Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2001
Klettergruppe

Gruppe Kasner


Der dramatische Höhepunkt stand diesmal am Anfang unserer Skihochtour. Eva hatte bereits auf der Hinfahrt eindringlich gewarnt: "Der Aufstieg zur Rotondo-Hütte ist als Längendistanz sogar im Autoatlas erkennbar." Noch nahm dies keiner ernst.

Es kam, wie es kommen musste: Aufbruch in Realp gegen 14 Uhr - noch locker und lässig, dazu die tausend Höhenmeter, ... es wurde ein Marsch gegen die hereinbrechende Finsternis, den wir klar verloren. Aber so versteht man erst mal, wozu es gut ist, eine Stirnlampe im Gepäck zu haben (gelle Thomas).

Unterwegs zum Pizzo Lucendro
Unterwegs zum Pizzo Lucendro
Foto: Matthias Körner

Während das Hauptfeld irgendwann halb 8 glücklich und erschöpft die Rotondo-Hütte auf 2569m erreicht hatte, brachen unsere Leistungsträger nochmals auf zu einer spektakulären Rettungsaktion. Günter und Brigitte, die mit Schneeschuhen das weniger optimale Sportgerät an den Füssen trugen und zudem üppige kulinarische Weihnachtsüberbleibsel im Rucksack mit sich führten, brauchten Hilfe. Welch ein schönes Beispiel bergsportlicher Kameradschaft. Apropos: Danke für das Bier, Brigitte und Günter!

Die folgenden Tage gestalteten sich deutlich weniger dramatisch, dafür von Tag zu Tag traumhafter was die äußeren Bedingungen anbelangte. Zunächst gab`s noch zwei Tage lang schlechte Sicht, aber dies verbunden mit Neuschnee. Wir nutzten die Zeit, um die Piepse im Schnee zu verbuddeln und wiederzufinden und die umliegenden Hausberge zu bezwingen. Die vom Fachübungsleiter für diese Aktivitäten geprägte Bezeichnung "ABM" war mal wieder etwas tiefgestapelt.

Deep Power
Deep Power
Foto:Matthias Körner

Das die ganze Unternehmung keineswegs als Erholung mißzuverstehen war, zeigte sich u.a., als wir dann am Nachmittag intensivst über Karte und Kompass brüteten um Matthias` anspruchsvolles Quiz zu bearbeiten. Dabei fesselte uns die Diskussion um Windkolke und Marschrichtungszahlen dermaßen, dass wir uns nur schwer dazu durchringen konnten, den Tisch für die Suppe zu räumen, die Adriano - der knuffige Hüttenwirt - zu servieren im Begriff war. Derartige Disziplinlosigkeiten hatte es die Abende zuvor zwar auch schon gegeben, aber da, weil gewisse TeilnehmerInnen nicht willens waren, die Doppelkopfkarten aus der Hand zu legen und unbeeindruckt ihre "Kontra. Keine 90." - Konversation noch über dem Nachtisch fortsetzten.

Was die nächsten Tage folgte war alles andere als ABM sondern äußerstes Skihochtourengeherglück: Das Witenwasserenstock (3025m), respektive des zugehörigen Grates, Sonne satt und Tiefschnee pur und locker. Der alpinistische Höhepunkt kam für alle Steigeisen-(quasi-)Neulinge am Silvestertag als wir offensichtlich als erstes Team seit längerem den Pizzo Lucendro (2962,7m) bezwangen. Dirk wühlte sich heroisch durch die Schneemassen am Grat, wo er teilweise bis zu den Hüften in der weißen Pracht steckte.

Am Passo Lucendr
Am Passo Lucendr
Foto: Matthias Körner

In Anbetracht der Tatsache, dass die eigentlich beschauliche Rotondo-Hütte über Silvester mit ca. 90 Gästen mehr als gut belegt war, erschien die Jungfräulichkeit des Gipfels und der Hänge, die wir nachher mit mehr oder weniger eleganten Schwüngen markierten um so erstaunlicher.

Das Groß Leckhorn (3068m) erstürmten wir am Neujahrsmorgen. Dazu gab`s nochmal spannende Abfahrten vom Leckipass, vom Mutenpass, vom Witenwasserenpass, (die allerdings jeweils vorher erst zu erklimmen waren. Wir wollen ja nichts beschönigen). Insbesondere die Abfahrt vom Mutenpass in einen einsamen Talkessel bei Postkartenhimmel und unberührtem Schnee lieferte Eindrücke der Sorte: "... davon wird gegebenenfalls noch den Enkeln zu erzählen sein. Arme Enkel."

Der Schweizer Wetterbericht erwies sich einmal mehr als beängstigend präzise. Die Talabfahrt am letzten Tag erfolgte - wie vorhergesagt - im Nebel, was so manchen spektakulären Sturz hervorrief. Anders als bei vorangegangenen Silvesterunternehmungen, bei denen es angeblich eine hohe Frauenverletzungsquote gegeben haben soll, ging es diesmal völlig ohne Blessuren ab, vernachlässigt man mal Anjas Blasen, die sie kommentarlos ertrug. Okay, übertreiben wir nicht. Sie hat hin und wieder nach Tape gefragt.

Yeti? Reinhold?
Yeti? Reinhold?
Foto: Matthias Körner

Tja, irgendwann standen wir wieder unten im Tal. Realp ist ja nicht gerade der Inbegriff von Skizirkus, aber die sporadischen Lautsprecherdurchsagen am örtlichen "Idiotenhang" reichten aus, um den Kontrast zwischen der zurückliegenden Woche in relativer Ruhe und Abgeschiedenheit einerseits und dem Alltag andererseits deutlich zu machen. Ging uns doch allen so, oder?

Um den Hunger zu stillen und den "Wahl-Sterzinger" gebührend zu verabschieden, gab`s dann noch ein Abschiedsessen in Andermatt.

Als Nachruf auf die Tour:

Gedankt sei den wirklich rührigen Hüttenleuten. Ihr Engagement hat erheblich zum Wohlbefinden beigetragen. Die Verpflegung stellte sogar Philippe, unseren französischen Gourmet zufrieden, vom Sauerkraut einmal abgesehen. Aber wo er jetzt schon fast Doko-Spielen gelernt hat, sollte es auch noch möglich sein, ihm diese deutsche Untugend nahe zu bringen.

Gedankt sei Eva für den Bus, außerdem Thomas, der den entscheidenden Anruf getätigt hat - das Gebiet um die Rotondo-Hütte erwies sich als exzellente Wahl - und natürlich vor allem Matthias, der uns mal wieder die optimalen Wege durch die Berge gewiesen hat (Marschrichtungszahl 243,5 war`s doch, oder?).

Es war einfach traumhaft.
Petra Weiß

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 14. Februar 2001