Den ersten Anstoß in diese geografische Richtung gab meine Tochter , die es beruflich ins Baskenland verschlagen hatte und ich dort gerne mal vorbeischauen wollte. Konnte man das mit einer bergsportlichen Unternehmung verbinden?
Ein Blick auf die Karte zeigte gleich hinter der Atlantikküste erfreuliche braune Farbe und passend dazu gab’s einen Rother-Wanderführer „Picos de Europa“ mit immerhin 50 teils mehrtägigen Touren. Keine Seilbahnen, Skipisten, Staubecken, nur wenige Hütten. Also warum nicht mal wieder draußen schlafen und kochen und einen 12kg-Rucksack schleppen - fehlte bloß noch das Team.
Leider hatte mein persönlicher Bergführer Günter für diesen Sommer weder Spanien noch Wandern im Sinn, aber dieser Ausfall konnte durch meine beiden trekkingbegeisterten und –erfahrenen Schwestern wettgemacht werden und so brachen drei Frauen Mitte Juli erwartungsvoll in unbekanntes Gefilde auf.
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Espinama
Foto: Brigitte Moritz |
Seefahrer gaben den Picos de Europa ihren Namen – Nach langen Überseereisen bildeten die „ Spitzen Europas“ die erste Orientierungshilfe im Golf von Biskaya.
Schon 1918 zum Nationalpark erklärt ,erstrecken sich die Picos über drei autonome Regionen des „ Espana Verde“ : Asturien, Cantabrien, Leon.
Im Laufe der Jahrtausende war das unwegsame Gebirge einerseits ein extrem widriger Lebensraum, andererseits bot es Schutz vor Angreifern und Invasoren. Die stolzen Asturier und Cantabrer , Nachfahren der Kelten, wurden nie richtige Römer , die Araber, die jahrhundertelang weite Teile Spaniens beherrschten, bissen sich gar an ihnen die Zähne aus. In den Picos begann vor 700 Jahren die „Reconquista“ , die Rückeroberung der iberischen Halbinsel durch die christlichen Spanier.
Schroffe Kalksteinmassive und spitze Gipfel ,reißende Flüsse und Bäche Gletscherkessel ohne Gletscher aber mit den typischen Seen prägen die Landschaft. Darunter liegen die „Majades“ und „Invernales“ , die Sommer-und Winteralmen mit ihren typischen pultgedeckten Steinhütten , inzwischen meist verlassen. Kühe, Ziegen und Schafe weiden aber überall.
Und –in umgekehrter Richtung wie die Seefahrer- blickt der Wanderer oder Kletterer von den höchsten Gipfeln auf den endlosen Atlantik.
beginnt mit Busfahren. Wir brechen unser Base Camp am Strand von San Vicente de la Barquera ab , packen im Supermarkt noch etwas Essen auf und fahren über Panes und Potes ins Land hinein , ins Tal des Rio Deva.
In Cosgaya steigen wir aus dem Bus aus und in den Weitwanderweg „Ruta da Conquistadora“ ein und folgen so für die nächsten zwei Tage den Spuren der alten Asturier.
Wir steigen aus dem Tal hinauf und laufen dann, die Straße tief unter uns, durch Laubwald, überqueren nach einer Wegstunde noch einmal die Straße bei Espinama und steigen noch weiter auf.
Erste Kalksteintürme kommen in Sicht, leider nur phasenweise zu sehen, denn Nebel und Nieselregen lassen immer wieder den Vorhang fallen. Sollte das eine erste ungemütliche Nacht im Zelt werden?
Aber als die verlassenen Steinhäuschen der Invernales de Igüedri (1294 m) in Sicht kommen , haben wir eine andere Idee. Und wirklich, ein Heuboden mit dichtem Dach ist bald gefunden und wir verbringen die erste Nacht komfortabel und trocken.
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Laden in Sotres
Foto: G. Heide |
beginnt trübe, aber ohne Regen. Wir haben den höchsten Punkt dieses Tages (1496 m) bald erreicht und es sieht nun auch alpin aus: der Blick schweift über weite Almen ,begrenzt von schroffen Kalkwänden. Das kleine Kapellchen Santuario de Aliva steht verloren mittendrin.
Abwärts geht es ins Tal des Rio Duje, wo wir die Grenze zwischen Cantabrien und Asturien überqueren. Am Nachmittag stehen wir an einer Gabelung zweier Täler, 100m über uns sehen wir das Dörfchen Sotres liegen - unser Tagesziel ist der Sattel Collado de Pandebano ( 1212 m) auf der anderen Talseite.
