Sektion Braunschweig
mehrspaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2010
Hochtourengruppe

Tour Matterhorn

Auf alten Wegen von Händlern, Bauern, Schmugglern, Soldaten und auch Banditen

2005 und 2008 hatten Lisel und ich bereits die „TMB – Tour du Montblanc“ und „TMR – Tour Monte Rosa“ durchgeführt. Über die TMR – Wanderung habe ich im Mitteilungsblatt 2/2009 berichtet. Da uns diese Wanderung ziemlich viel abverlangt hatte, haben wir lange gezögert, die „Tour Matterhorn“ zu beginnen. Denn zwei Etappen stellen noch deutlich höhere Anforderungen als die Etappen der TMR. Aber schließlich siegen Neugier und Optimismus.
Als Start- und Zielort wählen wir St. Nicklaus aus. Parken kostet hier weniger als die Hälfte gegenüber Täsch, saubere Klamotten sind am Ende der Tour sofort greifbar, ….

Zwei Tage leichte Wanderungen gewöhnen uns an alpine Luft und intensive Sonne und Wärme des Wallis. Morgen früh wollen wir mit einer Halbetappe 900 m höher hinauf nach Jungu, der Sommerfrische der Bewohner von St. Nicklaus. Auf die Seilbahn werden wir verzichten. Aufsteigen und akklimatisieren ist Trumpf.

16. August 2009

Über den Kapellenweg, der schon früh in der Sonne liegt, dampfen wir hinauf in die Sommerfrische. In einem alten Stadel gibt es ein Lager für 9 Personen, fließend Wasser 100 m weiter an einem Brunnen, Abendessen und Frühstück – sehr gut und reichlich – 100 m entfernt in die andere Richtung. Und alles garniert mit Ausblicken tief hinunter ins Mattertal, hinüber zur Balfringruppe, zu Nadelgrat und Dom, zum Breithorn und – fast zum Greifen nahe – zum Brunegghorn.

Wir genießen den freien Nachmittag und den Abend.

17. August 2009

Der Sommer geht weiter.

Durch verschiedene Vegetationsstufen – sattes Weideland – Bergwald – ausgetrocknete Gebirgssteppe – steigen wir hinauf in eine unendlich scheinende Schutt- und Gerölllandschaft, schließlich steil hinauf zum Augstbordpaß (2.894 m). Genau gegenüber der Meidpaß, unserem Zwischenziel für morgen. Doch zunächst hinab nach Gruben-Meiden im Turtmanntal.

18. August 2009

Es ist fast schon zu warm zum Bergsteigen und Wandern . Auch der wundervolle Blick zum Weißhorn verkürzt die lange Strecke zum Meidpaß (2.680 m) nur kurzzeitig.

Zur Mittagspause belohnt uns die Passhöhe mit Ausblicken auf Montblanc, Grand Combin, … und hinunter zum Tagesziel Hotel Weißhorn (2.337 m). Das Hotel ist 1882 im Viktorianischen Stil errichtet worden. Treppenhaus und Wandbemahlung sind offensichtlich noch im Originalzustand erhalten. Die dürftige Inneneinrichtung der Zimmer und die Fenster sind sicher einmal erneuert worden. Aber es gibt funktionsfähige Etagenduschen und der Speisesaal mit Panoramablick, Ausstattung, Personal, Abendessen und Frühstücksbuffet würde durchaus einem 3 oder 4 Sterne-Hotel Ehre machen.

19. August 2009

Panoramaweg hinein ins Val de Zinal mit der berühmten Bergkette der Couronne Imperial vom Zinalrothorn bis zur Dent Blanche. Im Hintergrund schauen zeitweise Matterhorn und Dent d’Herens herüber.

Der geplante Übernachtungsplatz in der kleinen Hütte oberhalb der Staumauer des Lac de Moiry ist belegt. Daher Unterkunft bereits in Zinal. Und morgen sehen wir weiter.

20. August 2009

Zwang zur Improvisation kommt uns entgegen. Für heute ist der heißeste Tag des Jahres angekündigt: + 40 °C in Genf, + 38 °C
in Sion. Schon stillsitzen ist schweißtreibend. Gemütlicher Bummel auf fast ebenen Waldwegen hinüber nach Grimentz.

