Sektion Braunschweig
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Aus dem Mitteilungsblatt 1/2011
Hochtourengruppe

Piz Badile-Nordkante

Die schönste Gratkletterei der Alpen

Nach zwei gemeinsamen Tagen mit Klaus Steube und Clemens Pischel auf der Sciorahütte haben wir uns bereits am Donnerstag wieder getrennt: Ronald Scheffler und ich gehen zur Sasc Furä Hütte, Klaus und Clemens setzen um zur Albigna- Hütte. Dort gibt es mehr Möglichkeiten im Bereich IV-V und auch „kürzere“ Routen mit nur sechs bis zwölf Seillängen (SL). Die Sasc Furä-Hütte dient ausschließlich als Startpunkt für große Wände und Kanten, speziell Piz Badile (3.308m). Ein Granitmoloch besonderer Art. Wir haben uns bereits vor vier Jahren in dessen Nordkante verliebt, eine der markantesten Gratklettereien der Alpen, wenn nicht die längste überhaupt: 28 Seillängen, 750mH, 1250m Kantenlänge, die meisten Seillängen im Bereich IV-V.

Die Piz Badile Nordkante
Die Piz Badile Nordkante
Foto: Ronald Scheffler

Dieses Jahr könnte es endlich klappen mit dem Wetter, der Kondition, der Moral und der reinen Kletterfitness, denn nur wenn alle vier Randbedingungen passen, sollte man diese Tour angehen. Ohne Ronald etwas anmerken zu lassen, hatte ich meine Bedenken. Im Gegensatz zu ihm war ich in diesem Jahr erst an zwei Tagen klettern und noch nicht im Hochgebirge eingelaufen. Aber mit den letzten drei Tagen kam die Zuversicht zurück. Die Hüttenwirtin – eine tolle Schweizerin, die auch selbst klettert – berichtet allerdings von Schnee- und Eis im mittleren Teil der Kante. Drei der vier Seilschaften haben tags zuvor die Tour abgebrochen. Nachmittags sehen wir einen Hubschrauber an der Kante kreisen, der jemanden herausholt. Kein gutes Zeichen!

Wir erfahren hinterher, dass nichts Ernsthaftes passiert war. Jemand hatte sich den Arm derart verzerrt, dass er weder weiterklettern noch abseilen konnte.

Am Freitagmorgen, nach einer sehr kurzen unruhigen Nacht, klingelt der Wecker: vier Uhr. Wir verlieren wertvolle zehn Minuten bei der Suche nach dem Lichtschalter. Frühstück bei Kerzenlicht. Abmarsch ist pünktlich fünf Uhr, um sieben Uhr sind wir am „Einstieg“ irgendwo in der Nordwand. Unterwegs erscheinen weitere böse Omen in Form von zwei Tschechen, die tags zuvor die Kantenbegehung abgebrochen, die Nacht am Wandfuß verbracht haben und um unsere Hilfe bitten, ihr Seil einzuholen. Für uns kein Problem, wir gehen ohnehin an deren Anseilpunkt vorbei und werfen das Seil hinunter. Jeden Tag eine gute Tat.

Jens Poggemann irgendwo an der
Jens Poggemann irgendwo an der Piz Badile Nordkante
Foto: Ronald Scheffler

Die ersten 150 m im Bereich III-IV gehen wir parallel am Seil mit wenigen Zwischensicherungen. Das spart Zeit - und die ist knapp. Wir rufen uns immer wieder den Slogan aus dem Gebietsführer ins Gedächtnis: „Diese Tour ist nichts für Zögerer“. Das scheint uns beiden zu helfen.

Im mittleren Teil geht es dann ca. 13-15 SL (wer kann das schon noch zählen) schwieriger voran. Hier wird klassisch gesichert. Haken und Standringe sind sehr unterschiedlich verteilt, mal alle 5-8 m, dann mal 40 m gar nichts. Das macht die Orientierung schwieriger, aber wir befinden uns ja auch nicht in einer Sportkletterroute. Im unteren und oberen Teil ist der Kantenverlauf ziemlich klar, im mittleren Teil verbreitert sich die Kante fast zu einer Wand und bietet meist mehrere Möglichkeiten, die in der Regel, alle machbar sind. Gewarnt wird aber vor dem Weitergehen nach rechts am großen Felssturz. Da dies nicht der einzige Felssturz ist, es sogar alte Haken gibt und ich mittlerweile aufgegeben habe, mit der Beschreibung zu vergleichen, tappe ich genau in diese Falle. Also etwas absteigen, neu orientieren, Ronald versucht es über einen Überhang zurück zur Kante (Bohrhaken). Da hat sich aber jemand einen Joke erlaubt, die Stelle ist zu schwer für uns. Also seilen wir quer ab in Richtung der nachfolgenden zwei Seilschaften. Leider hat uns das rumänische Pärchen durch diese Aktion überholt, wir werden nun immer wieder ausgebremst. Die Sache hat aber einen Vorteil: die Routen- und Standplatzauswahl wird nun vor uns geklärt. Die Schlüsselstelle ist Ronalds „turn“, sie ist bestens abgesichert.