Nach zwar unwesentlichen Höhenmetern, aber 13 km Gepäckmarsch sind die Beine etwas schwer. Da wir aber in Sotres Verpflegung nachfassen müssen und auch gewisse Kaffee- /Bierphantasien sich breit machen, gehen wir hoch ins Dorf und finden nach längerem Suchen eine asturische Version des Tante-Emma-Ladens , wo es aber nicht wirklich frische Sachen gibt außer der allgegenwärtigen Chorizo-Wurst, undefinierbarem Kuchen und natürlich dem im Picos unvermeidlichen Cabrales-Käse, einem sehr strengen Blauschimmler, an den wir uns im Laufe der Tour gewöhnen, aber dann reichte es auch.
Mit noch mehr Kilo – wir nehmen auch immer Wasser mit, im Kalk weiß man nie- quälen wir uns in Richtung Sattel und entscheiden uns fürs Nachtlager an einer Viehtränke, groß genug für eine Ganzkörperwaschung, aber zum Kochen nehmen wir doch lieber das mitgebrachte Wasser.
Der Tag blieb trocken, aber trübe und ohne Fernsicht und die spannende Frage ist: werden wir von diesem Gebirge am
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Westwand des Picu Uriellu
Foto: G. Heide |
nun endlich mal etwas zu sehen bekommen?
Ja doch !
In der Morgensonne erhebt sich überm Pandebano-Sattel strahlend weiss der zentrale Gebirgsstock – da müssen wir heute hoch und bei dem schönen Wetter sind wir nicht allein, der Weg von Sotres zum Fuß des Picu Uriellu ist eine beliebte Picos –Tour. Eselshufe klappern an unserem Frühstücksplatz vorbei - da lassen sich doch wahrhaftig irgendwelche Touris ihr Gepäck hochtragen!
Wir queren Almen, diesmal mit neugierigen Ziegen, weiter oben wird das Gelände immer felsiger, der Blick fällt in tiefeingeschnittene Täler und Schluchten. Leider ziehen auch wieder Wolken und Nebel herein. Die Picos im Sommer sind berüchtigt für plötzlich auftretenden Nebel, der von der Küste hochzieht und binnen kurzem auch die bunteste Markierung verschluckt.
Nach einigen Stunden kommt auch das Eselchen leer wieder an uns vorbei.
Wir erreichen nachmittags die Hütte (1960 m). Vom Picu Uriellu (2519m), einem spektakulären Felsklotz direkt dahinter, sehen wir nichts , der Nebel reicht bis zur Hüttentür. Ein Topo an der Hüttenwand zeigt Kletterrouten vom 4.-7. Grad und mit bis zu 14 Seillängen. So schlecht muss die Wetterprognose nicht sein, denn ständig kommen Kletterer hoch und ziehen gleich im Gastraum die verschwitzten Klamotten aus- wir finden, sie können sich das leisten :-).
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Was die Küche hergibt
Foto: Brigitte Moritz |
In der Hütte geht es angenehm familiär und rustikal zu- Material und Klamotten werden auf den Bänken ausgebreitet, in einer Kochecke zaubert man sich zusammen, was der Rucksack hergibt, in unserem Fall Couscous an Paprika-Tomaten-Gemüse. Die Hüttencrew reicht Biere, Kaffee, heißes Wasser (gratis!) aus der Küchenluke. Wir schlagen wie die meisten unser Zelt draußen auf, wo um die ebenen Fleckchen nette Stein-Windschutze errichtet wurden.
Vor Tau und Tag stecke ich mal den Kopf aus dem Zelt – und erblicke im Mond- und Sternenlicht eine grandiose Felsarena mit der senkrechten Westwand des Uriellu direkt neben der Hütte. Die Picos-Durchquerung scheint gerettet!
Trotzdem fällt uns am Morgen von
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Abstieg vom Sattel Horcada Arenea
Foto: G. Heide |
die Entscheidung nicht leicht. Im Viertelstundentakt schwankt das Wetter zwischen undurchdringlichem Nebel und sonniger Morgenstimmung. Der Weiterweg zur Refugio Jou de los Cabrones (2030m) führt durch zerklüftetes felsiges Gelände mit sparsamen bis keinen Markierungen. Im Führer wird ausdrücklich abgeraten, diese Tour bei nebligem Wetter zu machen. Wir frühstücken, beobachten die aufbrechenden Kletterer (kennen die alle Routen auswendig !?) fragen die Hüttenleute, aber die sind natürlich zurückhaltend mit Ratschlägen.
Wir entscheiden dann, dass die Nebelphasen kürzer und die Sichtphasen länger werden und gehen los, durchqueren den ersten wilden Felskessel und peilen die Brecha de los Cazadores an. Die entpuppt sich aus der Nähe als steile 20m-Rinne oder schon eher Verschneidung, nicht versichert, aber mit hinreichend großen Griffen. Nur der dicke Rucksack verklemmt sich gerne mal und hindert den eleganten Bewegungsfluss.
