Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 2/2003
Klettergruppe

Kulturschock Islam?

Über eine Skitour im Iran

„Kulturschock Islam“ -- So hieß eines der Bücher mit dem wir uns auf die Reise in den Iran im April letzten Jahres vorbereiten wollten. Um es vorweg zu nehmen: Ein Kulturschock war es nicht, eher eine Kulturüberraschung. Die Menschen, die wir trafen sind offen und hilfsbereit in einer Form, wie wir es bisher noch nirgendwo erlebt haben. Bereits am ersten Abend waren wir spontan zu Gast bei einer Familie, weil die örtliche Bergsteigerunterkunft in Rudbarak (1700müNN), dem letzten größeren Ort in einem der Haupttäler des Alam-Kuh, wegen der Neujahrsferien keine Zimmer mehr frei hatte. An diesem Abend und bei unzähligen weiteren Unterhaltungen erfuhren wir viel über die Probleme des Landes, über die kritische Sicht vieler Menschen auf die religiöse Führung und die Hoffnung auf Überwindung der restriktiven Verhältnisse. Die Möglichkeiten, mit Menschen „aus dem Westen“ in Kontakt zu treten, sind für die Perser stark beschränkt. Um so enthusiastischer widmete man sich uns.

Als wir an einem regnerischen Tag in Hamburg vom iranischen Konsulat eine Woche vor Abflug unsere Visa überreicht bekamen, wirkte alles noch sehr unwirklich. Auch nach der Landung 4 Uhr morgens in Teheran, als Matthias im Neonlicht und unter strengem Blick der bärtigen Konterfeis der iranischen Führung ein dickes Bündel „Toman“ gegen Dollar eintauschte und ich vergeblich versuchte, mein Kopftuch zu bändigen, blieb noch das Gefühl „irgendwie im falschen Film zu sein“.

Wir fuhren unverzüglich weiter, in die Hochgebirgswelt des Alam-Kuh bei grellem Sonnenlicht und dem verheißungsvollen Blick auf beeindruckende (Ski-)Berge. Zunächst wollte man uns vehement in eines der nächstliegenden Pistenskigebiete schicken. Wir ließen uns jedoch nicht von unserem Vorhaben abbringen, den Alam-Kuh auf Skiern kennenzulernen.

Los ging`s mit einer Akklimatisationstour auf einen in 3800 m Höhe gelegenen namenlosen Sattel, von dem aus immerhin das Kaspische Meer zu sehen war. Der Gipfel-Müsli-Riegel, hier eher Sattel-Müsli-Riegel, schmeckte irgendwie nach Kaviar. Beim Abfahren zeigte sich selbst Matthias ungewohnt defensiv. Der schnelle Höhengewinn hatte uns doch ziemlich benommen gemacht. Es war ganz gut, noch mal auf „schlappen“ 1900m Höhe zu biwakieren, bevor es am nächsten Tag weiter hinauf gehen sollte.

Aufstieg zur Hütte
Im Alam-Kuh, Aufstieg zur Hütte
Foto:M. Körner

Der Gipfel des Alam-Kuh – wichtiges Ziel nationaler und früher auch internationaler Expeditionen – erreicht etwas mehr als Mont–Blanc–Höhe. Zahlreiche Routen in höheren Schwierigkeitsgraden führen auf den Gipfel. Als Basislager dient eine in 3800m Höhe gelegen Selbstversorgerhütte. Für unser Vorhaben, einige der umliegenden 4000er Skiberge zu besteigen, war sie ein idealer Ausgangspunkt. Noch war ungewiss, ob wir überhaupt zur Hütte hinauf kommen würden. Was dann an vor Ort Touren möglich sein würde, war erst recht völlig offen.

