Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/1997
Klettergruppe

Von Highlands, Spindrift und sonstigen Unannehmlichkeiten

Hannover Flughafen, bei strahlendem Wetter checke ich ein und habe Mühe mein Gepäck durch die Kontrolle zu bringen. Die Beamten haben gewisse Probleme die Karabiner, Haken und sonstige Hardware im Handgepäck auf ihrem Monitor zuzuordnen und auch die Eisbeile und Steigeisen im restlichen Gepäck stiften einige Verwirrung. Irgendwann geht es doch und zwei Stunden später gegen Mittag lande ich in London, nachdem der Flieger zuvor zwei ziemlich kompakte Wolkendecken durchstoßen hat.

Matthias, der sich gerade wegen seiner Studienarbeit und natürlich zum Klettern, in England aufhält, holt mich ab. Der Trip in den Norden beginnt. Unser Ziel ist Fort William in Schottland, mal eben in ein paar Stunden zu erreichen, wie wir dachten. Doch weit gefehlt, ein Blick in den Autoatlas belehrt uns schnell eines Besseren, die Fahrt wird zum abendfüllendem Programm. Zu allem Überfluß verschlechtert sich das Wetter ständig, sodaß wir zeitweise gerade mal mit 60 auf der Autobahn vor uns hinkriechen und der eh schon ziemlich fertige Scheibenwischer ganz kapituliert.

Mitten in der Nacht kommen wir dann bei Nieselregen doch noch an und finden sogar noch eine kleine Pension, die uns ein Autobiwak erspart.

Am nächsten Morgen geht es nach BSE-verdächtigem Frühstück gleich los. Es regnet bei knapp über 0 °C und der Wind pfeift mit ca. 50 km/h vom Meer her über die Highlands, kurz gesagt, für hiesige Verhältnisse einfach traumhaft. Da wir etwas spät dran sind, verkürzen wir den Aufstieg zum Aonach Mor mit Hilfe der Nevisrange-Seilbahn um ca. 2h. Die Kartenverkäuferin erklärt uns noch, das man den Betrieb wohl wegen des aufziehenden Sturmes bald einstellen werde und wir deshalb wohl zu Fuß runterlaufen müßten, kann uns aber leider, leider nur hin und zurück-Tickets verkaufen.

Spindrift1"Real good scotish weather!" ruft uns der Seilbahnwärter an der Bergstation noch nach, bevor wir entlang der Schneezäune durch dieses möchte-gern-Skigebiet davonstapfen. Wir befinden uns inmitten eines riesigen Hochmoors aus dem sich der Aonach Mor erhebt, teilweise hügelig, teilweise felsig, und genau da wollen wir hin. Nach einer Stunde Stapferei erreichen wir eine Liftstation, die mitten im Nichts auftaucht und in der sich schon einige wilde, offensichtlich ortskundige, Gestalten anseilen. Mittlerweile schneit es mal wieder und der Wind kommt irgendwie aus allen Richtungen gleichzeitig. Wir beobachten das Treiben etwas skeptisch, aber in Schottland geht man wohl bei diesem Wetter Klettern, sodaß wir erstmal mitmachen.

Nachdem wir auf dem Rücken ankommen von dem aus man theoretisch die Wand sehen kann, ist der Wind auch gnädig und reist den Nebel für kurze Zeit auseinander. Es bietet sich eine beeindruckende Szenerie, etwa wie die Freneyflanke in Mini. Bei Verhältnissen, bei denen man in den Alpen gemütlich zum nächsten Bier greift und alle armen Schweine bedauert, die sich gerade irgendwo zurückziehen, steigen wir in "Moorwind" ein. Erst geht es eine steile Torfrinne hoch, die dann an einem Überhang zum Verlassen nach rechts in den Fels nötigt. Der gefrorene Torf bietet hervoragende Ankermöglichkeiten für die Geräte und erweist sich schnell als das A und O des Vorwärtskommens. Lediglich der Spindrift ist etwas nervig: Erst wird man von Schneerutschen überspült, dann kommt eine Windböe, die den ganzen Scheiß wieder nach oben fegt, wo er dann wieder neue Schneerutsche auslöst. Besonders reizvoll für Brillenträger wie mich. Das Verlassen der Rinne erfordert dann auch etwas mehr Geräteeinsatz, nach anfänglichem Mißtrauen hooke ich was das Zeug hält, das heißt man schlägt die Eisgeräte nicht ein, sondern legt sie nur auf kleine Griffe auf und belastet sie dann gefühlvoll. Auch das Verklemmen der Hauen in Rißen bietet sich mitunter zum Fortkommen an. Am Stand bei Matthias angekommen beschließen wir aufgrund der widrigen Verhältnisse in die Nachbarroute namens "Turfwalk" auszuweichen, sie bietet wenigstens noch ein bißchen Eis. Die Kletterei bleibt spannend, Matthias bietet den weiteren Vorstieg an und angesichts der wenigen maroden Sicherungen, habe ich da auch garnichts gegen. Dafür muß ich erstmal eine Stunde am Stand zittern, bevor es weitergeht. Der folgende Kamin hat es dann auch in sich: Auf den Frontalzacken auf irdendwelchen Warzen rumeiernd, das linke Gerät auf Hüfthöhe im Rißkamin verklemmt, angel ich mit dem rechten nach irgendwelchen Auflegern. Schließlich finde ich was, löse das linke Gerät und ziehe mit rechts durch, Die Angst vor einem Pendelsturz mobilisiert hier ungeahnte Kräfte. Die Steigeisen bringe ich auf irgendwelchen Leisten unter und das zweite Gerät findet endlich das erlösende Torfpolster.Spindrift2

So oder ähnlich verbringen wir dann auch die nächsten zwei Stunden, bis wir die Wächte erreichen. Dort ist an aufrechten Gang nicht so recht zu denken, der Sturm steht gegen uns wie eine Wand, sodaß wir mehr kriechen als gehen.Trotzdem sind wir nicht allein, überall anders kommen jetzt auch andere Gestalten ziemlich crazy über die Wächte gekrochen.

Der Abstieg wird dann auch noch nett, bis knapp unter die Bergstation der Seilbahn haben wir noch Tageslicht, dann heißt es tasten durch den Wald, besonders reizvoll, wenn die Stirnlampen nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt im Auto liegen.

Die nächsten Tage haben wir wetterbedingt die einmalige Gelegenheit den besonderen Reiz einer schottischen Kleinstadt kennenzulernen und unseren Ehrgeiz auf die Probe zu stellen. Gemeinerweise kann in schottland die Machbarkeit einer Tour immer erst am Einstieg abschließend beurteilt werden. Würde man es "continental-like" morgens mit einem Blick aus dem Fenster tun, wäre ein erholsamer aber langweiliger Urlaub garantiert. Deshalb latschen wir noch in einige endlose Täler rein nur um nach zwei Stunden Wanderung bei Sturm und Dauerregen dann doch festzustellen, das es nicht geht oder zu gefährlich ist. Eine Tour gelingt uns dann aber doch noch und alles in allem fällt es zwar einerseits schwer sich dem herben Charme der Highlands zu entziehen andererseits sind kontinentaleuropäische Hochdruckwetterlagen aber auch nicht schlecht.

Dirk Voigt

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 9. Juli 1997