Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2010
Hochtourengruppe

Hochtourenwoche im Berner Oberland

In der Nacht vom 05. zum 06. August 2010 fuhren wir, das sind Holger Blume, Clemens Pischel und Ronald Scheffler mit dem PKW zum Stausee Oberaar, wenige Kilometer vom Grimselpass entfernt. Um 13:00 Uhr brachen wir bei leichtem Nieselregen auf zur Oberaarjochhütte. Je höher wir kamen, desto schlechter wurde das Wetter. Der zunächst apere Gletscher wurde zusehends von Spalten durchzogen und nachdem dichtes Schneetreiben die Sicht auf wenige Meter senkte und alles zudeckte auch gefährlich. Plötzlich waren nur noch Ronalds Kopf und Schultern zu sehen, der Rest steckte in einer Spalte! Ich wollte sofort zur Hilfe eilen, spürte aber wie auch unter mir der Schnee nachgab. Wir waren auf einer zugeschneiten Längsspalte unterwegs, die zum Glück aber recht schmal ausgefallen war.

Nachdem Ronald sich wieder auf festes Eis gerobbt hatte, taten wir das, was wir hätten schon lange tun sollen: Seil auspacken und anseilen. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir das Joch. Der kurze, wirklich üble Hüttenzustieg brachte uns endlich ins trockene. Dort empfing uns der Hüttenwirt mit üblen Beschimpfungen, warum wir denn so spät kämen. In den folgenden 2 Tagen hatten wir noch genügend Gelegenheit, diesen sehr eigenwilligen Wirt und seine Methoden kennenzulernen. Essen und ein warmes Bett bekamen wir trotzdem.

Oberaarhorn

Gipfelkreuz am Oberaarhorn
Gipfelkreuz am Oberaarhorn
Foto: Clemens Pischel

Am nächsten Tag war nur ein kleiner Akklimatisationsspaziergang auf das Oberaarhorn (3.631 m) angesagt. Über Felsen und ein Gipfelschneefeld gelangen wir zum Gipfelkreuz, welches eher einer Eisskulptur glich. Der scharfe Wind verweht die Spuren hier innerhab weniger Minuten. Jedenfalls stellen wir noch etwas Akklimatisationsbedarf für diese Höhe fest.

Am Abend wurde diskutiert, welchen Weg wir zu unserem nächsten Ziel, der Finsteraarhornhütte, nehmen wollten: lang aber einfach über den Gletscher oder kurz aber knackig über die Gemsschlicke.

Nachdem wir am nächsten Morgen einige hundert Getränkeflaschen aus der Vorratskammer in die Gaststube geschleppt hatten, ließ uns der Hüttenwirt ziehen. Bereits nach wenigen Minuten auf dem Gletscher entschieden wir uns für die Gemsschlicke, zu verlockend war die schnurgerade Spur, die eine Gruppe vor uns bis dorthin gezogen hatte. Der Abstieg erwies sich aber als mühselige Schuttkletterei, einmal und nie wieder!

Finsteraarhorn

Für Sonntag wurde erst Bewölkung und dann Wetterbesserung vorausgesagt. Wir zögern nicht lange, am nächsten Tag gleich das Finsteraarhorn (4.273 m).

Schneetreiben
Schneetreiben
Foto: Clemens Pischel

Nach dem Frühstück um 4 Uhr geht’s los. Über unschwierige Felsen an der alten Finsteraarhornhütte von 1923 vorbei zum Gletscher. Ein paar Spalten, aber sonst problemlos. Pünktlich erreichen wir den sogenannten Frühstücksplatz. Danach geht es auf einem jetzt steileren Gletscher fast spaltenfrei zum Hügisattel auf 4.030 m. Kalter, stürmischer Wind treibt uns Eiskristalle ins Gesicht. Hier warten einige auf Wetterbesserung, wir packen das Seil ein und sehen zu, dass wir nach oben kommen. Der Gipfelgrat ist bei gutem Wetter sicher ein Genuss, jetzt eher unangenehm. Die Steigeisen, die ich ausgezogen hatte, müssen für völlig vereiste Firnpassagen wieder dran. Im Abstieg klettern wir diese Stücke mit dem Gesicht zur Wand, zu groß ist das Risiko des Abrutschens in diesem Steilstück. Am Gipfel ist es ungemütlich. Eigentlich hatte ich ja Geburtstagswetter erwartet, aber 20m Sicht und Schneetreiben dürfte definitiv das übelste gewesen sein, was ich je an meinem Geburtstag erlebt habe. Im Abstieg waren die Felsen teilweise schon zugeschneit, da geht es etwas langsamer.

Zurück in der Hütte freuen wir uns über den insgesamt doch problemlosen Gipfelerfolg. Morgen soll es richtig schön werden. Also Morgen kein Ruhetag.

