Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2001
Klettergruppe

Grönland - Neulandsuche an den Granitbergen des Tasermiutfjords

Die Sicht wird immer schlechter, die Wolkendecke immer düsterer. Zwei Stunden nach unserem Start von Nassarssuaq, dem größten Flughafen Grönlands, umrundet der Pilot einen großen Eisberg und dreht ab. Über Bordfunk teilt er mit, daß das Risiko, heute noch Nanortalik anzufliegen, zu groß sei. Erleichterung unter den Passagieren. Lieber später ankommen als gar nicht. Zum Glück übernimmt die Fluggesellschaft die Hotelübernachtung. So sitze ich bei Candlelight-Dinner mit Langusten und Wein im Flughafenhotel und denke an meine drei Freunde aus Dänemark und Norwegen, die jetzt schon seit knapp drei Wochen im Tasermiutfjord nahe der Südspitze Grönlands sein dürften und im Moment wahrscheinlich rohes Walfleisch und gegrillte Eisbärensteaks vertilgen.

Aber der grönländische Wettergott hat ein Einsehen, der folgende Tag beginnt sonnig und tiefblau wie im Werbeprospekt. Der Flug ist atemberaubend, linkerhand die unzähligen Berggipfel des Inlandeises, das rechte Bullauge gibt einen Blick auf das aberwitzige Eischaos des Nordatlantiks frei. Die armen Schiffe, die hier durch müssen! Wie durch Geisterhand drückt der Südwind die Eisberge, die ihre lange Reise im Nordpolarmeer begannen und mehr als zweitausend Seemeilen an der Ostküste Grönlands vorbei das Kap Farvel im Süden umrundeten, in die tief eingeschnittenen Fjorde.

Allmählich ändert sich der Lärm der Rotoren, der Hubschrauber beginnt abzusinken. Wo um alles in der Welt will der Pilot denn landen? Notwasserung? Der Griff zur Schwimmweste unter dem Sitz beruhigt. Langsam schraubt sich der Hubschrauber der Groenland Air tiefer, und wirklich, auf einmal entdecke ich kleine bunte Häuser, wie Legobausteine, die jemand im Eisfach vergessen hat. Willkommen in Nanortalik.

Basislager
Basislager mit Ulamartossuag
Foto: Matthias Körner

Am Heliport wartet Sandra von der Bootsagentur, über die ich das Boot für die Fahrt in den Tasermiutfjord organisiert habe. Nach einem kurzen Abstecher zum Supermarkt bringt sie mich zum Hafen, wo eine kleine Nußschale mit zwei verwegen dreinblickenden Inuits auf mich wartet. Mit röhrenden Außenbordern geht es Vollgas in den Packeisgürtel, der den Zugang zum Tasermiutfjord versperrt. Die Fahrrinne wird immer schmaler, ein ums andere Mal erwischen wir eine Sackgasse, die Schreie vom Ausguck klingen immer hektischer. Kein Durchkommen. Als nichts mehr geht, versucht der Kapitän, kleinere Eisschollen mit dem Bug wegzuschieben, um die Durchfahrt zu erzwingen. Heiliger Klabautermann, so hatte ich mir dieKletterexpedition nicht vorgestellt. Als die Lage langsam hoffnungslos zu werden droht, hat Neptun ein Einsehen und öffnet einen klitzekleinen Spalt im Eis. Gerettet!

Ulamartossuag
Ulamartossuag - oberer Wandteil
("Pitarag" verläuft knapp rechts neben
der markanten Verschneidung)
Foto: Matthias Körner

Im Tasermiutfjord werden die Eisberge immer weniger, dafür werden die Berge aus Fels immer himmeltürmender. Nach gut zwei Stunden Fahrt tauchen auf Steuerbordseite die über tausend Meter hohen, fast senkrechten Granitpfeiler des Ulamartossuaq auf, in dessen Westwand wir eine neue Tour geplant haben. Ich muß heftig schlucken. Als sich das Boot dem Ufer nähert, erwarten mich drei seltsam gewandete Gestalten mit Imkernetzen auf dem Köpfen. Als ich über die glitschigen Uferfelsen das Land erreiche, weiß ich warum. Hunderte, Tausende, nein Milliarden von Mücken haben sich am Ufer eingefunden, um den Gast aus Europa zu begrüßen. Während ich laut stöhnend und schimpfend mein Gepäck nach dem rettenden Mückennetz durchsuche, können sich Lars, Jens und Torben ein Grinsen nicht verkneifen.

Als wir am Abend in unserem Luxusbasislagerzelt Marke "Tankumsee" sitzen, die Mücken sich gnädigerweise langsam schlafen legen und bei frischem Fisch und Salat meine Laune spürbar steigt, erzählen meine drei Skandinavier von ihren bisherigen Heldentaten. Sie haben eine neue Linie am Westpfeiler des Ulamartossuaq gefunden und bereits acht Seillängen eingerichtet sowie mit Fixseilen fixiert. Ich bin begeistert, hoffentlich habe ich meine Jümars nicht vergessen! Außer uns lagern noch ein polnisches und ein kanadisches Team sowie zwei Schweden am Ufer des Fjords. Sie alle planen neue Touren an den umliegenden Granitwänden.

Der nächste Morgen begrüßt uns mit strahlend blauem Wetter. Materialschleppen zum Wandfuß ist angesagt. Mit monsterhaften Haulbags auf dem Rücken wanken wir die läppischen tausend Höhenmeter zum Wandfuß. Danach geht es wieder hinab zum Basislager und erneut mit der nächsten Ladung hinauf. Bis der Arzt kommt. Der Blick auf den unter uns liegenden Fjord, die nachlassenden Schmerzen und der trockene Humor der Wikinger entschädigt für die Schufterei.

