Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 4/2000
Klettergruppe

Das Angebot im Verdon

Herbst in Südfrankreich: Da liegen wir nun in der Sonne, 30° im Schatten, in Deutschland kalter Nieselregen, hier im Verdon kommt noch einmal der Sommer zurück, der in Deutschland mal wieder ausfiel. Eine Dose Bier hat die gleiche Wirkung wie sonst drei oder vier, kurz die Schlucht hat uns mal wieder die Zähne gezeigt. Eigentlich wäre deswegen morgen dann doch mal ein Ruhetag angesagt aber wettergeschädigt wie wir sind, kann es eigentlich nicht angehen einen Sonnentag zu verschenken. Das Bier tut auch seine Wirkung und schon blättern wir wieder im Führer, "es muß ja nichts schweres sein...". Im Sektor "l` offre" werden wir fündig: Eine Tour die eigentlich alle Kriterien erfüllt: Schwierigkeit: 5c+ (UIAA ca. 6 also nicht alzu schwer), im Wesentlichen mit Bohrhaken gesichert (also ohne Psychostreß), Riß- und Verschneidungskletterei (also keine unterarmkillenden Fingerlöcher und Leisten) und ansonsten mit einigen Zugaben garniert wie Zustieg aus der Schlucht (also ohne Abseilen) und in einem Sektor, der nicht so überlaufen ist (was sich später noch als Nachteil herausstellen wird).

Am anderen Morgen haben Martin und ich auch Katrin und Dirk von dieser Tour überzeugt und haben so zwei Autos zur Verfügung. Während Katrin und ich das eine Auto am oberen Schluchtrand deponieren, sortieren Dirk und Martin noch eifrig Ausrüstung. Mit dem zweiten Auto geht es bis zum Parkplatz am Schluchteingang, wo wir, mit Stirnlampen bewaffnet, in den 1,5 km langen Tunnel abtauchen, der in die Schlucht führt. Nach 15 min. Dunkelheit haben wir dann auch das entsprechende Tunnelfenster gefunden, über das wir zum Einstieg gelangen. Knapp über dem Verdon geht es eine wahrhaft botanische Rampe mit gemäßigten Schwierigkeiten rauf. Den Bohrhaken folgend, erreichen wir einen Quergang, ab dem es langsam interessant wird. Martin und ich spüren mal wieder wie nachteilig Körpergröße doch sein kann, wenn man sich so zusammenfalten muß. Dirk und Katrin sind allerdings auch nicht so begeistert. Dafür geht es jetzt richtig los: Die mitgeschleppten Klemmkeile bleiben als Trainingsgewicht am Gurt, dafür ist Hakenklinken angesagt. Genussvolle Wandkletterei, schwer, aber nie so schwer, dass man sich fürchten muß. Es folgt eine leichtere Länge, bevor es in die Verschneidungen geht. Dort dann das gesammte Repertoire des Verschneidungsklettern: Rissklemmer, piazen, spreizen, zupacken, aber immer wieder Ruhepositionen. Zwischendurch erweisen sich dann die kleinen Friends auch als brauchbare Angstreduktoren. Das ganze in der wilden Szenerie der Schlucht: unter uns der Verdon, keine 150m hinter uns die gegenüberliegende Schluchtwand und sonst keine Menschenseele, außer Dirk und Katrin, die unter uns werkeln und von denen wir hin und wieder Seilkommandos hören. Nach einer "Kartoffelacker-Seillänge" folgt als Finale noch eine schwere Verschneidungsseillänge, die oben dann noch einmal Erinnerungen an den Tissi-Riß am ersten Sellaturm wachruft. Verkeilt mit Rucksack und Kameratasche hänge ich in dem überhängenden offwidth-Riß. Dank eines Trittes, gegen den ich mich verspreizen kann, ist die Lage auch gar nicht so unbequem. Sieht man davon ab, dass mein rechter Arm irgendwo in den Tiefen des Schulterrisses verklemmt ist könnte man das sogar als no-hand-rest bezeichnen. Das Problem ist nur, dass ich so nicht so recht weiter komme. Martin oben am Stand grinst sich einen, während ich mich dann doch irgendwie hochwurschtel.

War der Schatten zum Klettern ganz angenehm, so ist die Sonne am Ausstieg auch ganz nett, um gemütlich dösend auf Dirk und Katrin zu warten, die aus ihrer Meinung bezüglich der beschriebenen Stelle kein Geheimnis machen.

Nach einer kurzen Pause machen wir uns auf den Weg zum Auto. Irgendjemand hat es gut mit uns gemeint, auf jeden Fall gibt es reichlich Steinmänner und anfangs sogar so etwas wie einen Weg. Mit den Steinmännern ist nach 100m Schluss, mit den Wegspuren nach 200m. Einer ungefähren Vorstellung folgend, wo es denn nun langgehen müsste, wühlen wir uns durch die mannshohen Ginsterbüsche. Das Ziel haben wir gelegentlich sogar vor Augen, dummerweise befindet sich dazwischen noch ein tiefer Schluchteinschnitt, den wir umgehen müssen. Wie weit wir ausweichen müssen ist auf der Skizze im Führer nicht ersichtlich, der zu Folge hier oben eigentlich auch ein Wanderweg sein müsste. Sicherheitshalber weichen wir also weiter aus und stoßen dann sogar zwischendurch auf Wegspuren durch das Gestrüpp. Sie enden an einer überhängenden Felswand, das Gestrüpp ist hier ca. 3 m hoch und nicht wirklich begehbar. Allerdings hängt die Felswand etwas über und bildet so einen kleinen Tunnel mit dem Gestrüpp. Der Weg ist also vorgegeben. Wir kriechen auf dem Band los. An einem Klemmblock müssen wir die Rucksäcke sogar vor uns herschieben, wenn wir nicht stecken bleiben wollen. Die für den Rückweg zum Auto veranschlagten 25 min. haben wir längst überschritten, was aber in anbetracht der Abwechslung und Überraschungen die dieser Rückweg bietet nicht sonderlich stört. Nach insgesamt 2,5 h erreichen wir dann endlich das deponierte Auto, genießen eine Dose 35° warmes Bier, die sich noch im Kofferraum findet, und bewundern Katrins frisch epilierten Beine. Auch wenn sie rein von den Schwierigkeiten sicherlich nichts besonderes war, so werden wir diese erlebnisreiche Tour sicherlich so schnell nicht vergessen, und wer im Verdon mal was "alpines" erleben will, dem sei diese Tour ans Herz gelegt.

Dirk Voigt

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 19. November 2000