Sektion Braunschweig
mehrspaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2009
Hochtourengruppe

252 km über die Kämme des Erzgebirges

Weitwanderung von Cunnersdorf (Bad Schandau) im tschechischen und deutschen Grenzgebiet bis nach Klingenthal

Ende April 2008 haben wir die Wanderung schon einmal in Hrensko begonnen und am 4. Tag wegen schlechten Wetters abgebrochen. Ich habe darüber in Heft 3/2008 unserer Mitteilungen unter dem Titel

2 Tage Erlkönig sind genug

berichtet.

Anfang Mai dieses Jahres haben Lisel und ich zusammen mit Helmut Meineke den zweiten Versuch ab Cunnersdorf gestartet und am 12. Tag erfolgreich abgeschlossen. Leider konnten Ute und Acki Schröder nicht mitkommen. Aber auch zu Dritt ist das Sachsen-Anhalt-Ticket für 28,00 € immer noch ein Schnäppchen.

6. Mai 2009

Auf dem Weg zum Bus leichter Regen, genau wie letztes Jahr. Hoffentlich ist das die einzige negative Parallele.

Bahnfahrt ab Braunschweig - Helmut steigt in Wolfenbüttel zu - mit umsteigen in Vienenburg, Halle, Leipzig und Dresden. In Krippen verlassen wir den Zug und fahren mit dem Bus, werden hinter Papstdorf an einer Wegkreuzung in der Feldmark abgesetzt, da der Bus eine andere Route fährt, und erreichen nach längerem Fußmarsch Cunnersdorf und unser Quartier im „Erbgericht“.

Erst als wir schon beim Essen sitzen, gibt es wieder Regen.

7. Mai 2009

Um 8.30 Uhr beginnt der Ernst des Lebens. Die Rucksäcke sind hinauf zum Katzstein noch ungewohnt schwer. Es ist ziemlich trübe, so dass wir den guten Aussichtspunkt nicht richtig auskosten können. In früheren Jahrhunderten war der Katzstein ein wichtiger Beobachtungspunkt zur Entdeckung feindlicher Truppenbewegungen oder von Waldbränden. Weiter geht es über Schneebergblick - Rotstein - Rosenthal - in der Feldmark wetteifern inzwischen Sonne und knallgelbe Rapsfelder darum, wer am besten leuchten kann - Ottomühle - Bielatal - die Grenze nach Tschechien ist kaum noch erkennbar - nach Ostrov.

Hier treffen wir auf die tschechische Variante des E 3, auf der wir letztes Jahr von Decin aus gekommen waren. Hinauf zu den Tisaer Wänden mit weitem Blick ins Böhmische Becken und hinunter nach Tisá zum Rifugio Tisá, wo wir als alte Bekannte begrüßt werden.

8. Mai 2009

Heute verlassen wir die Sächsische Schweiz und wechseln ins Erzgebirge. Auf bereits bekannten Pfaden wandern wir über Panenska - Adolfov - Habartice zum Komari hurka (Mückenberg).

Als Nachtisch wird heute ein gewaltiges Feuerwerk gezündet. Durchs Böhmische Becken ziehen mächtige Gewitter und wir sitzen oben am Fenster des Speisesaales in der ersten Reihe und können den zuckenden Blitzen zuschauen.

9. Mai 2009

Morgens ist der ganze Spuk vorbei - die Sonne lacht.

Im letzten Jahr sind wir von hieraus durch dichten Nebel und Regen ins Nichts getappt. Heute gehen wir durch lichten Wald - hart an einem großen Hochmoor entlang - mit weitem Blick nach Cinovec und über die Grenze nach Zinnwald - weiter im ständigen Auf und Ab durch frisch aufgeforstete Wälder, die noch den Blick auf unendlich scheinende Hügelketten zulassen - entlang laut plätschernder Bäche - geschmückt mit vielen Sumpfdotterblumen.

Als wir schließlich den Bournak erreichen, können wir beruhigt den Tag beschließen.

10. Mai 2009

Am Bournak haben wir letztes Jahr das Handtuch geworfen. Es beginnt also absolutes Neuland.

Hinunter nach Nove Mesto - hinein in die Wälder - über größere Moorflächen - oberhalb des neuen Ortes Flajé (Fleyh) - der alte Ort ist in der Talsperre Flajé versunken - nach Cesky Jiretin, unmittelbar an der Grenze zu Deutschland und Deutschgeorgenthal.

