Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2002
Klettergruppe

Silvester auf der Braunschweiger Hütte

Silvester-Skitour 2001 - Nachdem die Mehrheit der Skitourenfreaks die "Kleine-Pension-im-Tal-Option" klar verworfen hatte, hieß es: Wenn schon Hütte, dann die Richtige, nämlich die Braunschweiger und diese natürlich mit ihrem neu hergerichteten Winterraum. Das stellte das Team vor ganz ungewohnte logistische Aufgaben, z.B. einen Besuch im Real-Markt Frankfurter Straße wenige Stunden vor der Abfahrt am 27. Dezember. Zwei Einkaufswagen für 4 Tage und so ca. 7 bis 15 Personen, das sollte doch angesichts der Trägerschar auf die Hütte zu transportieren sein, dachten man zuversichtlich.

Gegen Mitternacht startete die Rallye Braunschweig -- Mittelberg. Dabei fuhr Renault einen klaren Sieg ein. Das fürchterliche Schneegestöber und einige unüberlegte Boxenstops der Teams Toyota und Volkswagen führten zu diesem überraschenden Ergebnis. Aber während der folgenden Tage sollten andere sportliche Disziplinen in den Mittelpunkt treten, so "WER HAT ANGST IN DER GLETSCHERBAHN", Uno, bzw. zunächst erst einmal Rucksackpacken in übernächtigtem Zustand auf zugigem Parkplatz.

Der Weg zur Hütte ... Erinnerungen an das letzte Jahr wurden wach ... Matthias K. hatte die Karte genau studiert. Von einer Dreiviertelstunde sei auszugehen. Eva L.`s Vater als externer Berater des Teams veranschlagte sogar weniger als 30 Minuten . Das lies noch einige launige Abfahrten im Pitztaler Skigebiet zu, nachdem die Fahrt mit der Gletscherbahn geglückt war.

14 Uhr starteten Eva Lavon, Karen Thiele, Matthias Koerner, Andreas Nerlich, Matthias Müller, Philippe Le Campion und Petra Weiss bei gutem Wetter aber mit schwerem Gepäck von der Liftstation in Richtung Braunschweiger Hütte. Die Schneeschuhkonkurrenz war bereits eine Stunde früher gestartet. Bei den Damen war Brigitte Moritz am Start, bei den Herren galt Günter Gersdorf abermals als Hoffnungsträger.

Würde sich der Zustieg zur Hütte in diesem Jahr wieder so dramatisch gestalten wie im letzten? Antwort: Nein. Dramatischer.

Vor der Hütte
Foto: M. Körner

Dass die Gletscherüberquerung angeseilt erfolgen musste, kostete wertvolle Zeit. Das wellige Gelände forderte Tribut. Die Teilnehmer stürzten immer häufiger, machtlos gegen die Wucht der schweren Rucksäcke, die sie gnadenlos zu Boden rissen. Das Sich-wieder-Erheben aus tiefem Schnee wurde zunehmend unmöglich. Der Zeitplan war nicht mehr zu halten. Die Entkräftung schritt voran. In diesem Zustand brach die Dunkelheit herein. Es wurde immer schwieriger, die Hütte hinter Nebelschwaden auszumachen. Man besann sich auf die Stirnlampe in der Tiefe des Rucksacks, ging im Geiste die Notausrüstung für ein Biwak durch. Es war Matthias K., der in dieser schwierigen Situation klaren Kopf behielt. Nicht nur, dass er unter Einsatz der verfügbaren Orientierungstechnik (Karte, Kompass, Höhenmesser) die optimale Aufstiegsroute herausfand, es gelang ihm auch, dem Team wieder Hoffnung zu geben. 19.12 Uhr wurde die Hütte erreicht.

Die Teilnehmer regenerierten erstaunlich schnell angesichts der absolvierten Strapazen. Der Herd wurde entflammt, Schnee geschmolzen, die Suppe bereitet. Jeder gab sein Bestes. Das Dream-Team funktionierte wieder. Dennoch konnte es noch keine wahre Erleichterung geben. Brigitte M. und Günter G. waren immer noch nicht eingetroffen. Lichtzeichen wurden gegeben. 21 Uhr - ein Suchtrupp - bestehend aus Matthias K. und Philippe L.C. - rüstete zum Aufbruch ... und da erschienen die Vermißten, erschöpft mit reduziertem Gepäck. Die Möhren und die Kerzen hatten sie dabei. Alle waren erleichtert. Sie hatten es nochmal geschafft.

