Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2011
Hochtourengruppe

Der lange Weg über die Höhen der Sudeten

Teil 2: Von der Schneekoppe bis zum Altvater

Liebe Leser von „Braunschweig Alpin“

Ich denke, Sie haben einen schönen Bergurlaub erlebt und danach den herrlichen Altweibersommer 2011 genossen.

Dann können wir ja jetzt gemeinsam unsere Wanderung über die Höhen der Sudeten fortsetzen und vom Riesengebirge bis zum Altvater wandern. Was uns erwartet, ist komplett neu: Orte – Wege – Wälder – Berge und noch einige andere Dinge, von denen ich drei herausgreifen möchte.

  • Deutsch und englisch wird viel seltener als in Tschechien gesprochen.
  • In Polen wird viel weniger gewandert als in Tschechien oder Deutschland. Es gab Tage, an denen haben wir überhaupt keine anderen Wanderer getroffen.
  • Zum Frühstück gibt es wenig „Süsses“, stattdessen aber große Berge Rührei oder pro Person 2 – 3 dicke und sehr fettreiche Bockwürste.

Damit sind Sie schon gut vorbereitet und können mit uns in die Morgensonne blinzeln, die von Polen herüber in unser Schlafzimmerfenster in Mala Upa scheint und uns signalisiert, dass der nächste Wandertag beginnt.

Kurz nach 8.00 Uhr ein letzter Blick zurück zur Schneekoppe und dann mit wenigen Schritten – Schengen macht es möglich – nach Polen und hinüber zum Rudawy Janowickie (Landeshuter Kamm) mit endlos scheinenden und völlig menschenleeren Wäldern. Aber der vermeintlich gemütliche Wandertag beschert uns zwei überraschende Umwege von zusammen fast 10 km.

An einer Wegkreuzung sind durch Baumfällungen alle Wegmarkierungen verschwunden. Und das genau dort, wo wir von einer Wanderkarte auf die nächste wechseln müssen. Aber irgendwann finden wir den Faden wieder.

Die berühmte Salbitbrücke
Foto: Lisel Koziol

Den zweiten – längeren – Umweg machen wir freiwillig. Am Ende von Pisarzowice steht ein Schotterwerk, das nicht nur Steine zerkleinert, sondern auch eine große Staubwolke produziert. Bei der heutigen Windrichtung kreuzen sich unser Wanderweg und die Staubwolke unmittelbar neben dem Werksgelände. Staublunge und völlig verdreckte Sachen wären programmiert. Also weiträumige Variante über Feldwege und ein abseits liegendes Dorf und dann von der falschen Seite zu unserem Ziel Kamienna Gora (Landeshut) erst gegen 18.00 Uhr.

Der zweite Tag in Polen durch das Gory Walbrzyski (Waldenburger Bergland) verläuft ähnlich chaotisch. Durch fehlende Markierungen, Umwege wegen Kanalbauarbeiten oder Neubaugebiete und ein Hindernis aus Fels- und Baumsturz, das wir in steilem, urwaldartigem Gelände weder überklettern noch umgehen können, lassen das Puzzle zwischen Wanderkarte und Wirklichkeit nur schwer in Übereinstimmung bringen. Schließlich finden wir kurz vor Walbrzych (Waldenburg) eine Bushaltestelle, fahren in die Stadt und dann gleich wieder hinaus nach Szczawno-Zdroj (Bad Salzbrunn), einem Kurort nordwestlich von Walbrzych, und erreichen dadurch doch noch unser vorgeplantes Tagesziel.

Wir quartieren uns in einem – für deutsche Verhältnisse recht preisgünstigen – Hotel direkt am Kurpark ein. Weil morgen Samstag ist und am nächsten Zielort nur eine Unterkunftsmöglichkeit besteht, scheuen wir das Risiko, dort kein Quartier zu bekommen und bleiben in Szczawno-Zdroy zwei Nächte. Wir genießen ein sehr gutes Frühstücksbuffet – ohne fette Bockwürste – lassen Beine und Seele im Kurpark baumeln und freuen uns über einen Tag ohne Stiefel und Rucksack. Am Sonntagmorgen um 8.00 Uhr beginnt wieder der Ernst des Lebens. Abwechslungsreiche Hügellandschaft bei Walbrzych, landwirtschaftlich geprägte Orte und das waldreiche Gory Czarne leiten uns nach Zagorze Slaskie am nördlichen Rand des Gory Sowie (Eulengebirge). Im Hotel Borys löst sich die große Hochzeitsgesellschaft gerade auf. Da haben wir bei unserer gestrigen Übernachtungsplanung aber wirklich die richtige Nase gehabt.