„Schmuckstück“ von Cesky Jiretin ist der Vietnamesenmarkt, in dem man jede Menge Plunder für wenig Geld kaufen kann. Wir finden allerdings die alte Holzkirche von Flajé, die vor der Flutung abgebaut und hier wieder errichtet wurde, deutlich interessanter.

Unser heutiges Wirts-Ehepaar sind Deutsche. Sie betreiben seit 15 Jahren eine Schlachterei und Pension. Preis-Clou waren 0,5 l Pilsener Urquell vom Faß für 0,70 €!

11. Mai 2009

Es regnet kräftig.

Unser heutiges Ziel Nova Ves v Horach (Gebirgsneudorf) ist 20 km entfernt. Dazwischen nur ein kleiner Ort ohne Übernachtungsmöglichkeit. Der tschechische E 3 läuft dicht an der Grenze - nach Karte und unseren bisherigen Erfahrungen ohne jede Schutzhütte. Parallel dazu - oft nur 200 m oder 300 m getrennt - läuft auf deutscher Seite der Weg der Deutschen Einheit (WDE) – lt. Karte und auch tatsächlich auf den nächsten 20 km mit mehreren Schutzhütten bereichert. Und Auskneifer in deutsche Orte sind mit Neuwernsdorf, Neuhausen, Kurort Seiffen und Deutscheinsiedel ausreichend vorhanden.

Wir weichen nach Deutschland aus und erreichen - mit Hilfe einer längeren Trockenphase - am Nachmittag im strömenden Regen Deutschneudorf.

Quartier in einem super hergerichteten Bauernhof von 1648. Zum Klamottentrocknen wirft die Wirtin die Heizung an, ….

Also, alles richtig gemacht.

12. Mai 2009

Heute lacht wieder die Sonne.

Nach 10 Minuten sind wir wieder in Tschechien in Nova Ves v Horach, unserem eigentlichen Ziel von gestern.

Und damit beginnt unser großes Problem.

Unsere deutsche Wanderkarte reicht nicht so weit nach Tschechien hinein. Und tschechische Karten kann man in Deutschland nicht kaufen. In den kleinen Grenzorten in Tschechien gab es auch keine Karten. Also müssen wir uns mit unserem Wanderführer und dem Studium der Wegweiser durchwurschteln - und das bei der Etappe, die gut 30 km lang sein soll. Aber vielleicht finden wir ja einen Bus, der in die richtige Richtung fährt.

Nova Ves ist unendlich lang - mehrere scharfe Richtungswechsel bringen uns ziemlich durcheinander - endlich Lesna - vor Sahova ist unsere Wegmarkierung dem neuen Skiwanderweg geopfert worden - in Zakuti ist es bereits 15.00 Uhr - wir haben aber erst die gute Hälfte unserer Strecke geschafft.

Doch das Schicksal wendet sich zu unseren Gunsten. Auf einer großen Landkarte vor einigen Wochenendhäusern am Ortsrand orientieren wir uns. Wir sind nicht mehr weit von unserem Kartenrand entfernt - und wenn wir nach Norden auskneifen, sind wir nach ca. 1 Stunde in Kalek - und gleich dahinter beginnt Deutschland.

Der Zufall führt in diesem Moment Christina („unser Schutzengel“) zu ihrem Haus. Sie ist Tschechien. Sie bietet uns ihre Hilfe an.

4 Erwachsene und 3 große Rucksäcke hinein in einen Fiat 500 - Fahrt nach Kalek - Pension belegt - weiter nach Nacetin - es gibt nur ein 4-Bett-Zimmer, in dem schon ein tschechischer Waldarbeiter schläft - wir lehnen dankend ab - zurück nach Kalek und über die Grenze nach Rübenau - das große Hotel ist geschlossen und steht zum Verkauf - jetzt macht Christina Nägel mit Köpfen und fährt in die nächste Stadt, nach Zöblitz.

Vor dem ersten großen Gebäude ein großes Schild „Schützenhaus“, …Zimmer mit …“ - hinein ins Gebäude - großes Gelächter - wir sind im Getränkegroßmarkt gelandet. Aber dann haben wir das Schützenhaus doch noch gefunden.

Wie heißt es so schön? „Wenn einer eine Reise tut,…..“

13. Mai 2009

Heute haben wir das Abenteuer von gestern beinahe noch getoppt.

Unser Wanderweg vereinigt lange Zeit WDE, Erzgebirgs-Kammweg und Skimagistrale, führt hoch über dem Tal am „Grünen Graben“ und seinen Zuläufen entlang - Relikte aus der Bergbauzeit. Ziel ist die Hirtsteinbaude, in der wir telefonisch vorangemeldet sind.

