der Laden war geschlossen und das Auto der Vermieter kaputt. Darum bekamen wir zum Abendbrot und Frühstück eine Notration aus dem privaten Haushalt der Vermieter abgezweigt. Zu allem Unglück war auch noch der Abfluss von Toilette und Dusche verstopft. Also ging es im Notfall hinters Haus und Duschen wurde auf später verschoben. Wenigstens ging die Reparatur recht fix.

Etwas hungrig aber trotzdem gut gelaunt gingen wir am folgenden Morgen im Nebel auf den nächsten Bergkamm der Góry Suche entlang der tschechischen Grenze. Der Verlockung nach einen Umweg über eine tschechische Gastwirtschaft mit Bier und Knödeln konnten wir natürlich nicht widerstehen. Die reichlich gefüllten Bäuche machten den Weiterweg doppelt anstrengend.

Die Berge in dieser Gegend sind nicht sehr hoch, aber steil, meistens zu steil, um mit Langlaufskiern aufzusteigen und abzufahren. Es gibt jedoch um fast jeden Berg eine Umgehungsmöglichkeit. Nachdem wir uns am ersten Buckel reichlich abgemüht hatten, bevorzugten wir dann doch die „Damenvariante“. Lediglich auf den letzten und höchsten Berg dieser Kette (Szpiczak / Spitzberg, 881 m), mit Aussichtsturm aber sehr mäßiger Sicht, haben wir unsere Skier hinauf und wieder hinuntergeschleppt. Übernachtet haben wir in der Andrzejowka (Andreasbaude). Am Lifthang vor der Baude konnte ich noch überschüssige Kräfte abbauen.

Dann ging es noch eine Tagestour im munteren Auf und Ab, mit Bögen um die Bergspitzen, nach Wałbrzych (Waldenburg). Es ging allmählich abwärts, der Schnee wurde spärlicher und der frische Neuschnee verdeckte die Steine auf dem Weg, welche den Laufsohlen heftig zusetzten. Am Stadtrand von Wałbrych wurden wir auf die Frage nach dem nächsten Hotel wieder von einer Traube Menschen umringt, welche unverständlich und gestikulierend auf uns einredeten, bis wir herausbekamen, dass es inzwischen gar kein Hotel mehr gibt. Wałbrych ist eine alte Bergarbeiterstadt, welche bestimmt schon bessere Zeiten gesehen hat.

Zum Glück fuhr gleich ein Bus nach Legnica. Dorf fanden wir alle Annehmlichkeiten einer Hotelübernachtung, noch dazu preiswert. Bei einem Stadtbummel plünderten wir noch ein Feinkostgeschäft, um die letzten Złoty loszuwerden. Dann fuhren wir mit vielen neuen Eindrücken nach Hause und können sicher behaupten, wieder eine interessante Tour unternommen und unser Nachbarland etwas besser kennen gelernt zu haben.

Ralf Hartzsch

PS: Die Teilnehmer an dieser Wanderung waren Tina und Rainer Nitsche, Gerhild Jüttner und Ralf Hartzsch

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 10. Mai 2009