24.12.2009, 18.30 Uhr
Etwas abgekämpft sitzen Lisel und ich bei Kaffee und Kuchen im weihnachtlichen Kerzenschein. Unsere Jubiläumswanderung von Ilsenburg zum Brocken und zurück haben wir bei ziemlich anstrengenden Schneeverhältnissen geschafft.
Einiges war fast genau wie vor 20 Jahren. Autofahrt im Dunkeln hin und zurück – erste Begegnung mit einem Menschen erst kurz vor dem Gipfel – wenig Leute oben auf dem Brocken – und auch auf dem Rückweg nur 4 Wanderer. Aber die große Spannung von damals hat natürlich gefehlt.
Doch blicken wir noch einmal in aller Ruhe 20 Jahre zurück und lesen den Bericht, den ich für das Mitteilungsblatt 1/1990 geschrieben habe. Viele werden sich an die damalige Zeit gut erinnern können. Für Jüngere hingegen wird es ein Blick in eine Zeit, die sie bewusst noch gar nicht erleben konnten.
Am 19.12.1989 melden Funk und Fernsehen, daß ab 24.12.1989 Bundes-
bürger ohne Visum und Zwangsumtausch in die DDR einreisen können.
Spontan beschließen Lisel und ich: „Wir wandern am 24.12.1989 zum Brocken“. Tochter Sonja hat noch einige Einwände: „Es ist doch Heiligabend, und …“ Aber schließlich können wir sie überzeugen, daß dieser historische Tag niemals wiederkehrt.
Anderntags stellt sich heraus, daß Edith und Horst Rose die gleiche Idee wie wir haben. Auch Horst Sommer schließt sich noch an. Nun werden die Straßen- und Wanderkarten gewälzt. Wir entscheiden uns schließlich für die Anfahrt über Eckertal/Stapelburg nach Ilsenburg. Von dort wollen wir zunächst im Ilsetal aufwärts gehen und später versuchen, einen Weg über die Nordseite des Brockens zu finden. Niemand weiß, ob dort noch Wanderwege existieren. So werden sicherheitshalber Taschenlampen, Kompaß und Höhenmesser im Rucksack verstaut. Die Tage sind nur kurz, früher Aufbruch ist dringend erforderlich.
24.12.1989, 7.00 Uhr, Start mit zwei PKW und sechs Personen gen Süden. Auf der B 4 kaum Autoverkehr. Um 7.45 Uhr Grenze Eckertal. Eine Kehrmaschine und zwei PKW sind vor uns. Schnell sind wir an der Reihe. Freundlicher Willkommensgruß, Stempel in die Reisepässe, drei Zählscheine mit der Bitte, sie bei der Ausreise ausgefüllt wieder abzugeben, und schon sind wir „drüben“.
Hier begrüßen uns Transparente und ein Drehorgelmann. Eine Frau reicht Blumen ins Auto und sagt: „Wir freuen uns ja so.“ Dabei laufen ihr Tränen über die Wangen. Dann werden zwei Flaschen Bier in jedes Auto gegeben, aber keine drei, denn: „Der Fahrer darf nichts!“
Bei der Weiterfahrt durch Stapelburg heißen uns weitere Schilder und trotz früher Stunde winkende Menschen willkommen. Fast aus jedem Vorgarten grüßt ein Weihnachtsbaum. In der Morgendämmerung verlassen wir den Ort. Kurz danach ein rumpliger Bahnübergang und daneben das kleine Bahnhofsgebäude von Stapelburg, fast nur ein vergrößertes Bahnwärterhäuschen. Dann ein Stück durch den Wald und vor uns liegt Ilsenburg.
Auch hier Willkommensschilder, aber keine Menschen, es ist wohl noch zu früh. Orientierungsmöglichkeiten sind Mangelware, aber rechts vor uns ein breiter Einschnitt im Gebirge. Das wird wohl das Ilsetal sein. Also einfach bergab in die Stadt bis an den Fluß und dann rechts aufwärts.
