Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/1999
Klettergruppe

Der Weg ist das Ziel! Aber wo ist der Weg?

Langkofeleck: Bericht einer Erst(?)begehung

Die zum Sellajoch hin gerichteten Türme und Wände sind unter Kletteren wohlbekannt und oftbegangen. Der Langkofel auf der anderen Seite des Jochs ist zwar nicht weniger bekannt, aber deutlich seltener begangen. Eine Woche hatte ich mit Detlef im Sommer 1998 Zeit, dort in der Gegend zu klettern. Nach einer Nacht bei Freunden in Sterzing quartierten wir uns Samstag Morgen im Nebengebäude des Sellajochhauses ein. Äußerst spartanisch zwar, dafür aber teuer. Aber was solls, die Lage ist halt günstig, und so konnten wir uns schnell noch eine Eingehtour leisten. Eine Tour, die seit meinem ersten Kletterurlaub in der Gegend vor 15 Jahren auf meiner Wunschliste stand, die direkte Nordwand des zweiten Sellaturms (Messner). Detlef geht den Einstieg an, tut sich dabei aber etwas schwer. Er ist ein guter Kletterer, aber Familie und Hausbau lassen im nicht viel Zeit für die Praxis. Dies ist seine erste Kletterei in diesem Jahr! Die zweite Seillänge bereitet dann mir Probleme. Weniger wegen der Schwierigkeit, aber nach einem weiten Quergang nach rechts, dann einem Überhang, der natürlich unbedingt abgesichert werden will und einem fast ebensoweiten Quergang wieder nach links kämpfe ich nicht mehr gegen den Fels, sondern gegen die Seilreibung. Mit einer Hand am Fels festhalten, mit der anderem und dem ganzen Körpergewicht unter lautem Keuchen etwas Seil nachziehen um ein, zwei Meter weiterklettern zu können. Am Stand bin ich ziemlich erledigt. Der Rest der Tour klappt dann aber ganz gut, wenn wir auch nicht immer dem Originalweg folgen. Aber Richard (Goedecke) schreibt in seinem Führer ja auch von 'anspruchsvoller Routenfindung'. Egal, das war nichts gegen das, was uns am nächsten Tag erwartete.

Grohmannspitze, Fünffingerspitze und Langkofel(eck)
Foto: G. Gersdorf

Fast ebensoalt, wie der Wunsch, die Messner zu klettern, war mein Wunsch, einmal auf dem Langkofel zu stehen. Lange Klettertouren allgemein sind mein Wunsch, aber dazu bedarf es einer gewissen Grundkondition und schnell sollte man auch sein. Beides zählt nicht gerade zu meinen Stärken und so bleibt es denn meistens bei maximal 600 Klettermetern. Aber Detlef war von meinem Vorschlag sofort überzeugt und so konnte ich keinen Rückzieher mehr machen. Allerdings beschlossen wir, uns mit dem  Langkofeleck zu begnügen. Einerseits ist der Zustieg vom Sellajoch her deutlich kürzer, und auch die Wandhöhe ist mit etwa 700 hm einiges niedriger als am Hauptgipfel mit 1000 hm. Unser Ziel sollte der "Pfeiler über den Wolken" sein, eine Tour, die Richard Goedecke und Barbara Spies 1991 erstbegangen hatten. Ich wollte schon lange mal eine Richardtour begehen, jetzt war die Gelegenheit da, mit 1200 Klettermetern nicht ohne, allerdings mit moderaten Schwierigkeiten bis V.

