100 Jahre DAV Landesverband Nord

mit Vorgängerverband, dem Nordwestdeutschen Sektionenverband

1. Gründung

Nach dem Vorbild von Sektionsverbänden in anderen deutschen und österreichischen Regionen wurde im November 1921 der Nordwestdeutsche Sektionenverband geschaffen auf Betreiben der Sektionen Hamburg und Hannover. Er diente vorrangig dazu, „bei besonderen alpenfernen Problemstellungen eine einheitliche Stellungnahme der Sektionen herbeizuführen und für den Ausbau des Vortragswesen zu sorgen.“
Eine Rechtsfähigkeit besaß dieser Zusammenschluss nicht.
Folgende Akteure taten sich zusammen zur Gründung: 

Demnach reichte die regionale Bandbreite weit über den Bereich des heutigen Landesverbands Nord hinaus.

2. Weitere Geschichte

In der Folge erweiterte sich der Kreis der Mitgliedssektionen um Stettin, Halberstadt, Flensburg und Schwerin.
Nach dem Krieg wurde der DAV insgesamt als nationalsozialistische Organisation durch die Alliierten verboten. Nicht nur hatten die Sektionen durch Einführung des Arierparagraphen in ihre Satzungen den Eintritt von Juden verhindert bzw. bestehende Mitglieder zum Verlassen gezwungen, sondern der DAV wurde auch „gleichgeschaltet“, d.h. als Unterorganisation in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert.      
Schon bald nach dem Krieg trafen sich die Sektionsvertreter wieder, zunächst informell, bis der DAV und seine Organisation 1950 wieder zugelassen wurden.  
Die vier ostwestfälischen Sektionen schlossen sich Anfang der 50-er Jahre dem Rheinisch- Westfälischen Sektionenverband an (heute: Landesverband Nordrhein-Westfalen); auch heute noch besteht ein enges Verhältnis zu unserem benachbarten Landesverband. Während der deutschen Teilung gehörten die Berliner Sektionen den NWDSV an, nach der Wiedervereinigung wechselten sie zum neu gegründeten Ostdeutschen Sektionenverband.  
Nachdem es schon in den 60-er Jahren zu ersten Kletterverboten am Hohenstein gekommen war, wurde insbesondere auf Betreiben der Sektion Wilhelmshaven am Ith ein Jugendzeltplatz eingerichtet, der bis heute eigenständig von der Jugend des DAV betrieben wird.  

Die Notwendigkeit, mit Behörden zu verhandeln, z.B. wegen Felssperrungen, oder um öffentliche Zuschüsse zu erlangen, machte die Gründung eines rechtsfähigen Vereins erforderlich.  
1988 wurde der Niedersächsische Landesverband Bergsteigen im Deutschen Alpenverein e.V. in Osnabrück gegründet. Mitglieder wurden alle niedersächsischen Sektionen.
Die Hauptaufgaben, die sich auch aus der Satzung des DAV‘s ergaben, sind in erster Linie die Interessensvertretung der Sektionen bei Behörden und Verbänden vor allem in den Bereichen des Sportes und des Naturschutzes.
Auch in Schleswig-Holstein wurde ein Landesverband gegründet, er wurde nach knapp 10 Jahren allerdings wieder aufgelöst.
Parallel zu den Landesverbänden blieb der NWDSV bestehen. Es wurde immer darauf geachtet, dass keine Widersprüche oder gar Gegensätze im Handeln des Sektionenverbandes und der Landesverbände entstanden.

Auf Initiative des damaligen 1. Vorsitzenden der Sektion HH/NE, Helmut Manz, kamen 2011 erste Gespräche zustande mit dem Ziel, den Landesverband länderübergreifend zu öffnen, um damit allen Sektionen im Norden die Mitgliedschaft zu ermöglichen, aber auch gleichzeitig einen schlagkräftigen Fachverband für die jeweiligen Sportbünde zu begründen.

In der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 24.Oktober 2015 in Hannover wurde die bis dahin geltende Satzung geändert. Der Landesverband umfasst nunmehr die Länder Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein. Alle Sektionen traten diesem länderübergreifenden Verband bei.