Im Alam-Kuh-Gebirge
Im Alam-Kuh-Gebirge
Foto:M. Körner

Extrem mühevoll gestalteten sich die ersten drei Aufstiegsstunden durch ein enges Kerbtal – nicht nur wegen der ständigen Bachüberquerungen mit und ohne Skier. Der eine oder andere Lawinenkegel lag im Weg, die Haufen festgefrorener Schneeblöcke waren schwer begehbar. Die Lawinenabgänge lagen mehrere Tage zurück und standen im Zusammenhang mit dem schlechten Wetter der zurückliegenden Woche. Ein flaues Gefühl blieb beim Überqueren. Kurz vor Mittag waren wir endlich raus aus dem Tal und genossen den Überblick über den Alam-Kuh. Die Sonne brannte ziemlich heftig. Ein herumliegender Felsblock bot zum Glück ein bisschen Schatten für eine Mittagsrast. Gegen 16 Uhr erreichten wir ziemlich geschafft die Hütte, in der wir uns für die nächsten drei Tage einquartierten. Diesmal funktionierte der Kocher.

Im Alam-Kuh-Gebirge
Im Alam-Kuh-Gebirge
Foto:M. Körner

Am nächsten Morgen grinste uns abermals die Sonne an, was wir zu diesem Zeitpunkt noch als Selbstverständlichkeit auffassten. Etwa 3 Stunden benötigten wir für den Aufstieg zu einem der umliegenden Skiberge auf 4400 m Höhe, von dem wir nachher eine traumhafte Abfahrt genießen konnten. Oben am Kamm wehte es ziemlich heftig, was den Genuss beim Anblick der beiden Giganten „Alam-Kuh“ und „Takt-e-Suleiman“ aber nur geringfügig einschränkte. Letzterer war als Gipfelziel für den morgigen Tag geplant. Nun kann man die Tatsache, dass uns dieses Unterfangen nicht gelingen sollte, verschieden interpretieren. Vielleicht war es ja die berüchtigte iranische Sittenpolizei, die den Schneesturm am kommenden Tag initiiert hatte, um zwei Ungläubige am Besteigen des „Thron des Sultans“ zu hindern. Wir blieben zunächst in der Hütte, und machten am Nachmittag, als sich der Sturm etwas gelegt hatte, eine kleine Erkundungstour in Richtung Takt-e-Suleiman, um schon mal eine geeignete Flanke für den nächsten Tag auszubouldern.

Leider hielt das schlechte Wetter an. Die Lawinengefahr wuchs dementsprechend. Wir dachten mit Sorge an „unser“ Kerbtal und den Rückweg. Wir entschlossen uns daher einen Tag eher als geplant zum Abstieg nach Rudbarak, was noch mal ziemlich abenteuerlich werden sollte. Ab ca. 2400m ging`s nämlich durch strömenden Regen, was das vom Hinweg vertraute Spielchen „Spring-über-den-Bach-und-fall-nicht-rein“ nicht gerade leichter machte. Eilig überquerten wir die Lawinenhaufen. Ins Haupttal den Umständen entsprechend „wohlbehalten“ zurückgekehrt, standen uns noch 20 km Fußmarsch bevor. Ein klappriges Taxi war unsere Rettung. Die Belegschaft (mit uns 5 Personen) wurde den Landessitten entsprechend so zurechtsortiert, dass nicht einander fremde Personen verschiedenen Geschlechts nebeneinander zum Sitzen kamen. Damit nahm man es recht genau im Iran.

Nach einer Übernachtung in Rudbarak ging es weiter Richtung Damavand, unserem eigentlichen Gipfelziel. Wir fuhren nicht den direkten Weg zurück nach Teheran, sondern entlang des Kaspischen Meeres Richtung aserbaidshanische Grenze. Die Natur zeigt sich hier an der Nordabdachung des Elbrusgebirges maritim freundlich grün, bei flüchtigem Hinsehen könnte es auch Nordportugal gewesen sein. Unser Taxifahrer sprach kein Englisch, er verhalf uns auch nicht zum erhofften „Kaviar-Direkt-vom-Erzeuger- Kauf“ in der Küstenstadt „Bandar-e-Anzali“, seinem Autoradio entsprang Musik, die für den durchschnittlichen westlichen Geschmack eher anstrengend ist, aber ungeachtet dieser kleinen Hindernisse organisierten wir gemeinsam einen netten „sight-seeing“-Tag. Er setzte uns nach 500km Fahrt in Qazwin ab, einer Stadt, die im 16.Jahrhundert immerhin mal Hauptstadt Persiens gewesen war und somit Gelegenheit zum Moscheen besichtigen gab.