Nach einem Frühstück, bei dem ich mich wie immer zwingen muß, überhaupt was zu essen, suchen wir unseren Weg durch die Riesenblöcke der steinernen Stadt und laufen schließlich durch hohes, taufeuchtes Gras hoch zum Langkofeleck. Um 7.00 Uhr stehen wir unter dieser Riesenwand. Aber wo ist der Einstieg. Ein DIN A5 Topo im Führer für 700 Meter Wandhöhe ist nicht übermäßig detailreich und die ebensogroßen Fotos bieten auch nicht viel mehr Information. Rechts von drei markanten Schuttfeldern (entnehme ich einem Bild) bei einem Vorbau. Na toll. Irgendeinen richtungsweisenden Haken dürfen wir nicht erwarten, schließlich ist die Tour clean, also ohne Verwendung fixer Sicherungen, erstbegangen worden. Stundenlang könnten wir den richtigen Einstieg suchen, ohne ihn zu finden, also beschließen wir, hier ist er. Gestern hat Detlef angefangen, also bin ich heute dran. Wie immer ist die erste Seillänge mühsam. Das hat nichts mit der Schwierigkeit zu tun, das ist einfach so und das geht nicht nur mir so. Das Einrichten des Standplatzes dauert eine Weile, schließlich können wir nicht einfach schnell einen Haken klinken, sondern wird müssen mit unserem Material alles selber bauen. Nach einer weiteren Seillänge kommen wir in leichteres Gelände und folgen einer Art Rampe rechts aufwärts. Auch dieses Gelände erfordert volle Aufmerksamkeit, der Fels ist nicht übermäßig fest und das lose rumliegende Gestein wirkt gerne wie Rollsplit. Ob wir richtig sind, wissen wir nicht, ist man erstmal in der Wand, hat man keinen Überblick mehr. Wir sind uns aber sicher, zu weit rechts zu sein und so ignoriert Detlef das leicht Gelände und klettert weiter links. Schließlich stehen wir unter einem Kamin. Ja, das könnte der Kamin sein, den Richard als 'schöner Kamin, IV' bezeichnet. Ein Haken am Beginn zeigt auch, das hier schon mal jemand war. Der Haken steckt allerdings ziemlich sinnlos (stammt auch sicher nicht von Richard) und so ignorieren wir ihn. Wir finden eine Schlinge nach 20 Metern, ein weitere am Ende. Ja, war nicht schlecht die Kletterei, allerdings düster und feucht. Jetzt stehen wir auf einem Geröllabsatz, U-förmig von senkrechten Wänden begrenzt. Der Führer sagt, 'griffige Wand links vom Riß, IV'. Hm, links sieht es tatsächlich am leichtesten aus, aber wo ist der Riß? Egal, wir haben keine Wahl. Allerdings habe ich in der linken Wand erstmal keine Chance, also rechts hoch zu einem Band, und dann lasse ich mich nach Sachsenmanier zur anderen Seite rüberfallen. Griffig ist die Wand nicht gerade, an kleinen, aber wenigstens festen Schuppen mogele ich mich nach oben, zwischendurch lege ich zwei, drei miese Keile in seichte Risse. Nach zwanzig Metern kommt so etwas ähnliches, wie ein Band, nach unten abgerundet. Wenigstens einen guten Friend bringe ich hier unter aber zum weitersteigen in ähnlich schwerem Gelände (etwas 5) bei schlechter Absicherung fehlt mir die Moral und so hangele ich mich an dem Band nach rechts, bis ich wieder im Kamingrund auf einer abschüssigen Geröllhalde stehe. Mühsam baue ich einen mäßigen Stand an dem wenigen kompakten Fels, den ich hier finde und sichere Detlef nach.

Auf dem Schotter können wir rechts raus um die Kante queren und dann wieder einige Seillängen eine Rampe in einfachem Gelände weiter rechts aufwärts folgen. Irgendwann ist es Detlef leid, er verfügt über eine wunderbare Moral, und wendet sich nach links. Sofort wird das Gelände wieder schwerer und schließlich stehen wir unter einem absolut fürchterlich aussehenden Kamin. Zu breit zum spreizen, düster und feucht. 30 Meter weiter links zieht ebenfalls ein Kamin hoch, und ich beschließe, dorthin zu queren. Vierer Gelände, aber jeder Griff und Tritt muß überprüft werden, ob er den auch dort bleibt, wo er ist, dazu alles feucht. Das Auge sucht ständig den Fels ab, ob denn irgendwo eine Zwischensicherung zu legen ist, aber viel findet sich nicht. Kurz vor dem Kamin mache ich dann Stand an einem abgespaltenen Pfeiler, indem ich meine Schlingen ganz über ihn lege, in der Hoffnung, das die Summe aller losen Steine etwas Festes ergibt. Der Kamin links von uns sieht genau so schlimm aus, wie der, den wir gerade verlassen haben. Also doch eher gerade hoch. Detlef versucht erst, direkt von dem abgespaltenen Pfeiler hochzuspreizen, gibt aber mangels Sicherungsmöglichkeiten auf. Dann versucht er eine Rinne etwas links von uns und kommt auch fünf Meter hoch, dann ist auch dort zu Ende. Er quert auf einem Band nach rechts bis es an einem Wulst endet. Jetzt wirds ernst! Er hängt seinen Rucksack an die letzte Sicherung und geht diesen Wulst an, wobei er auch heftig mit Seilreibung zu kämpfen hat. Gleich über dem Wulst baut er einen Stand, woran kann ich nicht erkennen, aber richtig stehen kann man da offensichtlich nicht. Ich steige also nach und richtig, der Wulst ist schon deutlich die schwerste Stelle bisher (und wird es auch bleiben), so etwa 6-. Als ich den Stand sehe, sackt mir erstmal das Herz vollends in die Hose. Nicht das er wirklich schlech wäre, aber gerade gut ist er auch nicht, zwei Keile in nicht sehr tiefen Rissen in nicht wirklich verläßlichem Fels. Ich bitte Detlef, auch die nächste Seillänge vorzusteigen. Damit hat er keine Probleme, erst aufwärts bis es deutlich schwerer wird, und nach kurzer Diskussion quert er leicht absteigend nach rechts, bis er wieder in dem Kamin steht, den wir vor drei Seillängen verlassen haben. Tja, das hätten wir wohl auch kürzer haben können, aber man kann nicht alles wissen.

