Sektion Braunschweig
zweispaltig
Aus dem Mitteilungsblatt 1/2004
Klettergruppe

Chamonix 2002

Bernd, mein langjähriger Kletterpartner, hatte in der Zeit meines Sommerurlaubs 2002 Lehrgangsverpflichtungen. Für meine Pläne, große Klassiker zu klettern, musste ich mir einen anderen Seilpartner suchen. Durch die Empfehlung eines Südtiroler Bekannten kam ich mit Manfred, einem jungen Bergführer Mitte/Ende zwanzig und promovierten Informatiker zusammen, der ähnliche Interessen hatte. Wir würden uns gut verstehen, - so die Einschätzung meines Bekannten (was sich erfreulicherweise bald bestätigte). Ich rief Manfred an, stellte mich und meine Pläne, die wir eingehend besprachen, vor, und konnte ihn für mein Sommervorhaben gewinnen.

Am Montag dem 15.7. fuhr ich nach Bruneck zu Manfred. Mit meinem Auto ging es weiter über Mailand und Aosta nach Courmayeur. Hier setzte uns Gewitterregen und im Verkehrsbüro die Information „Dalmazzihütte wegen Umbau geschlossen“ einen Dämpfer. Aber: Wetterbesserung war in Sicht.

Wir bekamen für zwei Nächte ein akzeptables Pensionshaus-Quartier in der Ortsmitte und beschlossen, Dienstagvormittag den Klettergarten im Val Ferret unter den Ausläufern der Monts Rouges de Triolet (nachmittags waren noch Gewitter zu erwarten) aufzusuchen und Mittwoch auf die Turiner Hütte hinaufzufahren, was dann auch geschah. Um nicht den Tag auf der Hütte zu vertrödeln, sind wir nach unserer Ankunft bei noch immer mieser Sicht zu einer Wanderung über den Geant-Gletscher aufgebrochen, in der Cosmic-Hütte auf einen Kaffee und Kuchen eingekehrt und dann in unseren alten Spuren zurückmarschiert. Die sonst zahlreich in dieser Ecke anzutreffenden Zelte waren wegen Schlechtwetter verschwunden und vermutlich waren wir an diesem Tag die einzigen hier an der frischen Luft.

Wieder auf der Turiner Hütte zurück, haben wir uns mit dem Wetterbulletin (Aosta) und dem Schweizer Wetterbericht befasst (elegant über Manfreds Internet-Handy und Palm III; Text ist identisch mit dem Band der Telefonansage), die Tour für Donnerstag geplant (Wetter bis zum Nachmittag gut) und uns Hüttenroutinen bei noch angenehm geringer Hüttenbelegung, der Flüssigkeitsregeneration sowie der Kommunikation mit Tschechischen Bergsteigern gewidmet.

Donnerstag, 18.7., 6 Uhr, Abmarsch zum Pilier des Trois Pointes (Mellano-Perego, 5+ A1, 400 m), neben dem berühmten Pilier Gervasutti gelegen, zusammen mit der frühen Frühstücksgruppe, die bald zum Dente del Gigante abbiegt. Unser Ziel erweist sich als Flop. Der Zustieg würde zeitraubende und heikle Überwindung mehrerer großer Spalten erfordern, wir drehen um und fassen den eleganten Pic Adolphe Rey ins Auge. Die „Salluard“ an diesem Felsen sind Bernd und ich im Jahr zuvor geklettert. Manfred würde gerne die „Bettembourg-Thivierge“ (6b, 200 m, 100 m Salluard zum Gipfel) klettern und die schweren Längen führen. Also los.

Den Einstieg erreichen wir gegen 8.30 Uhr, dort deponieren wir unsere Rucksäcke. Ich stecke mir vorsichtshalber reichlich Schokoriegel in meine Anoraktaschen (Pro Standplatz mindestens einen einwerfen!), die Randkluft ist angenehm schmal außerdem scheint jetzt die Sonne. Wenig später macht sich Manfred ans Werk und arbeitet sich den überhängenden 6b-Riß hoch (Pilgerschrittverfahren und Doppelseil: Zwei Züge hoch, Friend setzen und Seil einhängen, Ablassen und entbehrliches Sicherungsmaterial ausbauen/mitnehmen, wieder zwei Züge hoch usw.).