Der nächste Tag stand im Zeichen des Suchens und Findens bei schlechtem Wetter. Erst der Lawinenpieps, dann die zurückgelassenen Gepäckstücke des Schneeschuhteams. Die Quasi-Schweizer Katrin Pohl und Dirk Schmelzer erfüllten ihre Mission ohne Probleme. Sie trafen wie vereinbart am Nachmittag mit einer Lieferung Käsefondue in der Braunschweiger Hütte ein. Nun, da alle glücklich beisammen waren, löste sich die Anspannung. Es wurde gut diniert bei Kerzenschein und Rotwein. Es folgte ein weiterer Tag unter schwierigen Witterungsbedingungen outdoor, aber angenehmem Beisammensein und Kochen indoor. Die frühe Rückkehr zur Hütte nach einer kleineren Nachmittagsskitour wurde genutzt, um sich weitere Lawinenkenntnisse nach der Munter-Methode anzueignen.

Silvestertag. Die erste Skitour sollte auf den Linken Fernerkogel in 3278m Höhe führen. Das Wetter schien eine solche Unternehmung zuzulassen. Noch herrschte allerdings Lawinenstufe 3+ . Aber die Hänge überschritten die 30°-Neigung nicht, die Exposition war günstig. Zum Problem wurden die -20°C Lufttemperatur. Immer wieder sah man die Teilnehmer verstreut über den Aufstiegshang ihre Felle nachkleben. So mancher Fluch verhallte im eisigen Wind, der unerbittlich über den Hangender Ferner fegte. Das Tape wurde kameradschaftlich weitergereicht. Aber die Vorräte gingen unaufhaltsam zur Neige. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Bis zum Joch unterhalb des Linken Fernerkogel stiegen sie noch auf. Der Gipfel jedoch würde heute nicht zu schaffen sein. Es folgte eine Abfahrt bei relativ schlechter Sicht. Der Spaßfaktor war dabei limitiert. Um so behaglicher war die Rückkehr zur warmen Hütte. Die Menüs steigerten sich von Abend zu Abend. Der krönende Abschluß war das Käsefondue an Kohlrabispelte und Möhrensplitter. Sekt, Uno, Lügen, Wunderkerzen, drei Raketen. Der Himmel riß kurz vor Mitternacht auf - eine traumhafte Silvesternacht, ein überwältigender Blick auf die Bergkulisse.

Am nächsten Tag verlassen sie den gastlichen Winterraum der Braunschweiger Hütte, um zur Potsdamer Hütte im Sellrain zur wechseln. Das Team erneuert sich. Katrin P. und Dirk S. kehren in die Schweizer Heimat zurück, Karen T. wird durch Thomas K. ersetzt. Unterwegs werden die ersten Euro aus dem Automaten gezogen. Strahlender Sonnenschein begleitet diesen historischen Augenblick. Das Wetter wird die nächsten Tage so grandios bleiben und herrliche Touren gestatten.

Spuren im Schnee
Foto: M. Körner

Die Potsdamer Hütte (2020müNN) wird annähernd zur regulären Abendbrotzeit erreicht.

Gleich am nächsten Tag wird der Rote Kogel (2834müNN) erklommen. Im Wettbewerb mit dem Team des DAV-Summit-Club macht sich das Höhentraining der vorangegangenen Tage bezahlt. Die Skifraktion des Braunschweiger Teams erreicht geschlossen den Gipfel. Nach einer langen Abfahrt kommen sie nach Einbruch der Dunkelheit in der Hütte an.

Am darauffolgenden Tag wird der Schaflegerkogel (2405müNN) bezwungen. Auch hier schliessen sich herrliche Talabfahrten an. Bei der Besteigung des Wildkopf (2719müNN) mit der nicht ganz einfachen Gipfelpassage wird es erstmalig in diesem Urlaub zu einer gemeinsamen Aktion der Schneeschuh- und der Skitourenfraktion kommen.

Als Vorbereitung auf den letzten wichtigen Skiberg des Fotscher Tales , das Windegg (2577müNN), absolvieren die Teilnehmer am Abend einen Test zur Skihochtourenplanung. Die Abschlußtour bietet nochmals schweißtreibende Aufstiegsmeter, großartige Ausblicke und berauschende Abfahrten.

Nach so vielen herrlichen Stunden auf den Brettern unter denen die Felle manchmal kleben und manchmal nicht zeigte sich unser Dream-Team aus Braunschweig auch Neuem gegenüber aufgeschlossen. Man wechselte leichter Hand das Gefährt und rodelte zu (Fotscher-)Tal. Vielleicht ist dies eine Anregung für weitere Klettergruppenaktionen ...

P.S. Sollte es der Text nicht ganz so deutlich zum Ausdruck bringen, so sei`s noch mal gesagt: Es war mal wieder toll. Danke Matthias.

Phillippe Le Campion & Petra Weiss

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 3. Februar 2002