Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2011

Vom Ehrenamt zum Freiwilligenengagement

Tradition und Veränderungen

Das Ehrenamt in der gegenwärtigen Diskussion

Ehrenamtliches Engagement ist die wichtigste Basis aller Freiwilligenorganisationen, also der Verbände und Vereine im Sport, der Wohlfahrt und sozialen Initiativen, in Kirche und Kultur sowie in anderen bürgerschaftlichen Zusammenschlüssen. In den letzten 10 bis 15 Jahren gibt es eine intensive Diskussion zum gesellschaftlichen Stellenwert und zur Zukunft des Ehrenamts. Die Vielfalt der Begriffe – Freiwilligenengagement, zivilgesellschaftliches bzw bürgerschaftliches Engagement, ehrenamtliches Engagement auf Zeit – zeigt, dass unsere Vorstellungen vom Ehrenamt überdacht und neu konzipiert werden müssen.

Klagen über mangelndes Engagement

Von langjährigen Ehrenamtlichen wird häufig beklagt, dass sich Mitglieder, vor allem jüngere Mitglieder, zu wenig engagieren. Und dass neu hinzugekommene Mitglieder zu sehr die Vorteile eines Vereins bzw einer Sektion wahrnehmen (konsumieren), aber zu wenig Verantwortung für das Vereinsgeschehen übernehmen.

Diese Auffassung wird gespeist durch die Überzeugung der Sozialverpflichtung „man muss sich engagieren und der Gesellschaft, dem Verein etwas zurückgeben von dem, was man in früheren Jahren als persönlichen Gewinn erfahren hat.“ In dieser Sichtweise ist die ehrenamtliche Basis von Verbänden, Vereinen und Sektionen ein lebendiger Organismus, der sich durch das Engagement nachkommender Generationen ständig und von selbst erneuert. Diese über einen langen Zeitraum gut funktionierende Praxis trifft heute so nicht mehr zu.

Zahlen und Fakten

Zum Umfang und zu Veränderungen des Freiwilligenengagements liegen seit 1999 erstmals exakte Zahlen vor. Sie beruhen auf dem „Freiwilligensurvey der Bundesregierung 1999 – 2009“ sowie auf dem Sportentwicklungsbericht des DOSB. Mit einer eigenen Untersuchung hat der DAV in 2010 eigene Zahlen für Verband und Sektionen ermittelt. Nach wie vor gilt: das bürgerschaftliche Engagement ist in allen Bereichen der Gesellschaft hoch. Rund 23 Millionen Menschen in unserem Land engagieren sich in unterschiedlicher Form und Umfang ehrenamtlich. Der Sport (und damit auch der DAV) weist im Vergleich zu anderen Bereichen mit ca. 10% seiner Mitglieder die höchste Quote ehrenamtlichen Engagements auf. In absoluten Zahlen bedeutet dies für den DAV: ca. 16.000 Frauen und Männer engagieren sich in den 353 Sektionen als Vorstände, Gruppenleiter, Kursleiter und Fachübungsleiter, im Naturschutz und der Hüttenbetreuung, als Helfer bei Sektionsveranstaltungen und in sonstigen Projekten. Ein stolzes Ergebnis!

Die Zahlen zeigen aber auch, dass der Anteil des Freiwilligenengagements sinkt: von 1999 bis 2009 von 11,2% auf 10%. Das scheint zunächst nicht dramatisch. In absoluten Zahlen bedeutet dies für den Gesamtbereich des Sports jedoch einen Verlust von mehr als einer 1/4 Millionen Ehrenamtlicher! Auswirkungen dieses Rückgangs sind vor allem bemerkbar, wenn es um langfristige Verantwortung geht, also um die Übernahme eines Amtes für zwei und mehr Jahre. Vor dieser Situation steht auch der DAV und viele seiner Sektionen. In immer mehr Sektionen können Vorstandspositionen nicht besetzt werdenauch in unserer Sektion.

Der DAV mit seiner langenTradition als Solidargemeinschaft stellt sich den veränderten Bedingungen und hat Initiativen zur Weiterentwicklung des tradierten Ehrenamts entwickelt. So stellt der DAV auf seiner Internetseite den Bereich des Ehrenamtes dar und erläutert die verschiedenen Möglichkeiten. Infobroschüren helfen bei der Verbreitung in digitaler- und althergebrachter Papierform. Weiterhin gab es in der letzten Zeit eine bundesweite Befragung zum Thema Ehrenamt. Die Ergebnisse sollen in das neue Leitbild des DAV einfließen.

Was hat sich geändert?

Auch tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklungen haben sich in den letzten Jahrzehnten auf das Freiwilligenengagement ausgewirkt. Genannt seien nur der Wertewandel und veränderte Bedürfnisse der Menschen (mehr Genuss; die Wahl zwischen zahlreichen, optionalen Hobby- und Freizeitangeboten; mehr Individualismus). Auch ist nicht zu übersehen, dass die Gruppe der bestens qualifizierten 25- bis 55-Jährigen durch die Zunahme beruflicher Anforderungen und Verdichtung des Arbeitsalltags weniger als früher für ein zusätzliches Engagement zur Verfügung steht.