Es ist weiterhin eine herrliche Kletterei in bestem Granit. Ein Genuss, wäre es etwas wärmer und nicht die Uhr und der Rucksack im Nacken. Der Zeitdruck ist aber moderat, weil das Wetter stabil wirkt, um diese Jahreszeit droht kein Gewitter, nur einige Wolken und die schon recht kurze Tageszeit.

Etwa in der Mitte der Kante geht es dann los mit etwas Schnee und Eis. Man findet eigentlich immer ein kleines eisfreies Stückchen Fels, es kostet jedoch höchste Umsicht und Auswahl der Griffe und Tritte. Das lange Warten am Standplatz mit den dünnen Kletterschuhen im Schnee stehend sorgt für taube Füße. Aber das sind wir bereits gewöhnt von den zwei Eingehtouren am Montag und Dienstag.

Die letzten Seillängen gehen wir wieder gleichzeitig am Seil und überholen damit die Rumänen. Trotz einer dringend notwendigen „Sitzung“ zwischendurch stehen wir vor 17 Uhr auf dem Gipfel. Das ist beruhigend, so dass wir uns eine dreiviertel Stunde zum Genießen der großartigen Aussicht gönnen. Schade, dass wir unsere Freude nicht mit Klaus und Clemens teilen können.

Ronald Scheffler irgendwo an der
Ronald Scheffler irgendwo an der Piz Badile Nordkante
Foto: Jens Poggemann

Vor dem Abstieg erkunden wir noch die Biwakschachtel etwas unterhalb vom Gipfel. Sie ist urig, eng und stickig. Wir brauchen sie heute nicht, glauben wir. Trotzdem mahnt Ronald zum Abstieg. Dieser hat es in der Tat in sich: Das Abklettern und 7 lange Abseilen mit Gehstrecken zwischendurch kosten noch einmal drei Stunden. Hierfür setzen wir erstmalig eine neue Technik um, die besonders im gestuften, zerklüfteten Gelände vorteilhaft ist und den üblichen Seilfilz umgeht. Der Erste wird mit dem Sicherungsgerät an den beiden Seilenden abgelassen, der Zweite knotet die anderen beiden Seilenden am Ring zusammen und seilt ganz normal hinterher.

Am Wandfuß angekommen sehen wir schon die Gianetti-Hütte in greifbarer Nähe, gefühlte 30 Min entfernt. Mittlerweile beginnt die Dämmerung. Der kaum erkennbare Pfad verliert sich leider irgendwann – oder wir verlieren ihn. Jedenfalls irren wir ca. einen Kilometer vor dem Ziel auf einer leicht abschüssigen Geröllwiese im völligen Dunkel und von Wolken umhüllt herum. So war das aber nicht geplant! Unsere Stirnlampen leuchten max. zehn Meter weit, wir rennen sicherlich unmittelbar an der Hütte vorbei ins Tal. Das ist keine angenehme Vorstellung, selbst wenn das Gelände weiterhin so unkritisch bleibt. Meine geschundenen Füße schreien immer lauter nach Belüftung! Die neuen Bergschuhe habe ich wohl viel zu klein gekauft.

Die Rettung kommt in Form modernster Technik: Ronalds GPS-Gerät weist uns den Weg durch das geneigte steinige Gelände. Gerade noch rechtzeitig vor Küchenschluss erreichen wir um 21.15 Uhr die Hütte. Die Flasche Rotwein spendiere ich und nehme mir vor, mich künftig mit dem Lästern über GPS-Geräte im Gebirge zurückzuhalten.

Am nächsten Tag geht es über zwei Pässe zurück zur Sasc Furä-Hütte. Der Pfad ist nicht als ein solcher erkennbar, nur die üppig verteilten Farbkleckse weisen die Richtung. In bester Verfassung und gut gelaunt erreichen wir die Hütte und genießen einen sonnigen Nachmittag. Spät abends kommen noch die beiden Rumänen. Sie hatten ebenfalls den Felsabstieg gemacht, allerdings mussten sie wegen der Dunkelheit und fehlendem GPS-Gerät in den Felsen übernachten. Die dritte Seilschaft ist vermutlich im Biwak geblieben.

Am nächsten Morgen geht es ohne Frühstück ab ins Tal. Diese zwei Stunden sind die schlimmsten der ganzen Woche, denn jeder Schritt schmerzt. Eine weitere Tour wäre jetzt undenkbar. Hinter Ronald her humpelnd, ersehne ich nach jeder Biegung das Auto. Endlich, raus aus den Schuhen, hinein in den nahegelegenen Bach und frisch eingekleidet geht es ab nach Hause.

Jens Poggemann
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 27. Februar 2011