Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/1999
Hochtourengruppe

La Ruinette - versteckter Riese aus Fels und Eis

(Teil 2 in 2/99)

(Teil 2 in Heft 2/1999)

Versteckter Riese? La Ruinette liegt so verborgen, daß sie aus keinem der umliegenden Täler zu sehen ist. Man muß lange, mehrstündige Wanderungen unternehmen, um sie überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Sie spielt sich also optisch nicht in den Vordergrund wie manch anderer ihrer Artgenossen.

Dabei könnte sie es sich durchaus leisten, denn mit ihren 3.875 m ist La Ruinette immerhin der höchste Berg zwischen Grand Combin im Westen und Dent d'Herens im Osten. Aber es fehlen ihr eben einige Meter an der magischen 4.000 Grenze. Und mit diesem "Makel" wird sie auch nicht aus dem Verborgenen herausgerissen.

Wer jedoch La Ruinette einmal gesehen hat und dann noch erfährt, daß es hier ziemlich einsam ist, ..... Und dann reizt vielleicht auch der Name des Erstbesteigers ein wenig, diesen Berg einmal zu besuchen. Es war kein geringerer als Edward Whymper mit den Führern Christian Almer und Franz Biner, der am 6. Juli 1865 - also acht Tage vor der Erstbesteigung des Matterhorns - als erster Mensch den Gipfel der Ruinette erreicht hat. Die schneidige Dame 'La Ruinette' - über den Felsgrat (rechts) führt uns unser Aufstieg (Foto: sonja Sommer, 1988) Meine erste Begegnung mit dem Berg liegt schon einige Jahre zurück. Vom Montblanc de Cheilon - dem unmittelbaren Nachbarn - konnte ich die schneidige Dame La Ruinette bewundern. Leider reichte damals die Zeit nicht für einen Besuch. Und als ich das nächste Mal dort in der Gegend war, hatte der Grand Combin absoluten Vorrang.

Aber 1998 bei unserer Tour du Val de Bagnes - Kerstin hat darüber im letzten Mitteilungsblatt berichtet - waren wir an der Cab. de Chanrion ganz nahe dran - es sind von hier "nur" noch 5 Stunden bis zum Gipfel. Peter hatte vorher auch schon eifrig die Literatur studiert, und wir waren eigentlich nur noch im Zweifel, ob es denn La Ruinette oder die weiter südlich liegende Bec d'Epicoune mit ihrem schneidigen N-Grat - einem richtigen Mini-Biancograt - werden sollte.

Bis zum Ende unserer Rundwanderung hatten wir noch einige Tage Zeit zu überlegen. Doch schließlich hatte Peter eine - vielleicht etwas verrückte - Idee. Wir könnten La Ruinette vom Tal aus ohne Hüttenübernachtung besteigen, würden Übernachtungskosten und einen ganzen Urlaubstag einsparen. Und im übrigen hatte uns die übertriebene Geschäftstüchtigkeit der Wirtsleute der Cab. de Chanrion - im Gegensatz zur Gastfreundlichkeit in allen anderen Hütten - ohnehin nicht so recht gefallen. Aber ob Peter wirklich so genau wußte, auf was er sich da einlassen wollte? Immerhin war er das erste Mal in den Westalpen und hatte während der Rundwanderung mit dem Mont Rogneux (3.083 m) seinen ersten 3.000er bestiegen. Und als nächstes gleich aus dem Tal auf einen Gipfel von fast 4.000 m Höhe? Aber Peter ist jung und steht "voll im Saft". Also - schau'n wir mal.

Am Sonntag ist die Tour du Val de Bagnes zu Ende gegangen. Am Dienstagmorgen um 1.00 Uhr läutet mein Wecker. Leise aufstehen - Lisel nicht stören - etwas Wasser ins Gesicht, ..... - anziehen - Wasserkochtopf und Frühstück schnappen - über den langen Flur zu Peters Zimmer schleichen - Kaffee und Frühstück schmecken auch mitten in der Nacht schon ausgezeichnet - im Gegensatz zu manchem Hüttenfrühstück - zurück ins Zimmer - Rucksack holen - hinunter zu Peters Auto - los geht's.