Einige Ergebnisse aus den Untersuchungen:

  • Besonders Vorstands- und Leitungsfunktionen werden seltener und zögernder übernommen. Dagegen ist die Bereitschaft zu kurzfristigen Engagements und zeitlich befristeter Projektmitarbeit gestiegen.
  • Freiwilligenaufgaben werden dann gerne übernommen, wenn sie Spaß machen und eigene Gestaltungsmöglichkeiten zulassen.
  • Das Durchschnittsalter in Vorstands- und Leitungspositionen steigt entsprechend dem demographischen Wandel unserer Gesellschaft.
  • Wer ein Amt übernimmt, weitet sein Engagement im Laufe der Zeit häufig beträchtlich aus (Zeit, zusätzliche Aufgaben und Verantwortung).
  • Nach wie vor sind weibliche Vertreterinnen in ehrenamtlichen Funktionen unterrepräsentiert – dies gilt besonders für Sektionen des DAV.
  • Eine der besten Voraussetzungen für freiwilliges Engagement sind positive Erfahrungen und Gruppenerlebnisse beim Sport, Wandern und Bergsteigen.
  • Insgesamt ist in den Großvereinen und den grösseren DAV-Sektionen das Vereinsgeschehen komplexer geworden. Dies verlangt bes. in den Leitungsfunktionen häufig mehr Zeitaufwand und mehr Hintergrundwissen (Recht, betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Finanz- und Steuerwissen, Verwaltungserfahrung) als in früheren Zeiten.
Anforderungen an unsere Sektion

Die Notwendigkeit einer aktiven Veränderung ist vom DAV als verbandspolitisch bedeutsam erkannt worden. Aktionen wie „Wir brauchen Dich!“ und eine ständige „Kommission Ehrenamt“ beim Vorstand unterstreichen diese Zukunftsaufgabe.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus der gegenwärtigen Diskussion ziehen?

  • Unsere Sektion muss sich mit den modernen Methoden zur Gewinnung von Freiwillig- Engagierten intensiver vertraut machen. Zu diesen Methoden zählen u.a. aktive Werbemaßnahmen, Aufgabenbeschreibungen für Engagementfelder, Angebote der Weiterqualifikation für potentielle Ehrenamtliche.
  • Das Thema sollte für die Zukunft Dauerpräsenz in Sektion und Vorstand haben. Nicht nur die Frage „welche Funktion, welcher Posten muss besetzt werden“ sollte bedacht werden.
  • Es sollte eine lebendige Börse und Kommunikation geben zu Aufgaben und Projekten in der Sektion, eine Rubrik „Gesucht wird“.So haben z.B. verschiedene DAV-Sektionen auf Ihrer Homepage und in den Sektionsnachrichten regelmässige Hinweise und Werbung zur Mitarbeit.
  • In den Gruppen, im Vorstand muss die Überzeugung präsent sein „Wir brauchen Dich – Deine Fähigkeiten und Kompetenzen sind in unserer Sektion gefragt, Dein Engagement wird gewürdigt.“ Teamarbeit und Leitung im Team fallen häufig leichter als Einzelverantwortung. Ein gutes Beispiel bietet unsere Hochtourengruppe, in der sich eine teamorientierte Leitung entwickelt hat. Auch das Jugendreferat wird von einem Leitungsteam geführt.

Die Geschäftsstelle einer grossen Sektion muss so gestaltet sein, dass Ehrenamtliche mehr Aufgaben delegieren können. Bei der Komplexität der Gesamtsektion, der Zunahme an Aufgaben und Ansprechpartnern kann dies zu einer Entlastung ehrenamtlich Verantwortlicher beitragen. Das kann durch Aufstocken der Mitarbeiter in der Geschäftsstelle geschehen, es kann aber auch über Praktikanten oder junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr bewerkstelligt werden.

Freiwilliges Engagement ist keine Selbstverständlichkeit. So wie wir Mitglieder für langjährige Mitgliedschaft in unserer Sektion ehren, sollen auch Ehrenamtliche regelmäßig gewürdigt werden – nicht erst zum Ende ihres Engagements.

Ein jährliches Treffen aller Ehrenamtlichen außerhalb von Vorstandssitzungen und Jahreshauptversammlung in lockerer Atmosphäre, als geselliges Beisammensein fördert den Zusammenhalt über Gruppen und Altersgrenzen hinweg. Und es signalisiert: Freiwilligenengagement ist eine unersetzbare Säule unserer Sektion.

Ehrenamtliches Engagement und finanziell honorierte Tätigkeit ergänzen sich. An dieser – für manche Ehrenamtliche ärgerlichen Tatsache führt heute kein Weg vorbei. Der laufende Betrieb und die vielfältigen Aufgaben eines Grossvereins sind anders gar nicht mehr zu bewältigen.

Bleibt zum Ende die wichtige und erfreuliche Feststellung: in unserer Sektion gibt es zahlreiche positive Beispiele für Engagement und aktive Beteiligung von Mitgliedern am Sektionsgeschehen. Stellvertretend seien nur die breite Unterstützung beim KidsKletterCup oder das technische-handwerkliche Engagement unserer Mitglieder bei der Sanierung der Braunschweiger Hütte genannt. Auch viele andere, stille Engagements sind an dieser Stelle zu würdigen.

Und dennoch: mit diesem Beitrag zum Ausgang des Europäischen Jahrs des Ehrenamts wollen wir auf kritische Entwicklungstendenzen des ehrenamtlichen Engagements aufmerksam machen; sowie die Diskussion in unserer Sektion und notwendige Entwicklungen für die Zukunft mit anstoßen.

Klaus Prenner und Holger Seidel
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. November 2011