21. August 2009

Bewölkung, Abkühlung, kein Regen.

Bus hinauf zur Barrage de Moiry. Hier erfahren wir endlich, warum fast alle Quartiere ausgebucht sind. In diesen Tagen findet ein Mountainbike-Rennen von Verbier nach Grimentz statt.

Aufstieg zum Col de Torrent (2.918 m) und hinunter ins Val d’Herens. In Villa kein Quartier, 5 km weiter in la Sage hat die Dame an der Info bei Anruf Nummer 12 oder 13 endlich Erfolg. Das Hotel Aig. de la Tsa in la Monta, weit hinten im Val d’Arolla, hat noch Platz.

Bus über la Forclaz nach les Hauderes – umsteigen in den Bus nach Arolla – an der Bedarfshaltestelle la Monta aussteigen – wenige Schritte zum Hotel – ziemlich alter „Schuppen“.

22. August 2009

Die Sonne lacht wieder.

Bis Arolla ist es nicht weit. Quartier im Hotel du Glacier, empfohlen für „Haute Route“ und „Randonneurs“.

23. August 2009

Heute brauchen wir absolut sicheres Wetter. Die erste der beiden schwierigen Etappen steht uns bevor.

Hinunter zur Borgne d’Arolla – über Schutt und Steine in Richtung des stark geschrumpften Bas Glacier d’Arolla – vor dem gewaltigen Mont Collon links ziemlich ruppig hinauf zum Plan de Bertol – weit abwärts zur Zunge des Haut Glacier de Arolla – mit Steigeisen den aperen Gletscher aufwärts – die Spalten können wir gut umgehen – vor la Vierge teilt sich der Gletscher – die dreibeinigen hölzernen Wegmarkierungen leiten uns den steileren rechten Arm hinauf – endlich auf dem Col Collon (3.089 m).

Eine weglose Steinwüste führt uns bergab – weit hinten eine winzige Schachtel – Steilstufe – ein Bachlauf – um 17.30 Uhr sind wir am Rif. Nacamuli (2.828 m). Fast alles o.k., einziger Wehrmutstropfen: die Wochenendgäste haben nur eine kleine Dose Bier übergelassen. Aber der Wirt hat genug Wein, Wasser...

24. August 2009

Über mehrere Steilstufen hinunter ins Tal der Comba d’Oren bis zum Rif. Prarayer (2.005 m) am Lac des Places de Moulin im obersten Valpelline. Das Valpelline mündet bei Aosta ins Aostatal, weiter aufwärts geht es in 4 ½ Stunden zum Rif. Aosta, Ausgangspunkt für die Besteigung der Dent d’Herens. Wir wollen morgen in die 4. Richtung zur schwersten Etappe der ganzen Tour starten.

25. August 2009

Erzwungener Ruhetag.

Frühmorgens weckt uns schon das erste Gewitter. Und auch morgen soll es noch viele Gewitter geben.

26. August 2009

Bis Mittag gewittert es immer noch. Dann allmählich längere Regenpausen. Computer der Hüttenwirtin und Wetter-Infos durch unsere Tochter von zu Hause besagen erstaunliches:

„Ab morgen im Aostatal und im Wallis für mindestens 6 Tage stabiles Hochdruckgebiet, aber sehr kühl.“

27. August 2009

Der Regen ist zu Ende. Sonne und Wolken streiten um die Vorherrschaft. Es bleibt kühl.

Erste Steilstufe ab Prarayer – hinein ins lange Valcornera bis zum unübersehbaren Wegweiser – nach links in vielen Kehren wahnsinnig steilen Hang hinauf – unter einer fast senkrechten Felswand auf sehr schmalem Pfad lange Querung nach links – ein einziger Fehltritt bedeutet unweigerlich das Ende der Tour oder gar des Lebens – rechts steile Rinne – mit Tritten und Ketten gut versichert – Hang wird flacher – ein gewaltiger Felskessel zwischen den dreigipfligen Felsketten der Pointes des Fontanelles mit Nord-, Central- und Südgipfel und den Pointes de Valcornière tut sich auf. Und zwischen beiden ganz hinten noch ein Col – ist das etwa unser Durchschlupf, das Col de Valcornière?

