Sektion Braunschweig
 
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2011
Ausbildungsreferat

Wildspitze, Wodka und Witze

Eiskurs vom 24. bis 30. Juli 2011 auf der Braunschweiger Hütte mit Robert Rurkowski

„Es reißt auf!“ – „Ich glaub‘ mein Schwein pfeift!“ – „Es reißt tatsächlich auf!“ – „PACKEN!!!“ brüllt Robert, „schnell, schnell, packen!“ Steigeisen, Helme, Teebeutel werden aufgerafft und wild durcheinander irgendwo hingestopft. Nur schnell los – dorthin, wo soeben die Nordwand der Wildspitze aus dem Nebel aufgetaucht ist.

Wer seinem Schicksal nicht folgt, den schleift
Wer seinem Schicksal nicht folgt, den schleift es hinter sich her,
Foto: Hanke Konsek

Jede Sekunde zählt, denn im nächsten Augenblick schon könnte unser Ziel wieder vom undurchdringlichen Weiß verschluckt werden: jene Nordwand, von der uns das GPS seit dreieinhalb Stunden vermeldete, dass wir von ihr nur wenige hundert Meter entfernt waren. Zum Greifen nahe der Gipfel – nur zu sehen war er nicht gewesen, geschweige denn zu erreichen, solange der Gletscher zwischen ihm und uns sich mitsamt den Spalten in dichten Nebel gehüllt hatte. Oben, unten, rechts und links eine einzige weiße Masse, die binnen weniger Meter alles verschluckte. Seit dreieinhalb Stunden saßen wir hier fest, auf 3.400 Metern Höhe. Zugegebenermaßen saßen wir nicht allzu unbequem: zu fünft in einem Iglu, mit literweise Tee und Musik von Annett Louisann aus dem Blackberry. Doch nur wenige Minuten länger, und wir hätten absteigen müssen, zurück zur Hütte. Wieder fünf mühselige Stunden durch Schnee, Eis und Geröll, umsonst. Nun war sie doch noch da, die Chance auf den Gipfel – und wir stürmten los.

Was hatten wir – fünf Männer und eine Frau - in den vergangenen fünf Tagen nicht alles über uns ergehen lassen, um diesen Moment erleben zu dürfen. Schon bei seiner Begrüßungsrede am Parkplatz, untermalt von dramatischer Musik aus seinem Kofferraum, hatte Robert uns gewarnt: „Ihr werdet mich noch darum bitten, dass ich endlich ins Bett gehe und euch in Frieden lasse!“

Und er hatte Ernst gemacht mit seiner Drohung. Auf den Tagesprogrammen standen Eisklettern in sanft geneigten bis brutal überhängenden Wänden, Standplatzbau mit Eisschrauben, T-Anker und Abalakov-Schlinge, Spaltenbergung und schweißtreibende Gletscheranstiege (die bei manchem in der Seilschaft dahinstolpernden die Assoziation einer Strafexpedition oder des Gangs zum Schafott aufkommen ließen). Abends, nach dem Drei-Gänge-Hüttenmenü waren dann noch Theorielektionen in Materialkunde, Erster Hilfe und Wetterkunde zu absolvieren. So waren wir bald in der Lage, den Materialcheck noch im Schlaf zu rezitieren und das wechselhafte Wetter, das uns die Ötztaler Alpen in dieser Woche bescherten, als Westwetterlage zu identifizieren.

Morgenstimmung auf dem Mittelbergjoch
Morgenstimmung auf dem Mittelbergjoch
Foto: Hanke Konsek

Aber Robert hatte auch alles getan, um seine Truppe bei Laune zu halten. Kein Schneefeld, das er nicht für uns gespurt hätte. Wenn um halb vier Wecken war, dann war Robert schon um halb drei dabei, für uns Tee zu kochen. Als wäre er als Kind in den Zaubertrank gefallen, sprudelten Energie und Worte aus ihm heraus. Mit Witzen, Wodka, Leidenschaft, Offenheit und unkonventionellen Einfällen sorgte er nicht nur in seinem Kurs, sondern auch bei anderen Alpinisten für Unterhaltung. „Rosi“, ließ sich schon am Tag unseres Aufstiegs ein aufgeregter Handytelefonierer vor der Braunschweiger Hütte vernehmen, „woas glaubst, woas i grad gsehen hoab? Hier is oana barfuss zur Hütte naufgstiegen! BARFUSS!!! Duach den Schnee!“

Seinen Schülern hat Robert keine Barfußbesteigungen abverlangt. Wohl aber Vertrauen in ihn und in das eigene Können, selbstständiges Urteilsvermögen und Ausdauer. Von den sechs Teilnehmern wagten sich nur vier an die Abschlusstour zur Wildspitze.

Wie die dann schließlich ausging? In zweieinhalb Stunden und vier Seillängen war die 50 Grad steile Schneeflanke der Nordwand erklommen. Auf dem Gipfel der Wildspitze, auf 3774 Metern, rissen die Wolken ein zweites Mal an diesem Tag für wenige Minuten auf, um uns einen sagenhaften Rundblick über die Ötztaler Alpen zu gewähren. Nach 16 Stunden kehrten die Gipfelstürmer zurück zur Braunschweiger Hütte: müde, glücklich, um viele Erfahrungen reicher – und bereit, es jederzeit wieder zu tun.

Anne-Kristin Rullmann
Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 22. November 2011