Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/1999
Hochtourengruppe

Das Warten hat sich gelohnt

Braunschweiger Hütte, Dienstagmorgen, nur unwillig schäle ich mich aus Decken und Schlafsack. Eigentlich habe ich keine Lust, heute abzusteigen, um vor dem schlechten Wetter nach Norden zu flüchten - ins Wetterstein, wo der Föhn noch nicht zusammengebrochen ist und die Sonne scheinen soll. Routinemäßiger Blick aus dem Fenster, freudiges Erstaunen, alle dunklen Wolken haben sich verzogen, sogar die Wildspitze ist zu sehen. Leuchtendes Weiß beherrscht das Bild, Neuschnee bis fast auf Höhe der Hütte herab. Das Wetter reanimiert schlagartig meinen Tatendrang. Letzte Reste von Müdigkeit werden vom eisigen Waschwasser bei der Morgentoilette hinweggespült.

Folglich erneute Lagebesprechung am Frühstückstisch. Berufliche und private Verpflichtungen, sowie das gestrige Sauwetter haben unsere Mannschaft mittlerweile auf vier Akteure dezimiert. Zu meiner Freude sind aber auch Klaus, Jens und Michael von der Wetterentwicklung begeistert. Einstimmiger Beschluß: Wir bleiben hier! - und machen Hochtouren, wie es sich für Mitglieder der gerade 35 Jahre alt gewordenen Hochtourengruppe gehört.

Bleibt die Frage, wo fangen wir an? Am besten dort, wo wir am Sonntagnachmittag aufgehört haben, in der Eisflanke hinauf zum Rettenbachferner. Klaus und ich hatten beim Abstieg vom Linken Fernerkogel schon mal eine halbe Seillänge angetestet und waren begeistert. Da von Jens und Michael kein energischer Widerspruch kommt, ist das Tagesziel beschlossen. Allerdings können wir insgesamt nur 5 Eisschrauben auftreiben. Allzuhäufiges Setzen von Zwischensicherungen wird mir als Vorsteiger also erspart bleiben.

Es ist schon ziemlich spät, als wir uns endlich auf den Weg machen und auf dem völlig vereisten Weg am kleinen See vorbei Richtung Rettenbachjoch eiern; ein erster Vorgeschmack auf noch folgende Balanceakte. Etwas höher liegt bereits Schnee, so daß wir ohne Steigeisen über den Karlesferner aufsteigen können und schließlich die kleine Mulde unter unserer Trainingswand erreichen.

Anders als vor zwei Tagen ist die Flanke völlig weiß. Auch an den steilsten Stellen klebt weicher Neuschnee; nicht gerade ideale Verhältnisse. Unsere Route soll uns knapp links der großen Vertikalspalte empor und dann irgendwie durch die Querbrüche zum Ausstieg führen.

Das obligatorische Gewusel am Einstieg beginnt: Gurte anlegen, Seilknäuel entwirren, Eisschrauben und Karabiner sinnvoll am Klettergurt verteilen, Steigeisen besonders sorgfältig anlegen, usw.

Da ich als einziger über zwei Eisgeräte verfüge und leichtsinnigerweise von meinem Eiskurs am Taschachhaus erzählt habe, darf ich vorsteigen. Klaus und Jens wollen gleichzeitig kletternd nachkommen und dann Michael am zweiten Seil nachsichern. Nachdem wir uns und unsere Ausrüstung sortiert haben, kann es endlich losgehen.

Die ersten Meter sind noch so flach, daß ich ohne Einsatz der Eisgeräte zügig höher steigen kann, doch dann steilt sich die Wand immer mehr auf. Die Schneeauflage macht mir zu schaffen. Es kommt mir vor, als ob die Frontalzacken gar nicht im festen Eis stecken, sondern durch den wäßrigen Eisbrei unterm Neuschnee langsam nach unten wandern. Um nicht abzurutschen, schlage ich Pickel und Eisbeil noch tiefer ein. Die Geräte geben denn auch guten , beruhigenden Halt, nur habe ich große Mühe, die Dinger anschließend wieder herauszubekommen. Außer Schnee und Eisstücken prasseln wohl auch einige Flüche auf die unten wartenden Seilgefährten herab, aber die sind ja durch ihre Helme gut geschützt.