Am Pic Adolphe Rey - "Der Ertrinkende"
Am Pic Adolphe Rey - "Der Ertrinkende"
Foto: Dr. Manfred Feil

Trotz weiterer gut steckender Haken ist fast unser gesamtes Sicherungsmaterial verbaut als er nach ca. 15 m den ersten Zwischenstand an einem Zapfen erreicht. Ich folge mit gemischten Gefühlen, diese Schwierigkeit liegt 2 Grade über meinem Standard und ist nur mit reichlich A0 allerdings auch ohne Zug von oben zu schaffen. Manfred hat seine Digitalkamera am Stand in Position und knipst mich als „Ertrinkenden“ wobei er sich ziemlich verrenken muss. Das wiederholt sich ähnlich auf den nächsten 35 m noch zweimal, dann haben wir nur noch 5 „leichte“ Fünfer in herrlichem rauem roten Fels, biegen in die „Salluard“ ein, schlüpfen durch zur Nordseite in den Schnee, erklettern hier eine Wand aus beweglichen Blöcken in Geldschrankgröße, wechseln wieder zur Südostseite, noch mal schwer, dann leicht zum Gipfel, den wir gegen 13.30 Uhr erreichen.

Erste Bewölkung stellt sich ein, noch nicht an unserem Felsen, aber man weiß ja nie… Wir klettern die letzte Länge zurück und seilen über uns unbekannte Nachbarrouten (Lorenzi?, Police ?) ab, eiern über den Firn abwärts am Felsen entlang (in Kletterpatschen, Manfred barfuß) zu unseren Rucksäcken, finden dabei auch unseren verlorenen Friend wieder und starten gegen 15 Uhr den Eilmarsch zur Turiner Hütte. Der Graupelschauer des Gewitters erwischt uns noch kurz vor der Hütte mit heftigem Wind, aber wir sind schon im Haus als es richtig losgeht.

Damit ist unser Training ziemlich erfolgreich beendet, wir sind ja wegen einer ganz anderen Sache hier, außerdem wird das Wetter täglich stabiler und geeigneter für größere Unternehmungen. Bevor sich das groß herumspricht wollen wir schon unterwegs sein. Am Abend bezahlen wir unsere Beherbergung und melden uns telefonisch auf der Envers-Hütte an.

Freitag den 19.7. starten wir mit der ersten Seilbahn ins Tal nach Entreves, die uns entgegenkommende Gondel ist wie erwartet brechend voll. Wir fahren durch den Tunnel nach Chamonix, stellen das Auto an der Zahnradbahn nach Montenvers ab und packen unsere Rucksäcke mit Minimalausrüstung (keine Wechselkleidung usw.). Im großen Besucherstrom fahren wir mit der Bahn nach Montenvers, steigen ins Mer de Glace ab und wandern in angenehmer Unterhaltung, die Zivilisation hinter uns lassend, der Envers-Hütte entgegen, die wir nach einem Verhauer tatsächlich auch erreichen.

Die Hütte, ein kleiner Steinbau, wird von 3 jungen Frauen geführt, die wir Zigaretten rauchend und relaxend vor dem Haus antreffen. Nach unserem Kletterziel (Aiguille du Grepon, Ostwand, Knubel-Young, D/4+, 800 m) befragt, werden wir lakonisch der 3 Uhr Gruppe zugeteilt. Wir erkunden noch den Zustieg bis zum großen Bergschrund (rechts in den Randfelsen stecken Haken), auch soweit aus dieser Perspektive möglich, den Verlauf der Route anhand der Topos von Richard Goedeke, und sind am Nachmittag wieder zurück.

Inzwischen ist der Platz vor der Hütte von Kletterern bevölkert, die zwischen Materialhaufen und Rucksäcken hocken. Nach und nach werden es immer mehr. Kocher werden in Gang gesetzt, Essen zubereitet und als bald die Sonne hinter den Aiguilles verschwindet, wird warme Bekleidung angelegt bis zur allgemeinen Vermummung. Die Szenerie gleicht einem Räuberlager oder dem was man sich darunter vorstellt. Dazwischen eine der Wirtsfrauen, die die Kletterer (männlich/weiblich) namentlich anspricht, nächstes Kletterziel erfragt und dementsprechend Schlafplätze und Weckzeiten zuweist, was widerspruchslos hingenommen wird.

Es wird kalt, die nicht angesprochenen suchen ihre Biwaks und Zelte in der Umgebung auf, wir folgen den anderen in die Hütte. Bei aller Enge funktioniert die Organisation reibungslos wie auf einem Kriegsschiff. Wir nehmen ein sehr gutes reichliches Abendessen ein, zahlen und gehen früh schlafen (zusammen mit 7 Seilschaften im selben Raum, die für morgen dasselbe Ziel haben).