Parallel dazu übertrug der NWDSV seine Aufgaben an den Landesverband und wurde damit „beerdigt“. Damit werden Doppelstrukturen vermieden.  

Die Anerkennung durch die Landessportbünde (derzeit LSB Niedersachsen und demnächst auch durch den Hamburger Sportbund) als Sportfachverband für Bergsport und Klettern verdeutlicht die Position des DAV in der Mitte der Sportwelt. Damit verbunden ist die Aufnahme von nicht-DAV Vereinen aus dem Bereich Klettern in unseren Fachverband. Derzeit stehen den 17-DAV Sektionen 5 Nicht-DAV Mitgliedsvereine gegenüber.      

Verlagerung der satzungsgemäßen Aufgaben 

Heute konzentriert sich die Aktivität des Landesverbandes auf folgende Aufgaben:

Während ein guter Teil der Mitglieder auch heute noch wie in früheren Zeiten die umfangreichen Wanderangebote in Anspruch nimmt, ist das Klettern in den letzten 20 Jahren insbesondere mit dem  Bau von künstlichen Kletteranlagen nicht nur in Großstädten populär geworden. Infolge des vermehrten öffentlichen Augenmerks auf Natur- und Umweltschutz wurden immer mehr Felsen gesperrt für Klettern, und so wurde der Erhalt der Klettergebiete eine der Kernaufgaben des Landesverbandes.  

Seit 2015 engagiert sich Axel Hake als hauptamtlicher Mitarbeiter hier. Er pflegt den Kontakt zu den Naturschutzbehörden und -verbänden, bereitet den Abschluss von Vereinbarungen mit Landkreisen vor, die das Klettern wieder unter naturschutzrechtlichen Auflagen ermöglichen. Er kämpft um Aufhebung von Kletterverboten und war hier bereits erfolgreich (Römerstein und Bodensteiner Klippen). Zudem kümmert er sich auch um die Erschließung neuer Felsen und von Steinbrüchen sowie der entsprechenden Einrichtung neuer Routen.      

Neben Klettern als Breitensport und Naturschutz hat der Leistungssport stark an Bedeutung gewonnen, die Einführung von Klettern als olympische Sportart führt zu einem neuerlichen Boost. Das Referat Leistungssport des DAV Nord richtet jährlich die offiziellen Norddeutschen Landes- und Jugendmeisterschaften in den drei Disziplinen Speed, Lead und Bouldern aus sowie Kinderwettkämpfe in verschiedenen Formaten.  

Eine weitere wichtige Aufgabe des Referats für Leistungssport stellt die Förderung der norddeutschen Klettertalente am Fels und bei Wettkämpfen dar. Dabei konnten bereits mehrere Siege und Podiumsplätze bei Deutschen Meisterschaften und Jugendmeisterschaften, aber auch bei internationalen Wettkämpfen als Erfolge verbucht werden. Auch am Fels gehören unsere Athletinnen und Athleten mit Begehungen bis 9a (UIAA 11. Grad) zur Spitze Deutschlands.

Um dieses hohe Niveau zu erreichen und auszubauen, arbeitet das Referat gemeinsam mit den Landestrainerinnen und Trainern eng mit den norddeutschen Sektionen zusammen und unterstützt dort die Gründung von Leistungsteams und die Entwicklung der Talente.  

Über die Jahre gewann die Ausbildung ihren Stellenwert als eine der wesentlichen Aufgaben des DAV; dazu gehören sowohl Breitensport als auch die Teilhabe von Behinderten durch Förderung von Inklusion. Die Funktion Ausbildung im Landesverband dient als Transmissionsriemen für Informationen aus dem Bundesverband und den Landessportbünden; sie organisiert auch selbst Ausbildungen. Der Referent für das Vortragswesen knüpft auch heute noch Kontakt zu den Vortragenden und organisiert effektive Rundreisen für sie in unseren Regionen. Das Referat Familienbergsteigen im Landesverband Nord gibt berät die Sektionen in der Gründung neuer Familiengruppen; bildet die Schnittstelle zum Bundesverband und ist Mitglied in der Kommission Familienbergsteigen des Bundesverbandes. Auch Fortbildungen für die Familiengruppenleitungen werden organisiert.

