Am Mittwoch 13. Januar d.J. kam der Film Nanga Parbat in die deutschen Kinos. Zu diesem mit Spannung und kontroversen Einschätzungen erwarteten Film nimmt unser Sektionsmitglied Richard Goedeke Stellung.
„Nanga Parbat“ – worum lässt sich noch streiten?
Am Ende des Films war ich wütend auf den Fimregisseur Vilsmeier, der doch gesagt hatte, dass er eine eigenständige Darstellung des Geschehens am Berg machen wolle. Aber dieser Film war doch einfach eine Verfilmung der Messner-Version pur!
Ich kannte Reinhold Messner schon vor 1970, vom Trientiner Bergfilm-Festival 1967 und von einer gemeinsamen Teilnahme am Internationalen Bergsteigertreffen der ENSA (der renommierten staatlichen Bergführerschule Frankreichs) 1969. Als die Expedition am Nanga Parbat so tragisch endete, verfolgte ich auch die Diskussionen darum mit höchstem Interesse. Mir erschienen jedoch auch die Positionen der Kritiker plausibel, die annahmen, dass der erschöpfte Günther Messner weit oben gestorben sein müsse. Und dass Reinhold aus eigenen Schuldgefühlen heraus Günther als stärker darzustellen versuchte, als er war.
Nach dem Film erinnerte ich, dass ich im vorigen Jahr Reinhold Messners neues Buch „Diamir“ gekauft aber noch nicht gelesen hatte. Ich nahm es zur Hand, riss die Versiegelung ab – und konnte nicht mehr aufhören zu lesen bis zum Ende. Und ich muss sagen, nach den bisher offenbar auch in der Bergsteiger-Szene noch nicht durchgedrungenen Fakten über die Auffindung der Überreste von Günther Messner und der eindeutigen Identifizierung kann ich den Film und den Regisseur Vilsmeier verstehen. Für ihn war der Abstieg beider Brüder über die Diamirflanke ein nicht mehr bezweifelbarer Fakt, eine Gewissheit.
Und ich hatte spontan die Regung, Reinhold gegenüber Abbitte zu machen, ihm nicht alle Details seiner unglaublichen Geschichte geglaubt zu haben. Offensichtlich war Günther an der Scharte nicht so vollkommen erschöpft gewesen wie allgemein angenommen wurde und auch von Reinhold dargestellt wurde. Denn offensichtlich hatte er sich trotz des Zusammenbruchs und trotz der großen Höhe genug erholt, um absteigen zu können. Was ja tatsächlich auch in sehr dünner Luft viel leichter geht als aufzusteigen, und wobei natürlich gute Routine sehr helfen kann.
Und natürlich war ein Abstieg vom Biwakplatz an der Scharte aus hinab über die Diamirflanke sicher nicht wegen Ehrgeiz gewählt, sondern von blanker alpinistischer Vernunft nahegelegt. Denn diese Flanke war zwar unbekanntes Terrain, aber weit weniger schwierig. Sie versprach also rasches Vorankommen hinab in verträglichere Höhenlagen mit ihrem reichlicheren Gehalt des wichtigsten Lebensmittels Sauerstoff. Und mit unbekanntem alpinem Gelände umzugehen, das konnten die beiden wie wenige sonst.
Ob es vom Regisseur dramaturgisch klug war, in der Darstellung des Abstiegs auch Ausmalungen zu machen, die ganz sicher nicht belegt sind (wie etwa, den der Lawine entgegensehenden Günther die Brille absetzen zu lassen … oder gar Kuen und Scholz am Gipfel Gedanken der Schadenfreude unterzuschieben), möchte ich bezweifeln. Ich hätte es als weit eindringlicher empfunden, da die Lücken zu lassen und diese Grenzsituationen nur zu berichten und reflektieren zu lassen. Somit also die Vorstellungskraft der Zuschauer zu mobilisieren, statt zu versuchen, vermutete Fakten platt zu filmen.
Ein ärgerlicher Mangel: wenn schon nicht mit höhenerfahrenen Leuten gefilmt wird, dann sollte nicht nur Szene für Szene peinlich darauf geachtet werden, dass von den Darstellern gejapst und schwer geatmet wird, sondern vor allem die Bewegungsmuster in großer Höhe stimmen. Denn dort laufen nun mal nicht nur Bewegungen, sondern auch Gedanken in Zeitlupe ab. Und deshalb darf ein um Glaubwürdigkeit bemühter Regisseur einfach nicht zulassen, dass Leute bei Gipfelszenen oder auch beim Steigen in großer Höhe locker herumhüpfen und lockerflockig parlieren.
Aber zurück zur Hauptsache: Nachdem Günther Messners Überreste tatsächlich an der Stelle gefunden wurden, wo sie nach der Logik von Reinholds Bericht sein mussten, sehe ich es wirklich als fällig an zu akzeptieren, dass Reinhold wahr berichtet hat. Und dass die Zweifler an seiner Version all ihren Überlegungen und vielleicht auch in sich stimmig erscheinenden Kombinationen zum Trotz unrecht hatten.