Wir stolpern durch die Steinwüste – gelegentlich ein gelber Farbkleks – allmählich nimmt die Steilheit der Wände des Steinbruchs immer mehr zu – endlich oben – 3.075 m.

Der Abstieg wird im Führer als sehr heikel bezeichnet. Nach 2 Regentagen gibt der feine Schutt auf dieser Seite des Cols sofort nach. Die Rutschpartie soll ein sehr locker und schräg abwärts fixiertes Sicherungsseil verhindern. Das Seil hat die Stärke von etwa 5 bis 7 mm. Ist schon toll!

Um 16:30 Uhr erreichen wir – ohne Blessuren – das Rif. Perucca-Vuillermoz (2.909 m). Dort ist eigentlich alles in Ordnung. Nur das WC ist etwas weit entfernt. Es ist nur durch einen Marsch von etwa 100 yards über klapprige Steine zu erreichen.

Folge: Nachts waren alle „Gassigeher“ verdächtig schnell wieder zurück.

28. August 2009

Wetterbericht stimmt. Was soll uns jetzt noch bis zum Ziel passieren?

Abstieg über gewaltige Gletscherschliffe zum Lac de Tsignanaz. Über das Fenêtre de Tsignanaz (2.445 m) hinüber ins Valtournanche und durch Wiesen und Wälder nach Breuil (2.006 m).

29. August 2009

Es ist Sonnabend. Heute Quartierwechsel nach Zermatt ist nicht ratsam. Also noch einen Tag als Sommerfrischler ohne Gepäck und in Sandalen über die skifahrerfreien Wiesen von Breuil bummeln: Herrlich!

30. August 2009

Der Sonntag ist ein richtiger Sonnentag.

Wir fahren für 15 € /Person mit der Seilbahn hinauf nach Testa Grigia (3.479 m). Bei dem Preis kann man frohen Herzens auf den hässlichen Fußmarsch mit fast 1.500 hm verzichten.

Gran Paradiso – Montblanc – Dent d’Herens – Matterhorn und der weite Blick nach Norden scheinen heute wirklich grenzenlos zu sein. Aber Schnee und Eis sind spiegelglatt. Ohne Steigeisen hätten wir keine Chance, heil bergab zu kommen. Doch so ist es ein Genss, Richtung Tal zu laufen.

Am Trockenen Steg wechseln wir auf den Pfad von der Gandegghütte über Furgg und Furi nach Zermatt (1.616 m) – einem der schönsten Wanderwege in der ganzen Gegend – und machen mit etwas müden Beinen in Zermatt Quartier.

31. August 2009

Unsere urssprüngliche Planung war, über Ottawan (Täschalpe) – Europahütte – Gasenried/Grächen zurückzugehen. Wegen akuter Steinschlaggefahr ist das Wegstück Ottawan – Europahütte komplett gesperrt. Wir müssten also auf jeden Fall wieder nach Randa ab und dann wieder aufsteigen.

Also wandern wir erst einmal gemütlich den Talweg nach Täsch hinunter, treten dort wegen intensiver Sonneneinstrahlung in Wanderstreik und beenden unsere Runde mit einer Eisenbahnfahrt bis St. Nicklaus, besorgen uns ein Quartier in Rittinen (Beginn von Grächen) und legen zufrieden die Beine hoch.

1. und 2. September 2009

Wir genießen die freien Tage mit leichten Wanderungen an den herrlichen Sommertagen.

Und wir ziehen das Fazit:

Alles richtig gemacht. Mit der leichtesten Rundwanderung (TMB) begonnen. Viele Mitwanderer getroffen.

Danach erhebliche Steigerung mit der TMR. Deutlich weniger andere Wanderer.

Weitere Steigerung durch die zwei schweren Etappen bei der Tour Matterhorn. Sehr wenig andere Wanderer getroffen, obgleich wir immer zwischen Mitte August und Anfang September unterwegs waren.

Jürgen Koziol
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. Mai 2010