Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2011
Hochtourengruppe

Der lange Weg über die Höhen der Sudeten

Teil 1: Von Hrensko zur Schneekoppe

Die Sudeten sind ein Gebirge, das sich aus einer Reihe kleinerer Höhenzüge zusammensetzt. Sie beginnen im Westen am Elbdurchbruch zwischen Decin und Bad Schandau mit der Böhmisch-Sächsischen Schweiz und deren herausragenden Vulkankegeln und dem Prebischtor. Sie enden im Osten nach mehr als 400 Kilometern mit dem Altvatergebirge und seinen östlichen Ausläufern, an die sich als nächstes größeres Gebirge die Beskiden anschließen.

Doch wie sind wir auf die – sicher etwas verrückte – Idee gekommen, dieses lange Gebirge in einem Zuge überschreiten zu wollen?

Kartenstudium
Kartenstudium
Foto:Lisel Koziol

Vor einigen Jahren habe ich aus Altersgrünen die langen Westalpentouren gegen Weitwanderungen ausgetauscht. Die ersten Versuche zusammen mit Lisel und auch mit sechs oder acht anderen Mitgliedern der Hochtourengruppe gingen über etwa eine Woche. Allmählich haben sich Lisel und ich dann an eine Zeitdauer von 2 bis 2 ½ Wochen und eine Streckenlänge um die 200 km herangepirscht. Über einige dieser Touren habe ich in den Vorjahren in unserem Mitteilungsblatt berichtet.

Eine dieser Wanderungen führte uns 2006 mit Ute und Acki Schröder von Hrensko (Herrenskretschen) zur Schneekoppe. Von dort haben wir weit im Osten das Altvatergebirge gesehen. Als Ralf Hartzsch später noch von Skitouren im Eulengebirge berichtete, wuchs das Interesse an den Gebieten jenseits des Riesengebirges immer mehr. Wanderkarten und ein Führer über den „Europäischen Fernwanderweg E 3 in den Sudeten“ geben weitere Informationen. Und irgendwann steht der Entschluß fest:

Wir versuchen, in einem Stück von Hrensko bis zum Altvater zu wandern.

Der Verlauf des E 3 soll uns dabei nur die große Richtung vorgeben. Denn der Fernwanderweg verlässt mehrfach die Höhen des Gebirges. So umgeht er z. B. komplett das gesamte Riesengebirge mit der Schneekoppe im nördlichen Flachland. Wir werden uns also häufig Varianten suchen, um unsere gewünschte klare Linie nicht zu verlieren.

Am Mittwoch, 11. Mai 2011, beginnt unser Abenteuer mit der Busfahrt von Mascherode zum Bahnhof. Um 14.35 Uhr erreichen wir den Grenzbahnhof Schöna und mit der Elbfähre in wenigen Minuten Hrensko. Die Böhmisch-Sächsische Schweiz, der westlichste Gebirgszug der Sudeten, empfängt uns standesgemäß mit steilen Sandsteintreppen und führt uns in gut zwei Stunden über schöne Waldwege und herrliche Wiesen auf die Hochfläche von Janov.

Am zweiten Tag wandern wir vorbei am hohen Vulkankegel des Ruzovsky vrch (Rosenberg) und der teilrestaurierten historischen Wassermühle Dolsky mlyn nach Jetrichovice. Durch diese Wegführung können wir das überlaufene Pravcicka brana (Prebischtor) umgehen, an dem wir schon mehrfach gewesen sind.

Der dritte Tag bringt zwei Überraschungen. Im Mai und August 2010 hat es schwere Unwetter gegeben. Im engen Tal der Chribska Kamenice, durch das unser Wanderweg nach Studeny führt, wurden alle Brücken zerstört und umgestürzte Bäume versperren den Weg. Das Tal ist unpassierbar. Also bleibt nur ein Umweg von 8 km über Na Tokani und Rynartice. In Studeny dann die zweite Überraschung. Die einzige Pension ist durch eine Schülergruppe voll belegt. Aber „Parkbank“ oder „Bushäuschen“ bleiben uns erspart. Wir bekommen noch ein wunderschönes Privatquartier.

Kurz hinter Studeny verlassen wir die Böhmisch-Sächsische Schweiz und erreichen das Luzicke hory (Lausitzer Gebirge), übernachten in Lesne und gehen am fünften Tag auf dem Oberlausitzer Bergweg häufig mit dem rechten Fuß in Tschechien und dem linken in Deutschland. Wir übernachten in Krompach und beenden nach einer Besteigung des Hvozd (Hochwald) unser Grenzgängerdasein. Wir steuern Polesi/Cerna Louze an, weil es hier ein Hotel, eine Pension und eine Herberge des Tschechischen Touristenclubs gibt. Alle drei Quartiere sind jedoch voll mit Kindergruppen belegt. Anscheinend halten viele Schulen in Tschechien gerade ihre Wanderwoche ab. Schließlich ergattern wir in einem Privathaus noch eine kalte und klapprige „Bude“. Die Duschkabine muß ich erst zusammensetzen, aber mein Bauwerk hält (nicht lange).

Heute geht es auf den Höhenzug des Jestedsky hrbet (Jeschkener Rücken), dem wir bis zum Wegkreuz am Kaple sv. Krystofa folgen, zur Übernachtung nach Krystofovo Udoli absteigen und dann zum Tetrevi sedlo (Auerhahnsattel) und zum Kammweg wieder hinaufgehen. Nur noch etwa eine Stunde entfernt leuchtet der Jested (Jeschken), 1.011 m, mit seinem futuristisch anmutenden Fernsehturm zu uns herunter. Im dortigen Hotel wollen wir das vermutlich teuerste Quartier unseres ganzen Urlaubs aufschlagen, um den Rest des Tages mit guter Sicht auf Grund der exponierten Lage des Berges auskosten zu können. Tief unter uns Liberec (Reichenberg) im Osten die Schneekoppe, im Westen fast unsere gesamte bisherige Wanderroute, im Süden das Böhmische Becken.