Und das klappt! Links geht es nach Wernigerode, also bleiben wir rechts. Nach einer Kurve ein großer Teich, danach ein kleines Flüsschen, die Ilse? Also nächste Straße rechts ab, wieder über den Fluß zurück und weiter bergauf. Dann links oben ein gewaltiges altes Bauwerk, die Ilsenburg. Also sind wir richtig.
Kurz darauf der kleine Parkplatz „Blochhauer“ mit einer großen Übersichtskarte mit vielen Wanderwegen. Wo geht’s denn wohl zum Brocken? – Fehlanzeige! – Also wieder ins Auto und weiter. Nach ca. einem Kilometer hindert uns ein Verbotsschild am Weiterfahren. Links davor ein ziemlich großer Parkplatz. Von hier aus wird gewandert.
Vor dem Abmarsch noch eine kurze Orientierung auf unserer Wanderkarte. Die „Topografische Karte 1 : 50.000 Naturpark Harz (Westharz)“ endet erst ein Stück östlich von Ilsenburg und weist alle möglichen (früheren?) Wanderwege aus. Unser augenblicklicher Standort befindet sich ziemlich genau bei P. 300 m dieser Karte am Ortsende von Ilsenburg.
Aufbruch Richtung SW Ilse aufwärts dem gewaltigen Ilsestein mit seinem wuchtigen Gipfelkreuz entgegen. Das wäre ein Kletterfelsen! Bald stellen wir fest, dass es viele Wegmarkierungen und Hinweisschilder gibt, aber alle weisen Ziele im Ilsetal oder östlich davon aus, wie z. B. Ilsefälle, Wernigerode, Plesseburg. Kein Hinweis jedoch auf einen Weg zum Brocken. Also folgen wir über P. 368,5 m hinaus weiter dem Lauf der Ilse, denn deren Quellgebiet liegt östlich unterhalb des Brockengipfels in der Nähe der Fahrstraße, die von Schierke heraufkommt. Im Zweifel ist das unsere Orientierungshilfe.
Dann folgt eine Wegabzweigung gen Süden, ausgeschildert mit „Ilsefälle“ usw.. Die Karte verzeichnet hier den „Bremer Weg“, in dessen Verlauf uns das kräftige Rauschen der „Unteren Ilsefälle“ bergauf begleitet. So ähnlich mag es im Okertal vor Talsperren- und Straßenbau gewesen sein.
Bei P. 556,5 m, dem Zufluß des Schlüsiebaches in die Ilse, gleich mehrere Weggabelungen kurz hintereinander. Nun ist guter Rat teuer, doch ein rettender Weihnachtsengel in Form eines „Trabbi“-Fahrers kommt uns entgegen. Auf Handzeichen stoppt er ab und beantwortet unsere Fragen nach dem Brocken. Geradeaus durchs Schneeloch herrscht striktes Betretungsverbot wegen des Naturschutzgebietes. Links herum ist der Weg zwar bequem, aber ziemlich weit, rechts kürzer, aber erheblich steiler.
Steiler Weg passt zur Hochtourengruppe, also rechts über einige Kehren zum P. 638,3 m am Kellbeek. Dort oben in der dicken Wolke vor uns muß der Gipfel des Brockens liegen. An der nächsten Abzweigung müssen wir uns gen Westen zum P. 747,3 m und zur Hermannsklippe wenden. Hier oben wird der Blick frei nach Ilsenburg, zu Rabenklippe und Hausmann und ins nördliche Harzvorland.
