Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/1999
Klettergruppe

Klettern im gefrorenen Paradies

Rjukan, Synonym für norwegische Provinz. Verschlafen, ein wenig um Tourismus bemüht, aber im Vergleich zu alpinen Tourismuszentren noch irgendwo im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert verhaftet mit Menschen, die freundlich und offen sind gegenüber Fremden (was ja in Deutschland auch nicht mehr selbstverständlich ist) und wo die kleine aber intime Eiskletterszene mit Interesse registriert, daß da zwei Deutsche seit ein paar Tagen auf einer Bauschutthalde im Zelt residieren. Rjukan, ein Ort dessen Bewohner vom hiesigen Kraftwerksbetreiber eine Seilbahn spendiert bekommen, um imEisklettern (Foto: Martin Supplie)Winterhalbjahr den Talkessel verlassen zu können und die Sonne zu sehen, weil sie sechs Monate im Jahr den Talgrund nicht erreicht. Kurz Rjukan ist das gefrorene Paradies für einige wenige pickelschwingende Verrückte, die mit ihrer Energie nicht wissen wohin und deswegen gefrorene Wasserfälle hochklettern und abends bei -20°C frierend vor dem Kocher sitzen und darauf warten, daß aus ca. drei bis vier Schaufeln Schnee ein Liter Tee wird.

Rjukan liegt am Südrand der Hardangervidda und war deshalb schon vor sechs Jahren mein Ziel. Damals plante ich eine winterliche Skidurchquerung dieses riesigen Gebirgsplateaus, die dann aber zweimal schiefging und die ich auch diesen Januar wieder aus verschiedenen Gründen abbrechen mußte. Schon damals vielen mir auf der Anreise die vielen gefrorenen Wasserfälle auf, die in Norwegen einfach so rumstehen, ohne, daß sie jemand eines Blickes würdigen würde. Das liegt wohl auch daran, das die paar norwegischen Kletterer sich in ihrer Heimat, die mehr oder weniger komplett gebirgig ist, noch nicht um eine so vollständige Erschließung Gedanken machen wie in den Alpen.

So war es denn auch gar nicht so einfach an Informationen zu kommen. Dem angeblich allwissenden Internet war nur zu entnehmen, das man in Rjukan Wasserfallklettern kann. Wo und wie schwer leider nicht und da ich in der Schule auch nur Französisch und Englisch, aber kein Norwegisch hatte, war auch das nur anhand kleiner Bildchen festzustellen. Trotzdem war Martin sofort begeistert und so verabredeten wir uns in Oslo am Bahnhof. Ich hatte vorher schon zwei Wochen Urlaub und eine Woche Hardangervidda hinter mir und war außerdem schon in Oslos führendem Bergsportgeschäft gewesen, um alle Infos über Eisklettern in Norwegen zu erfahren und nebenbei einen sündhaft teuren, aber leider trotzdem schlechten Führer zu erstehen. Die Infos bestanden aus der Auskunft: Drei Stunden Fahrt von Oslo und zur Zeit gibt es reichlich Eis, kletter einfach da hoch, wo du Bock drauf hast.

So kamen wir dann spätabends in Rjukan an und da wir nichts bessere fanden, bauten wir unser Zelt erstmal auf einer Bauschutthalde direkt an der Straße auf. Von Wasserfällen war nichts zu sehen, was aber an der Dunkelheit lag und sich am anderen Morgen änderte. Zufällig residierten wir über einer kleinen Schlucht, die eine Handvoll kleinerer (das sind in Norwegen anders als im Harz auch schon zwei Seillängen) Wasserfälle beherbergte. Also, nichts wie runter, den erstbesten hoch und dann gleich weiter, weil unser Alpinistenherz ja weiter oben am Hang noch eine riesige Fortsetzung erspäht hatte. Die war allerdings nicht zum Nulltarif zu haben, sondern nur für den Preis eines elenden Zustiegs. Dann ging es allerdings zur Sache erstmal ca. 100m solo im zweiten bis dritten Grad (schottisch bewertet), dann mit Sicherung einige Steilstufen hoch, wobei ich meiner Neigung zu Beinahe-Katastrophen wieder frönen konnte: Weit über der letzten Schraube, meinte mein Steigeisen sich vom Schuh lösen zu müssen! Diese Situation war dann leider nicht mehr rotpunkt in den Griff zu kriegen. Oben war es dann so kalt, das wir schnellstens abgeseilt sind und am Zelt den Tee mit Rum tunen mußten, was auch gut ankam, nur leider zur sofortigen Vernichtung von einem Liter führte, der dummerweise auch der letzte Liter in unseren bescheidenen Vorräten war.