Aber Pustekuchen! Auch dieses teure Quartier ist durch eine polnische (!) Jugendgruppe voll belegt. Einen solchen Sponsor müsste man haben.

Das Rathaus von Liberec
Das Rathaus von Liberec
Foto:Lisel Koziol

Nach einer Stunde Marsch hinunter zur Chata Plane pod Jestedem bekommen wir trotz Jugendgruppe noch Schlafplätze, aber schon um 17.30 Uhr das Jugendgruppen-Abendessen. Wenigstens Biertrinken ist uns danach noch gestattet.

Es folgt ein Kulturtag mit Abstieg nach Liberec – Straßenbahnfahrt ins Zentrum – Besichtigung des berühmten Rathauses – nach Vorschlag der Info Wanderung zum Stadtrand bis „Bily Mlyn“ in eine Baustelle. Die alte Wassermühle am Flüßchen Bily wird gerade in ein Restaurant umgebaut. Heute herrscht noch viel Hektik, aber morgen soll Einweihung sein. Wir sind die ersten Gäste. Abendessen und Frühstück sind sehr gut. Unsere Dachgeschoss-Wohnung ist das beste Quartier des ganzen Urlaubs – mit einem Höhenfeuerwerk vor unseren großen Fenstern durch ein gewaltiges Gewitter. Der Regen prasselt uns in den Schlaf.

Morgens strahlt wieder die Sonne. Wir wechseln ins Jizerske Hory (Isergebirge) und erreichen über den Prosecsky hrben die Stadt Jablonec nad Nisou (Gablonz a.d.N.). Wenige Kilometer entfernt entspringt hier die Luzika Nisa (Lausitzer Neiße), weiter nördlich der heutige Grenzfluß zu Polen. Wir wandern durch die Stadt bis zum südöstlichen Zipfel und am anderen Morgen über den langen Höhenzug Cernostudnicni hrbet nach Tanvald. Von hier wollen wir am nächsten Tag in den südwestlichen Teil des Krkonose (Riesengebirge) Richtung Rokytnice wechseln. Aber am Samstagnachmittag hat die Info geschlossen – das erste Hotel ebenfalls – das zweite ist ausgebucht – bleibt nur „Sonderzug nach Harrachov“ mit vielen Pensionen. 16.24 Uhr am Bahnhof – planmäßige Abfahrt 16.25 Uhr – gerade noch geschafft – Zug rattert mit uns hinauf ins Riesengebirge.

Chata Dvoracky
Chata Dvoracky
Foto:Lisel Koziol

Die Nordkette mit der tschechisch/polnischen Grenze und die pramen Labe (Elbquelle) kennen wir bereits aus den Vorjahren. Deshalb gehen wir dieses Mal zunächst über die Südkette. Der Aufstieg zum Certova hora (Teufelsberg), 1.021 m, führt dicht an der Skiflugschanze empor. Oben am Turm gibt es keine Absperrung, wir können deshalb bis zur zweitobersten Absprungluke hinaufgehen und ehrfurchtsvoll den ganzen Anlauf hinunterblicken. Nach Süden öffnet sich immer wieder der Blick hinunter ins weitläufige Tal von Rokytnice nad Jizerou. Sicherlich ein fantastisches Wander- und Skigebiet. Endstation für heute ist die Chata Dvoracky, 1.140 m, mit wundervoller Aussicht.

Von der Hütte geht es hinauf zur Hochfläche am Kotel (1.435 m) mit weitem Blick über die gesamte Nordkette bis zur Schneekoppe/ Snezka/Sniezka und das sich allmählich absenkende oberste Elbtal. Quartier machen wir in Spindleruv Mlyn (Spindlermühle) und fahren morgens mit dem Bus hinauf zum Paß, wandern vorbei an den Mittagssteinen auf dem aussichtsreichen Kammweg und steigen schließlich steil und mühsam hinauf zur Schneekoppe (1.602 m), dem höchsten Berg der ganzen Tour. Weit im Westen erkennen wir deutlich den Jested. Nach Osten wartet dagegen völlig unbekanntes Neuland auf uns. Jetzt geht das Abenteuer eigentlich erst richtig los.

Leider gibt es auf der recht stürmischen Schneekoppe keine Übernachtungsmöglichkeit. Also müssen wir bald weiter. Es wartet noch eine Strecke von ungefähr 10 km auf uns. Der Abstieg verläuft immer auf der Grenze Tschechien/Polen und ist teilweise ziemlich steil und ruppig mit ständig wechselnden Felsstufen und querlaufenden dicken Wurzeln. Dann geht es durch eine endlos scheinende lange Latschenlandschaft rechts und links des Weges. Der Wind ist völlig eingeschlafen, die Sonne knallt vom Himmel. Gut vorgebraten erreichen wir schließlich die Grenzbauden von Mala Upa am Paßübergang nach Polen.

Die erste Baude wird nach der langen Skisaison gerade renoviert, in der zweiten kommen wir unter. Wir haben jetzt ungefähr die Hälfte unserer ganzen Wegstrecke zurückgelegt. Das ist eine gute Gelegenheit für mich, eine kleine literarische Pause einzulegen. Teil 2 meines Berichtes wird im Heft Nr. 4/2011 erscheinen.

Und damit verabschiede ich mich für heute mit dem letzten Glas Pilsener Urquell.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Zeit in den Bergen.

Jürgen Koziol
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V.,18. August 2011