Die vielen Kehren von Verbier hinunter nach Le Chable scheinen mir im Dunkeln noch zahlreicher und vor allen viel enger als bei Tage zu sein. Endlich unten - links ab hinein ins Val de Bagnes - schmale Straßen - Kurven, Kurven - Lourtier - Fionnay - Mauvoisin, 1.841 m, der letzte "Ort" im Tal, unmittelbar unter der Staumauer des Lac de Mauvoisin.

Auto parken - Stiefel anziehen - Stirnlampen brauchen wir vorerst nicht - heller Mond leuchtet von einem sternenübersäten Himmel - Rucksäcke auf - es ist 3.00 Uhr - vor uns liegen 2.034 m Aufstieg.

Die steile Fahrstraße hinauf - auf der Krone der Staumauer zur östlichen Talseite wechseln - das Wasser des Stausees glänzt silbern im Mondlicht - leider können wir diese Stimmung nicht im Bild festhalten.

Drüben verschluckt uns ein stockfinsterer Tunnel - Stirnlampen an - zwischen zwei weiteren Tunneln donnern die Wasser der Cascade du Gietro über steile Felswände in den Stausee hinunter - bescheren uns mit ihrem Gischt eine gratis Morgendusche. Allmählich legen sich die Felswände etwas zurück - steile Wiesenhänge folgen - der Weg kann endlich das Niveau des Stausees verlassen und Höhe gewinnen. Von der anderen Talseite leuchten die Gletscher des Combin-Massivs im hellen Mondlicht herüber - noch eine Kehre hinauf - noch eine - war der Weg bei unserer Rundwanderung eigentlich auch so weit?

Und jetzt geht es auch noch bergab - ach ja, die große Senke des Lac de Tsofeiret - dann wieder aufwärts - um 5.45 Uhr sind wir endlich auf dem Col de Tsofeiret, 2.625 m. Noch eine knappe Stunde weiter südlich kämen wir zur Cab. de Chanrion. Aber diesen Abstecher können wir uns heute sparen.

Die Nacht zieht sich allmählich nach Westen zurück - der Tag kriecht langsam von den östlichen Bergen in die Täler hinunter - der Gipfel des Grand Combin de la Tsessette beginnt zart rosa zu leuchten - dann zündet die Sonne einen Gipfel nach dem anderen an.

Hier auf dem Col de Tsofeiret wenden wir uns aus unserer bisherigen südlichen Gehrichtung scharf nach Nordosten - und können unser Gipfelziel fest ins Visier nehmen. Die Spur verliert sich auf einem schuttigen Moränenhang - kommt wieder zum Vorschein - ..... - ........ - um 7.30 Uhr sind wir auf dem Col de Lire Rose, 3.115 m. Hier beginnt unsere eigentliche Gipfelbesteigung.

Der Tag hat den Kampf gegen die Nacht inzwischen endgültig gewonnen. Die O-Flanken der Berge erstrahlen in hellem Sonnenlicht, während - getrennt durch messerscharf erscheinende Grate - die W-Abstürze noch fast schwarz erscheinen. Nur der frühe Morgen zeichnet diese scharfen Konturen. Darum ist es für mich immer und immer wieder das faszinierendste Erlebnis einer Bergtour, das Werden des neuen Tages aus der stockfinsteren Nacht bis hin zum hellen, strahlenden Licht mitzuerleben. Auch wenn - oder gerade weil? - ich es schon sehr oft erleben durfte.

Aber nicht zu lange schauen - etwas essen und trinken - Gurte anlegen - Karabiner, Schlingen, einige Klemmkeile - Helme auf - das Seil bleibt vorerst im Rucksack - um 8.00 Uhr geht es weiter.