Eis free Solo (Foto: Dirk Voigt)Tags darauf waren wir Dank der frischen Luft im Zelt (ca. -15°C) auch nicht verkatert, sondern konnten den "Kaminfossen" angehen, wiederum mit Abstieg in die Schlucht, einem "Zustiegswasserfall, 2SL" aus der Schlucht und einem saftigen Zustieg verbunden. Nach Meinung eines Locals, den wir später befragten, war das eine schotische fünf, ehrlicherweise dürfen die Auskneifvarianten nicht unerwähnt bleiben, die dieser spektakuläre Wasserfall zum Glück bietet. Meine tägliche Katastrophe ereignete sich auch ausnahmsweise nicht beim Klettern, sondern erst abends, als sich der heiße Deckel der Gaslampe durch meine Thermarest-Matte brannte, und mich so nötigte die Nacht auf einem Haufen Klamotten zu verbringen, die aber die Bodenkälte (unser Zelt stand auf Eis) nur ungenügend isolieren konnten. Am nächsten Tag hätte mich die Verkäuferin des hiesigen Bergsportgeschäftes auch nicht mal mit einem Eimer Schokoladenpudding annähernd so glücklich machen könne, wie mit dem Reparatur-Set für die Matte. Um nicht in ungebremste Euphorie zu verfallen, bescherte mir das Schicksal aber dann doch noch eine zweite Chance zum Flicken der Matte, nachdem der erste Versuch dazu führte, daß ich alle zwei Stunden die Matte neu aufblasen mußte.

Der Besuch im Bergsportgeschäft brachte uns dann noch die Bekanntschaft mit einem Local ein, der uns erstmal mit Tips ausstattete wo denn am besten zu campen und zu klettern sei. In den folgenden Tagen sah man uns dann auch keine langen Zustiege mehr hochschnaufen, sondern zur Abwechslung mal von Hängebrücken abseilen, um so bequem zum Einstieg eines Wasserfalls zu gelangen, der genau an der Brücke endete und zu Fuß von unserem Zelt in ca. zwei Minuten zu erreichen war. Das einzige was noch zum komfortablen Sportkletterdasein fehlte, war die wärmende Sonne, was im Hinblick auf die Konsistenz der Wasserfälle allerdings eher kontraproduktiv gewesen wäre. Dafür kamen dann abends die Waffen eines Eiskletterers zum Einsatz, um die tiefgefrorenen Pilze aus der Dose in den Topf zu bringen, und auch die Tetrapacks mit den Tomaten wurden eher geschält als geöffnet.

Zum krönenden Abschluß mutierten wir dann aber doch noch mal zu Alpinisten und genehmigten uns den "Fabrikfossen" direkt über Rjukan. Nach dem für diese lange Tour leider unvermeidlichen Zustieg, ging es zunächst einmal moderat zur Sache. Zweihundert Meter geneigtes Eis im dritten Grad verlangten noch nicht nach Sicherung und so stiegen wir einfach drauflos, nachdem wir unsere Rucksäcke deponiert hatten. Die Dänen, die wir schon von unten gesichtet hatten, waren da konsequenter und sicherten durch, so daß wir sie schon nach kurzer Zeit am ersten Steilstück eingeholt hatten. Dort seilten wir uns dann auch an und kletterten parallel zu den beiden. Die direkte Ersteigung eines senkrechten Pfeilers brach ich dann ab, nachdem sich mal wieder eines meiner Steigeisen verselbständigt hatte und die Nerven auf diese Art schon hart genug gefordert waren. Martin, der gerade mit Nachsteigen dran war ließ sich den Pfeiler dann aber nicht nehmen und war begeistert. Die letzte Seillänge hielt dann noch kleine Überraschungen bereit, indem eines unserer Seile einfach am Eis festfror und sich partout nicht mehr befreien ließ. Also sicherte mich Martin an dem zweiten Strang bis zur entsprechenden Stelle, wo ich unser Seil dann freipickeln durfte.

Der Abstieg entwickelte sich dann natürlich auch noch zum Abenteuer und forderte uns in ähnlicher Weise wie der Aufstieg. Kurze Abseilstellen und nette ausgesetzte Querungen im abschüssig geschichteten Kombigelände im oberen Teil wurden im unteren Teil komplettiert durch verschneite und vereiste Urwaldpassagen, die uns nochmal richtig in Schweiß brachten.

Leider war das unsere letzte Tour, da wir nur begrenzt Urlaub hatten. Eins aber steht jetzt schon fest: das verschlafene Nest Rjukan wird uns wohl noch einige Male wiedersehen, vielleicht ja auch mal mit einem Kurs.

Dirk Voigt

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 7. Mai 1999