Auf der Höhe von Kühnhaide sind es nach unserer Landkarte noch 5 – 6 km. Am nächsten Wegweiser stehen 11,5 km, ca. 1 km später die Angabe 13 km. Wer spinnt hier?

Anruf und Ankündigung, dass wir spät kommen - aber die Wirtin meint, wir sind in gut einer Stunde da.

Stimmt ungefähr. Am Ortseingang Hirtstein aber kein Hinweis auf die Baude - Anfrage in der Bäckerei - lauter Lacher - noch ca 6 km bis zur Baude oben auf dem Hirtstein - Tipp: Fahrt ca 5 km mit dem Schulbus bis zum Ort Satzung.

An der Bushaltestelle hält plötzlich ein PKW: „Ihr seid bestimmt meine Gäste. Nochmals 3 Leute mit großen Rucksäcken laufen wahrscheinlich hier nicht herum.“

Die Wirtin hatte sich über ihre falsche Auskunft erschrocken und ist dorthin gefahren, wo wir auf jeden Fall vorbeimussten, um uns aufzusammeln.

Der Hirtstein (890 m) überragt die ganze Umgebung ähnlich wie im Harz der Brocken - und entsprechend windig ist es dort auch. Wen wundert es, dass neben der Baude dort oben die erste Windkraftanlage Sachsens errichtet wurde. Und der Blick reicht weit ins Rund - u. a. bis zu Fichtelberg und Keilberg.

Besondere Attraktion ist eines der faszinierendsten Naturdenkmäler Europas: der Basaltfächer, vor Millionen Jahren entstanden aus erstarrter Lava. Die an der Oberfläche sichtbare 15 m hohe Basaltstruktur hat die Form eines überdimensionalen Palmwedels.

14. Mai 2009

Weiter auf dem WDE, Kammweg und Skimagistrale - vorbei am „Lustigen Hans“ - weit hinab zum alten Bergwerksort Schmalzgrube mit umfangreichen Besichtigungsmöglichkeiten - über den nächsten Berg hinüber nach Jöhstadt - dann auf Grenzweg - Salzstraße und Böhmischem Steig immer genau an den Grenzsteinen entlang nach Bärenstein mit dem gleichnamigen Berg unmittelbar am Stadtrand. Aber die dortige Baude soll ein vornehmer, teurer Schuppen sein.

Von unserer kleinen Pension „Zur u’zeitigen Wirtschaft“ scheinen Fichtelberg und Keilberg schon ganz nahe zu sein.

15. Mai 2009

Nachts gewaltige Gewitter. Morgens versteckt dichter Nebel die ganze Landschaft.

Wir tasten uns vorsichtig von einer Wegmarkierung zur nächsten. In Kretscham-Rothensehma kreuzt die Fichtelbergbahn - im Volksmund liebevoll als „Bimmelbahn“ bezeichnet - laut fauchend und gewaltig qualmend unseren Weg.

Die „Nebelroute“ führt uns schließlich an eine steile Skiabfahrt, später orientieren wir uns an den Pfosten des Sesselliftes - und erreichen das Denkmal mit der Abbildung eines Wolfes - offensichtlich der höchste Punkt des Fichtelberges (1.214 m). Irgendwo scheinen auch noch Gebäude im Nebel herumzustehen. - Es ist kalt hier oben - schnell auf dem offiziellen Wanderweg bergab - und wo ist jetzt Oberwiesenthal?

Auf einem Stadtplan versuchen wir uns zu orientieren. Im Nebel laufen wir erst einige Zeit in der Stadt hin und her - finden schließlich doch noch die Info - und gleich um die Ecke ein gutes Quartier.

16. Mai 2009

Nachts wieder Gewitter. Der Regen hört jedoch pünktlich zur Frühstückszeit auf.

Beim Abmarsch können wir den Fichtelberg immerhin schon etwa bis zur Gürtellinie sehen. Auf den Umweg über den Klinovec (Keilberg, 1.244 m) verzichten wir bei dieser Wetterlage und gehen über den „Grenzpaß“ hinunter nach Bozy Dar (Gottesgab).

Hier müssten wir nach Landkarte und Führer wieder auf den tschechischen E 3 stoßen, aber auch nach längerer Suche finden wir keinen Wegweiser und keine Markierung. Also nach Karte improvisieren …., schließlich noch eine Stunde durch dichte Wälder - vor uns plötzlich ein tiefes Tal mit vielen Häusern - wenn das Jachimov (St. Joachimsthal) ist, haben wir uns nicht verlaufen - spontan weglos steile Wiesen hinunter, und….