Vorsitzende  
In seiner 100-jährigen Geschichte „verbriet“ unser Verband lediglich 8 Vorsitzende. Das spricht für die hervorragenden dauerhaften Leistungen der Vorsitzenden und das tiefe Vertrauen der Mitgliedsvereine in die leitenden Persönlichkeiten (man denke an Schalke 04, die im März 2021 den 8. Trainer seit 2015 verpflichteten!).     

Der langjährige Vorsitzende Klaus-Jürgen Gran ist Ehrensprecher unseres Verbandes.    

3. Organisation/Struktur

Die Zusammenarbeit für gemeinschaftliche Aufgaben aller Sektionen erfolgt i.w. in den einzelnen Bereichen, in die sich der Landesverband aufgeteilt hat. Auf Gesamtebene des Landesverbandes finden zweimal jährlich Treffen der Mitglieder, d.h. unserer Mitgliedsvereine, zum Großen und zum Kleinen Verbandstag statt. Am Großen Verbandstag nehmen sämtliche Mitgliedsvereine teil, auch die „außerordentlichen“, d.h. nicht DAV-Vereine, die aufgenommen werden, seitdem der Landesverband von Landessportbünden als Fachverband für Klettern/Bergsport anerkannt wurde. Ein Landesfachverband steht auch Nicht-DAV Vereinen aus dem Bereich Bergsport/Klettern offen. Der Kleine Verbandstag, der normalerweise, d.h. in Nicht-Pandemie-Zeiten, im Herbst im Vorfeld der DAV Hauptversammlung stattfindet, dient wie seit Anbeginn unseres Verbandes, der Vorbereitung der DAV-Hauptversammlung.  

Obwohl die Landesverbände bzw. Sektionenverbände des DAV keine direkte Mitgliedschaft im DAV innehaben, üben sie dennoch erheblichen Einfluss auf die Ausrichtung des Bundesverbandes aus. Dies geschieht zum einen über den Verbandsrat des Bundesverbandes, in den die Landesverbände/Sektionenverbände persönlich benannte Vertreter entsenden. Seit 9 Jahren ist unsere 1. Vorsitzende Barbara Ernst im Verbandsrat aktiv.  

In den verschiedenen Gremien des Bundesverbandes ist der LV derzeit sehr gut vertreten, sei es im Präsidialausschuss Bergsport oder in den Kommissionen für die Bereiche Klettern, Digitalisierung, Natur- und Umweltschutz, Familienbergsteigen…  

Der Jugendbereich des DAV wurde auf nationaler Ebene im Jahre 1919 gegründet. Der JDAV des Landesverbandes Nord widmet sich derzeit vor allem der Fortbildung von Jugendleiter*innen, der Bewirtschaftung des Jugendzeltplatzes Ith und der Vertretung der Interessen der Mitglieder nach außen.

Man darf gespannt sein, wer von den heutigen Vertretern der JDAV später eine aktive Rolle in Funktionen des DAV‘s übernimmt.  

Fazit:  

Der DAV insgesamt ist die größte Bergsteigervereinigung der Welt und legt nach 150 Jahren Existenz immer noch jährlich massiv an Mitgliedern zu. Das Schwergewicht in den Aufgaben des Bundesverbandes liegt nach wie eh und je beim Naturschutz, mit zunehmend stärkerer Ausrichtung auf den Klimaschutz. Die Einbindung unseres Landesverbandes in die Struktur und die Aktivitäten des Bundesverbandes und das Zusammenspiel mit den Sektionen hält unseren Verband nach 100 Jahren auch heute noch quicklebendig und nützlich wie eh und je. Das liegt an der aktiven Mitwirkung der Sektionen, an der Tatkraft unserer Vorsitzenden und nicht zuletzt am vertrauensvollen Verhältnis zwischen den Mitgliedsvereinen und dem Landesverband – was selbstverständlich auch kontroverse Debatten einschließt.       

Verena Dylla  
6. September 2021

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 20. September 2021