Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2009
Hochtourengruppe

TMR - Tour Monte Rosa

Der lange Weg rund um das Monte Rosa Massiv

Wandern ist die natürliche Fortbewegungsart des Menschen.

Es beginnt mit den ersten zaghaften Schritten an der Hand von Mutter und Vater

  • Steigert sich allmählich zu immer weiterem und schnellerem Gehen
  • Bildet die Grundlage für ausdauerndes Laufen
  • Selbst der extremste Eis- und Felskletterer würde ohne diese Grundlagen jämmerlich Schiffbruch erleiden.
  • Erhält dem Menschen bis ins Alter körperliche und geistige Frische.

Doch irgendwann werden scheinbar mit jedem Jahr die Berge immer höher und die Rucksäcke immer schwerer. Kraft und Schnelligkeit nehmen allmählich ab, während die Ausdauer noch länger recht gut erhalten bleibt.

Was macht dann die geplagte Bergsteigerseele?

  • Sie ändert Art, Länge und Schwierigkeit der Bergtouren
  • Verzichtet immer häufiger auf Seil, Espickel, Steigeisen, ……
  • Und kehrt nach und nach zur „Urform Wandern“ zurück.

Nach einigen Weitwanderungen sind Lisel und ich 2005 die „TMB Tour du Montblanc“ gegangen, die wir 1991 zusammen mit Edith und Horst Rose zurückgelegt hatten. Da wir diese Tour mit allen schwierigen Varianten, aber ohne jede Seilbahn- oder Busbenutzung geschafft haben, trauten wir uns noch eine Steigerung zu. Wir haben uns deshalb im August 2008 an die deutlich schwierigere

TMR - Tour Monte Rosa“

herangewagt.

Zur besseren Übersicht hier eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Unterschiede (Zahlen gerundet):

  TMB TMR
Streckenlänge 180 km 220 km
Summe der Anstiege 7.500 hm 10.500 hm
Übernachtungsmöglichkeiten Große Zahl, relativ kurze Abstände, dadurch lange Etappen individuell leicht teilbar Deutlich geringere Zahl, oft große Abstände, lange Etappen, häufig nur schwer teilbar.
Bodenbeschaffenheit Wege meist gut begehbar, häufig im Tal oder auf sanfteren Bergen jenseits des eigentlichen Massivs. Gelegentlich schon Mittelgebirgscharakter. Wege meist unmittelbar an den steilen Hängen des Massivs verlaufend, oft sehr steinig und uneben, gleichmäßiger kraftsparender Wanderschritt oft nicht möglich.
Das Ergebnis daraus Eine der beliebtesten Weitwanderungen der Alpen, große Zahl von Wanderern aller Altersklassen, die überwiegend die ganze Runde gehen. Erheblich geringeres „Verkehrsaufkommen“, überwiegend Wanderer mittleren Alters und jünger, unsere Altersklasse ist selten anzutreffen. Wegen hoher Anforderungen häufig nur Teilbegehungen.

Eine Rundwanderung wie die TMR kann man an jedem beliebigen Ort beginnen und landet schließlich wieder aus eigener Kraft am Auto mit frischen Klamotten. Beliebteste Startorte sind Zermatt, Grächen und Saas Fee. Der nördlichste Punkt ist Hannigalp bei Grächen, der südlichste Staffal im obersten Val di Gressoney auf der Südseite des Lyskammes. Dabei werden Balfrin-Gruppe, Mischabelkette, Monte-Rosa-Gruppe und Lyskamm-Breithornkette umrundet.

Lisel und ich haben unser Basislager noch 5 km weiter südlich in Gressoney la Trinité (1.635 m) aufgeschlagen, um gute Bekanntschaften pflegen zu können und unser Auto in sichere Obhut zu geben.

17. August 2008

Start mit vielen Wolken und wenig Sonne - steiler Wiesenpfad zum Lago Gabiet - hinüber zur Alpe Gabiet (2.339 m) - ab hier auf der Route des TMR - Wolken beginnen Nebel, Regen und Hagel zu spenden - endlich Col d’ Olen (2.890 m) - nach 20 Minuten Rif. Guglielmina (2.880 m).

18. August 2008

Wolkenloser Himmel - Glatteis auf der Hüttenterrasse - Signalkuppe, Parrotspitze, Vincentpyramide, Punta Giordani grüßen zu uns herunter - frohgemuter Aufbruch - nach 5 Minuten verlieren wir im Schotter der neuen Skipiste die Wegmarkierung - intensives Suchen ohne Ergebnis - also weglos steile Piste abwärts hoppeln - …. - irgendwann Mittelstation der Seilbahn Alagna/Passo dei Salati - Fahrstraße abwärts noch schlechter und steiler als Skipiste - Rucksäcke schieben gewaltig - Bremsen lässt allmählich Knie zittern - …. - und dann sind wir doch noch in Alagna Valsesia (1.170 m).

Zum Tagesziel Rif. F. Pastore (1.575 m) anfangs Asphaltstraße mit Kleinbus - letzte 200 hm per pedes - Duschen, Trinken, Essen, Pennen.

