Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2003
Klettergruppe

Döner heißt drehen

Antalya

Seit einer Stunde schinden wir den altersschwachen Türkfiat durch das Taurusgebirge hinter Antalya auf der Suche nach einem Klettergebiet. Gestein gibt es hier im Überfluß, aber nirgendwo blinkt uns ein Bohrhaken an. Die Bauern am Wegesrand lächeln auf jede Nachfrage sehr freundlich und verstehen ansonsten kein Wort.
Irgendwo müssen diese Felsen doch sein.

In der Mitte von Nirgendwo erreichen wir endlich eine geteerte Straße, folgen ihr einige Kilometer und dann steht er da: Ein orangegraugelber Felsriegel von mächtigem Ausmaß, ca. 50m hoch und mehrere Kilometer lang. Yes yes yes, da hat sich die Suche doch gelohnt.

Sinterfahne neben Sinterfahne zieht die meist überhängende Wand hinauf, immer wieder abgewechselt von Höhlen und leicht liegenden Plattenzonen.

Hello, do you want to climb here? spricht uns ein Mädchen am Auto an. Yes, sure. How did you get to know about this climbing area? Wir erzählen Suleyha, woher wir den Tip haben und zeigen ihr den Artikel im Klettern-Magazin über die Südtürkei und das Gebiet, den uns die Redaktion netterweise vor dem Erscheinen gemailt hat. Cool, may I copy it? Klar. Suleyha lebt mit ihrem Freund und Haupterschliesser Ötztürk in einer kleinen Hütte direkt unter den Felsen, der Zentrale des türkischen Klettersports. Hier kann man auch unter den Olivenbäumen zelten.

Noch einige andere Kletterer lümmeln an der Hütte herum, darunter einer, der mit dem Fahrrad von Holland nach Nepal unterwegs ist. Sie gehen erst wieder hoch zum Fels, wenn die liebe Sonne es nicht mehr ganz so gut meint. In Deutschland werden jetzt gerade bei Nieselregen die Eisgeräte geschärft.

Oben an den Sintersäulen pumpen wir uns ordentlich die Arme auf. Nach 20m Ausdauerhangelei können auch große Griffe ziemlich klein werden. Also wird die 50m lange 9+ Milestone auf eine Begehung noch länger warten müssen.

Ich freue mich derweil auch über eine 8- on sight, während Heiko die Latte noch etwas höher legt und immer mal wieder ganz oben in einer 30m langen 9- abfliegt.

8- in Geyik Bayiri 18- in Geyik Bayiri 28- in Geyik Bayiri 3
Ein 8er in Geyik Bayiri 1 Ein 8er in Geyik Bayiri 2
8- (oben) und 8 (unten) in Geyik Bayiri
Fotos:Axel Hake

Später gehen wir in den Schatten der großen Höhle, wo man die vielleicht überhängendste 6+ aller Zeiten klettern kann und daneben einige schöne 8er, die starke Arme erfordern und meinen Rotpunktambitionen ein schnelles Ende setzen.

Bouldern am Meer
Heiko bouldert am Meer
Foto:Axel Hake

Nach zwei Tagen Klettern, unterbrochen von Mokka und Sesamkringelpausen, besuchen wir das erste Mal die Fische, in Akyarlar, einem weiteren, feinen Klettergebiet, das zwischen Antalya und Kemer direkt am Meer liegt. Hier kann man vor dem Baden auch gut bouldern.

Derzeit existieren etwa 150 Routen am Hauptriegel, der süd- und südwestseitig exponiert ist, und täglich kommen neue Routen dazu. Große Teile des Potentials in Geyik Bayiri sind noch nicht einmal angekratzt.

Theater
griechisches Theater in
Thermessos, 2200 Jahre alt
Foto:Axel Hake

Auf dem Weg vom Hotel zu den Felsen fahren wir regelmäßig an einem Schild mit einem Hinweis auf dasTünek Tepe Döner Restaurant vorbei. Nach einem Ruhetag in der antiken Ruinenstadt Termessos beschließen wir hier mal ordentlich zu dönern und biegen von der Hauptstraße ab.

800 Höhenmetern trägt uns der Wagen die Serpentinen hinauf, dann erreichen wir auf dem Gipfel des Berges das Restaurant, das gar nicht wie eine Dönerbude aussieht, eher wie ein Raumpatrouille-Orion-Ufo.

Innen sitzt man wie im Fernsehturm von Ostberlin, mit grandiosem Tiefblick auf das beleuchtete Antalya und das Meer. Acht livrierte Ober bedienen uns ausgemergelte Halbpensionsklettergestalten nach allen Regeln der Kunst.

Irgendwann fragen wir uns, ob sich das Ding denn auch drehen kann. Es kann. Extra für uns, die einzigen Gäste, setzt sich die Welt mit einem Rumpeln in Bewegung und dreht sich nachtschwarz unter uns weg. Döner heißt drehen. Ist doch gut, wenn man Türkisch kann.

Info:
Vom unüberschaubar riesigen Felspotential in der Südtürkei ist derzeit erst der geringste Teil erschlossen.
Das Hauptgebiet Geyik Bayiri liegt 20km westlich von Antalya. Hier existieren derzeit etwa 150 Routen, alle perfekt eingerichtet, Keile braucht man nicht.

Die Beschilderung in Antalya hat dem rasanten Wachstum der Stadt nicht schrittgehalten, deshalb ist es schwierig an der richtigen Stelle aus der Stadt herauszufinden. Am besten hält man sich in Richtung Kemer- Kumluca und biegt fast am Ende der Stadt in einem Neubaugebiet an der Promenade nach Cakirlar ab. Hinter dem kleinen Ort hält man sich bei Marktbuden nach rechts und erreicht nach 5 km die Felsen.

Das kleine Gebiet Akyarlar mit etwa 20 Routen liegt an der Küstenstrasse von Antalya nach Kemer direkt am Meer.
Vor dem gleichnamigen Straßentunnel ist in einer Kurve rechts ein Parkplatz, von hier über die Straße und runter zu Wasser und Fels.
Aufgrund des Klimas, der leichten Erreichbarkeit und der sehr moderaten Preise wird die Türkei sicher in absehbarer Zeit neben Mallorca zum Winterklettergebiet Nummer eins im Mittelmeerraum aufsteigen.

Go climb Turkey.
axlH

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 13. Mai 2003