Aufstieg zum Damavand
Aufstieg zum Damavand
Foto:M. Körner

Die ganze Iran-Reise war nun mal nicht als „Kindergeburtstag“ geplant. Dementsprechend ging es wieder in die rauhen Berge. Der Vulkankegel des Damavand überragt mit 5671m die umgebenden Gipfelketten um deutliche 2000m. Das sieht schon ziemlich gigantisch aus. Keine Frage, wie staunten und wollten da rauf. Am ersten Tag stiegen wir bei herrlichem Wetter ausgesprochen direkt an der Südost-Flanke auf bis zur Hütte auf 4150 m. Ein Student aus Teheran gesellte sich wenig später zu uns. Wir erprobten iranische Süssigkeiten und die Möglichkeiten der Zeichensprache. Seit der Machtübernahme durch Khomeyni 1979 ist Arabisch erste Fremdsprache an den iranischen Schulen. Englisch beherrscht die jüngere Generation infolgedessen kaum, was den Informationsaustausch erschwert.

Unsere Gipfelambitionen mussten wir erst einmal zurückstellen. Der nächste Tag begann mit Schneetreiben. Mittags riss es auf. Weitere „Seilschaften“ erreichten die Hütte, zwei Österreicher, wie wir mit Skiern und fünf Leute aus Teheran ohne Ski. Unter ihnen eine Frau mit sittengerechtem Mantel unter der Gorotex-Jacke, wie praktisch! Ich hingegen hatte die iranische „Kleidervorschrift“ für Frauen oberhalb 3000m eigenmächtig außer Kraft gesetzt. Die Hüttenmitbewohner schienen dies zu akzeptieren. Die Wetteraussichten für die nächsten Tage, das bestätigten uns die Neuankömmlinge, waren wenig vielversprechend. Die nächste Warmfront war im Süden zu erkennen. Noch schien die Sonne. Wir entschlossen uns zu einem ziemlich gewagten Unterfangen – einer Nachtbesteigung, allerdings ohne Ski. Nach einigen Höhenmetern durch eine mäßig steile Firnflanke, ging`s über eine Felsrippe, eigentlich angenehme Kletterei, auch im Schein der Stirnlampe machbar, aber als dann noch der Schneefall dazu kam, wurde es zunehmend unfreudlicher. Auf ca. 5100m Höhe, etwa gegen Mitternacht entschlossen wir uns zur Umkehr.

Am nächsten Morgen fuhren wir im Nebel ab in den Talort Reyna. Natürlich blieb ein Stück Enttäuschung zurück. Auch heute, ein Jahr später würde ich gern sagen können, ich bin oben gewesen auf dem Damavand. Aber die Enttäuschung hält sich in Grenzen. Aus (berg-)sportlicher Perspektive ist es ohnehin überlebenswichtig, dass man lernt mit solchen vermeintlichen Niederlagen konstruktiv umzugehen. Zudem: Von Beginn der Planung an stand für uns fest, dass ungeachtet aller Gipfelambitionen, wenigstens noch zwei, drei Tage bleiben sollten, um das Land ein bisschen kennen zu lernen. Wir buchten in Teheran einen Flug nach Isfahan, Kulturhochburg, einigermaßen bekannt als Metropole aus dem „Medicus“. Eindrucksvolle Stunden wurden es, egal wo wir uns bewegten, ob im Basar, wo mich Matthias davor bewahrte sündhaft viel Geld für ein Stück Teppich auszugeben, in den Moscheen, die auch in echt so herrlich türkis-blau sind wie im Reiseführer dargestellt. Es bleiben die Bilder von den vielen Familien, die überall Picknick machen, an dem Fluss, der von mehreren schicken Brücken überspannt wird, deren Pfeiler wiederum zum Teil als Teestuben ausgebaut sind, wo man Geschichten erfährt vom Bruder, der in Clausthal-Zellerfeld studiert hat, oder dem Cousin, der in Köln lebt.

So groß wie bei dieser Reise in den Iran habe ich den Kontrast zwischen meinen ursprünglichen Vorstellungen von einem Land, und dem was ich dann erlebt habe noch nie empfunden. Und deshalb ist es vielleicht die eindrucksvollste Reise meiner „Karriere“.

Petra Weiß

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 13. Mai 2003