Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/1997
Ausbildungsreferat

Sicherheit ist Trumpf - eine Einführung in die Kletterwand

Eine Einführung in die Kletterwand

Sicherheit ist Trumpf - eine Einführung in die Kletterwand

Nun steht sie also endlich, die Einweihung ist gelaufen, die Nutzerkarten sind auf der Geschäftsstelle bzw. bei Sachen für Unterwegs zu bekommen und jeder / jede, der / die will kann sich nach Herzenslust die Finger langziehen. Damit das auch so bleibt, ist es natürlich sehr wichtig, daß an dieser Wand nichts passiert. Zwar habt Ihr alle unterschrieben, daß ihr klettern und sichern könnt, trotzdem hier noch ein paar Hinweise und gutgemeinte Ratschläge. Das wichtigste überhaupt: keine Experimente, lieber einmal mehr nachgefragt als einmal zu wenig. Es ist nicht peinlich sich nach irgendetwas zu erkundigen, peinlich ist es nur, am Boden aufzuschlagen, weil man nicht gefragt hat. In diesem Sinne sollten auch Ratschläge der Fachübungsleiter (FÜL) befolgt werden, die übrigens von der Sektion autorisiert sind das Hausrecht auszuüben, und deren Weisungen Folge zu leisten ist (ein FÜL, der sich nicht einmischt, kommt im Fall des Falles selbst in Teufelsküche). Auch das gute Verhältnis zu den beiden Hausmeistern sollte nicht getrübt werden, wenn man die beiden fragt ist fast alles möglich, übergeht man sie, sind sie verständlicherweise sauer.

Zum Thema Toprope:

Schaut man sich die norddeutsche Unfallstatistik an, kommt man zu dem Schluß, daß diese (eigentlich so sicher scheinende) Sicherungsmethode, verboten werden müßte, weil auf ihr Konto die Mehrheit aller schweren und tödlichen Unfälle geht. Woran liegt das? In erster Linie daran, daß alle denken, daß dabei nichts passieren kann und dementsprechend unkonzentriert sichern. Also: Wer sichert, der sichert! Und nicht mehr, Schokolade essen, Kaffee trinken oder weiß der Geier was, kann warten bis der Partner oder die Partnerin wieder unten ist (bei acht Meter Wandhöhe sollten sich die Begehungszeiten auch in erträglichen Grenzen halten). Um erstmal ein Toprope einzuhängen, ist es erforderlich zu den Umlenkern zu gelangen. Idealerweise geschieht das im Vorstieg. Ist die entsprechende Route zu schwer, kann man sich bei einem Sicherungsabstand von einem Meter zur Not auch technisch von Haken zu Haken hoch hangeln. Denkbar wäre auch die Route von der Seite her einzuhängen. Auf keinen Fall ist über die Wand hinaus ins Gerüst zu steigen und dann zu queren. Im Mittelteil der Wand beträgt die Auskragung drei Meter, dort führt ein Topropesturz ohne eingehängte Expreßschlingen unweigerlich zu einem schwer kontrollierbarem Pendler. Ein weitere Unart ist es Routen mittels Toprope übermäßig lange zu blockieren.

Zum Thema Sicherungsgeräte und -methode:

Körpersicherung ist angesagt. Weder der Zaun noch die Lichtmasten, noch sonst irgendetwas im Bereich der Wand ist als Standplatz geeignet. Wer die Körpersicherung nicht gewohnt ist, sollte sie unter kompetenter Anleitung üben.

Die nach wie vor zuverlässigste einfachste und noch dazu billigste Sicherungsmethode ist der Halbmastwurf. Einziger Nachteil: Schnelles Seilausgeben erfordert etwas Übung. Alternativ dazu existieren mittlerweile eine ganze Reihe anderer Sicherungsgeräte, deren Besprechung hier den Rahmen sprengen würde, es sei hier auf die entsprechende Literatur oder auf die FÜL verwiesen. Nur noch eines: Das Aidiotensichere@, jegliche Fehlbedienung ausschließende, Sicherungsgerät gibt es nicht, auch wenn dies in der Werbung oder leider sogar in renomierten Klettermagazinen bisweilen so dargestellt wird.

