Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/1997
Klettergruppe

Via Ferrata ganz anders: die Kamelunterseite technisch (A3?)

Das Technoklettern hat in Norddeutschland ja schon seit langem eine gewisse Tradition, wie man an den "furchtbar" schönen Technospecials wie z. B. in Marienhagen sehen kann. Meistens hat sich für solche psysisch disziplinierende Veranstaltungen aber der Winter angeboten, weil Freiklettern dann meistens die schlechtere, auf jeden Fall aber die fingerfressendere Variante des Kletterns ist. Außerdem lassen sich dann die ab und zu auftretenden Hindernisse in Form von Mergelbändern oder Mooskissen auch schon mal mit Eisgeräten bewältigen. Vielleicht hat der Ausweichcharakter des Technokletterns dazu geführt, daß man sich an die spektakulären Technoklotten nicht traut, wenn die Sonne scheint, weil man dann die Touren vielleicht auch frei klettern könnte, und wenn schon nicht diese, dann auf jeden Fall die daneben .... und dann läßt man die Leiterchen halt doch zu Haus. Dementsprechend lange hat es dann auch gedauert, bis sich bei mir der Gedanke gerührt hat, sich am wohl spektakulärsten Technoriß Norddeutschlands zu versuchen, nämlich der Unterseite des Kamels.

Na gut, der Wille und die Motivation waren dann schon mal da, auch wenn es gerade Sommer ist, der richtige Partner läßt sich dann auch finden. Bleibt nur noch das Problem, daß die Tour offensichtlich schon länger nicht mehr begangen wurde, die vereinzelten, senkrecht nach oben geschlagenen Rostgurken wirkten von unten irgendwie nicht überzeugend fest, zumal bei dem allerersten schon der Kopf abgerissen ist. Aber egal, das muß ja irgendwie gehen, erst mal das ganze Geraffel an den Standplatz am Bauche des Kamels schaffen, und dann den Knoten aus Hammer, Leitern und Halbseilen in den Griff kriegen.

Das ist dann normalerweise der Zeitpunkt, wo einem das erste Mal der Kragen platzt, nicht so heute, irgendwie flutscht es alles fast zu gut. Auch die ersten Freiklettermeter erinnern nicht so richtig an einen Technoanstieg. Die Routine aus den Begehungen der Dachverschneidung macht sich bezahlt. Aber als zum Schlagen des erstens Hakens schon der Einsatz eines Kliffs erforderlich wird, ist es vorbei mit dem Freikletterfeeling, zumal ich den ersten Haken gleich erstmal fallenlasse. Naja, shit happens.

Tho unterm Kamel
Das mit der Rißspur ist, wie schon von unten zu erahnen war, nicht ganz so komfortabel, der Drecksriß ist nämlich bis auf einige Stellen einfach geschlossen. Nix is, mit ausgiebigem Hakenschlagen. Und dummerweise stecken an den wenigen überhaupt möglichen Stellen auch noch Eisenoxidansammlungen, die wohl mal Haken waren, als sie noch ihren Kopf hatten. Da hilft halt nur, den Rost als Placement zu definieren und zu hoffen, daß es hält. Tja, da wird jeder Bounce-test zur Gewissensfrage: reiß ich das Ding raus, oder breche ich ihn nur ab. Abbrechen wäre schon mal scheiße, und rausreißen könnte bei den Sicherungen gleich zum Abflug führen. Also Luft anhalten, heftig in die Leiter stampfen und ... nothing happens. Ach ja, die C-Variante, das Ding hält, warum hab ich denn nicht gleich dran gedacht?! Allerdings wird mit zunehmender Entfernung von der Wand die Qualität der Placements nicht zwingend besser und das Stampfen zaghafter. Immerhin, der Riß wird breiter, jetzt paßt immerhin schon mal ein Doppelnuller von DMM. Dann kommen noch zwei Stiftbohrhaken, die hat wohl jemand vergessen, der sie eigentlich ins Museum schleppen wollte. Aber man kann sie ja mal klinken, sie halten immerhin ihr Eigengewicht, auch wenn man ihnen das bei dem Aussehen eigentlich nicht zugestehen möchte.

Mittlerweile ist der Riß auch für Haken ideal geeignet, nur dummerweise scheint da was hohl zu sein, beim Schlagen vom Haken dröhnt es so durch den Wald, daß es Axel beim Fotografieren an afrikanische Bongos erinnert. Weil ich auch keinen Bedarf daran habe, die Schuppe (oder vielleicht auch Nase) wegzusprengen, mache ich doch lieber mit kleinen Friends weiter. Die Mikrodinger haben sich ja auch ansonsten schon häufiger mal als Wunderwaffe erwiesen, wie auch jetzt hier. Dann noch schnell eine Rostgurke abbinden und nach oben aussteigen. Oben sitzt dann schon Axel, der vom Zuschauen und Fotografieren nicht mehr aus dem Schwärmen kommt. Dann ist jetzt auch Peter dran, er hat die "ehrenvolle" Aufgabe, das Gedöns wieder vom Kamel abzupflücken. Momentan sieht es nämlich so aus, als hätte das Kamel einen Reißverschluß am Hals. Die zunehmende Dichte der Placements stellt auch hier wieder den Nervenverschleiß dar, und der ist offensichtlich ganz ordentlich gewesen. Wenigstens ist die Behauptung widerlegt, da würden nur Bohrhaken steckenbleiben.

Peter ist davon jedenfalls nicht so begeistert, spätestens als er mit einer Expreßschlinge am ersten Haken abfliegt, beweist er wieder mal sein Talent, unschöne Sachverhalte treffend darzustellen. So treffend, daß Hoddel unten erst mal seinen Sohn entfernen geht..... Naja, spätestens als auch Peter über die Kamelnase aussteigt, ist die Laune wieder gut. Technoklettern macht auch im Sommer Spaß und zwar nicht nur dem Sichernden!

Thorsten Bauer

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. November 1997