Hinterfiescherhorn

Auf dem Firnplateau unterhalb
Auf dem Firnplateau unterhalb der Fiescherhörner
Foto: Clemens Pischel

Gemeinsam mit einer anderen Dreier- Seilschaft suchen wir uns den Weg über den Gletscher bis zum Gletscherbruch. Ab hier führt eine gut sichtbare Spur zum grossen Firnplateau. Fantastisches Wetter, tolle Aussicht. Wir sind begeistert. Der Kommentar, „Das ist doch genau das richtige für einen Ruhetag: Ein schöner problemloser 4.000er!“, sollte sich aber als nicht ganz zutreffend herausstellen.

Der Einstieg in den Gipfelgrat ist mit einer Eisenstange markiert. Schon nach wenigen Minuten stellte sich das aber als nicht so toll heraus. Ein senkrechter Abbruch konnte leichter vom Firnfeld aus umgangen werden. Zurück, Steigeisen an und in einem Couloir etwa 15 m aufwärts. Der Firn ist schon weich, aber es geht noch. Immer wieder sind Passagen überfirnt, an einer Stelle holen wir sogar zur Sicherung das Seil raus, weil hier jeder Sturz durchaus mal 100m tiefer enden kann.

Am Gipfel angekommen, geniessen wir einfach nur. Blauer Himmel, eine fantastische Fernsicht vom Mont Blanc bis weit in die Ostalpen. Besser geht’s nicht! Mittags, zurück auf der Hütte, beraten wir die nächsten Tage. Ab Donnerstag soll das Wetter ganz schlecht werden, und wir müssen ja ab Mittwoch zur Konkordiahütte. Da macht uns unsere Hüttenwirtin das Angebot doch noch länger zu bleiben, da einige Gäste wegen des Wetterumschwungs abgesagt haben.

Wir planen um: Dienstag Ruhetag und Mittwoch die kombinierte Tour zum Gross Grünhorn(4.043 m).

Gross Grünhorn

Auf dem Gross Grünhorn
Auf dem Gross Grünhorn
Foto: Clemens Pischel

Nach dem 3-stündigen Anstieg über den Gletscher erreichen wir die Wand, die es zu überwinden gilt. Mehr als 100 m über uns trohnt eine große Wechte. Wie kommen wie da drüber? Nach einigem Suchen finden wir den Routeneinstieg. Zwei geschlagene Haken zeigen, hier geht’s hoch; was für ein Irrtum! Nach einer Seillänge wird klar, das ist nicht der im Führer beschriebene Weg! Clemens steigt trotzdem souverän vor und baut mit Keilen und Friends sichere Standplätze. Mir bricht im Nachstieg ein Stück Fels aus. Kurze Zeit später rutscht Ronald bei einer Querung weg. Das Seil verhindert beide Male Schlimmeres.Unter der Wechte angekommen, ist es Mittag, der Schnee weich und es gibt keine Sicherungsmöglichkeiten. Kurz entschlossen wühle ich mich bis zur Hüfte in den Schnee und pickle einen Durchgang in die Wechte, immer in der Hoffnung, dass sie uns nicht auf den Kopf fällt. Nach 30 Minuten ist es geschafft, der Gipfelgrat liegt vor uns. Problemlos gelangen wir zum Gipfel und zurück. Direkt neben der Wechte seilen wir ab und siehe da, nach 2 Seillängen befinden wir uns in der Originalroute.

Top abgesichert, das hätte uns im Aufstieg sicher 1,5 h erspart, aber leider ist nirgends eine Markierung und zusätzlich erschwert ein Bergschrund den Zustieg/Abstieg. Auf dem Gletscher beginnt es zu nieseln. Wir sind froh und erschöpft, nach über 12h auf der Hütte anzukommen.

Abseilen
Abseilen
Foto: Clemens Pischel

Am Donnerstag packen wir zusammen und wollen gleich in einem langen Marsch ohne Zwischenstopp an der Oberaarjochhütte zum Auto. Nach hoffnungsvollem Beginn regnet es, um dann ins Schneetreiben zu wechseln. Die Sicht wird schlecht, die Spalten sind verschneit, also ist anseilen angesagt. Am Oberaarjoch biegen alle, die wir heute auf dem Gletscher gesehen haben, zur Hütte ab. Wir gehen weiter. Ein langer Marsch mit ständigen Regenschauern. Da der Fahrweg vom See zum Grimselpass einspurig ist, sind es pro Stunde immer nur 10 Minuten, in denen man in jeweils eine Richtung losfahren darf. Wir beeilen uns und sind unterwegs. Leider nur 20 km, dann ist Schluss. Eine Mure hat die Strasse versperrt.So beschließen wir, in Kati’s B&B in Guttannen zu nächtigen. Wir sind nicht die Letzten die hier stranden, aber die Nachfolgenden müssen im Schuppen übernachten. Am nächsten Morgen ist die Strasse immer noch gesperrt, so fahren wir über 3 Pässe zurück. Am Freitagabend sind wir zuhause und glücklich über eine Woche, die trotz der Wetterkapriolen kaum erfolgreicher hätte sein können.

Holger Blume
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 20. November 2010