Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/1998
Klettergruppe

Sisyphus läßt grüßen

Bericht über die DAV Trainingsexpedition

Kan Thengri 7010m - Foto Matthias KörnerSommer 1997. Zusammen mit fünf Bajuwaren verschlägt es mich im Rahmen einer DAV-Trainingsexpediton an das Ende der Welt, auch bekannt unter dem Namen Tienshan-Gebirge. Das sogenannte "Himmelsgebirge" erstreckt sich als östlicher Ausläufer des Pamir im Grenzgebiet zwischen Kasachstan, Kirgistan und China.

Der folgende Auszug aus meinem Tagebuch schildert den recht mühsamen Gipfelgang auf den Kan Thengri, 7010 m.

"Es ist kalt. Saukalt sogar. Langsam wie eine Schnecke mit angezogener Handbremse versuche ich mein Tempo zu finden, doch ständig muß ich stehen bleiben, um die gefühllos werdenden Finger und Zehen zu bewegen. Das Gesicht nach Süden wendend, um den schneidenden Wind aus den kasachischen Tiefebenen auszuweichen, macht sich langsam Resignation breit.

Hat die ganze Quälerei überhaupt noch einen Sinn? Warum nicht so schnell wie möglich zurück in die schützende Schneehöhle am Col? Wie gut haben es Bernd, Bill und Coco, die jetzt gemütlich im Basislager hockend mit Bier und Wodka ihre erfolgreiche Neutour am Pik Bayankol feiern. Wenn bloß dieser vermaledeite Wind nicht wäre, der einem durch Mark und Bein geht.

Während ich meine Finger in den Daunenhandschuhen wieder zur Mitarbeit zu überreden versuche, schieben sich drüben im Süden die ersten Wolken über den gewaltigen Gletscherklotz des Pik Pobedas. Die Anstrengung, die Höhe und vor allen Dingen der Wind machen mich mürbe. Einen Absatz weiter auf dem Grat sehe ich Tobi, die alte Dampflok, langsam höhersteigen. Denkt auch er ans Umkehren?

Rüsten zum Gipfelsturm - Foto Matthias KörnerGanz allmählich kriechen die ersten Sonnenstrahlen über den Gipfel des Khan Tengri und streicheln den Gipfelgrat. Es wird etwas wärmer. Langsam kommt das Ende des Grates und die Querung ins Gipfelcouloir in Sicht.

Der Abstand zu Tobi ist mit einem Mal gar nicht mehr so groß. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch bis zum Gipfel! Aber der Blick zum gegenüberliegenden Pik Chapayeva wirkt ernüchternd. Mann, bist du noch niedrig, scheint er mir durch den Wind zuzuschreien. Im Hinterkopf weiß ich: je höher ich komme, desto schwieriger wird das Umkehren. Aber zum Glück besitzen Bergsteiger einen ausgezeichneten Verdrängungsmechanismus, der vielleicht nur noch von ihrer Selbstquälfähigkeit übertroffen wird.

Der Einstieg in das Couloir ist steil und anstrengend. Die vielen Fixseilreste legen ein beredtes Zeugnis über Erfolge und Niederlagen vergangener Gipfelbesteiger ab, aber im Moment habe ich das Denken komplett aufgegeben und setze wie ein Automat einen Schritt vor den anderen. Schritt für Schritt, Meter für Meter höher.
Das kann ja nicht ewig so weiter gehen. Oder vielleicht doch?

Am Ende des Couloirs finde ich mich auf einem kleinen Sattel wieder, mit freiem Blick auf den oberen Teil der Marble Ridge. Der Gipfel ist immer noch nicht zu sehen. Nach jedem Absatz stehe ich total ernüchtert vor einem neuem Schneehang - ich wage schon gar nicht mehr hochzuschauen. Sisyphus läßt grüßen.

Plötzlich sehe ich weit oben die Gestalt von Tobi. Sie hebt die Arme. Hat er den Gipfel erreicht? Weiter! Irgendwann - eine Ewigkeit später - treffe ich an einem kurzen Firngrat auf ihn. Er kommt vom Gipfel und will gerade mit dem Basislager funken, um danach abzusteigen. Super gemacht, Tobi! Zum Gipfel sind es nur noch 100 Höhenmeter. Das schaffst du noch! Purer Wille läßt mich endlich am Vermessungsgestell ankommen.

Kurz unter dem Gipfel des Kan Thengri - Foto Tobias AmetsbichlerGeschafft, im wahrsten Sinne des Wortes. Die letzten zwanzig Meter Schneehang zur Gipfelkuppe sind reine Pflicht, denn das Wetter ist gar nicht mehr so toll. Dichte Wolken umwehen den Gipfel und geben nur kurzzeitig einen Blick auf den dreitausend Höhenmeter tiefer liegenden Inylchek Gletscher frei.

Nach einer kurzen Rast habe ich nur noch einen Gedanken: Nichts wie runter! Der Abstieg ist anstrengender als erwartet und zieht sich gewaltig. Zu allem Überfluß fängt es noch an zu schneien. Beim Abseilen an der Steilstufe unter dem Gipfelcouloir klingt sich mein HMS-Karabiner beinahe von selbst aus. Aufpassen, du Esel!

Im Gegensatz zum schneidend kalten Wind beim Aufstieg ist der Schneesturm jetzt richtig angenehm. Langsam passiere ich Absatz für Absatz und komme dem West Sattel mit der rettenden Schneehöhle immer näher. Der Autopilot wird aktiviert. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon die warme Tomatensuppe in mich hineinschlürfen, gemütlich im molligen Schlafsack dösen und mit Tobi den Gipfelerfolg feiern.

Fröhlich vor mich hinträumend stehe ich mit einem Mal irgendwo im nirgendwo, überall nur noch weiß. Wieso ist die verflixte Höhle nicht hier? Bin ich zu weit gelaufen?

Ich rufe, rufe lauter, schreie, bis schräg hinter mir endlich die erlösende Antwort ertönt. Wie ein schwangeres Walroß robbe ich durch den Eingangsstollen in unseren Viersterne-Luxuseisschrank."

Drei Tage später: Die Rollen sind vertauscht. Während Tobi und ich von einer "Küchenzelt-Danceparty" zur nächsten eilen, lassen sich Bernd und Walter sowie Coco und Bill am Berg kräftig durchblasen. Dabei erreichen die ersten beiden bei rapide schlechter werdenden Verhältnissen noch den Gipfel des Khan Tengri, ehe das Wetter ganz umzukippen beginnt und wir endlich zum Strandurlaub an den Issykulsee fahren können.

Mathias Körner

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 20. Mai 1998