Der Weg ins Gory Sowie beginnt mit einem 6 km Marsch ohne großen Höhengewinn nach Glinno auf der Asphaltstraße.

Der Bismarckturm auf der Hohen Eule
Der Bismarckturm auf der Hohen Eule
Foto: Lisel Koziol

Auf dieses zweifelhafte Vergnügen verzichten wir gern und engagieren einen Hotelangestellten, der uns für 20,00 Sloty nach Glinno fährt. Der weitere Wanderweg leitet uns durch voralpenähnliches Wiesen- und Baumgelände zur Przygodna Kopa und hinein in abwechslungsreiche menschenleere Wälder und hinauf zur Kuppe der Wielka Sowa (Hohe Eule), 1.015 m. Damit haben wir den neben Schneekoppe und Altvater wohl bekanntesten Berg unserer ganzen Wanderung erreicht.

Kein Wunder also, dass wir hier oben viele Menschen treffen, zumal die Schronisko Sowa auf der Südwestseite nur gut 1 km entfernt ist. Und ein mit EU-Mitteln sanierter Bismarckturm bietet zudem eine herrliche Rundsicht. Nur frühsommerlicher Dunst verhindert den Blick zur Schneekoppe.

Nach 1 ½ Stunden Mittagpause sind wir dann aber in den nächsten zwei Stunden auf dem Kammweg in südöstlicher Richtung über Kozie Siodlo, Kozia Rownia und Przelecz Jugowska bis hinunter zur Schronisko Zygmunowka (Zimmermannbaude) wieder völlig allein.

An der Hütte begrüßen uns ein nur polnisch sprechendes Ehepaar, viele Hühner und ein paar neugierige Ziegen. Wir sind die einzigen Gäste. Das Haus ist urig primitiv. Die Sprachprobleme werden per Handy mit der Nichte, die im Tal wohnt und deutsch spricht, gelöst – und alles klappt hervorragend. Der Wirt zeigt uns stolz zwei dicke Alben mit Postkarten aus der Zeit ab dem 19. Jahrhundert – ein wirklicher Schatz.

Wegweiser

Morgens um 8.00 Uhr geht es weiter – eine steile Wiese hinauf. Der Wirt winkt uns lange nach, bis wir im dichten Wald verschwinden. Beim Marsch über den Kammweg treffen wir fast sieben Stunden lang keinen Menschen, obgleich der Gipfel des Kalenica (Sonnenstein, 964 m) mit seinem Aussichtsturm einen fast ebenso guten Rundblick wie die Hohe Eule bietet.

Kurz vor unserem Tagesziel Srebrna Gora (Silberberg) könnten wir noch eine etwa dreistündige Bildungs-Variante einlegen und zur Festung Silberberg mit dem Fort Donjon aufsteigen. Die Anlage wurde ab 1765 von Friedrich dem Großen zur Absicherung Schlesiens gegenüber Österreich errichtet und konnte selbst von Napoleon 1807 nicht eingenommen werden. Das „schlesische Gibraltar“ ist die vermutlich größte Bergfestung Europas und wurde selbst im 2. Weltkrieg genutzt und weiter ausgebaut.

Aber da wir unterwegs schon zwei Wege-Puzzles erfolgreich gelöst haben, gehen wir lieber geradeaus weiter. Die Schronisko Srebrna ist mit einer Jugendgruppe voll belegt, das nächste Privatquartier ebenfalls, aber Pension und Restaurant Sokolka hat noch Betten frei. Zu unserer Überraschung sprechen der Wirt und seine Frau perfekt deutsch. Sie waren 10 Jahre in Deutschland, haben das elterliche Grundstück umgebaut und den Betrieb 2010 eröffnet.

Heute wollen wir durch den nördlichen Teil des Gory Bardzki (Warthaer Gebirge) nach Bardo (Wartha) wandern. Aber schon nach 2 Stunden wird unser Vorwärtsdrang jäh unterbrochen. Der Wanderweg soll jetzt etwa 2 km auf der Straße weitergehen. Die gesamte Straße ist wegen Testfahrten mit Tourenwagen, die mit hohen Geschwindigkeiten durch die Kurven brausen, komplett gesperrt. Wie lange und ob auch morgen noch können wir wegen der Sprachschwierigkeiten nicht erfahren.