Heart
Unterwegs zum "Heart" (rechts oben)
Foto: Matthias Körner

Der Arbeitsalltag am Berg kennt einen Gewinner und drei Verlierer. Während der glückliche Vorsteiger dem Berg weiteres Neuland abtrotzen darf und Ruhm und Ehre einheimst, muß der arme Sichernde stundenlang am Stand vor sich hindösen. Im Schnitt schaffen wir eine, wenn es gut läuft sogar zwei Seillängen pro Tag. Die übrigbleibende Seilschaft hat es nicht besser getroffen, sie darf die vier jeweils über sechzig Kilogramm schweren Haulbags hochziehen. Sisyphos läßt grüßen.

Jümarn
Torben jümart im oberen Wandteil
Foto: Matthias Körner

Nach knapp einer Woche erreichen wir das "Heart", einen herzförmigen Absatz in Wandmitte. Vier mal ein Meter horizontalen Luxus in der Senkrechten. Ab hier wollen wir ohne Fixseile zum Gipfel weiter. Nach einer Seillänge auf der Route "War and Poetry" (Skinner/ Piana, 1994) erreichen wir einen Riß direkt an der Pfeilerkante, der uns hoffentlich zum Gipfel führen wird. Die Wand ist nahezu senkrecht, die Kletterei größtenteils technisch. Je höher wir kommen, desto freier wird der Blick auf die einzelnen Bergketten und Fjorde, leider auch auf die drohenden Wolken der aus Westen heranziehenden Tiefausläufer. Noch haben wir mit dem Wetter Glück, nur der böige Wind zerrt an den Seilen und am Nervenkostüm.

Portaledge
Ausruhen im Portaledge
Foto: Matthias Körner

Zum zirkusreifen Manegeakt wird der Aufbau des Nachtlagers: Man nehme vier 10mm-Bohranker, bohre und schlage sie von Hand in den Granit, hänge das ganze Kletterzeug und die vier Haulbags möglichst gleichmäßig an die einzelnen Haken, garniere das Ganze mit etwas Seilsalat, baue dazu zwei Zweimann-Portaledges mit Überzelt auf und versuche nach getaner Arbeit, den entscheidenden Dosenöffner in einem der vier Haulbags zu finden. Liegt man endlich in der Sardinenbüchse und hat sich irgendwie in seinen Schlafsack hineingepuhlt, ohne seine ganzes Gepäck inklusive Zeltnachbarn in die Tiefe befördert zu haben, könnte man genüßlich eindösen ... und muß aufs Klo. Spätestens ab diesem Zeitpunkt nimmt die Rückzugsquote beim BigWall-Klettern erwiesenermaßen sprunghaft zu. Am folgenden Morgen gilt es, das ganze Chaos wieder so zu verpacken und zu ordnen, daß nicht plötzlich die gesamte Seilschaft der Schwerkraft folgend den Weg nach unten antritt. Selbst hartgesottene Chaosforscher können hier verzweifeln.

Eine Woche nach Aufbruch vom "Heart" erreichen wir nach nervenaufreibender Technokletterei, unterbrochen durch eine herausragend garstige Offwidth-Seillänge, in der Torben sich insgesamt sieben Stunden verausgabte, sowie einem kurzen Intermezzo auf der "Moby Dick" (Albert/ Glowacz, 1995), die leichteren Ausstiegslängen zum Gipfel. Ein kurzer Schlußkamin, und plötzlich stehen wir auf dem Gipfelplateau. Die Aussicht ist gigantisch: Im Norden und Osten sehen wir zum ersten Mal die Gipfel und Gletscherflächen des Inlandeises, während im Süden und Westen der Packeisgürtel zu sehen ist. Aufgeregt wie die Kinder tollen wir über das Gipfelplateau.

Sisyphus
"Sisyphus läßt grüßen!"
Foto: Matthias Körner

Aber das Wetter wird zusehends schlechter, ein Regensturm kommt auf. Wie vom Teufel gehetzt seilen wir ab, bis wir endlich die rettenden Portaledges erreichen. Die Nacht wird sehr ungemütlich. Trotz der Abspannung wird unser Portaledge wie eine Boje in schwerer See hin- und hergeworfen, das Überzelt knattert wie verrückt, der Rücken ist schon Wund massiert, an Schlaf ist nicht zu denken. Zum Glück flaut der Sturm am folgenden Morgen etwas ab. Also nichts wie runter. Das Abseilen mit Haulbag gestaltet sich weniger schlimm als befürchtet, nur die Seilpendler zum nächsten Stand und die flachen Platten im unteren Wandabschnitt machen uns das Leben schwer. Am späten Abend stehen wir mit Sack und Pack am Wandfuß. Große Erleichterung, endlich mal wieder richtig sch... gehen können! Zurück bleibt die Route "Piteraq" (benannt nach einem gefürchteten Sturmwind in Ostgrönland) mit Kletterschwierigkeiten bis 7- (Ausstiegsrisse) und A3 n.w.

Die folgenden zweieinhalb Wochen verbringen wir mit Fischen, Wandern und Nichtstun. Zwischendurch sticht Torben und mich der Hafer und wir klettern eine kurze Tour am Nachbarberg, dem "Kleinen Ulamartossuaq" ("Moskito Attack" , 7/A0). Aber schließlich fährt eines Morgens das verabredete Fischerboot in den Fjord ein, um uns zurück nach Nanortalik zu bringen. Nachdem wir mehr als einen Monat an diesem paradiesischen Ort verbracht haben, fällt uns der Abschied schwer, selbst von den Moskitos. Naja, fast.

Matthias Körner

Infos zu unserer Expedition gibt es im Internet unter

Weitere Bilder/Infos über Südgrönland:

 

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 8. Mai 2001