Nach einem ersten Übernachtungsabenteuer im VW-Bus mit Dachzelt ging es für uns fünf Marokkofahrer Gerhild Jüttner, Hans und Petra Keinhorst, Gaby Lappe und Kai Maluck am Morgen des 28. März 2009 per Flugzeug nach Marrakesch. Dort bezogen wir erst einmal unsere Zimmer in einer günstigen, aber wunderschön orientalisch eingerichteten und perfekt im Zentrum der Medina (Altstadt) gelegenen Unterkunft. Die engen Gassen der Medina mit ihren vielen kleinen Geschäften, Verkaufsständen, exotisch gekleideten Passanten, den lautstarken und überaus „kontaktfreudigen” Verkäufern und zwischen all diesem Trubel immer wieder hindurchrasenden Mopedfahrern waren dann auch so spannend, dass wir auch ohne Berge an diesem Tag hinreichend beschäftigt waren.
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Lawinenübung
Foto: Kai Maluck |
Am nächsten Morgen konnten wir noch keinen afrikanischen Schnee bewundern, dafür aber reichlich Regen. Durch diesen arbeiteten wir uns mit etwas stark generalisierten Stadtplänen bis zum Stand der Überlandtaxen vor, mit denen wir nach ausgiebigen „Tarifverhandlungen” nach Imlil im Hohen Atlas fahren konnten. Imlil - auf 1740m Meereshöhe gelegen - ist gewissermaßen das Chamonix des Hohen Atlas. Es liegt am Fuße des technisch recht einfach zu besteigenden Jebel Toubkal, dem mit 4167m höchsten Gipfel des nördlichen Afrika. Und so wird es im Sommer wie Winter von vielen Reisenden angefahren, die den Berg auch einmal von oben sehen möchten. Die meisten kommen nach Imlil und steigen in einem Zuge bis zur Toubkalhütte auf 3207m auf, ehe sie am nächsten Tag auf den Gipfel und in der Regel gleich wieder zurück ins Tal nach Imlil gehen. Wir gönnten uns aber doch etwas mehr Ruhe, Akklimatisation und Gebirgseindrücke, als es dieses Standardprogramm bietet und stiegen erst einmal nur bis Aroumd auf. Dort konnten wir im „Gîte Atlas Toubkal” in der letzten auch im Winter bewirtschafteten Unterkunft unterhalb der Toubkalhütte übernachten, die noch einigermaßen akzeptable Verhältnisse aufweist und auch im Voraus buchbar ist.
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Am höchsten Punkt Nordafrikas
Foto: Petra Kleinhorst |
Am nächsten Morgen wurde unsere Gruppe dann noch um vier Mitglieder verstärkt: Zwei Maultiere plus Treiber übernahmen den größten Teil unseres Gepäcks, so dass wir unseren Anstieg ziemlich „unbelastet” genießen konnten. Erst etwa eine Stunde vor der Toubkalhütte wurde der Schnee für die Tragtiere zu tief, so dass wir unsere Rucksäcke selbst schultern mussten. Tragtiere mit ihren Treibern - und bei tiefem Schnee auch Menschen als Träger - übernehmen nicht nur den Transport des Gepäcks der Hüttengäste, sondern die komplette Versorgung der Toubkalhütte. Nahrungsmittel, Gasflaschen, Brennholz - alles wird von ihnen zur Hütte hinaufgebracht, eine anstrengende Arbeit, die aber für viele Familien eine wichtige Einnahmequelle darstellt.
Auch wir arbeiteten am Tag unserer Ankunft noch ein wenig. Nachdem wir unsere Lager belegt hatten, zog es uns hinaus in die schöne, tief verschneite Gebirgslandschaft. Gaby, Gerhild und Kai unterhöhlten einen kleinen Schneehang, so dass wir alle noch am Abend eine erste Übung mit unseren Lawinensonden durchführen konnten: Ein Übungsverschütteter, Felsbrocken und verschiedene Ausrüstungsgegenstände wurden in immer wieder wechselnden Anordnungen in der von uns gegrabenen Höhle verteilt. Sie mussten vom über der Höhle stehenden Sondierer per Sonde erfühlt und identifiziert werden.