Wegweiser

Eine sinnvolle andere Wegführung ergibt sich aus der Karte nicht. Also Rückzug und auf anderen Wegen zurück nach Srebrna Gora zur Pension Sokolka.

Busse nach Bardo gibt es nicht, dafür aber einen guten Vorschlag des Wirtes. Wir bleiben noch eine Nacht und er fährt am nächsten Morgen mit seiner Frau nach Bardo zum Großeinkauf und nimmt uns mit.

Schon um 8.30 Uhr steigen wir steil hinauf ins südliche Gory Bardski. Von einem schönen Aussichtspunkt haben wir einen guten Überblick nach Bardo und den Durchbruch der Nysa Klodzka (Glatzer Neiße), die hier die Sudeten verlässt und mit einem großen Schwenk nach Osten etwa 30 km nordwestlich von Oppeln in die Oder mündet. Unser vorbestelltes Hotel in Zloty Stok (Reichenstein, alte Goldgräberstadt) ist ziemlich primitiv, aber etliche große Gebäude – leider nicht alle in gutem Zustand – zeugen von verflossenem Reichtum.

Am nächsten Tag wandern wir durch die Gory Zlote (Goldberge) nach Ladek Zdroj (Bad Landeck). Anfangs finden wir noch viele Zeichen früherer Goldgräberzeit, die auch als Freizeitpark wieder hergerichtet und gepflegt werden. Auch in Polen versucht man überall, Touristen anzulocken.

Auch der heutige Tag zeigt uns wieder viele Dinge, die uns auf unserer Wanderung fast jeden Tag geboten wurden und ständig für Abwechslung sorgten. Menschenleere Wälder – schöne Aussichtspunkte – Wiesen und Felder – kleine Orte – ärmliche Häuser und schmucke Neubauten – meist besonders herausgeputzte Kirchen – kurze oder längere, oft knackige Anund Abstiege – Wurzeln und Steine zum Stolpern – überraschende Richtungsänderungen mit oder ohne Anzeige – schmale, kaum sichtbare Trampelpfade durch dichtes Gestrüpp einschließlich Brombeerranken – und heute als einmalige Sondereinlage einen engen, steilen, kurvigen Hohlweg mit Felsbrocken und querliegenden Bäumen gespickt und dem Hinweis „MTB Weltmeisterschafts-Marathonstrecke“ versehen.

„Der sturmumtoste Gipfel des Glatzer Schneebergs“ (Sznieznik Klodzki)
„Der sturmumtoste Gipfel des Glatzer Schneebergs“ (Sznieznik Klodzki)
Foto: Lisel Koziol

Von Ladek Zdroj führt der Weiterweg in einem größeren Bogen östlich durch die Gory Zlote und dann durch das Gory Bialsky (Bielengebirge) in das Gory Klodzky Snieznik (Glatzer Schneegebirge). Auf dieser Strecke gibt es lange Zeit keine Übernachtungsmöglichkeit. Wir fahren deshalb von Ladek Zdroj ein Stück mit dem Bus und gehen auf anderen Wegen nach Nowa Morawa zur Pension Ewa am Nordhang des Glatzer Schneegebirges. Ein empfehlenswertes, preiswertes Quartier mit sehr gutem Essen und Frühstück mit Müsli, selbst hergestellter Marmelade, Honig …

Unser Weg führt uns durch alte Wälder, Hochmoore, mit immer neuen Ausblicken nach Norden und Westen weiter hinein und höher hinauf ins Masyw Snieznika (Schneeberg-Massiv), dem zentralen und höchsten Teil des Glatzer Schneegebirges. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Schronisko „Na Sniezniku“ (1.218 m), auch als „Alte Schweizerei“ bekannt.

Die Baude wurde bereits 1871 zur Bewirtschaftung der Bergwiesen errichtet und bekam den Beinamen, weil sie nach schweizer Vorbild von einem Senn aus dem Kanton Bern errichtet wurde. Leider ist sie dringend sanierungsbedürftig. Wir freuen uns über den freien Nachmittag bei Höhensonne und weitem Blick ins Land.