Zum Thema Vorstieg:

Der Vorstieg ist wohl immer noch die erstrebenswerteste Form des Kletterns. Bei einem Hakenabstand von einem Meter ist der Vorstieg auch mindestens genauso sicher wie ein Toprope (siehe oben). Man unterscheidet im wesentlichen zwei Formen, rotpunkt und pinkpoint. Bei ersterem hängt man erst die Expreßschlinge ein und klinkt diese dann. Beim pinkpoint hat man selbst oder irgendein anderer netter Mensch die Expreßschlingen schon installiert und muß nur noch das Seil einhängen. Der Unterschied scheint auf den ersten Blick marginal, in einem kraftzehrendem Überhang wird er aber sehr schnell deutlich. Sicherungen sind spätestens zu klinken, wenn sie auf Höhe des Anseilpunktes sind, andernfalls findet man sich im Sturzfall nur allzu schnell ganz unten wieder. Dies gilt auch, wenn man die Route eigentlich solo klettern könnte. Ungesichertes Soloklettern ist verboten. Oben angekommen, sind dann beide Umlenker zu klinken, und dem / der Sichernden kundzutun was denn nun passieren soll (im Normalfall wäre das wohl ablassen). Es versteht sich von selbst, daß man nur in eine Route einsteigt, wenn man dabei niemanden , beispielsweise in einer Nachbarroute, behindert.

Zum Thema Schwierigkeiten:

Das Kletterwandreferat und die FÜL werden dafür sorgen, daß ein möglichst breitgefächertes Tourenangebot besteht. Routen dürfen aus Haftungsgründen auch nur von diesen und sonst niemandem verändert werden, auch kein noch so kleines Verdrehen der Griffe. Für Anregungen, Tips und Fragen stehen die FÜL natürlich gerne zur Verfügung. Auch eventuelle Schäden oder lockere Griffe sollten diesen bitte möglichst schnell kundgetan werden. An den beiden Außenrouten bitte nicht hinter die Kunststoffplatten oder an die Gerüstbauteile greifen. Aufgrund der scharfen Kanten besteht unter ungünstigen Umständen Verletzungsgefahr. Auch die Haken sind als Griff ungeeignet, erstens kann man dann nicht mehr klinken und zweitens gibts üble Fingerverletzungen, wenn man abrutscht.

Grundsätzlich am leichtesten ist eine Route, wenn sie unter Verwendung aller angebotenen Griffe und Tritte geklettert wird. Etwas schwerer wird es, wenn man nur Griffe oder Tritte einer Farbe nimmt, die Krönung ist natürlich nur die Verwendung der Plattenstruktur. Das Schöne daran ist, daß jeder / jede nach seinem / ihrem eigenem Gusto entscheidet was er / sie nimmt und was nicht.

Zum Thema Aufwärmen und Bouldern:

Eine Aufwärmung sollte in jedem Fall stattfinden, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Näheres dazu in der einschlägigen Fachliteratur. Bevor man dann in seinen persönlichen Grenzbereich vorstößt, sollte man auch erstmal eine etwas leichtere Tour klettern, um das AFels@-Gefühl zu bekommen. Zum Bouldern ist die Wand nur begrenzt geeignet. Auf keinen Fall darf ungesichert über den ersten Haken geklettert werden! Unter Rücksichtnahme auf andere Leute ist Bouldern im unteren Wandbereich aber grundsätzlich kein Problem.

Zum Thema Sanktionen:

Dieses Thema gehört leider auch dazu. Verstößt jemand gegen die Nutzerordnung oder bringt jemand sich selbst oder Andere in Gefahr kann er oder sie in schwerwiegenden Fällen mit Betretungsverbot belegt werden. Den Weisungen der FÜL ist hier unbedingt Folge zu leisten. Das klingt hart, ist aber im Interresse aller unumgänglich, wir können uns einfach keine Zwischenfälle leisten. Wer dennoch auf Adrenalinstöße versessen ist, der kann sich ja in der freien Wildbahn austoben. Potential sollte noch reichlich vorhanden sein.

Nun denn, genug geredet, auf an die Wand, zieht euch die Finger lang. Wer noch eine praktische Einweisung an der Wand benötigt, damit die oben genannten Horrorszenarien nicht eintreten, wende sich bitte an das Ausbildungsreferat. Wenn dort bekannt ist, wie groß die Nachfrage ist, können entsprechende Einführungsveranstaltungen angeboten werden.

Dirk Voigt

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. November 1997