Nachdem ich mich auf diese Weise ca. 20 m emporgewühlt habe, erwacht in mir verstärkt das Bedürfnis nach Sicherung. Also ruhig auf den Frontalzacken der Steigeisen stehen, mit der linken Hand am Eisbeil Gleichgewicht halten und mit dem Pickel in der rechten Schnee und marodes Eis wegräumen. Nun Eisschraube vom Gürtel fingern, mit etwas Druck ansetzen und gleichzeitig drehen. Schraube hat gefaßt und läßt sich mit etwas Kraftaufwand bis zur Lasche eindrehen, die sitzt! Verdammt, die Expreßschlingen hängen links am Gurt! - Also Handwechsel und ruhig stehen....Nachdem die Expreß geklinkt ist, kann ich endlich das Seil einhängen. - Es sollte die einzige Zwischensicherung der gesamten Tour bleiben.

2. Standplatz
Klaus und Jens am 2. Standplatztext
Foto: Michael Krech

Mit frisch gestärkten Nerven kann ich mich wieder ganz aufs Klettern konzentrieren. Auch ist das Eis hier wesentlich zuverlässiger. Obwohl die Wand bis zu 55° steil ist, fühle ich mich wohl und genieße das rhythmische Höhersteigen. Leider wird mein Vorwärtsdrang durch den Zuruf von Klaus, das Seil sei vollständig ausgegangen, bald gestoppt. Also volle Konzentration auf die neue Aufgabe: Standplatz bauen. Nachdem die erste Eisschraube sitzt, stelle ich meine Selbstsicherung mit Mastwurfknoten möglichst straff ein und kann so mit beiden Händen weiterarbeiten: Standstufen schlagen, zweite Schraube setzen, mit Bandschlinge Ausgleichsverankerung bauen und HMS-Karabiner einhängen. Lieber alles doppelt kontrollieren, der Stand muß absolut sicher sein; immerhin habe ich drei Familienväter am Seil und diese ungewohnte Verantwortung belastet mich doch etwas.

Alles o. k., Klaus und Jens können nachkommen. Während die beiden sich bereit machen, habe ich Zeit die Szenerie um mich herum zu genießen. Mittlerweile scheint die Sonne in die angeschneiten, überzuckerten Flanken der gegenüberliegenden Gipfel. Namen und Höhen sind unwichtig, ja störend; das Unmeßbare, das nicht Katalogisierbare ist für mich das Faszinierende an den Bergen.

Doch jetzt aufpassen - Klaus und Jens hochsichern. Zügig kommen die beiden in kurzem Abstand kletternd herauf. Gedränge am Standplatz, bis jeder selbstgesichert ist. Dritte Schraube für eine weitere Ausgleichsverankerung setzen, so kann Klaus Michael nachholen, während ich bereits von Jens gesichert weitersteige. Nur bleiben mir dann keine Schrauben für Zwischensicherungen. Egal, ich fühle mich gut und so schwer ist das Gelände auch nicht.

Den nächsten Stand kann ich bequem auf der Unterlippe einer Spalte stehend einrichten; die steilsten Stellen der Wand liegen bereits unter mir. Es folgen noch drei schöne Seillängen mit Pfadfinderaufgaben zur Überwindung der großen Brüche: Quergang nach rechts, Balanceakte auf schmalen Eisrippen, Austricksen von Spalten durch Überfalltechnik, kurze Steilstufen und verschneites Gehgelände - alles wird geboten.

Schließlich erreiche ich den höchsten Punkt der Flanke - und stehe leider vor einer Skipiste. Wegen der Spaltengefahr entscheide ich mich doch für eine richtige Standplatzsicherung; also, Pickel eingraben und T-Verankerung bauen. Bald sind auch Klaus, Jens und Michael oben. Leicht euphorische Stimmung breitet sich aus, ca. 140 m "Eiswand" liegen unter uns. Kurze Eß- und Trinkpause. Da wir uns gut in Form fühlen, beschließen wir kurzerhand, noch auf die Innere Schwarze Schneide zu gehen. Am Rand der planierten Piste kommen wir auch zügig voran, doch dann beginnt die Schinderei. Wieder übernehme ich die Führung und wühle mich, zeitweise bis zu den Hüften einsinkend, durch den Schnee empor.