Nach einer Stunde ist der Sattel Horcada Arenea (2287m) und damit der höchste Punkt der Tour erreicht und im strahlenden Sonnenschein sehen wir um uns herum die Hauptgipfel Pico de los Cabrones ( 2545m) und Torre Ceredo (2648m) und unter uns den ganzen dicken Nebel –ein wahrhaft alpiner Anblick, den wir in dieser doch bescheidenen Höhenlage nicht vermutet hätten, ebenso wenig wie die vielen Schneefelder , die wir heute und morgen noch kreuzen.
Weiter geht es im Schotterkessel hinunter und auf Sättel hinauf und um Felsnasen herum - wir finden den Weg aufgrund der genauen Beschreibung im Führer , aber auch weil wir alle Geländemerkmale schon von weitem ausfindig machen können –wie gut, dass sich die Sonne durchgesetzt hat.
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Cabrones-Hütte
Foto: Brigitte Moritz |
Schon um die Mittagszeit erreichen wir unser Ziel. Wir blicken vom letzten Sattel in die Jou de los Cabrones , die „Senke der Ziegenböcke“. Von denen ist nichts zu sehen , dafür bunte Zelte rings um die Cabrones -Hütte.
Die „am schwersten zugängliche Hütte Spaniens“ (Zitat Führer) ist noch kleiner als die Uriellu-Hütte , hat ein spaciges Alu-Kuppeldach mit Solarzelle obendrauf, was schönes kaltes Dosenbier ermöglicht. Waschen am Brunnen und Kochen vorm Zelt -wir verfaulenzen einen herrlichen Bergsommer-Nachmittag, beobachten das wechselnde Licht auf den Felsen und die Kletterer, die über unwegsames Gelände von den Gipfelwänden zurückkommen.
Von nun an geht’s bergab, ist das Motto von
und das werden abends 1300 m gewesen sein. Zunächst winden wir uns noch durch die bekannte weißgraue Steinwildnis , der Weg fällt immer steiler ab , hin und wieder gibt’s Versicherungen und ist leichte Kletterei vonnöten und dann sehen wir doch tatsächlich – nein, keine Wolkenschichten oder Luftspiegelungen, sondern die unendliche blaue Biskaya- wir könnten theoretisch bis Irland gucken. Das haben die Alpen nun doch nicht zu bieten.
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Siesta auf der Majada de Amuesa
Foto: G. Heide |
Unter uns liegen verlassene Hütten als winzige Würfel verstreut auf der weiten Majada de Amuesa ,einer Hochalm , dahinter geht es steil hinunter ins tiefeingeschnittene Tal des Texu. Zwischen Kühen machen wir noch eine ausführliche Siesta, um dann den unvermeidlichen Abstiegshatscher unter immer unbarmherziger brennender Sonne in Angriff zu nehmen.
Stunden später im Flusstal angekommen , sehen wir d e n Lagerplatz der Tour, klares Wasser, Badegumpen und Whirlpools und die Zeltwiese ist günstigerweise auf der Flussseite, die nicht mehr Nationalpark ist ! So sitzen wir restlos zufrieden abends am Feuer und verspeisen die letzten Vorräte.
Zum Frühstück am
ist auch das Brot alle, aber wir haben noch Trockenmilch,–hefe und-ei und so gibt es Plinsen , wahlweise mit Honig- oder Cabrales-Füllung.
Schon am Vortag haben wir die Bergstation der „ Funicular Subterraneo“ erkundet: eine Zahnradbahn, die in einem Felstunnel die 400hm bis Puente Poncebos überwindet. Kostenpunkt pro Nase 15 €. Irgendwie haben wir uns das Geldausgeben abgewöhnt und so entscheiden wir, die letzte Etappe zurück in die Zivilisation „ by fair means“ zu machen und bereuen es nicht.
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Texu Schlucht
Foto: Brigitte Moritz |
Der Weg, ein alter mit Natursteinen gepflasterter Eselspfad, führt lange auf halber Schluchthöhe entlang, an bizarren Felswänden und –türmen vorbei , tief unten braust der Texu. Ein kleines Dorf klebt auf einer Terrasse –ob es verlassen ist oder nur noch aus Urlaubsfincas besteht? Eine Zufahrtsstraße ist jedenfalls nicht zu erkennen. Erst kurz vor Puente Poncebos senkt sich der Weg bis zu den Flüssen hinunter - der Texu mündet hier in den Rio Cares , dessen ebenfalls spektakuläres Flusstal wieder tief in die Picos hineinführt und das man auf einem weiteren Fernwanderweg (Ruta de Cares) erkunden kann.
Aber für uns endet hier diese wunderschöne Tour durch ein kleines, aber urwüchsiges Gebirge abseits überlaufener Wanderpisten. An der Puente wartet eine Cidreria , 2 Flaschen sind weggeputzt wie nix und per Taxi und Tramp gehts zurück an die Küste. Schönes Wetter auch hier und vom Zeltplatz können wir im Abendlicht die Picos de Europa noch einmal von ferne bewundern.
Brigitte Moritz