Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/1998
Klettergruppe

Der Hammer im Gulli

Der Winter dieses Jahres brachte wieder einmal nicht die Eisqualitäten mit sich, die man eigentlich so zum Klettern sehen möchte. Trotzdem gab es wohl einige unetwegte, die sich dieses zweifelhafte Vergnügen nicht nehmen ließen. Für die anderen, bei denen sich das Wetter und die Verhältnisse nicht so richtig mit dem Freiklettergedanken vereinbaren ließen, blieb wieder mal nur eine Möglichkeit zum Ausleben der unterdrückten Klettertriebe über: wie fast jeden Winter wieder zu Haken und Leiterchen greifen, Steinbrüche stürmen und sich dem Technofieber hingeben. Wie jedes anständige Fieber ist auch das Technofieber (auf jeden Fall für den Sichernden) meist mit Zitteranfällen verbunden, aber damit lernt man ja im Laufe der Zeit umzugehen.

Wie auch immer, jedenfalls stehen wir bei ziemlich ungemütlichen Verhältnissen im Marienhagener Steinbruch und versuchen, die Situation zu ignorieren. Matthias bastelt sich wild hakenschlagend den Einstiegsriß hoch, während ich den fallenden Steinen auszuweichen versuche und nebenbei die klamme Kälte verwünsche. Wie immer kann es gar nicht schnell genug gehen, selber in die Leitern greifen zu können. Aber um Beschäftigung brauche ich mir keine Sorgen zu machen, da das Gelände nach ca. 13 Metern richtig ätzend wird, was dann erst mal eine strategische Sicherung erfordert. Das wird dann auch gerne verwendet, um erst mal den Sichernden aus seiner Erstarrung zu erlösen. Super, jetzt darf Matthias erstmal frieren und ich basteln.

Mein Ziel ist eine große gebohrte Sanduhr, die noch aus den Zeiten stammt, als der Steinbruch genutzt wurde. Leider ist der Fels dadurch auch etwas unstrukturiert geblieben, so daß hier nur noch kleinste Messerhäkchen und Cliffs weiterhelfen. Da kann man schon mal leicht 10 Minuten über dem nächsten Move meditieren, bis man sich dann traut. Da wir wieder erst Mittags eingestiegen sind, und im Winter das mit dem Tageslicht auch nicht so unbegrenzt lang anhält, können wir nach weiteren drei Metern erst einmal wegen Dunkelheit nach Hause fahren.
Tho Bauer in Hammer im Gulli - A3+? - Foto: Peter Bauer

Der nächste Anlauf läßt dann nicht so lange auf sich warten, diesmal waren wir sogar schon vormittags unterwegs. Viel Zeit zum Spielen also, was allerdings nicht verhindern konnte, daß ein belasteter Cliff mich bei der Belastung locker abtropfen ließ. Dank der Doppelseiltechnik und einer verklemmten Materialschnur war die Freiflugeinlage dann aber nach ca. 4 Metern wieder beendet. Der zweite Versuch war dann schon erfolgreicher, und so konnte ich dann den Friend endlich von unten in die Megasanduhr stopfen.

Noch schnell einen Haken dazu schlagen und als Etappenziel deklarieren. Matthias ist auch nicht weniger am frieren als ich, und daher auch nicht böse, mal wieder ans scharfe Ende vom Seil zu kommen. Die nächsten 8 Meter bieten dann an Plattenkletterei ähnelnde Eierei an sacht eingeschlagenen Knifeblades, die man besser nicht zu impulsiv testen sollte. Hier findet Matthias mit seiner Kreativität eine ziemlich originelle Sicherungsposition, er stopft einfach seinen Hammer von oben in das Bohrloch und bindet ihn ab. Dummerweise ist der Hammerstiel der geringeren Prellwirkung wegen aus Kunststoff, was die Qualität der Sicherung dann doch etwas beschränkt...außerdem hat er erstmal einen Hammer weniger. Tja, der Trend geht klar zum Zweithammer! Das kann Matthias aber nicht lange daran hindern, sich unter Verwendung doch ziemlich armseligen Placements langsam aber sicher der nächsten wirklich brauchbaren Hakenposition zu nähern. Alles braucht seine Weile, und so ist es dann doch schon wieder dunkel, als er dann wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist. Leider hat der Tag immer noch nicht ausgereicht, um bis zu dem Mergelband hochzukommen, so daß wir wohl noch einen Tag hier ausharren können. Bis wir uns dann allerdings auf einen Tag einigen können, vergeht erst mal eine gewisse Zeit.

Wieder im Steinbruch angekommen, bin ich wieder mit Vorsteigen dran. Bevor ich allerdings mit der Nagelei loslegen kann, kann ich den Kreislauf beim Seilklemmenschwingen auf Vordermann bringen. Die weitere Kletterei ist erst einmal nicht so schwer, ein 5 Meter Quergang an einem guten Querriß bis zu einem feinen, senkrechten Riß der sich über 6-7 Meter zu einem hängenden Balkon hinzieht. Der Balkon sieht allerdings auf den ersten Blick nicht so sonderlich fest aus. Dummerweise ist der Riß dann streckenweise doch nicht so toll wie er aussah, und knapp vor dem Balkon wird es dann wirklich mager. Naja, der Balkon sieht ja doch nicht sooo schrecklich schlecht aus, er wird schon nicht heraus- fallen, und außerdem könnte man vielleicht einen Friend in den Riß dahinter stecken... Eine erste, vorsichtige Belastungsprobe halten sowohl Balkon als auch Friend aus, dummerweise nicht aber das volle Körpergewicht: Ein scharfes "Tack", und schon gehts abwärts. Ein erster Gedanke schießt mir durch den Kopf: "Scheiße, der Friend saß doch total gut!" Etwas befremdlich ist nur, daß der Fangstoß, der einen Sturz normalerweise beendet, noch nicht da war. Nach drei ruckartigen Stößen bin ich immer noch unterwegs, bis mich dann nach etwa 10 Metern Flugstrecke dann doch mal wieder das Seil einfängt, und mir die ausgerissenen Haken um die Ohren scheppern. Zum Glück waren es nur die Haken, und nicht auch noch der Balkon. Von Peter, der gerade rechtzeitig hinzugekommen ist, gibts nur einen trockenen Kommentar: "Na, war ja ein netter Flug!" Stimmt genau, mir langt es erstmal, und Matthias darf auch mal wieder klettern.

Nachdem er sich erstmal das Seil hinaufgezerrt hat, geht es dann auch gleich zügig weiter. Die Stelle am Balkon kann ihn auch nicht mehr abwerfen. In einer heiklen Passage schafft er es, den Friend einfach auszulassen, und kann daher auch nicht mit dem Ding abfliegen. Cool gemacht, Matthias. Auch der weitere Weg durch den immer fieser werdenden Bruch kurz vor dem Lehmband kann ihn nicht mehr bremsen. Daß ich die Placements beim Ausräumen meist mit der Hand rausziehen kann, macht mich dann aber doch etwas stutzig. Aber schließlich soll das ja weder Spaß machen, noch Sicherung heißen, oder? Endlich oben am Lehmband angekommen, ist es auch schon wieder ziemlich spät. Grund genug, das Abenteuer an dem kleinen Bäumchen erst einmal zu beenden und in aller Seelenruhe wieder abzuseilen. Für dieses Mal reicht es, aber für den nächsten Winter kann man ja vielleicht doch noch mal den oberen Teil vorplanen?!?

Tho Bauer

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 20. Mai 1998