Sektion Braunschweig
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Aus dem Mitteilungsblatt 4/2010
Hochtourengruppe

Fünf Braunschweiger im arktischen Eis

Ein Expeditionsbericht aus Ostgrönland

Mitte Juli 2010, bei 37 Grad im Schatten, stehen fünf Gestalten an Bahngleis 7 des Braunschweiger Hauptbahnhofs. Sie tragen schwere Stiefel und noch viel schwerere Rucksäcke. Sie sind gut gelaunt und haben das Ziel: Kulusuk an Grönlands Ostküste. Was haben sie vor? Eine Expedition in das ewige arktische Eis. Der DAV bietet für Grönland eine spezielle Expeditionsversicherung an, um das spezielle Reiseziel zu „würdigen“, und das Lexikon definiert eine Expedition (urspr. [lat.] expeditio: Erledigung, Feldzug) als eine Reise einer Gruppe in eine entlegene und schwierige Umgebung oder in wegloses Gelände.

Kai Maluck, Gaby Lappe, Jens Köhler, Birgit Lehmann und Thorsten Henszelewski haben sich zu eben einer solchen Expedition nach Ostgrönland aufgemacht, to boldly go where no man has gone before.

Die Planungen begannen federführend durch Kai bereits im Herbst 2009, viele Listen wurden verteilt, besprochen; eine durch Kai erstellte Mindmap, in DIN-A3 gerade noch lesbar, bildete die zentrale Diskussionsgrundlage. Im Frühjahr 2010 absolvierten wir zusammen unter Kais kundiger Anleitung jeweils ein Spaltenbergungstraining im Okertal sowie eine Steilwandrettungsübung im Ith. Dies brachte uns nicht nur als Team zusammen, sondern wir konnten mit dem guten Gefühl abreisen, uns in Gefahrensituationen zu helfen.

Sonnenaufgang in Kulusuk
Sonnenaufgang in Kulusuk
Foto: Jens Köhler

Für sich allein wäre die Anreise schon für die meisten ein riesiges Abenteuer, hier einmal knapp zusammengefasst: Bahnfahrt im IC von Braunschweig nach Berlin-Schönefeld (Klimaanlage im Waggon defekt), beim Einchecken Auslösen von Sprengstoffalarm wegen des verdächtigen Koffers mit dem Satellitentelefon, Flug nach Keflavik auf Island, 70km Busfahrt nach Reykjavik, Übernachtung in der Jugendherberge, Taxifahrt zum Regionalflughafen, mit Propellermaschine nach Kulusuk, 3km-Fußmarsch in das Dorf, Übernachtung im Gästehaus, 90km-Motorbootfahrt und schlussendlich die Ankunft im Zielgebiet.

Das Gefühl, wenn man mit 300 kg Ausrüstung von zwei Motorbooten in der Wildnis zurückgelassen wird, ist schier unbeschreiblich, darauf hatten wir über ein halbes Jahr lang gewartet und hingearbeitet.

Rasante Fahrt durch ein Gewimmel von Eisbergen
Rasante Fahrt durch ein Gewimmel von Eisbergen
Foto: Kai Maluck

Schauen wir auf unsere Expedition zurück, die vom 11. bis zum 31. Juli stattfand, dann werden wohl folgende Aspekte auch einen hohen demutsvollen Stellenwert in unserem Rückblick einnehmen: Entsagung, Strapazen, Risiko und Unwägbarkeiten. Die Strapazen deuten sich auch im Motto an, das Birgit unserer Reise gegeben hat: „In Grönland gibt es keine Wege, es gibt nur Richtungen“.

Wir waren in ausschließlich weglosem Gelände unterwegs. Wenn wir nicht über Geröllflanken zu den Gipfeln aufstiegen, mussten Gletscherspalten überwunden oder Schneeflanken erklommen werden. Und während in den Alpen Seilbahnen, Forstwege, Trampelpfade und Brücken unseren Zustieg erleichtert hätten, mussten von uns in Grönland 300 kg Gepäck vom Anlandepunkt zum Basislager geschleppt werden. So haben wir für vier Kilometer Wegstrecke zwei volle Tage benötigt.