….. es ist St. Joachimsthal. Hier wurde seit dem 13. Jahrhundert Silber abgebaut. Und der daraus geprägte Joachimsthaler ist später der Namensgeber für den amerikanischen Dollar geworden.

In Jachimov treffen wir wieder auf den E 3, der offensichtlich irgendwo auf eine neue Route verlegt wurde, seit wir ihn in Zakuti verlassen haben.

Weiter geht es über Nove Mesto/Jachimov - Zalesi - und dann ist die Markierung wieder verschwunden - wir übersehen dadurch eine Abzweigung - gehen einen Umweg von rd. 4 km - und finden dann doch noch den E 3 wieder und erreichen unser Tagesziel Plesivec (Pleßberg, 1.028 m) mit einer hervorragenden Aussicht.

17.Mai 2009

Auf dem Plesivec wendet sich der E 3 nach Süden Richtung Karlovy Vary (Karlsbad) und verlässt die Hochlagen des Erzgebirges. Wir gehen deshalb nach Norden, um an der deutsch/tschechischen Grenze wieder Kammweg, WDE, …. zu erreichen.

Abstieg nach Abertamy (Abertham) - hinaus auf große Freiflächen mit weiter Rundsicht - überall sind Reste des Bergbaus sichtbar - mir scheint, das ganze Erzgebirge ist ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse.

Hinein in die Wälder - auf dem Blatensky (Gr. Plattenberg, 1.043 m) steht ein Aussichtsturm. Der Blick über die Wälder zeigt zurück den Plesivec und weit vor uns Tal und Häuser von Johann-Georgenstadt, unserem Tagesziel.

In Potucky verabschiedet uns Tschechien mit Nachmittagshitze und einem großen Vietnamesenmarkt, der am heutigen Sonntag von zahllosen Deutschen regelrecht gestürmt wird. Unser Wanderweg zweigt unmittelbar nach der Grenze links ab, so dass wir dem großen Trubel ganz schnell wieder entrinnen können - leider längere Zeit bergauf auf Asphalt in der knallen Sonne.

Das Erbgericht im Ortsteil Jugel hat geschlossen, aber 3 km weiter hat das kleine Café Henneberg Platz für uns. Ein traumhaftes Quartier, umgeben von Wäldern und Moorflächen.

18.Mai 2009

Nachts starke Gewitter, am Morgen lösen sich die Wolken bald auf.

Bis zum Bahnhof Klingenthal sind es ungefähr 28 km. Auf dem Kammweg - immer dicht an den Grenzsteinen entlang - eilen wir über Weiters-Glashütte - zwischen Talsperre Carlsfeld und Stangenhöhe hindurch - am Großen Kranichsee und dem Schwarzen Teich und dicht am Großen Rammelsberg (963 m) vorbei - zum Aschberg, unmittelbar am Rande der riesigen Wälder, durch die wir seit Henneberg gegangen sind.

Vor uns liegt das langgezogene Tal von Klingenthal - der Bahnhof ganz am anderen Ende, ca. 6 km Luftlinie entfernt. Steil den Berg hinab - erste Häuser - Leute fragen - zum Bus weiter nach unten - mit dem Bus kreuz und quer durch die ganze Stadt - endlich der Bahnhof.

Wir wollen ein Sachsenticket für morgen früh kaufen - Quartier suchen - heute abend gut essen und trinken - und uns einfach nur freuen.

Und dann scheinbar die große Pleite - am Bahnhof kein Schalter - Fahrkarten 5 Minuten entfernt in der Info - Info hat seit 1/2 Stunde Feierabend - Reisebüro nebenan kann auch nicht helfen - zurück zum Bahnhof - in 5 Minuten um 16.17 Uhr fährt der nächste Zug nach Zwickau - …..

. doch der rettende Engel naht.

Die Züge der Vogtlandbahn fahren lt. Aushang ohne Zugbegleiter. Im Zug um 16.17 Uhr sitzt jedoch eine Zugbegleiterin - sie verkauft uns ein Sachsenticket - und stellt uns den Fahrplan mit jeweils 15 bis 20 Minuten Umsteigpausen zusammen. Umsteigen in Zwickau - Leipzig - Magdeburg - um 23.14 Uhr in Braunschweig Hbf. Dank Helmuts Schwiegersohn sind wir um 23.30 Uhr zu Hause.

Die „Siegesfeier“ haben wir einige Tage später bei uns zuhause mit Helmut und Karin nachgeholt.

Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 2. August 2009