Samstag den 20.7. um 3.30 Uhr gehen wir nach dem Frühstück als erste im Schein unserer Stirnlampen von der Hütte los, legen nach der Scharte Seil und Steigeisen an und steigen den Trelaporte-Gletscher hinauf. Am Bergschrund, wir klettern noch in den Randfelsen (mit Steigeisen), werden wir von einer Seilschaft, die die Spalte in Eiskletterei überwindet, überholt. Nach der anschließenden Querung treffen wir die beiden Franzosen am Einstieg wieder. Gemeinsam richten wir uns zum Felsklettern ein und gegen 5 Uhr, noch im Halbdunkel, folgen wir ihnen die Risse und Verschneidungen hinauf.

Unser Halbseil haben wir bis auf 25 m aufgenommen (das zweite Halbseil ist in meinem Rucksack) und wir klettern gleichzeitig, Manfred voraus. Wir kommen gut voran, es wird langsam hell, das Gelände zwischenzeitlich flacher, Gehpassagen folgen, wir steuern links die große Felsrippe an, finden an ihrer rechten Seite gut kletterbares Gelände, das wir weiter nach oben verfolgen. Für die wenigen Standplätze die wir mit dieser Methode brauchen reicht uns häufig nur ein Zacken, um den das Seil geführt wird. Am Ende der Felsrippe klettern wir auf ihren Kopf und finden eine neue Abseilschlinge mit Hilfe dieser wir abseilend das Couloir links der Rippe überqueren und zum großen Pfeiler, über den der weitere Aufstieg erfolgt, gelangen. Die Franzosen, sie haben weiter unten übergesetzt, sehen wir hier zum letzten Mal.

Das Vorwärtskommen auf dem großen Pfeiler ist typische Aiguilles-Kletterei: steiles stark verwittertes Zyklopenmauerwerk mit Rissen, Verschneidungen und Leisten, auf denen man immer wieder gut stehen kann (3 m rauf, Leiste, 3 m rauf usw.). Unsere Seillänge behalten wir unverändert bei, allerdings müssen wir jetzt mehr sichern, Haken sehen wir keine. An der Niche des Amis, einem bequemen Standplatz, Pause, Schokoriegel, Trinken, Sonnenbrille. Weiter. Schließlich Pfeilerende, ums Eck und auf breiten Bändern nach links, anschließend 2 Seillängen hinauf zu einer Plattform, die richtige Risskaminreihe aussuchen (das ist jetzt 5er-Gelände, es stecken auch Haken) und in ihr mit nun langem Seil in die Balfourscharte.

Gipfel der Aiguille du Grepon
Der Gipfel der Aiguille du Grepon, im Hintergrund der Mont Blanc du Tacul
Foto: Dr. Manfred Feil

Von hier waagerecht zwischen aufrecht stehenden Felsschuppen unter ein kleines Dach das von einer steilen Platte gebildet wird. Körpersicherung. Manfred klettert zum Haken unter dem Dach hinauf und zwängt sich nach rechts in den Knubel-Riss hinein, den er „klassisch“ hinauf zum Gipfel erklettert. Im Nachstieg leiste ich mir den Luxus außen auf der Platte an der Risskante hochzupiazen. Wir stehen um 10 Uhr auf dem Hauptgipfel, bei dem starken Wind etwas unsicher, genießen die Aussicht und freuen uns.

Kurze Gipfelrast, Foto, Abseilen in die Balfourscharte, Abseilen in die Westflanke und Querung Richtung Col des Nantillons, noch mal Abseilen, Querung und wir erreichen eine Gratscharte im SSW-Grat mit Klemmblock. Hier fehlt das Schild „Achtung, Abstiegsbeschreibung lesen! Nicht Abseilen!“ Manfred muss also wieder hoch. Wir lesen die Beschreibung, die ich aus der Deckeltasche krame „…Reitsitz, 2. Klemmblock… C.P.-Terrasse usw.“ und schließlich gelangen wir auch auf den Nantillons-Gletscher hinunter. Auf seinem Rognon nochmals Rast, noch mal auf den Gletscher abseilen/abklettern, hinunter im Firn, 1. Moräne, 2. Moräne, Wanderweg, Menschenmassen, Seilbahnstation Plan de l Aiguille. Um 16 Uhr sitzen wir unten in Chamonix im SB-Restaurant gegenüber der Seilbahn bei großem Bier und großem Imbiss.

Auch ein kurzer Stopp bei der Fahrt durch den Mont Blanc-Tunnel auf Grund eines technischen Problems meines Autos kann uns nicht mehr erschrecken. Während Manfred mit dem kleinen Mann (der mit dem kleinen Auto mit dem Blaulicht gekommen ist) konferiert, bringe ich den Wagen wieder in Gang und wir können unsere Reise nach Courmayeur fortsetzen.


Burghard Angerstein

Deutscher Alpenverein Sektion Braunschweig e.V., 1. Februar 2004