Am Fjordende angekommen, musste das Gepäck in Rucksäcken über eine Geröllflanke mit einem Höhenunterschied von 180m zu einem Gletscherfluss hoch und runter getragen werden. Mehrfach musste diese Strecke bewältigt werden. Danach fühlte unsere Gruppe nur noch Schmerzen, als wir diesen 15m breiten und knapp 1m tiefen Gletscherfluss durchqueren mussten. Die Schmerzen in den Füßen überstiegen jegliche Vorstellungskraft. Der Strapazen nicht genug, folgte am nächsten Tag der Weg über den Gletscher. Nun kamen unsere drei mit je 50 kg beladenen Pulkas zum Einsatz.

Über einen ausgeaperten, ansteigenden, von Spalten zerfressenen Gletscher näherten wir uns dem Basislager. Wir machten die Erfahrung, dass das Absolvieren von 1,4 Kilometern einem ganzen Arbeitstag entsprechen kann.

Fjorde und Eisberge in Ostgrönland
Fjorde und Eisberge in Ostgrönland
Foto: Jens Köhler

Unser Basislager soll hier auch kurz umrissen werden. Wir haben uns in der lebensfeindlichen Umgebung ein Domizil aufgebaut, das streng funktional in mehrere Abteilungen aufgeteilt war. Unterstützend wirkte die Topografie, denn unser Zelt befand sich in einer circa zehn Meter tiefen – und damit windgeschützten – Mulde, in der sich Schmelzwasser sammelte und am Rande in einer Gletschermühle verschwand. Im Ausgangsbereich war der Mülllagerplatz, dann folgte zehn Meter weiter und fünf Meter tiefer die Küchenzeile. Auf einem Brett standen zwei Benzinkocher. Da das Brett in das Eis gehauen war, konnte man sogar von einer Einbauküche sprechen! Direkt daneben befand sich die Essecke: Sitzkissen, leere Benzinkanister, Holzplanken bildeten die Sitzgelegenheiten. Später wurden auch die Pulkas zu angenehmen Liegewannen dort aufgebaut.

Unterhalb dieses Areals schloss sich eine Lagerfläche an, für die Pulkasäcke mit dem lebenswichtigen Proviant sowie für Steigeisen, Eispickel, Schneeschuhe und dergleichen mehr. Der Mulde weiter folgend, gab es einen höckerartigen Aufschwung, hier stand unser Expeditionszelt mit seinen drei Eingängen. Während wir in den ersten Tagen noch fast ebenerdig einsteigen konnten, mussten wir kurz vor der Abreise Stufen ins Eis schlagen, um gefahrlos in das Zelt hinein und aus selbigem hinaus zu gelangen, denn das Eis hatte sich innerhalb von zwei Wochen um über einen halben Meter abgesenkt!

Die fünf „Grönis“ auf dem Gipfel
Die fünf „Grönis“ auf dem Gipfel des Walrückens
Foto: Kai Maluck

Hinter dem Zelt gelangte man dann in den Waschbereich, ein Bach aus Gletscherwasser mäandrierte idyllisch am Grunde der Mulde und verschwand gurgelnd in der Gletschermühle.