Auch an den nächsten beiden Akklimatisationstagen führten wir immer wieder verschiedene Lawinenübungen durch.Auch ein kleines bisschen Eisbouldern und Rodeln standen auf dem Programm. Nach all diesen ruhigen Tagen wurde es aber schließlich doch Zeit für den hohen Gipfel über der Toubkalhütte: Am 2. April stiegen Gaby, Gerhild, Petra und Kai über die Firn- und Schneehänge des Südkars hinauf auf den 4167m hohen Gipfel des Jebel Toubkal. Im Sommer ist der Anstieg ziemlich mühsam, da er über lockere Schuttfelder führt, jetzt im Winter waren diese aber von meist griffigem Firn und Altschnee bedeckt.
Nachdem wir die wunderschöne und etwas exotische Aussicht vom Gipfel eine ganze Weile genossen hatten, machten wir uns wieder an den Abstieg.Wir entschieden uns dabei nicht für die Route über das bereits vom Aufstieg bekannte Süd- sondern für die über das uns noch unbekannte Nordkar ... und wurden dafür mit Bergeinsamkeit pur belohnt! Da diese Route ein wenig länger ist, wird sie nämlich von den meisten Touristen gemieden und bot uns so ein sehr viel intensiveres Bergerlebnis.
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Gerhild Jüttner im Aufstieg zum Ras, hinten rechts der Jebel Toubkal
Foto: Kai Maluck |
Zurück auf der Hütte spürten wir dann einige ganz unterschiedliche Anziehungskräfte auf uns wirken: Da war zum Beispiel der kräftige Komm-doch-endlich-zurück-in-die-angenehme-Wärme-Magnet aus dem Tiefland. Aber dann auch die starken Mach-doch-noch-ein-paar-weitere-so-wunderschöne-und-aufregende-Touren-wie-heute-Magnete, die auf vielen der Berge über uns verteilt waren und uns in genau die entgegengesetzte Richtung ziehen wollten. Das ferne Marrakesch konnten wir zwar nicht sehen, aber der Lebenskomfort, von dem wir wussten, dass es ihn dort gab, hatte ganz offensichtlich nicht gerade unbedeutende magnetische Kräfte, die wir jetzt deutlich spüren konnten. Und die vielfältige Exotik, die überall im Land entdeckt werden konnte - ein Riesenmagnet! So zog es Gerhild und Kai noch einmal in die Höhe. Durch die markante, tief eingeschnittene Nordostrinne ging es auf den 4083m hohen Ras und von dort auf den domartigen Gipfel des Timesguida, mit 4089m der zweithöchste Gipfel des Atlasgebirges. Die Aussicht von hier oben ähnelte der vom Toubkalgipfel, die Ruhe der des Toubkal-Nordkars, unserer Abstiegsroute des gestrigen Tages. Wir genossen beides bei einer langen, wunderschönen Rast, ehe wir den mit ein paar leichten, kurzen Kraxelpassagen versehenen Abstieg über den Ostgrat antraten.
Eine Lockerschneelawine wird dadurch ausgelöst, dass ein Körper - zum Beispiel ein freigeschmolzener Fels- oder Eisbrocken - in einen lockeren Schneehang fällt, die Energie an den unterhalb befindlichen Schnee weitergibt und ihn so ins Rutschen bringt. Nachdem wir uns nun schon ein paar Tage in den Höhen des Atlasgebirges aufgehalten und die gut gesetzten Schneehänge stets als ausgesprochen lawinensicher erlebt hatten, konnten wir dennoch am letzten Abend eine Lockerschneelawine beobachten.Der Körper, der sie ins Rutschen gebracht hatte, war der eines Mannes, der gerade über eine zwanzig Meter hohe Eiswand abgestürzt und mit voller Wucht darunter im Schnee aufgeschlagen war!
Wäre er nicht so sehr verliebt gewesen, wäre der junge Mann gar nicht erst in diese gefährliche Situation geraten, aber leider... Um seinen Heiratsantrag aufzupeppen, hatte er sich auf den höchsten Gipfel Nordafrikas begeben und sich dort mit einem Schild mit der Aufschrift „Do you want to marry me?” fotografieren lassen. Soweit hatte auch alles einwandfrei geklappt. Im Abstieg allerdings wurde der Schnee immer aufgeweichter. Immer wieder setzte er sich in einer dicken, klebrigen Schicht unter den Steigeisen fest und brachte so den Bergsteiger zum Stürzen. Wieso die Steigeisen immer wieder so rutschig wurden, verstand er aber nicht, er hatte sie sich erst am Tag zuvor in Imlil ausgeliehen, und Erfahrungen im Gehen mit Steigeisen fehlten ihm ebenso wie ein Pickel oder Eisbeil zum Bremsen. So rutschte er immer wieder aus, kam aber stets nach kurzer Fahrt wieder zum Stehen. Nur bei seinem letzten Sturz ging es dann etwas ernster zur Sache: Ungefähr dreißig Meter rutschte er einen steilen Hang hinunter, stürzte dann über die anschließende, zwanzig Meter hohe Eiswand ab und in den Schneehang darunter hinein, in dem er nun auch noch „seine” Lawine auslöste und mit ihr noch einmal weiter hinab trieb.