Der Kamin sieht weiterhin ungangbar aus, lediglich die linke Wand verspricht Erfolg, allerdings fließt das Wasser dort nicht Milli- sondern Zentimeter dick über den Fels. Aber als ich ihn anfasse, entpuppt er sich als absolut fester, rauher und griffiger Fels, keine Spur von Glitschigkeit. Auch eine gute Sicherung läßt sich versenken. Leider ist der Spaß nach 10 Metern vorbei und es geht über den übliche Bruch im IV-ten Grad weiter links aufwärts. Nach zwanzig Meter fange ich an, nach einem mögliche Stand Ausschau zu halten. Nichts. Dasselbe nach 30 Metern. Langsam werde ich unruhig und mit dem Mute der Verzweifelung steuere ich eine Guffel an und beginne Stand zu bauen. Was bleibt mir anderes übrig. Meine Freude ist riesengroß, als ich in einem großen Loch ein sanduhrähnliches Gebilde entdecke.

Langkofeleck
Langkofeleck
Foto: G. Gersdorf

Jetzt folgt noch eine Seillänge in schönem, festen Fels, ein Genuß, den wir heute nicht oft hatten, dann legt sich der Fels zurück uns es kommt Gehgelände. Wir finden Steinmänner und wissen nun, wir haben den unbekannten und vielleicht zum ersten Mal von Menschenhand berührten Fels hinter uns gelassen und können nun der 'Rampenführe' zum Gipfel folgen. Aber wir müssen uns beeilen, wir haben ziemlich lange gebraucht und die Dämmerung naht. Wir nehmen die Seile auf und steigen zu einer Scharte hinter dem 'viereckigem Turm' auf. Über Blockwerk geht es dann hoch zu einem Grat, der Richtung Gipfel führt. Zunächst noch breit wird er immer schmaler, bis reiten und hangeln angesagt ist. Nicht schwierig aber da die Dämmerung kaum noch als solche zu bezeichnen ist, seilen wir nochmal an. Der Grat endet unter einem mächtigen Kamin, dem 'Glockenkamin'. Sicherlich auch bei Tageslicht eine düstere Angelegenheit, aber mittlerweise ist es stockdunkel. Durch schlechte Erfahrungen bei anderen Gelegenheiten weiss ich, das es bei langen Touren ratsam ist, Stirnlampen mitzunehmen, die wir jetzt auspacken. Leider gibt Detlefs Lampe nur noch ein kaum sichtbares glimmen von sich, sie hat sich wohl im Rucksack eingeschaltet. Aber er ist nicht zu bremsen, schnappt sich meine Lampe und verschwindet im Kamin. Schon nach kurzer Zeit ist von ihm nichts mehr zu sehen, verschluckt in der Dunkelheit. Aber das Seil läuft recht zügig durch meine Hände, und bald höre ich auch deutlich 'Stand'. Tja, aber was mach ich jetzt ohne Lampe? Ich bemühe mich wirklich, aber in absoluter Dunkelheit habe ich keine Chance und gebe nach fünf Metern auf. Detlef läßt mich wieder runter, jeder zieht sich soviel Seil, wie da ist, als Sitzunterlage und wir machen uns zum Biwak fertig. Dazu muß ich mir im Dunkeln erstmal wieder eine Selbstsicherung basteln, denn Platz ist hier eigenlich nicht. Sitzend lehne ich mich an den Fels, ziehe alles an, was noch im Rucksack ist, die Füße dann in den Rucksack und zum Schluß kommt alles in den Biwaksack. Ich würde auch gerne die Kletterschuhe ausziehen und die deutlich bequemeren Treckingschuhe anziehen. Die sind aber von dem Tau auf dem Gras heute morgen noch durchnässt, so das ich darauf verzichte. Ich esse noch eine halbe Scheibe Brot, die ich zum Frühstück nicht gegessen habe, trinke den vorletzten Schluck Wasser und sehe mir dann den Sternenhimmel an bis ich eindöse.

Irgendwann höre ich dann ein Rufen, das ich erst geraume Zeit später als solches identifiziere. Es ist mittlerweile hell genug und Detlef hat keine Lust mehr zu biwacken. Ich schäle mich also aus meinen Schichten und nehme mit kalten Knochen den Kampf mit dem Kamin auf. Eigentlich schöne Kletterei, erst muß man ziemlich weit in den Kamin rein, der dann ober immer schmaler wird, so dass man wieder nach außen queren muß und die letzten Meter ausgesetzt zum Gipfelplateau aufsteigt. Dort erwartet mich schöner Sonnenschein und Detlef, der auch noch nicht wieder ganz fit ist. Lange halten wir uns nicht auf, sondern machen uns an den nicht gerade kurzen Abstieg ins Tal. An der Demetzhütte machen wir allerdings auf der sonnenbeschienenen Terasse eine ausgiebige Rast mit Radlern und einem ausgezeichnetem Bauernfrühstück, das wir heißhungrig verzehren.

Günter Gersdorf

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 17. Februar 1999