19. August 2008

Muskelkater wie nach einem Marathonlauf - Wetteraussichten ab Mittag ziemlich mies - da Quartier insgesamt sehr gut, bleiben wir noch eine Nacht.

Zeit haben wir genug.

20. August 2008

Der Regen hat erst in der Nacht aufgehört - aber jetzt lacht der Morgen - in großen Pfützen spiegeln sich Signalkuppe, Parrotspitze und Vincentpyramide.

Heute liegt mit 24 km nach Macugnaga das längste Teilstück der ganzen Tour vor uns - die alte Militärstraße zum Colle del Turlo (2.738 m) ist noch ziemlich gut erhalten - ….. - vom Joch aus erschreckt die Länge des Weiterweges im Valle Quarazza - bevor wir ganz, ganz weit im Norden noch ins Valle Anzasca abbiegen müssen.

….- am Bivacco Lanti verschmähen wir das mögliche Unterbrechen - ….. - steigen dafür 350 hm in einem glitschigen Bachbett durch einen quietschnassen Erlenwald ab - nach den Markierungen war es doch der TMR –Weg - ….. - und als wir schließlich in Macugnaga (1.310 m) sind, verhüllen viele Wolken die Monte-Rosa-Ostwand.

21. August 2008

Fast niemand geht die Strecke Macugnaga - Monte-Moro-Paß zu Fuß. Es soll lt. Führer die am schlechtesten zu begehende Wegstrecke der ganzen Tour sein.

Wir schließen uns dem allgemeinen Trend an und fahren mit der Seilbahn zum Rif. Oberto (2.796 ,m) und landen im dichten Nebel. Abstieg ins Saastal wäre zeitlich noch möglich, aber wir bleiben zur Übernachtung und hoffen für morgen auf strahlenden Sonnenaufgang an der Monte-Rosa-Ostwand.

22. August 2008

Die Nacht war lumpig kalt - der Nebel ist noch dichter -

das optische Highlight der TMR

bleibt uns verwehrt.

Schnell hinüber ins Wallis - auch hier herrschen die Wolken vor - in Mattmark kommt gerade der Bus - umsteigen in Saas Almagell und Saas Grund - Quartier in Saas Fee - später Sturm, Gewitter, Regen, Hagel.

23. August 2008

Heute ist Samstag - Quartiere sind überall knapp - Wetter immer noch wenig berauschend - also bleiben wir noch eine Nacht und genießen den freien Tag ohne schweren Rucksack.

24. August 2008

Sonntag - und so ist auch das Wetter.

Aber es wird auch ein harter Arbeitstag - über 20 km bis zur Hannigalp - doppelt so viele An- wie Abstiegshöhen - die längsten Anstiege in der zweiten Streckenhälfte. Zum Ausgleich wundervolle Ausblicke - tief unten Saas Grund - Saas Balen - …. - Visp - gegenüber der Gsponer Höhenweg - und oben Allalinhorn - …. - Dom - …. - Nadelhorn - …. - Weißmies - Fletschhorn /Lagginhorn - …. - Bietschhorn - … - Aletschhorn - ….

Irgendwann werden Körper und Geist müde - Steinböcke lenken uns ab - …. - und schließlich doch noch das Ziel.

Im Quartier treffen wir Armin Rogge, ständiger fleißiger Helfer bei den Arbeitseinsätzen an der Braunschweiger Hütte. Die Welt ist wirklich klein.

25. August 2008

Es regnet.

Ein Tag zum Regenerieren. Seilbahn nach Grächen - Regen geht zu Ende - eine Stunde bis Gasenried (1.659 m) - …. - abends Raclette am offenen Holzfeuer - lange Gespräche mit 6 jungen Flamen - ….

26. August 2008

Nur wenige Wolken behindern den Blick aufs Weißhorn.

Der „Europaweg“ von Grächen nach Zermatt wird von den Gemeinden des Mattertales gnadenlos vermarktet. Hinweise auf die „TMR“ fehlen fast völlig. Mehr als die Hälfte aller Wanderer auf dieser Strecke pendeln nur auf diesem Teilabschnitt hin und her. Ohne Voranmeldung in der Europahütte geht deshalb so gut wie gar nichts.

Also auf ins Getümmel - fast 800 hm auf gutem Weg hinauf - vorbei an der Statue des Hl. St. Bernhard, Schutzpatron der Bergsteiger und Alpenbewohner - auf und ab an den steilen Hängen von Balfringruppe und Nadelgrat - auf abscheulich klapprigem„Straßenbelag“ aus großen und kleinen Steinen, die ständig Nachschub von oben erhalten - lange Zeit ohne steinschlagsicheren Pausenplatz - …. - allmählich besserer Weg - links oben der Dom - …. - eine große Hängebrücke - … - und dann die Europahütte.

Im großen Lager Platz dicht am Fenster - gutes Essen - …. - beim letzten Bier Abendstimmung auf der Terrasse genießen - und ab in den Schlafsack - ….

27. August 2008

….. Geisterstunde!