Innere Schwarze Schneide
Unsere Eisflanke mit Innere Schwarze Schneide - der Aufstieg führte durch die Wand im linken Teil des Fotos
Foto: Klaus Steube

Ich peile einige Schneebrücken an, die uns über die große Randkluft tragen sollen. Die erste erweist sich jedoch als ziemlich löchrig, also umkehren und neuer Versuch an einer anderen Stelle. Mit flauem Gefühl taste ich mich zögernd voran, hoffend, daß sich unter dem weichen Zeug irgend etwas Tragfähiges verbirgt. Hektisches Gewühle im nachgebenden Schnee, um die bergseitige Steilstufe zu überwinden. Geschafft! - Die Gefährten können vorsichtig nachkommen.

Es folgt eine heikle Querung oberhalb der gähnenden Randkluft. Über ein steiles Schneefeld gewinnen wir endlich den felsigen Gipfelgrat, leider mit Neuschneeauflage und zum Teil vereist. Hier ist es mit meinen Führungsqualitäten vorbei; die Spurarbeit hat doch viel Kraft gekostet. Klaus übernimmt die Spitze, und ich genieße auf den zwei Seillängen zum Gipfel das sichernde Seil von oben. Aus Zeitmangel währt die Gipfelrast nicht lange, der unbekannte Abstieg wartet.

Da wir uns jetzt brav an den Normalweg halten, kommen wir zügig voran. Selbst die Randkluft ist hier am westlichen Rand der Nordflanke kein Problem. So erreichen wir noch rechtzeitig die Hütte, um der Küche eine Doppelportion Spaghetti plus Kaiserschmarrn als Nachtisch zu entlocken.

Am Schuchtkogel
Am Schuchtkogel (benannt nach dem Erbauer der Braunschweiger Hütte), im Hintergrund der Kaunergrat
Foto: Peter Bornhorn

Am nächsten Morgen ziehen wir über den Mittelbergferner gen Schuchtkogel, um dem verdienten Erbauer der Braunschweiger Hütte, Richard Schucht, unsere Referenz zu erweisen. Der Gletscher ist tief verschneit, keine Spuren mehr zu sehen. Doch Michael führt uns sicher und findet zuverlässig die lauernde Spalte südlich des Rechten Fernerkogels. - Also die ganze Mannschaft einige Schritte rückwärts, bis unser Führer wieder festen Firn unter den Füßen hat. Da Michael verständlicherweise meint, er habe nun etwas Ruhe verdient, spure ich den Weiterweg...... Schließlich erreichen wir die Firnschulter nördlich des Gipfels. Von hier sind es nur noch ca. 40 Meter im verschneiten Fels. Eingedenk unserer gestrigen Erfahrungen beschließen wir, auf den Weiterweg zu verzichten und unseren Standort zum Höhepunkt der heutigen Tour zu erklären. Nach ausgedehnter Rast gelangen wir trotz weichen, stollenden Schnees ohne Probleme zur Hütte zurück.

Mutkogel heißt unser Ziel für Donnerstag, ein treffender Name. Jens führt uns übers Tiefenbachjoch, unter der Westwand des Tiefenbachkogels entlang zum Einstieg der Steilschlucht, die zum Ferner emporzieht. Eine kurze Firnstapferei bringt uns zur brüchigen Ostwand, die uns einige Probleme bereitet. Der Gipfelgrat bietet aber wieder schöne, luftige Kletterei. Wir genießen ausgiebig unseren ersten richtigen Felsgipfel.

Beim abendlichen Festschmaus Diskussion über eventuelle weitere Gipfelziele. Wildspitze vielleicht? - bei diesen Verhältnissen, lieber verschieben aufs nächste Jahr. Bei den meisten von uns ist irgendwie die Luft raus. Die Mannschaft erliegt den Verlockungen heimatlicher warmer Duschen oder ebensolcher Ehefrauen.

Beschluß: morgen steigen wir ab.

Peter Bornhorn

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 10. November 1999