Beeindruckende Erfahrungen machten wir mit Raum und Zeit, und zwar, weil Entfernungen schwer einzuschätzen waren. Alles, was wir aus Mitteleuropa an maßstabschenkenden Objekten kennen, Häuser, Bäume, Brücken, existiert hier nicht. Sehr oft geschah es, dass aus einem „Lass uns doch mal kurz dorthin laufen“ eine fünfstündige Wanderung wurde. Die Wahrnehmung der Zeit wurde zu einem relativen Bezugspunkt. Nur noch die Dauer zählte und war wahrnehmbar, aber die absolute Uhrzeit wurde nebensächlich. Wir starteten zu unseren Touren, wann wir wollten, und kamen zurück, wann wir wollten; es wurde sowieso nie dunkel! Diese Freiheit, zusammen mit der endlosen Natur, die uns umgab, wurde uns aber stets entrissen bei den Begegnungen im Mikrokosmos, in der Welt der kleinen Entfernungen. Wenn das GPS-Gerät 300 m bis zum Zelt zeigte, standen wir oft im Spaltengewirr des nahen Gletscherbruchs und brauchten letztlich doch noch eine Stunde.

Blick vom Walrücken zu den
Blick vom Walrücken zu den „Teufelshörnern“
Foto: Gaby Lappe

Wenn der Gipfel zum Greifen nah war, mussten wir behutsam scharfe Gratschneiden in Seilkletterei überwinden.

Als das Basislager fertig war, endeten die Strapazen, außer an den Ruhetagen, nicht. Der kürzeste zu erreichende Gipfel erforderte einen sechsstündigen Marsch. Die längste Tour von Jens und Kai auf die Köhlerspitze sollte deutlich über dreizehn Stunden dauern. Wer kennt nicht das leichte Gespräch unter Kameraden, wenn z.B. der Brocken erwandert wird. Wir sind aber oft wortlos durch die Einöde Grönlands gelaufen, weil unsere Aufmerksamkeit stets nur auf den nächsten Schritt gerichtet war. Zu groß das Risiko, auf den ewigen Geröllfeldern zu stürzen. Doch es gab eben auch diese grandiosen Naturerlebnisse, die wir bestaunen durften. Atemberaubende Ausblicke, unendliche Gletscherformationen und unzählige Gipfel. Wenn wir stoppten, blickten wir in die Landschaft; die Einsamkeit und die fast vollständige Unberührtheit Ostgrönlands strömten in unser Herz, was für ein Gefühl! Und vielleicht ist es auch so, dass, je größer die Anstrengung ist einen Gipfel zu erreichen, umso atemberaubender das Glücksgefühl ist, es geschafft zu haben, oben auf dem Gipfel zu stehen. Und wenn am Ende der Reise ein Berg den eigenen Namen trägt, hören das Grinsen und das Glücksgefühl fast überhaupt nicht mehr auf, denn Erstbesteigungen waren auch unser Ziel.

An der Abseilstelle des Walrückens
An der Abseilstelle des Walrückens
Foto: Birgit Lehmann

Kommen wir zur Ernährung. Wir hatten ca. 500 Riegel dabei (Snickers, Mars etc.), 5 kg Schinken, 5 kg Käse, 300 Tüten Expeditionsnahrung, Berge an Keksen, Nudelsuppen, Tee und Kaffee. Doch kurz vor dem Ende stellte Gaby klar: ‚Ich will das nicht mehr essen‘. Unsere Träume drehten sich um leckeres Essen. Jens träumte von einer Zitrone, mit der er Fußball spielte. Folgendes hielt unser Expeditionstagebuch fest, was jeder hätte jetzt gerne essen mögen: Jens – Schnitzel, Pommes, dunkles Weizenbier; Birgit – frisches Brot mit Butter und Tomate; Gaby und Kai –frische Salate und Obst; Thorsten – Currywurst, Pommes, Bier. Wir haben entsagt! Und wer Leuten etwas Gemeines zum Geburtstag schenken will, dem empfehlen wir folgende Geschmacksrichtung bei der Expeditionsnahrung: Hot Cereal Start und Pasta mit Lasagne Sauce. Ungenießbar! Würgreize! Später zurück in Kulusuk konnten wir erfahren, dass uns im Alltag gar nicht bewusst ist, wie geschmackvolles Essen mundet. Wir erlebten alleine schon eine wahre Geschmacksexplosion, nur weil wir eine kleine Flasche Pepsi tranken. Und was eine weiche Matratze für den Rücken bedeutet, schätzt erst derjenige, der zwei Wochen auf einem Eisblock geschlafen hat. Auf dem Rückflug ein Aufschrei von Birgit und Gaby: „Fleisch“. Bettelnd blickten sie die Stewardess an, ob sie nicht noch eines bekommen könnten.

