Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 3/2001
Klettergruppe

Wenn der Muezzin ruft - Skitouren im Hohen Atlas

Zulässige Nutzlast überschritten?
Zulässige Nutzlast überschritten?
Foto: Mathias Körner

Zürich-Kloten, neun Grad, Nieselregen. Die Stimmung ist unterkühlt. Als Thomas und ich fünf Stunden später durch die Altstadt Marrakeschs zum Hotel fahren - dreißig Grad, blauer Himmel -, tobt das Leben in den engen Straßen der marokkanischen Metropole.

Während wir unsere Skiausrüstung ins Hotel schleppen, mustern uns die umherstehenden Berber wie zwei Außerirdische, die soeben aus ihrem Raumschiff gehüpft sind. Der abendliche Bummel durch die verwinkelte Altstadt mit all ihren Händlern, Musikern und Bettlern läßt das Ziel unserer Reise, Skitouren im Hohen Atlas zu unternehmen, reichlich surreal erscheinen.

Aufstieg zum Tizi'n Likemt
Aufstieg zum Tizi'n Likemt
Foto: Mathias Körner

Am nächsten Morgen transportiert uns das am Abend zuvor organisierte Taxi zusammen mit einer munteren Schar Engländer und Franzosen in das nur sechzig Kilometer entfernte Atlas Gebirge. Die Stimmung ist gut, nur unser marokkanischer Busbesitzer hat arge Zahnschmerzen. Während eines kurzen Zwischenstopps entschließt er sich spontan, den schmerzenden Zahn ziehen zu lassen. Ohne Betäubung. Weiter geht die wilde Fahrt, immer tiefer in das Gebirge hinein. Als sich die Stoßdämpfer des Kleinbusses zu verabschieden beginnen, öffnet sich das enge Tal und gibt den Blick frei auf die umliegenden Gipfel. Wir sind in Imlil, einem malerischen Berberdorf und Ausgangspunkt unserer geplanten Bergtouren im Westlichen Atlas Gebirge. Bergtouren? Skitouren! Aber wo ist der Schnee? Nur ganz oben in den Gipfelbereichen und in einzelnen Rinnen zeigt sich der kostbare Stoff. Wir verabschieden uns von unseren Mitfahrern, die in der Gegend wandern wollen.

Eine halbe Stunde später befinden sich unsere monströsen Rucksäcke samt Ski auf dem Rücken eines bemitleidenswerten Maultiers. Als sich der jugendliche Treiber auch noch auf das arme Tier draufsetzt, wollen wir protestieren. Aber der Esel trabt munter davon, wir kommen kaum hinterher.

Aufstieg zur Tadat-Scharte
... und zur Tadat-Scharte
Foto: Mathias Körner

Wie die drei Weisen aus dem Morgenland, denen unterwegs zwei Esel geklaut wurden, zieht unsere kleine Karawane an den steilen Berghängen entlang nach Tacheddirt, einem kleinen Berberdorf am Fuße des Iguenouane-Massivs. Am Dorfrand empfängt uns Mohammed, der die kleine Klubhütte des Alpinklubs Casablanca bewirtschaftet. Am späten Nachmittag sitzen wir bei Tee und Biskuits auf der Hüttenterrasse und lassen das muntere Dorfleben und die beeindruckende Gebirgswelt auf uns wirken.

In aller Herrgottsfrühe brechen wir am folgenden Morgen auf. An den Feldern und Bewässerungskanälen vorbei gewinnen wir stetig an Höhe, während im Osten langsam die Sonne aufgeht. Irgendwann treffen wir auf die ersten Firnrinnen. Bei einer kurzen Rast überholen uns drei mit Gummistiefeln ausgerüstete Berber. Was die hier wohl wollen? Als wir den knapp 3700m hohen Tizi´n Likemt-Paß erreichen, wissen wir warum. Wie die persischen Teppichverkäufer umstellen uns die Händler, es gibt kein entkommen. Nach langem Feilschen kaufen ich entnervt eine Flasche Cola.

Auf dem Gipfel des Akioud
Auf dem Gipfel des Akioud
Foto: Mathias Körner

Während wir an der eingefrorenen Flüssigkeit nuckeln, schweift unser Blick zu den umliegenden Gipfeln und das Wolkenmeer im Süden, wo sich die Ausläufer der Sahara verbergen müssen. Beim Anlegen der Ski kommt plötzlich eine Schafherde samt Hirte über den verschneiten Paß. Leicht irritiert schwingen wir die steilen Hänge hinunter. Da der Firn noch bretthart ist, rattern die Kanten auf dem harten Untergrund, daß es einem durch Mark und Bein geht. Während der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft und die "Allah uakbar"-Rufe aus dem Dorf hinaufhallen, kurven wir die immer schmaler werdenden Firnrinnen hinab, bis irgendwann die Ski zu breit sind und wir abschnallen müssen. Der Weg zurück zur Hütte gestaltet sich fast schwieriger als der Aufstieg, denn für die Kinder des Dorfes sind wir dank unserer "harlekinartigen" Verkleidung die Sensation des Tages.

Abstieg ins Tal
Abstieg ins Tal
Foto: Mathias Körner

Nach einer langen und schönen Skitour auf den fast viertausend Meter hohen Iguenouane verlassen wir etwas wehmütig das gastfreundliche Dorf. Den schnellen Schritten unseres Maultiers folgend wandern wir zurück nach Imlil, um am nächsten Tag zur Neltner-Hütte aufzusteigen. Die Atmosphäre hier ist gänzlich anders. Während der Hüttenwirt gewandt mit seinem Handy konferiert, versuchen Thomas und ich, zwischen all den Österreichern, Polen und Australiern ein Nachtlager zu ergattern. Tagsdarauf stürmt und schneit es, eine gute Gelegenheit also, sich faul und träge in den gemütlichen Diwans des Aufenthaltraums zu rekeln. Trotz der vielen Leute in der Hütte sind wir beide am folgenden Tag alleine unterwegs. Ziel ist der Akioud, unser hoffentlich erster Viertausender in Afrika. Heftig weht der Wind aus Süden, auf den Gipfeln sind mächtige Schneefahnen zu erkennen. Am Gipfelgrat geht es schottisch zu, wir preisen und loben uns, die Steigeisen eingepackt zu haben. Am Gipfel holt Thomas sein Handy raus und versucht seine Freundin in Sterzing anzurufen. Der Netzaufbau klappt, die Verbindung ist aufgebaut, aber ... kein Freizeichen. Grenzenlose Enttäuschung, trotz des umwerfenden Gipfelpanoramas. Wenigstens entschädigt die Abfahrt mit traumhaften Firnschnee.

Nach der Besteigung des Bigouinnossane und einem Abstecher zur Lepiney-Hütte, wo wir die beeindruckenden Nordwände des Tazagharts bestaunen, erklimmen wir zu guter Letzt noch den Jebel Toubkal, den mit 4167m höchsten Berg Nordafrikas, bevor es zurück nach Marrakesch geht. Die restlichen drei Tage unseres Urlaubs nutzen wir, uns im klimatisierten Mietwagen die bizarren Lehmburgen und Wüstenlandschaften des Südatlas anzusehen.

Wir werden wiederkommen, inshallah!

Matthias Körner


Empfehlenswerte Lektüre :

  1. Claude Cominelli. Ski dans le Haut Atlas de Marrakesch. Andorra (1984).
  2. Thomas v. Clarmann. Der Hohe Atlas - Wander, Klettern und Skibergsteigen. Hofbauer Verlag (1995), ISBN 3-923666-04-7.

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 12. August 2001