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Vor unserem Zeltlager in der Sandwüste
Foto: Kai Maluck |
Als die Lawine schließlich zum Stehen gekommen war, liefen wir sofort mit unserem Verbands- und Bergrettungsmaterial zu ihm hinüber. Überraschenderweise zeigte sich, dass er körperlich vollkommen unverletzt davongekommen, psychisch aber etwas angeschlagen war. So brachten wir ihn zur Hütte, sprachen noch einmal den Unfallablauf durch und wie sich derartige Situationen in Zukunft vermeiden ließen. Wir betreuten ihn dann noch eine ganze Weile mit Kniffelspielen, Süßigkeiten und langen Gesprächen, ehe es schließlich zum Schlafen ging.
Der nächste Morgen war unser letzter auf der Toubkalhütte, dann traten wir gemeinsam mit unserem abgestürzten Amerikaner den Abstieg an ... zurück in die wohlige Wärme und Zivilisation der Täler und des Tieflandes.
Vorbei war unsere Marokkoreise damit noch lange nicht: Per Mietwagen ging es zu alten Festungsanlagen und in Palmenhaine, die so schön waren, dass man sie einfach selbst besuchen muss - am besten bei Sonnenuntergang - um die dort herrschende Stimmung richtig erfassen zu können. Text könnte diese Stimmungen nur unzureichend und oberflächlich beschreiben. Die Palmenhaine am Südwestrand von Skoura waren mein persönlicher Favorit.
Auch tiefe Schluchten lagen auf unserer Reiseroute, vor allem die unter Sportkletterern bekannte Todraschlucht war landschaftlich tief beeindruckend. Leider hatten wir keine Kletterausrüstung dabei, um sie auch abseits der Straßen und Wanderwege erkunden und erleben zu können.
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Gaby Lappe in den Sanddünen des Erg Chebbi
Foto: Kai Maluck |
Die ausgebauten Verkehrswege verließen wir dafür kurze Zeit später auf eine für uns Europäer ganz ungewohnte Weise. Im Dünenfeld des Erg Chebbi brachten uns Kamele zu einem Zeltlager, in dem wir die Nacht verbringen konnten. Die hohen Sanddünen hatten dabei durchaus etwas alpines: Der Wind hatte über all den kleinen, abgerundeten Mulden und Kuppen auch einige hohe, scharfe Grate entstehen lassen. Noch am Abend konnten wir hier zu Fuß einen Biancograt aus Sandkörnern hinaufsteigen, dessen Höhen eine wunderschöne Fernsicht bis ins benachbarte Algerien boten. Und wenn man wollte, konnte man dabei in den steileren Bereichen sogar ein paar kleine, harmlose Sandlawinen auslösen...
Nach diesen Wüsten-Highlights konnten uns die letzten Stationen der Reise noch angenehm unterhalten. Hätten wir allerdings schon zu Beginn unserer Fahrt Affen um und über uns herumlaufen sehen, wie nun in den Wäldern bei Azrou, wäre unsere Begeisterung aber wohl noch etwas größer gewesen.
Zum Abschluss standen dann noch einmal Kultur und orientalische Märkte auf dem Programm. Im antiken Volubilis konnten wir römische Ruinen mit vielfältigen Mosaiken ... und auf den historischen Säulen brütenden Störchen begutachten. In Fès gab es schließlich zum Abschied noch ein „zweites Marrakesch” zu bewundern. Durch den lebendigen Trubel der Verkaufsstände in den engen Gassen der Medina ließen wir uns einen Nachmittag und Abend dahintreiben. Und den Vormittag des 14. April, ehe wir schließlich wieder ins Flugzeug steigen mussten - zurück nach Europa.
Kai Maluck