Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2000
Klettergruppe

Sylvester auf der Nockenwelle

Dezember 1999, zwei Tage vor dem vielfach prognostizierten Ende der hochgezüchteten Technologiegesellschaft, kämpfe ich mich gegen die doch ziemlich elementaren Widrigkeiten in Form verschneiter Straßen bis zum Reschenpaß durch und weiter in den hinterletzten Winkel des Langtauferer Tals, wo die Klettergruppe schon seit Weihnachten residiert. Man widmet sich zwar gerade intensiv dem "Schwimmen" (elitäres Würfelspiel, nur mit langjähriger Erfahrung zu verstehen), nimmt mein Eintreffen aber immerhin war. Anschließend beschließen wir die Tour für den nächsten Tag. Da im Nachhinein keine Möglichkeit mehr besteht, den wirklichen Namen zu recherchieren, sei hier auch weiterhin der gebräuchliche Name verwendet: Wir beschlossen einen der bekanntesten und begehrtesten Skiberge überhaupt, die Nockenwelle eben, der Ostalpen zu besteigen (Leserinnen und Leser, die sich bisher als intime Kennerinnen und Kenner der Alpen verstanden, aber nichts mit der Nockenwelle anfangen können, haben nun Gelegenheit ihre Position zu überdenken).

Skidepot
Foto:Dirk Voigt

Begehrte Berge widersetzen sich bekanntlich intensiv ihrer allzu leichten Besteigung und so hatten auch wir mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Am Anfang stand die Frage, mit welchem Auto wohl am sinnvollsten zu fahren sei. Das Kriterium der Bereifung gab schließlich den Ausschlag. Es wurden die Autos mit Winterreifen benutzt, um zum Ausgangspunkt dieser gewagten Tour zu gelangen. Trotzdem war dann eine Gruppenleistung gefragt, um auch das letzte (meins) Auto aus der Wächte auf den Parkplatz zu bringen.

Nun ging es aber ganz entschieden los. Nachdem auch noch zu kurze Felle auf die zu langen Skier angepaßt worden waren, stiefelte die ganze Gruppe los. Über gewelltes Gelände, immer auf der Suche nach der lawinentechnisch günstigsten Spur, ging es aufwärts. Zunächst erlaubten die Verhältnisse noch ein Gehen in der Gruppe, später wurde es etwas heikler. Allerdings sorgten Fotosessions und unterschiedliche Konditionsstärken auch ohne äußeren Anlaß für Entlastungsabstände. Nach einer ausgiebigen Pause hatten wir dann noch die Gelegenheit eine Lawine aus sicherer Entfernung zu beobachten. Matthias, der uns schon die ganze Zeit in seine Beurteilungen der Lawinensituation mit einbezogen hatte, erklärte die Zusammenhänge auch für die Skitourenneulinge anschaulich. So auch etwa 200 m unter dem Gipfel, als wir dann sicherheitshalber doch mit Entlastungsabständen aufstiegen. Am Gipfel zog es dann, wie es sich für solch einen anspruchsvollen Berg schließlich gehört, zu und begann leicht zu schneien. Also, schnell wieder runter, Bindung umgestellt und los. Die Lawinenlage erforderte wieder ein einzelnes Fahren, was der Gruppe Gelegenheit gab, die einzelnen Fahrstile ausgiebig zu kommentieren. Zwischen "perfekt" und "Wow, was für ein Stunt, ob der wohl geplant war ?!?" war alles zu hören. Im unteren Teil wäre dann zwar gleichzeitiges Fahren drin gewesen, aber da man ja auch mal verschnaufen muß und manche Stürze doch wirklich sehenswert waren, ließen wir uns Zeit.

Pause
Foto:Dirk Voigt

Gegen drei Uhr endete unsere HardcoreTour dann in einer gut beheizten Gaststube und um die Stunts auf der Autofahrt nicht unnötig fortzusetzen zog ich dann auf der Rückfahrt doch lieber Ketten auf. Sylvester hätten wir dann fast verpasst. Den vorher erkundeten Aussichtspunkt über dem Reschensee erreichten wir nicht, da auf steilen vereisten Straßen nicht mal gute Winterreifen helfen und die Ketten im falschen Auto lagen. Also mußten wir doch tatsächlich das letzte Stück zu Fuß laufen (für Kletterer fast nicht vorstellbar). Kurz vor zwölf schafften wir es dann aber doch noch. Zu unser aller Enttäuschung fiel der Strom im Tal nicht aus und selbst unsere HightechStirnlampen hatten kein Datumsproblem. Dafür scheiterten wir aber fast am Entzünden der Wunderkerzen. Nachdem wir aber auch das geschafft hatten, die meisten Sektflaschen geleert waren, eierten wir auf der vereisten Straße zurück zu den Autos und ließen uns von unseren beiden nüchtern gebliebenen Fahrern wieder zurück zur Pension fahren, wo dann recht unterschiedliche Meinungen über den Zeitpunkt des Aufstehens am nächsten Morgen herrschten. Schließlich setzte sich die Gipfelstürmerfraktion durch und klopfte einen frühen Termin fest, was andere nicht davon abhielt einen gemütlichen Pistentag mit einer Halbtageskarte zu machen.

Dirk Voigt

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 7. Februar 2000