Gewaltiger Lärm - ein Betrunkener randaliert in unserem Lager - ….. - endlich wieder Ruhe - … - kurz nach 2.00 Uhr wieder Randale - …. - irgendwann bin ich wohl wieder eingeschlafen.

Morgens erwarten alle eine Entschuldigung des Wirtes - schließlich hat er abends lange mit dem Randalierer gebechert - aber Fehlanzeige - na ja, tolle Reklame für Wirt und Hütte.

Aber Sonne pur vertreibt schnell den Ärger - neue Wegführung wegen großer Geröllhalden verschaffen uns zweimal zusätzliche Fleißaufgaben von je 300 hm Abstieg und 300 hm Wiederaufstieg - …. - dazwischen hinein nach Wildikin - hier Abzweigung zur neuen Kinhütte - herrlicher Blick auf Täschhorn und Dom - … - unterwegs am steilen Hang eine „richtige“ Parkbank - genau gegenüber das Weißhorn - fast eine Stunde die Stille, das Wetter, die Aussicht, …. genießen - … - und dann Quartier in Ottawan (Täschalp) in der Europaweghütte.

28. August 2008

Wieder ein herrlicher Tag - … aber man soll ihn nicht vor dem Abend loben.

Weißhorn und Rimpfischhorn zum Frühstück - Matterhorn und Breithorn zur Zwischenmahlzeit - Mittagspause im Kurpark - …. –

und plötzlich scheint die Tour zu Ende!

Dusche in der Badewanne ohne Ausgleitschutz - heißes Wasser wechselt plötzlich auf eiskalt - zuck! - knallharte Landung auf dem Rücken - Rippen gebrochen?

Jede Bewegung schmerzt - aber wohl doch „nur“ Rippenprellung - …. – ob ich damit wohl morgen weiterwandern kann?

29. August 2008

Ziemlich schlecht geschlafen - aber wenigstens lacht die Sonne aus allen Knopflöchern. Anziehen schwierig - die Füße sind verdammt weit weg - … - Lisel hilft beim Rucksackaufsetzen - Druck erzeugt keine Schmerzen - langsames Gehen ist möglich - geplanter Aufstieg Furi-Furgg-Gandegghütte wird gestrichen - stattdessen Seilbahn zum Trockenen Steg. Nur 400 hm bis zur Theodulhütte - bestimmt neuer Schneckentempo-Negativrekord - das Fassungsvermögen meiner Lunge scheint durch die Prellungen dramatisch gesunken zu sein - aber nachmittags ausruhen auf der Sonnenterrasse tut mir sehr gut.

Abends noch längeres Gespräch mit zwei Schweizern aus Zürich, die morgen zum Rif. Carrel und übermorgen über Liongrat-Hörnligrat das Matterhorn überschreiten wollen. Von Zürich ist man mit der Eisenbahn in 3 ½ Stunden in Zermatt. Glückliche Schweiz!

30. August 2008

Auch jede kalte Nacht geht einmal zu Ende.

Die Spitze des Matterhorn beginnt zu brennen - weit im Süden leuchtet der Gipfel des Gran Paradiso rot-golden - … - das Schottergelände abwärts im Skigebiet von Breuil ist Gift für meinen Rücken - an den Lacs des Cimes Blanches kreuzen wir die Seilbahntrasse von Testa Grigia - kurz entschlossen Bahnfahrt nach Breuil - Übernachtung - und morgen ……..

31. August 2008

…….. fahren wir mit der ersten Bahn zu den Lacs des Cimes Blanches zurück und nehmen den Faden wieder auf.

Bis zum Etappenziel Rif. Ferraro im Val d’Ayas liegt immer noch eine Strecke von 19 km vor uns - allerdings mehr bergab als bergauf. Es ist die landschaftlich reizvollste Strecke der ganzen Tour - leider aber heute bei Hochnebel und wenig Sonne.

Die mächtigen südseitigen Gletscher von Testa Grigia, Gobba di Rollin, Breithorn, Pollux und Castor lassen viele Gletscherbäche durch breite Wiesenflächen allmählich zu Tal meandern. Man möchte sich einfach hinhocken - verweilen - schauen - genießen. Waren wirklich vor uns hier schon andere Menschen?

…. Aber schließlich ist es auch schön, endlich in der Hütte zu sitzen - Bier zu trinken - ……

1.September 2008

Schlußetappe

Fast 700 hm Aufstieg zum Colle di Bettaforca - einen solchen Weg traue ich mir noch nicht wieder zu.

Wir pokern ganz hoch und gewinnen.

Wir steigen noch weitere 400 hm ab bis St. Jaques - finden einen Taxifahrer mit Geländewagen - erleben die wildeste Autofahrt unseres Lebens 1.100 hm wieder hinauf zum Colle di Bettaforca - und können gemütlich ins Val di Gressoney hinunterbummeln.

In Staffal kommt gerade der Bus - 1,00 € pro Person kosten die 6 km - um 15.05 Uhr sind wir in Trinité.

Großes Hallo - Freibier - abends genießen Lisel und ich unser Festessen.

Das Abenteuer ist zu Ende.

Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 9. Mai 2009