Frühmorgens pfeift schon starker Wind um die Hütte. Als wir nach 45 Minuten Aufstieg den kahlen Gipfel des Sznieznik Klodzki (Glatzer Schneeberg, 1426 m) und damit den höchsten Punkt dieses Gebirges erreichen, können wir uns im Sturm kaum aufrecht halten und nur kurzfristig die hervorragende Rundsicht genießen. Vom ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Turm ist nur noch ein kleiner Steinhaufen übrig. Aber es gibt wenigstens einen stabilen Wegweiser, den ich fest umarme und so doch noch fotografieren kann, ohne dass die Bilder verwackelt sind.

 

Wegweiser

Wir überschreiten auf dem Gipfel auch die Grenze nach Tschechien, der hier Kralicky Szneznik (Grulicher Schneeberg) heißt. Früher war es noch komplizierter. Es stießen hier das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und die Grafschaft Glatz aneinander. Der Schneeberg ist auch eine Dreifach-Wasserscheide: Glatzer Neisse in die Oder – Lipka über Stille Adler in die Elbe – Morava durch Mähren in die Donau.

Aber nun heraus aus dem Sturm – hinunter nach Mähren – hinter einigen tiefen Tälern leuchtet im Dunst schon das Hruby Jeseniky (Altvatergebirge). Vorbei an der Quelle der Morava und den Überresten der ehemaligen tschechischen Chata Franciskova steigen wir durch abwechslungsreiche Wälder und eine Wiesenlandschaft mit eingelagerten Bauminseln – haben wir uns vielleicht ins Allgäu verlaufen? – hinunter nach Stare Mesto (Altstadt).

Und nun haben wir ein Problem.

Wenn wir weiterwandern, erreichen wir unser Ziel „Altvater“ unmittelbar zu Pfingsten und müssen mühsam Quartier suchen und uns dann in volle Züge quetschen. Also versuchen wir, heute noch ins Jeseniky zu kommen. Die junge Frau in der Info spricht gut englisch und stellt uns einen Plan zusammen. Mit einer Eisenbahn- und zwei Busfahrten erreichen wir um 17.55 Uhr den Cervenohorske sedlo und bekommen Quartier im Hotel am Paß. Zu Fuß hätten wir 2 bis 3 Tage gebraucht.

 

Der Gipfel des Altvater
Der Gipfel des Altvater
Foto: Lisel Koziol

Nach Sturm und viel Regen in der Nacht lacht schon bald wieder die Sonne. Wir verlängern unser Quartier noch für eine zweite Nacht, werfen die meisten Sachen aus dem Rucksack und starten am 28. Wandertag endlich mit leichtem Gepäck durch Wald – Moore mit viel Wollgras – herrlichen Aussichtspunkten zu dem allmählich immer näher kommenden Gipfel.

Am 7. Juni 2011 um 12.45 Uhr stehen wir endlich auf dem Praded (Altvater, 1.491 m).

Nach ausgiebigem Schauen und Orientieren anhand der rund herum angebrachten Tafeln – teilweise in der Ferne behindert noch durch Restwolken der letzten Nacht – bummeln wir die letzten 10 km wieder hinunter und trinken abends neben dem Bier auch noch einen doppelten Becherovka.

Am nächsten Morgen Fahrt mit dem Bus hinunter nach Sumperk – Eisenbahn mit Umsteigen in Zabreh na Morava, Prag, Usti nach Decin und mit dem Bus nach Hrensko. Nach Übernachtung im Hotel Labe mit der Fähre hinüber nach Schöna – Sachsenticket für 28,00 EUR lösen und Bahnfahrt mit Umsteigen in Dresden, Leipzig, Roßlau und Magdeburg nach Braunschweig (16.42 Uhr) und Bus nach Mascherode. Und morgen ist Freitag vor Pfingsten mit überfüllten Zügen! Es hat also geklappt.

Das war jedoch noch nicht der Schluss des heutigen Tages. Duschen – Abendessen – und dann mit dem Auto nach Rüningen. Die Hochtourengruppe hat Gruppenabend.

Und dann ist die Reise wirklich zu Ende. Lisel und ich sind glücklich und zufrieden, dass wir diese lange Wanderung geschafft und nicht zwischendurch das berühmte Handtuch geworfen haben. Vier Wochen immer den ganzen „Hausstand“ mit sich herumtragen ist schon eine lange Zeit. Aber es war sehr schön.

Wir hoffen, es hat Ihnen Spaß gemacht, mit uns zu wandern.

Jürgen Koziol
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. November 2011