Der SW-Grat empfängt uns mit Schutt - teilweise fast einem "Wanderweg" - dann mit immer größeren, leidlich festen Felsen - anfangs I, dann immer häufiger auch etwas schwieriger - aber wir gewinnen zügig an Höhe - Peter befördert einen großen Block durch zu kräftiges Zupacken zu Tal - und ist danach natürlich kurzzeitig etwas verunsichert - aber wir gehen dennoch seilfrei weiter - erreichen um 9.30 Uhr P. 3.386 m.

Wir wechseln auf den oberen Glacier de la Ruinette - nur geringe Firnauflage - die Südhanglage macht sich bemerkbar - die Spalten sind am westlichen Rand harmlos - also auch hier seilfreies Gehen - oberhalb der Randkluft queren wir nach rechts unter den Felsen des oberen SW-Grates entlang.

Wo wechseln wir wieder zum Fels hinüber? Über uns ziemlich viel Schutt - etwas weiter fester kompakter Fels - verdammt! - dachziegelartig geschichtete Platten - dann ein kleines Couloir, das bis kurz unter die Gratschneide reicht - steil hinauf - ein kurzer, leicht überhängender Riß - der Felsgrat ist erreicht.

Am oberen SW-Grat der La Ruinette. Im Hintergrund der Grand Combin. (Foto: Jürgen Koziol)Pickel und Steigeisen können wir hier deponieren - in nun überwiegend rauhem, festem Fels (I und II) - teilweise ziemlich ausgesetzt - zügig weiter aufwärts - der Blick weitet sich -

immer neue Gipfel tauchen auf - um 11.45 Uhr ist La Ruinette (3.875 m) erreicht.

In der warmen Mittagssonne genießen wir die fast einstündige Gipfelrast - essen und trinken - schauen - schauen - .........

Gleich nebenan der Montblanc de Cheilon, etwas weiter entfernt im Süden Pointe d'Otemma, Bec d'Epicoune, ........, hinter dem Aostatal die Gran Paradiso-Gruppe. Im Westen der Grand Combin mit seinen Trabanten, seitlich versetzt dahinter die gesamte Montblanc-Gruppe. Und weiter im Uhrzeigersinne Dent du Midi, ....., und schließlich Weißhorn, Rimpfischhorn, ----, Matterhorn, Dent d'Herens, ..... und schon wieder etwas näher die spitze Nadel der Aiguille de la Tsa in der Nähe der Bertolhütte.

Irgendwann müssen wir zurück in die Realität. Unter der N-Wand der Ruinette zieht der Glacier du Gietro gen Norden. Noch viel weiter nördlich liegt - irgendwo hinter vielen kleinen Bergen versteckt - Verbier, und da müssen wir heute noch hin.

Also leider Sachen packen und Abschied nehmen. Wir seilen wegen einiger sehr ausgesetzter Stellen jetzt sicherheitshalber an - können aber meistens am verkürzten Seil gleichzeitig gehen - sammeln Eispickel und Steigeisen auf - waten und platschen über den nun völlig aufgeweichten Gletscher tiefer - mogeln uns schließlich den klapprigen Teil des unteren SW-Grates hinunter und erreichen um 16.45 Uhr wieder den Col de Lire Rose.

Gurte ab - alles gut verstauen - schon um 17.00 Uhr geht es weiter - ...... - Abkürzung vor dem Col de Tsofeiret über einen steilen Wiesenhang - Zeit schinden ist Trumpf - der Weg am Stausee entlang scheint wieder kein Ende zu nehmen - um 19.30 Uhr endlich am Auto. Hier begegnen wir erstmals wieder anderen Menschen.

Kurz nach 20.00 Uhr sind wir in Verbier. Schnell duschen - ein Bier - essen - noch ein Bier - .....

Am nächsten Morgen besteigen wir zusammen mit Lisel und Dorota den Pierre Avoi (2.472 m). Das sind nur etwas über 1.000 m Aufstieg.

Fortsetzung folgt ...

Jürgen Koziol

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 17. Februar 1999