Insgesamt waren wir dreizehn Tage im Lager. In dieser Zeit hat es nur einmal morgens circa eine Stunde lang geregnet. Wir konnten insgesamt neben kleineren Gletschertouren 18 Gipfelbesteigungen unternehmen. Nach der Erstbesteigung des Walrückens verließ uns das Glück, denn immer wieder fanden wir Hinweise von italienischen Expeditionen aus den Jahren 1969 und 1979. Doch Kai ließ nicht locker, und im Gebiet westlich unseres Zeltes fanden sich Gipfel, weit über 1000 Meter hoch, auf denen noch kein Mensch vorher gestanden hatte. Am Ende bestiegen wir 18 Gipfel, neun davon als erste.

Unser Basislager am letzten Morgen
Unser Basislager am letzten Morgen bei Sonnenaufgang
Foto: Jens Köhler

Exemplarisch für die erstürmten Gipfel soll hier der Aufstieg zur Köhlerspitze beschrieben werden, die durch Kai und Jens am Tag vor Abbau des Basislagers erklommen wurde. Nach dem Verlassen des Zeltes stiegen wir bequem den Gletscher hinab, übersprangen einfache Spalten und gewannen bald den nordseitigen Moränenrand. Hier querten wir einige Bäche, jenseits des letzten Baches stiegen wir zunächst einfach, dann steiler werdend über bröseligen Moränenschutt zu einem Blockgeröllfeld auf, um in 700 Metern Höhe einen kleinen Gletscher zu erreichen. Dieser Gletscher, der von unten so einfach aussah, entpuppte sich als gefährliches Terrain, teilweise trafen sich Quer- und Längsspalten in „Kreuzungen“, meist waren die Spalten mit Schnee verschlossen, einige Bereiche komplett überfirnt. Wir entschieden uns für einen Aufstiegsweg auf der linken Seite des Gletschers. Hierzu mussten wir die mit Firn verschlossene Randkluft überwinden, kurz ging es über kompakten Fels, dann stiegen wir in eine Schneerinne ein, die nach 50 Höhenmetern in eine Eisrinne überging und dann nach links hinauf zog. Der Schnee- und Eisbereich lag hinter uns, jetzt galt es, einen Weg durch die unübersichtliche Ostflanke zu finden. Eine Wandstufe musste mit Seilsicherung überwunden werden, es folgte eine extrem steinschlaggefährdete Rinne, die insbesondere im Abstieg gefährlich war, bevor uns die eigentliche Gipfelflanke, bestehend aus groben Felsblöcken, die an unseren Harzer Granit erinnerten, zum Gipfel geleitete.

Was alle Gipfel gemeinsam hatten, war der Ausblick auf ein nicht enden wollendes Gipfelpanorama in Richtung Norden, mit allen nur denkbaren Gipfelformen, oftmals illuminiert durch ein orange-violettes Mitternachtslicht. Fjorde und immer am Horizont das arktische Meer mit darauf treibenden Eisbergen prägten den Blick nach Südosten.

Dieses Zusammenspiel aus einerseits Entsagung und Strapazen und andererseits wundervollen Naturerlebnissen in unberührter Natur erzeugt jene machtvolle Zufriedenheit, die uns lange mit warmen Erinnerungen erfüllen wird.

Eine Beschreibung aller Touren und weitere Hintergrundinformationen finden sich im kompletten Expeditionsbericht im Internet.

Thorsten Henszelewski und Jens Köhler
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 20. November 2010