Wir folgen dem Weg gegen SW bis an den Metallgitterzaun. Im Schutz eines Wachturms ziehen wir uns wetterfest an. Es beginnt zu regnen und zu stürmen. Wir erhaschen noch einen kurzen Blick zum Torfhaus und zur Eckertalsperre und streben dann am Metallgitterzaun entlang auf der Betonplattenstraße steil aufwärts, tauchen allmählich in Nebel und Schneetreiben ein, immer hoffend, daß uns der Zaun sicher zum Gipfel leitet. Wer hätte noch vor wenigen Wochen zu denken gewagt, daß wir heute hier gehen können, ohne eine Menschenseele zu treffen und ohne daß auch nur ein Wachturm besetzt ist.
Schließlich geht der Zaun in eine Betonmauer über, aber es geht weiter bergauf. Sicht nur 20 bis 30 m. Dann ein verschneites achteckiges Verkehrsschild wie unser „Stop“-Schild. Die Trasse der Brockenbahn wird gekreuzt. Kurz danach stößt unser wegweisendes Betonmonster an die große Rundmauer, die den ganzen Brockengipfel umschließt. Noch etwa 10 Minuten und wir sind am offenen Tor am Ende des von Schierke heraufkommenden Fahrweges.
Nach kurzer Strecke ein flaches Gebäude. „Brocken“ steht dort in großen Lettern geschrieben. Es ist das alte Bahnhofsgebäude.
Dann noch wenige Meter, und wir stehen neben dem ehemaligen Brockenhotel auf dem höchsten Punkt: 1.142,1 m.
Es ist 11.35 Uhr am 24.12.1989.
Gebäude sind nur schemenhaft zu erkennen. Die Türme verschwinden schnell in der milchigen Suppe. Wir können uns auf dem Gipfel frei bewegen. Lediglich ein kleines Areal ist russisches Militärgebiet und nicht zugänglich. Die wenigen Angehörigen von Militär und Vopo sind ausgesprochen freundlich. Fotografierbeschränkung gibt es nicht. Im ehemaligen Brockenhotel ist im Erdgeschoß ein Raum geöffnet. Er ist geheizt, es gibt kostenlos heißen Tee, Tische und Stühle stehen bereit. Auch wir nehmen bei dem Sauwetter draußen diesen Service dankend an, unterhalten uns mit den anderen Besuchern, die von Schierke heraufgekommen sind. Es handelt sich fast nur um DDR-Bürger. Aber kurz vor unserem Aufbruch treffen wir noch zwei Sektionsangehörige aus Braunschweig und zwei Bekannte aus der Sektion Hannover.
Nach einer Stunde „Gipfelrast“ machen wir uns wieder auf den Heimweg. Wir wählen wegen der einfacheren Orientierung im Nebel unsere Anstiegsroute auch für den Abstieg. Unterwegs treffen wir den Förster des Brockenreviers. Er berichtet uns, daß auch er 28 Jahre nicht auf den Brocken durfte, und daß seine Frau ihn nicht im Revier begleiten durfte, da dieses in der 5 km-Sperrzone lag. Welches Glück haben wir gehabt, die ganze Zeit im Westen leben zu dürfen.
Im unteren Ilsetal erwartet uns noch eine Überraschung. An einigen Bäumen befinden sich jetzt kleine rote Schilder mit der Aufschrift „Brocken“. Die Farbe ist noch nicht einmal trocken. Um 15.30 Uhr sind wir wieder an den Autos. Die Fahrt durch Ilsenburg und Stapelburg führt an vielen winkenden Menschen vorbei. Die Bescherung zu Hause findet dieses Jahr einige Stunden später statt. Die eigentliche Bescherung hatten wir ja auch schon um 11.35 Uhr erlebt.
Am nächsten Tag herrliches Wetter. Man kann den Brocken von Braunschweig aus sehen. Lisel stellt dazu fest: „Jetzt ruft der Brocken nicht mehr, jetzt winkt er“. Und ich möchte noch ergänzen: Trotz Matterhornbesteigung und vielen anderen hohen Alpengipfeln in diesem Jahr ist für mich persönlich der Brocken der Berg des Jahres 1989.
Jürgen Koziol
Jürgen Koziol